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Schwarmintelligenz und Herdendummheit

Wann ist Verlass auf die Weisheit der Masse?

Von Volkart Wildermuth

Schwärme rechnen sich nicht nur für Vögel.
Schwärme rechnen sich nicht nur für Vögel. (picture alliance / dpa / Heiko Lossie)

Psychologie. - Twitter und Facebook vernetzen immer mehr Menschen. Die einen preisen das als idealen Weg um die Schwarmintelligenz hervortreten zu lassen, die Denkkraft großer Gruppen. Andere fürchten, dass der Schwarm um so leichter in die falsche Richtung gelenkt werden könnte. Sind Gruppen also klüger oder dümmer als die Einzelpersonen? Diese Frage beantwortet ein Artikel in der aktuellen "Science" mit einem klaren "Das kommt darauf an".

Die fehlgeschlagene Invasion der Schweinebucht, die Explosion der Challenger oder die Bilanzfälschungen beim Enronkonzern. Wikipedia kennt viele Beispiele, in denen Gruppen gemeinsam schlechte Entscheidungen getroffen haben, ohne auf Warnungen zu hören. Auf der anderen Seite ist Wikipedia selbst wohl das beste Beispiel für Schwarmintelligenz, dafür, dass eine Gruppe mehr sein kann, als die Summe ihrer Köpfe. Dr. Asher Koriat wollte das Gruppendenken studieren. Der Psychologe von der Universität Haifa in Israel und hat es deshalb ins Labor geholt und auf die kleinstmögliche Einheit reduziert: auf je zwei Personen. Die saßen noch nicht einmal im gleichen Raum. Jeder für sich löste eine Reihe Aufgaben.

"Die Leute sollten entscheiden, welche von zwei verknoteten Linien länger ist. Neben solchen Wahrnehmungsaufgaben sollten sie auch Wissensfragen beantworten. Zum Beispiel: welches von zwei europäischen Ländern ist größer?"

Die Versuchsteilnehmer mussten nicht nur eine Antwort ankreuzen, sondern auch angeben, wie sicher sie sich dabei fühlten. Später berechnete Asher Koriat, wie gut die Probanden jeweils für sich genommen abschnitten. Anschließend kombinierte er immer zwei oder drei Teilnehmer, schuf sozusagen künstlich Kleingruppen.

"Wenn Leute zusammenarbeiten, dann orientiert sich die Gruppe meist an der Person, die am meisten von sich überzeugt ist."

Welche Person sich bei ihrer Antwort am sichersten gefühlt hatte, bestimmte also die Entscheidung der virtuellen Gruppe – und das war meistens auch gut so. Bei solchen Aufgaben macht jeder einmal Fehler, aber die meisten ahnten dabei, dass etwas nicht stimmt.

"Die Leistung der Gruppe ist deshalb besser als die ihrer einzelnen Mitglieder, sogar besser, als die beste Einzelperson."

Und Dreiergruppen waren sogar noch besser, als Zweiergruppen. Psychologen wären aber nicht Psychologen, wenn sie es ihren Versuchsteilnehmern so einfach machen würden. Asher Koriat streute auch Aufgaben ein, bei denen der Anschein trog. Optische Illusionen und Fragen wie: Ist Zürich oder Bern die Hauptstadt der Schweiz? Die häufigste Antwort lautet Zürich, denn Zürich ist die größere, die bekanntere Stadt. Richtig ist aber Bern.

"Bei solchen Fragen lag die Gruppenmeinung häufiger daneben, als die der einzelnen Mitglieder. Die Gruppen schnitten sogar schlechter ab, als ihr jeweils schlechtestes Mitglied."

In diesen Fällen sollte eine Gruppe eigentlich der Person folgen, die die größten Zweifel an ihrer Antwort hat, aber das würde wohl weder der Einzelne noch eine reale Gruppe jemals befürworten. Es gibt also eine Schwarmintelligenz und es gibt eine Schwarmdummheit. Die Kunst ist zu erkennen, bei welchen Fragen man der Gruppe vertrauen sollte. Dafür hat Asher Koriat einen Ratschlag.

"Wie sicher wir uns einer Antwort sind, hängt nicht mit deren Wahrheitsgehalt zusammen. Sondern damit, wie viele Menschen diese Meinung teilen. Im Großen und Ganzen leben wir aber in einer Welt, in der der Konsens meistens stimmt, ganz einfach, weil wir an diese Welt angepasst sind. Wir ahnen, wann wir richtig und wann wir falsch liegen. Wir können unser Wissen und unsere Wahrnehmung einschätzen."

Deshalb lohnt es sich, auf die Gruppe zu hören, oder auf das Mitglied mit dem größten Selbstvertrauen. Aber eben nur, wenn es um einigermaßen vertrautes Gelände geht. Wenn Psychologen optische Illusionen kreieren, wenn Quizmaster Trickfragen stellen, wenn es um seltene Phänomene geht, etwa um die nächste Wirtschaftskrise, dann sollte jeder auf sich selbst hören, oder auf bewährte Ratgeber und nicht auf die Mehrheitsmeinung. Denn dann wird der kluge Schwarm zur dummen Herde, die in die falsche Richtung galoppiert.

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