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StartseiteSonntagsspaziergangDer Tanz der Nordlichter27.12.2015

SchwedenDer Tanz der Nordlichter

Nordlichter gehören zu den wohl beeindruckensten Schauspielen, die die Natur in dunklen Winternächten zu bieten hat. Im kleinen Ort Abisko im Norden Schwedens herrschen ganz besondere Wetterbedingungen, die dicke Wolken häufig fernhalten. Meteorologen sprechen deshalb auch vom "Blauen Loch von Abisko".

Von Thomas Samboll

Blick auf den schwedischen Ort Aurora (Imago)
Blick auf den schwedischen Ort Aurora (Imago)

Nein, die Wetteraussichten sind nicht gut an diesem trüben Dezember-Tag in Norrbotten, Schwedens nördlichster Provinz, in der es zu dieser Jahreszeit auch nicht mehr wirklich hell wird. Dicke, dunkle Wolken und starken Schneefall sagt die Wetterfee im Autoradio voraus. Die Chance, gerade heute Nord-lichter sehen zu können, scheint gleich null zu sein ...

Schwedens trockenster Ort

Doch Uwe Raffalski hatte vor der Fahrt nach Abisko Mut gemacht. Dort, so der deutsche Wissenschaftler vom schwedischen Institut für Raumphysik im knapp 100 Kilometer entfernten Kiruna, gibt es schließlich das berühmte "blaue Loch":

"Das ganze Wetter, die Fronten kommen vom Atlantik her, regnen an den skandinavischen Bergrücken ab, und in Abisko hat man dann weniger Bewölkung. Abisko ist der trockenste Ort in ganz Schweden. Und da ist also ein Mikroklima, was mit den Bergen zusammenhängt."

Bei der Ankunft in Abisko gibt´s dann tatsächlich ein "blaues Wunder": Die Wolken sind wie weggeblasen, und über dem Sessellift, der Besucher hoch auf die Beobachtungsstation bringt, strahlt ein fast voller Mond. Dazu funkeln unzählige Sterne am Himmel. Die Chance, gerade heute Nordlichter zu sehen - sie könnte kaum besser sein.

"Willkommen, Thomas! Es ist sehr kalt heute Abend, minus 24 Grad im Wind. Geh´ also lieber erst mal in den Umkleideraum, da haben wir große, warme Overalls. Zieh' einen davon über, dann komm wieder her, und ich werde Dich nach oben fahren."

Wie ein Astronaut auf Abiskos Hausberg

Liftführer Ola will auf keinen Fall, dass seine Gäste frieren. Also rein in den dicken, steifen Overall, und dann geht's dick verpackt wie ein Astronaut auf Abiskos Hausberg, den 900 Meter hohen Nuolja. Leise schwebt der Lift durch die eiskalte Polarnacht, unten der glitzernde Schnee, oben die funkelnden Sterne. Nur das Nordlicht lässt sich noch nicht blicken.

Oben an der Bergstation herrscht jedoch leichte Hektik. Dick vermummte Gestalten stapfen durch den tiefen Schnee – und sehen hoch zum Himmel. Eine junge Frau scheint dort etwas höchst Interessantes entdeckt zu haben.

Die junge Frau heißt Asa, arbeitet auf der "Aurora Sky Station" und hat heute Abend die Aufgabe, den Besuchern das Geschehen am Himmel zu erklären. Und das ist auch gut so: Denn der feine Licht-Bogen dort oben wirkt nicht gerade spektakulär, so wie ein Regenbogen ohne Farben. Man könnte ihn leicht übersehen. Doch Asa hat ihn sofort entdeckt – und weiß, dass er die Ouvertüre ist, der Auftakt zu einem einzigartigen Schauspiel:

"Jetzt sehe ich das Polarlicht von Westen her über uns heraufziehen. Und wir sind gleich direkt unter dem Licht. Es sieht aus wie eine Gardine. Und man kann durch das Licht hindurch die Sterne sehen. Wäre das ein Wolkenphänomen, könnte man keine Sterne sehen. Also ist es auf jeden Fall ein Polarlicht! (lacht) Und es bewegt sich ganz viel, es bewegt sich ständig. Es ist ein Spektakel! Und besonders schön, weil Mond und Polarlicht gleichzeitig scheinen."

An Schönheit kaum zu überbieten

Eine Szenerie, die an Schönheit kaum zu überbieten ist. Ganz langsam zieht das Nordlicht von Norwegen her über dem Gipfel des Nuolja auf, zunächst nur schwach grünlich schimmernd, dann immer größer und kräftiger werdend:

"Und jetzt könnt Ihr auch ein bisschen rot in dem grünen Licht sehen, ein bisschen rotes Licht, unter dem Vorhang."

Im dunklen Wasser des langgestreckten Sees unter-halb von Abisko spiegeln sich jetzt gleichzeitig das gelbe Mondlicht und die grünen, roten und manchmal auch blauen Farben des Nordlichts. Der Blick ins Tal, der Blick zum Himmel – Ake und Lena aus Stockholm wissen kaum, wo sie zuerst hingucken sollen:

"Ich finde es fantastisch. Ich habe keine Worte dafür. Ich hab´ das schon mal gesehen, aber ich kann nicht genug bekommen!" (Lena) "Sehr eindrucksvoll! Es wechselt so schnell! Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell wechselt."

Wie in einem wilden Tanz

Inzwischen wirbelt das Nordlicht förmlich über den Himmel, wie in einem wilden Tanz. Es flackert hell auf, wird kurz ein wenig schwächer, um dann mit voller Kraft wieder aufzuleuchten.

Sauerstoff- und Stickstoffatome vom Sonnenwind, die in der Atmosphäre zum Leuchten gebracht werden, erklärt Asa kurz und knapp. Mehr will man in diesem magischen Moment auch gar nicht wissen... Früher hätten die Menschen vielleicht gern mehr gewußt. Viele hatten Angst vor den mysteriösen Lichter-scheinungen:

"Sie glaubten zum Beispiel, dass es die Fische im Ozean wären, die am Himmel reflektiert werden. Die Sami hatten eher düstere Vorstellungen: Sie sahen das Nordlicht als den Ort, wo sich die Toten aufhalten."

Noch heute kann man in Schweden oft den Rat hören, bloß nicht zu dicht an ein Nordlicht heranzugehen. Sonst, so heißt es, würde man hineingezogen.

Ein stiller Genuss

Lena und Ake wären demnach gerade in höchster Gefahr! Sie stapfen durch den Schnee, den Berghang hinauf, um den tanzenden Lichtern so nah wie möglich zu sein. Einige Besucher der "Aurora Sky Station" haben sich einfach in den Schnee gelegt, um das Himmelsspektakel zu genießen. Lena hat das auch schon probiert:

"Aber es ist ein bisschen zu kalt dafür heute Abend. Also musste ich wieder aufstehen (lacht) und weitergucken. Aber es war wundervoll, das im Liegen zu genießen."

Es ist ein stiller Genuss. Kein Geräusch ist zu hören. Auch kein Knistern in der Luft, das Nord-lichter angeblich verursachen sollen. Bewiesen ist das ohnehin nicht. Plötzlich wird es aber doch laut:

"Die warme Wurst ist fertig!"

Wirtin Cecilia ruft zu warmen Würstchen und heißen Getränken in die Hütte. Die Besucher setzen sich vor den Bollerofen, machen es sich auf einem der kuscheligen roten Sofas gemütlich oder schauen durch die hochauflösende Beobachtungskamera. Asa hatte es schon geahnt: Es ist ein Abend, den keiner so schnell vergessen wird...:

"Welch einen Abend haben wir! What a night! Yeah!"

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