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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwarmintelligenz im Internet28.06.2012

Schwarmintelligenz im Internet

Modebegriff für neue demokratische Formen

Mit Intelligenz des Schwarms wird das Verhalten von Ameisen, Fischen oder Insekten beschrieben. Zunehmend wird der Begriff der Schwarmintelligenz auch zur Beschreibung gesellschaftlicher Vorgänge benutzt. Menschen agieren wie im Schwarm: ohne Anführer, aber gut vernetzt, bewegen sie sich plötzlich alle auf ein gemeinsames Ziel hin.

Von Ingeborg Breuer

Wer auf Schwarmintelligenz setzt, glaubt an die Weisheit der Vielen. (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)
Wer auf Schwarmintelligenz setzt, glaubt an die Weisheit der Vielen. (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)

Vor der Küste von Huanchaco, Peru, so beginnt Frank Schätzings Roman "der Schwarm", taucht der Fischer Juan Narciso Ucanan nach seinem Netz, das sich in einem Riff verfangen hat. Doch als er wieder auftauchen will, verdunkelt sich das Wasser um ihn herum. Grund ist ein gigantischer Schwarm Goldmakrelen, der sich über ihm zusammengezogen hat. Die dicht gedrängten Leiber der armlangen, schimmernden Fische lassen ihn nicht zur Wasseroberfläche, zu seinem Boot zurückgelangen. Juan Narciso Ucanan ertrinkt im Wasser des Pazifischen Ozeans. Ein Fischschwarm wurde ihm zum Verhängnis. Eine intelligente Macht der anderen Art.

Schwärme sind mehr als die Summe ihrer Teile. Die einzelnen Tiere sind klein und schwach. Aber als Ganzes hat der Schwarm erstaunliche Fähigkeiten. Forscher sprechen von "Schwarmintelligenz". Sie entsteht aus dem Zusammenwirken von Tausenden Individuen. Zum Beispiel bei Ameisen, bei Bienen oder auch bei Fischen, wie der Schwarmforscher Professor Jens Krause von der Humboldt-Universität Berlin erläutert:

"Die Schwarmintelligenz kommt zum Zug, wo im Schwarm Entscheidungen getroffen werden, die für die Mitglieder Probleme lösen. Und das kann eben sein, dass man einen Räuber vermeidet oder sich ein besonders gutes Nahrungsangebot erschließt durch solche Entscheidungen. Ich denke, das Entscheidende bei der Schwarmintelligenz ist, man würde erwarten, dass die Individuen des Schwarms zu einer Lösung kommen, zu der sie alleine nicht in der Lage wären."

Schwarmintelligenz. Der Begriff hat Konjunktur. Ursprünglich aus der Biologie stammend, wird er zunehmend auch zur Beschreibung gesellschaftlicher Vorgänge benutzt. Das Internet funktioniert wie ein Schwarm, heißt es. Und der arabische Frühling war eine Schwarmbewegung via Facebook: ohne Anführer, ohne Partei, aber plötzlich bewegten sich alle in dieselbe Richtung. Das Geheimnis hinter der Schwarmintelligenz heißt - kollektive Selbstorganisation. Aus einer zunächst spontanen Interaktion einiger Individuen entsteht eine zielgerichtete Aktion und schließlich ein komplexes, intelligentes Gesamtverhalten. Letztlich sind es simple Regeln, die eine Gruppe Lebewesen zu einem Schwarm zusammenführen: Schwarmtiere wie Fische oder Vögel folgen jeweils dem Tier vor ihnen und halten einen gewissen Abstand zu den Nachbarn.

"Wenn jedes Individuum nur auf seine nächsten Nachbarn schaut, die drei, vier, die am dichtesten dran sind, und wenn man eine Eigentendenz hat, sich aber auch ein bisschen nach diesen lokalen Nachbarn richtet, dann kann das dem ganzen Schwarm eine einzige Richtung geben, und das nennt man eben das Prinzip der Selbstorganisation. Jeder kennt nur seine lokale Umwelt, aber trotzdem kann das den Schwarm global ausrichten und das hat sich in vielen empirischen Studien bestätigt."

Übrigens bedarf es in der Regel nur weniger Individuen, die die Richtung eines Schwarms forcieren. Jens Krause hat experimentell herausgefunden, dass dies auch für Menschen gilt. 200 Probanden, die ziellos in einer großen Halle herumgingen, formierten sich zum Schwarm, nachdem zehn von ihnen eine bestimmte Richtung vorgaben. Manche kennen das sicher auch aus eigener Erfahrung. Ein Flugzeug ist gelandet, die Passagiere strömen ins Flughafengebäude. Sie sehen sich ratlos um, wo es nun zum Gepäckband geht. Einige marschieren los – und die Masse folgt ihnen.

"Wir haben uns damit beschäftigt, wie viele Individuen es braucht, um in einer Gruppe neue Richtungsimpulse zu setzen. Wir haben das auf großen Plätzen mit mehreren Hundert Menschen experimentell ausprobiert und es zeigte sich: Mit fünf Prozent der Menge kann man einen neuen Richtungsimpuls setzen."

Auch im Internet bilden sich Schwärme. Da veröffentlicht jemand sein Musikvideo bei YouTube. Einigen ‚gefällt das‘ und deren Freunden auch und deren Freunden ebenso. Und morgen ist er zum Superstar geworden, weil die Netzgemeinde ihn mit Millionen von Klicks geadelt hat. Der Soziologe Dr. Jan Schmidt. Medienforscher an der Universität Hamburg:

"Was das Internet wirklich geschaffen hat, ist, dass es einen neuen Typ von Öffentlichkeit geschaffen hat, der im Prinzip es jedem erleichtern, einen relativ großen Personenkreis zu erreichen, also eine große Öffentlichkeit herzustellen."

Ein Rechenexempel: Postet heute ein Facebook-User eine Nachricht an nur 50 Freunde, so kann er in einem zweiten Schritt bereits 2500 Menschen erreichen, wenn alle Freunde diese Nachricht an je 50 Freunde weiterleiten. Treibt man das Spiel weiter, so werden es nach sechs Schritten über 15 Milliarden Menschen, die er erreichen könnte: das Doppelte etwa der Weltbevölkerung.

"Diese Informationskaskaden setzen sich aus lauter einzelnen Handlungen zusammen, wo auch eine einzelne Person nur denkt: Oh das ist aber interessant, das möchte ich aber meinem eigenen Freundeskreis weiterleiten, die Dynamik kommt dadurch zustande, dass es leichter geworden ist, solche Präferenzen zu signalisieren, dadurch, dass es auch mehr Menschen tun und dadurch dass, weil es sich um vernetzte Öffentlichkeit handelt, dass sich etwas so wellenartig aufschaukeln kann, dass je mehr Menschen einen bestimmten Beitrag favorisieren, was für andere Menschen auch sichtbar gemacht wird. Es kommt also zu so Aufschaukelungseffekten, sodass irgendwann, wenn eine bestimmte Bewegung eine bestimmte Größe erreicht, diese Größe wiederum zum bemerkenswerten Kriterium wird und noch mehr Leute darauf aufmerksam werden."

"Social Swarming", also "soziales Schwärmen" heißt es, wenn eine große Gruppe einander unbekannter Menschen mittels neuer Technologien koordiniert handelt. Doch ist es wirklich Schwarmintelligenz, wenn sich, wie geschehen, Tausende in Windeseile zu einem sogenannten Flashmob am Kölner Dom versammeln, um eine Kissenschlacht zu organisieren? Wenn ein Einzelner aufgrund einer missliebigen Äußerung in Minutenschnelle zum Opfer eines Shitstorms wird? Oder wenn sich gar, wie kürzlich in Emden, eine aufgebrachte Menge vor der Polizeistation versammelt, wo ein vermeintlicher Kindsmörder verhört wurde? Die Meute war einem Facebook-Aufruf zur Lynchjustiz gefolgt. Dies alles mag den Charakter eines Schwarmverhaltens haben. Doch intelligent möchte man das nicht nennen. Der Meeresökologe Prof. Jens Krause:

"An dem Punkt sollte ich mal sagen, was ich mit Schwarmintelligenz meine: Wir erwarten, dass drei Kriterien erfüllt sind. Es sollten Individuen unabhängig voneinander Informationen sammeln, in sozialen Interaktionen werden diese Informationen verarbeitet und in einem dritten Schritt führt das zu einer Problemlösung für ein kognitives Problem."

Intelligent reagierte der Schwarm zum Beispiel im Falle der Doktorarbeit von Karl Theodor von Guttenberg. Da wurden viele Kleine einem Großen zum Verhängnis. Kurz, nachdem der Verdacht geäußert worden war, Guttenberg habe seine Promotion großenteils abgeschrieben, konnte jeder, der Lust dazu hatte, auf der Internetplattform "Guttenplag-Wiki" auf Plagiatsuche gehen. Und es funktionierte – ohne Anführer, ohne Leittier, ohne Hierarchie. Prof. Armin Nassehi, Soziologe an der Universität München:

"Was wir heute sehen, ist, dass das keine einzelnen Leute machen, sondern über ein Netzwerk Menschen, die sich nicht kennen, an einem Interesse arbeiten und über Netzwerkregeln in der Lage sind, womöglich intelligenter zu sein als einer allein."

Doch auch die Ökonomie versucht die Schwarmintelligenz für sich nutzbar zu machen. Kollektive Intelligenz schafft "mehr Wert mit weniger Aufwand" dafür wirbt David Rohrmann, Unternehmensberater und zugleich Dozent am Fachbereich "Philosophy and Economics" der Universität Bayreuth, wo er Seminare zum Thema Schwarmintelligenz und Unternehmensorganisation veranstaltet:

"Im Bereich der Organisationsentwicklung ist das ein neuer Ansatz und da können wir noch viel von der Natur lernen und da ist natürlich der Bereich der kollektiven Intelligenz in den Forscherköpfen gefragt. Also, wenn ein Biologe und ein Wirtschaftswissenschaftler ein Physiker, Mathematiker und Philosoph zusammensitzen, kommt schon mal für die Schwarmintelligenz mehr heraus, als wenn er das nur in seinem Fachbereich täte. Also diese klassische Hierarchie, die wir jetzt seit 2000 Jahren perfektionieren, dass jeder nur an dem Rädchen dreht, an dem er drehen kann, ist etwas, was artifiziell ist."

Für die unternehmerischen Aufgaben der Zukunft, so Rohrmann, sind Experten und hierarchische Organisationsprinzipien eher ein Auslaufmodell. Stattdessen finden sich Teams zusammen, die dezentral an der Lösung eines Problems arbeiten. Oder Kunden beurteilen via Internet die Produktpalette eines Unternehmens und verbessern damit das Produkt – zu ihrem eigenen, aber insbesondere zum wirtschaftlichen Vorteil des Unternehmens.

"Nehmen wir an, ein Innovationsteam hat die Aufgabe, ein neues Produkt zu fertigen, dann ist da schon mal der erste Punkt zu sagen, wie kriegen wir das sicher gestellt, dass all die Leute, die zu diesem Thema etwas beitragen, auch mitmachen können? Ein erster Anfang wäre, in einem Unternehmen zu schauen und zu sagen, wer hat da sonst noch was Spannendes zu sagen, wer hat da sich schlaugemacht, von wem wissen wir noch nicht, dass er etwas weiß? Also Kommunikation vorab, um das möglichst in die Breite zu tragen, ist wichtig: stärker mit externen Perspektiven dranzugehen, mal einen Kunden mitzubringen, mal einen Analysten von einer Bank oder Leute mit reinzubringen, die ganz neu im Unternehmen sind, also Studierende, Auszubildende, die noch gar nicht im tiefen Graben der Unternehmenskultur versunken sind."

Ein zukunftsfähiger Unternehmensstil, so Trendforscher Peter Wippermann, der gerade ein Buch über "Leben im Schwarm" veröffentlicht hat, zeichnet sich, so Zitat, "durch eine Firmenkultur aus, die Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten, ja sogar Kapitalgeber und die gesamte Öffentlichkeit in den Innovationsprozess mit einbezieht". Das klingt nach einer neuen Kultur der Zusammenarbeit, in der prinzipiell jeder mitreden darf und Entscheidungen von vielen getroffen werden. Das klingt nach Mitbestimmung und Partizipation. Mit der Schwarmintelligenz ist ein Demokratisierungsversprechen verbunden. Und mit "Schwarmintelligenz" erklärte auch die Piratenpartei ihre politischen Erfolge bei den letzten Wahlen. Basisdemokratie hätte man das früher wohl genannt. Der Politikwissenschaftler Prof. Christoph Bieber von der Universität Duisburg:
"Wenn man den Begriff der Schwarmintelligenz oder des Schwarmes so auslegt, ist man gar nicht so weit entfernt von dem, was man in der Politikwissenschaft als Deliberation bezeichnet, also ein Verfahren der gemeinschaftlichen Auseinandersetzung und Diskussion, die dann unter Einhaltung bestimmter Regeln zu einem rationalen Ergebnis führt. Zum Beispiel, wenn es um die Erarbeitung bestimmter thematischer Positionen geht oder um ein Textstück in einem Parteiprogramm. Dann hat man die Situation, dass verschiedene Einzelpersonen daran beteiligt sind, die aber von einem Prozessgefüge zusammengehalten werden."

Eine deliberative Demokratie legt Wert auf die aktive Mitwirkung aller Bürger, ihre Mitsprache bei allen politischen Themen und Entscheidungen. Doch mit dem Internet bekommen solche Kooperationsmöglichkeiten eine andere Qualität.

"In klassischen Abstimmungen und Diskussionsprozessen, die unter Anwesenden verlaufen, ist man relativ beschränkt auf eine kleine Zahl von Personen. Und das wird aufgebrochen durch die digitale Kommunikation …wo es ja schon darum geht, …sich … mit anderen zu vernetzen. Dadurch ist im Grunde die Grundstruktur einer Schwarmisierung angelegt."

Das Internet wird bei der Piratenpartei zum Instrument der innerparteilichen Willensbildung. Jedes Parteimitglied kann online Anträge schreiben und umformulieren. Andere können sich dem anschließen, können Positionen modifizieren und schließlich zur Abstimmung bringen. Und alle Beschlüsse können jederzeit revidiert werden. "Liquid Democracy" ist das Ideal; die Klugheit des Schwarms bringt die Demokratie in Fluss.

"Ein ganz gutes Beispiel ist die programmatische Position zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die Idee dazu ist an verschiedenen unterschiedlichen Stellen in der Partei diskutiert worden. Es gab verschiedene Arbeitskreise, die sich gebildet haben, erste Positionspapiere geschrieben haben, die dann aber über das Internet zur Verfügung gestellt haben. Und es hat dann ein sehr intensiver Kommunikationsprozess an vielen verschiedenen Stellen der Partei stattgefunden. Man hat über das Internet vermittelt, gearbeitet, ohne große interne Hierarchisierungen. Es gab keine Programmkommissionen, sondern es hat sich aus der Masse heraus ein Text entwickelt, der für viele Menschen mehrheitsfähig war. Es gibt also zwar sehr viele einzelnen Autoren, die an diesem Text mitgewirkt haben, aber es gibt nicht den individuellen zentralen Antragsteller, den zentralen Kopf hinter dieser Antrag, weil er aus einer gemeinschaftlichen Aktivität heraus gebildet wurde."

Ist Schwarmintelligenz also das Erfolgsrezept für die sozialen, politischen, ökonomischen Herausforderungen der Zukunft? Kann ein Begriff, der ursprünglich das Verhalten von Fischen, Vögeln oder Insekten beschreibt, auf das Sozialgefüge von Menschen angewandt werden? Jein, möchte man allenfalls sagen. Natürlich ist das Grundprinzip unserer Demokratie die Weisheit der Vielen. Die Mehrheit bestimmt, wie Gesellschaft gestaltet wird. Aber Demokratie schützt immer auch Minderheiten, die, die nicht im großen Strom, im "Main-Stream", mitschwimmen. Sie schwimmen buchstäblich gegen den Strom. Und liegt nicht genau darin die Stärke der menschlichen Intelligenz?

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