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StartseiteBüchermarktSchwarze Selbstbestimmung aus dem Senegal06.12.2006

Schwarze Selbstbestimmung aus dem Senegal

In der frankophonen Welt wird in diesem Jahr der senegalesische Dichter, Philosoph und Staatspräsident Léopold Sédar Senghor anlässlich seines 100. Geburtstages geehrt und gefeiert. János Riesz, emeritierter Professor für Afro-Romanistik, hat eine fundiert recherchierte Untersuchung über Senghor vorgelegt, die er auch mit dem afrikanischen Aufbruch im XX. Jahrhundert in Verbindung setzt.

Margit Klinger-Clavijo

Léopold Sédar Senghor, ehemaliger senegalesischer Präsident und Literat. (AP Archiv)
Léopold Sédar Senghor, ehemaliger senegalesischer Präsident und Literat. (AP Archiv)

" Ich wollte einfach den Prozess der Dekolonisation oder der langsamen Emanzipation von der Kolonisation am Beispiel Senghor am Beispiel Senegal unter anderem, weil ich diese Beispiele auch ziemlich gut kenne, aus verschiedenen Gründen darstellen und da schien mir eben Senghor ein sehr gutes Beispiel, weil er halt diesen ganzen Prozess reflektiert hat, auch wegen seines Alters, weil er ihn fast ein Jahrhundert begleitet hat, weil sein Land, der Senegal in gewisser Weise weiter war, als die meisten europäischen Kolonien in Afrika und weil eben dies alles noch sehr gut dokumentiert ist."

So erklärt János Riesz, der den senegalesischen Dichter und Staatsmann noch persönlich gekannt hat, wieso er nicht die klassische, auf eine große Persön- lichkeit zugeschnittene Biographie geschrieben hat, sondern sein Augenmerk mindestens ebenso intensiv auf dessen Umfeld gerichtet und bei den afrikanischen Wegen in die Unabhängigkeit die Verbindungslinien zwischen Afrika, Europa und der Karibik aufgezeigt hat.

János Riesz konzentriert sich bei seiner Darstellung des afrikanischen Aufbruchs auf die erste Hälfte des XX. Jahrhunderts. Senghors Präsidentschaft - er war von 1960- 1980 der erste Staatspräsident seines Heimatlandes nach der Unabhängigkeit von Frankreich -, Senghors Aufnahme in de Académie Francaise im Jahr 1984 erwähnt

János Riesz nur noch beiläufig im Schlusskapitel, in dem ich mir eine kritische Würdigung der senegalesischen Aufbruchs gewünscht hätte und einen stärkeren Bezug zu den heutigen Verhältnissen.. Das ist auch schon meine einzige Kritik an dieser gut lesbaren und fundiert recherchierten Untersuchung, die sicherlich dazu beitragen wird, die gemeinhin herrschenden Wissenslücken über Afrika zu schließen.

Frankreichs Sprach- und Bildungspolitik in seiner ältesten westafrikanischen Kolonie bekam Léopold Sédar Senghor während seiner Schulzeit hautnah zu spüren. Assimilation - Anpassung an Frankreich unter Missachtung afrikanischer Sprachen und Kulturen - war das Motto dieser Politik, gegen die der aus einer wohlhabenden Bauernfamilie stammende und in afrikanischer Tradition erzogene Senghor rebellierte. Dieses Aufbegehren stand, wie Senghor in einem seiner zahlreichen Interviews mit Radio France Internationale erklärte, am Anfang seiner Überlegungen zur Négritude:

" Ich hatte auf dem Collège Libermann zum ersten Mal das Gefühl, ja vielleicht sogar eine Vorstellung von der Negritude. Pater Lalouse war mit seiner völlig klassischen Erziehung ein ehrenwerter Mann mit leicht reaktionären Zügen. Er brachte uns bei, wir hätten keine Kultur. Wir hätten nichts gedacht, nichts erfunden, nichts zur Kultur beigetragen. Für uns ging es darum, dunkel- häutige Franzosen zu sein. Pater Lalouse war überhaupt nicht rassistisch, er ver- trat nur die französische Theorie der Assimilation. Ihm ging es darum, aus den Schwarzen richtige Franzosen zu machen. Da protestierte ich."

Senghor hatte 1935 an der Pariser Sorbonne als erster Schwarzer erfolgreich ein Grammatikstudium absolviert und mit den karibischen Dichtern Aimé Césaire und Léon Gontran Damas die literarische Bewegung der Negritude gegründet, deren Zielsetzungen János Riez wie folgt beschreibt:

" Ich bin Schwarzer, ich bin Neger, ich bin Afrikaner und ich bin in dieser Situation, wenn ich in Europa bin in einer herausgehobenen Stelle, sei es nun zum Guten oder zum weniger Guten, indem ich auffalle, indem ich Zielscheibe von Aggression werde oder sonst was, und dann ist daraus eben so etwas wie eine Kulturtheorie geworden (...) 75 Wenn man ihn heute kritisiert, wirft man ihm vor, dass er in Rassenkategorien gedacht hatte (...) Er konnte ja gar nicht anders! Wenn er gesagt hätte, Rassen gibt es nicht, hätte man ihn ausgelacht. Er konnte nur sagen, nun gut, es gibt Rassen, aber hier ist die schwarze Rasse, die Afrikaner sind nicht das, was ihr behauptet, ohne Kultur, ohne Zivilisation, sie haben eine alte Zivilisation, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das weiß ich aus meiner eigenen Kindheit, und darüber habe ich viel gelesen und viel studiert und da zitiert er immer wieder den deutschen Ethnologen Frobenius, dessen Kulturgeschichte Afrikas ja damals gerade, als er in Paris war, ins Französische übersetzt wurde (...) Im Prinzip geht es ihm darum zu zeigen, dass Afrika auch Kultur, Zivilisation hat, eine alte, sehr schöne Zivilisation. Dies alles hat ihn sehr stark interessiert, einfach um Afrika zu revalorisieren."

János Riesz dokumentiert die Entstehung der Negritude im internationalen Kontext und zeigt, wie damals ein transkontinentaler Dialog schwarzer Dichter begann, der von den Südstaaten der USA über die Karibik und Afrika. in die französische Hauptstadt führte und sich von dort aus weiterverbreitete. Bahnbrechend ist in die- sem Kontext die 1948 von Léopold Sédar Senghor herausgegebene Lyrikantho- logie Anthologie de la nouvelle poésie nègre et malgache, zu der Sartre das ausführliche Vorwort Schwarzer Orpheus schrieb.

Dass János Riesz ausführlich auf die frühen Gedichtbände des senegalesischen Dichters eingeht, vor allem auf den Band Hosties Noires/ Schwarze Hostien, den Senghor Anfang der vierziger Jahre in einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Frankreich geschrieben hatte, kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen, zumal Senghor selbst sich später von seinen frühen Gedichten distanzierte, in denen er wortreich und unmissverständlich für die "tirailleurs sénégalais" , die Senegalschützen eingesetzt hatte, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg für Frankreich kämpften, ohne entsprechend gewürdigt oder entschädigt zu werden. Mit keinem Wort erwähnt Lépold Sédar Senghor seine Jahre der Kriegsgefangenschaft anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1968 in Frankfurt, die unter heftigen Studentenpro- testen stattfand.

Janheinz Jahn hat sich in Deutschland als Erster für die Verbreitung von Senghors Gedichten eingesetzt. Nun hat János Riesz dessen Übersetzungen noch einmal gründlich revidiert, mit einem Nachwort versehen und unter dem Titel Botschaft und Anrufung im Peter Hammer Verlag veröffentlicht. Hören wir abschließend, von Senghor rezitiert, die erste Strophe eines seiner bekanntesten Gedichte: Schwarze Frau

Femme nue, femme noire

Nackte Frau, schwarze Frau
Gekleidet in deine Farbe die Leben, in deine Form die Schönheit ist!
In deinem Schatten bin ich aufgewachsen, deine sanften Hände
Verbanden mir die Augen.

Und da entdecke ich dich im Herzen des Sommers, des Mittags,
gelobtes Land, hoch von der Höhe versengten Passes
Und deine Schönheit trifft mich ins Herz wie der Blitz eines Adlers.

Nackte Frau, dunkle Frau
Reife Frucht mit festem Fleisch, düstere Ekstasen des schwarzen Weines,
Mund, der mein Mund zum Singen bringt,
Savanne mit klarer Ferne, Savanne, du zitterst im feurigen Kosen
Des Ostwinds,
Geschnitztes Tam-Tam, gespanntes Tam-Tam, du tosest unter den
Fingern des Siegers
Und deine schwere Altstimme ist der Festgesang des Geliebten.


Service:
Janos Riesz: Leopold Sedar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert. Peter Hammer Verlag Wuppertal 2006.

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