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StartseiteInformationen am MorgenSorge wegen Selbstmorden junger Asylbewerber17.02.2017

SchwedenSorge wegen Selbstmorden junger Asylbewerber

Die Angst vor Abschiebung belastet viele Flüchtlinge - nicht nur in Deutschland. In Schweden haben sich in den vergangenen Wochen fünf afghanische Asylbewerber das Leben genommen. Nach einem Krisentreffen wollen sich Einwanderungsbehörde und Hilfsorganisationen jetzt intensiver um die meist jugendlichen Flüchtlinge kümmern.

Von Carsten Schmiester

Transitflüchtlinge auf ihrem Weg nach Schweden werden am 03.11.2015 auf dem Hauptbahnhof in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) von Mitgliedern der Initiative «Rostock hilft» empfangen und zu Bussen geführt. (dpa / picture-alliance / Bernd Wüstneck)
Viele minderjährige Flüchtlinge in Schweden fühlen sich einsam und haben psychische Probleme. (dpa / picture-alliance / Bernd Wüstneck)
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Fünf Selbstmorde sind bestätigt, drei davon allein in den vergangenen zwei Wochen. Möglicherweise sind es mehr. Denn es gibt keine genauen Zahlen, weil junge Flüchtlinge in Schweden anfangs keine Personennummer haben, also nicht sofort registriert werden und ihre Namen nicht in Statistiken auftauchen. Unbekannt ist auch die Zahl der Selbstmordversuche. Schweden hat ein großes Problem mit meist minderjährigen Flüchtlingen aus Afghanistan, seit die Regierung im vergangenen Jahr das Asylrecht verschärft und unter anderem Teile des Landes für "sicher" erklärt hat. Musse Hossein ist selbst als Minderjähriger allein aus Afghanistan geflohen. Jetzt kümmert er sich um die meist unter 18-Jährigen, die nach ihm gekommen sind – allerdings in ein anderes Schweden.

"Diese Menschen sind vor dem Tod geflohen und haben eine furchtbare Reise hinter sich. Sie fühlen sich einsam, haben psychische Probleme. Wenn dann ihr Asylantrag abgelehnt wird, ist die Situation natürlich ernst."

Kaum Reaktionen aus der Politik

Eher sogar unerträglich, selbst die Angst vor der Ablehnung und damit vor der möglichen Abschiebung belastet vor allem die Jungen, die alleine geflohen sind und erst einmal niemanden haben, dem sie sich anvertrauen können. Knapp 3.000 minderjährige Afghanen sollen im vergangenen Jahr nach Schweden gekommen sein, etwa 600 von ihnen wurden als Asylbewerber abgelehnt und werden nur geduldet, wenn sie nachweisen  können, dass sie in ihrer Heimat keine Angehörigen mehr haben. "Vi står inte ut", "wir halten das nicht aus", so heißt ein Hilfsnetzwerk für diese jungen Flüchtlinge. Die Psychologin Julia Tiberg arbeitet dort:

"Wir beobachten, dass sich jugendliche Asylsuchende in geschlossenen Internetforen treffen und gegenseitig zum Selbstmord ermutigen. Da geht es um kollektiven Selbstmord oder darum, wie man sich am besten das Leben nimmt, wer es wohl als nächster macht. Selbstmord wird von dieser Gruppe auch als moralisches Handeln für das Wohl der anderen betrachtet, um die aktuelle Politik zu beeinflussen."

Die Politik hat sich bisher kaum um diese Problemgruppe gekümmert. Die Jugendlichen haben nach Angaben von Hilfsorganisationen oft keinen engeren Kontakt zu Erwachsenen und überhaupt wenig Chancen, Beziehungen aufzubauen. Denn sie werden immer wieder umquartiert. Aber jetzt hat sich Ombudsmann Fredrik Malmberg eingeschaltet, der schwedische Kinderbeauftragte.

"Ich wurde von der Sozialbehörde darüber informiert, dass es scheinbar organisierte Selbstmordgedanken unter asylsuchenden Jugendlichen ohne Familien gibt. Das ist ausgesprochen besorgniserregend, weil bereits mehrere aus dieser Gruppe tatsächlich Selbstmord begangen haben."

Aufklärungsfilm gegen Selbstmordgedanken 

Er hat ein Krisentreffen organisiert, dessen Ergebnis allerdings nicht eben auf einen radikalen Wechsel im Umgang mit diesen Jugendlichen hindeutet. So wie ihn unter anderem Musse Hossein fordert, mit besserer Integration gerade junger Flüchtlinge und einer, wie er sagt, "gerechteren", aus schwedischer Sicht dann wohl eher großzügigeren Behandlung der Asylanträge. Aber so weit gehen die Empfehlungen des Krisentreffens nicht. Die Jugendlichen sollen künftig lediglich genauer über den Asylprozess informiert, mit ihrer Betreuung beauftragtes Personal soll besser geschult werden. Und es wird einen Suizid-Aufklärungsfilm geben in ihrer Sprache "Dari". Damit will man weitere Selbstmorde verhindern.

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