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StartseiteKommentare und Themen der WocheLiteraturnobelpreis - unantastbar und selbstherrlich04.05.2018

Schwedische Akademie Literaturnobelpreis - unantastbar und selbstherrlich

Ein Belästigungs- und Korruptionsskandal hat die Schwedische Akademie dazu bewogen, den Literaturnobelpreis 2018 auszusetzen. Der Riese Nobelpreis musste zusammenbrechen, auch weil seine quasi kanonische Macht in Sachen Literatur und Kunst fehl gehe, meint Hubert Winkels. Darin liege aber auch eine Chance.

Von Hubert Winkels

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Die Medaille zum Nobelpreis für Literatur zeigt seinen Stifter Alfred Nobel. (dpa / picture alliance / Lovisa Engblom / The Nobel Foundation)
Seit 1901 wählt die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreisträger aus (dpa / picture alliance / Lovisa Engblom / The Nobel Foundation)
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Der Literaturnobelpreis ist eine altehrwürdige Institution. Und genau das ist sein Problem. Er ist unantastbar, selbstherrlich, abgedichtet nach außen, seine Entscheidungsfindung ist geheim, und das Geflecht der Personen, ihrer Interessen und Konflikte maximal intransparent.

Falls Sie das an Verhältnisse im Vatikan, im IOC oder in der FIFA erinnert, dann ist das kein Zufall. Denn abgehobene, nicht kontrollierbare Institutionen mit solcher symbolischen und finanziellen Ausstattung neigen nicht nur zur Selbstüberschätzung und Realitätsverkennung, in ihnen blühen auch Machtgelüste, Begierden, Nepotismus und nicht selten kriminelle Machenschaften.

Skandal um sexuelle Belästigung

Jetzt also auch der Literaturnobelpreis. Was ist passiert? Der Ehemann des Nobel-Akademiemitglieds Katarina Frostenson, Jean-Claude Arnault, wird von vielen Frauen bezichtigt, sie sexuell belästigt zu haben. Es stehen Vorwürfe bis hin zur Vergewaltigung im Raum. Arnault hat eine Institution für kulturellen Austausch gegründet, die von Geldern der Akademie gespeist wird, ohne dass dies bekannt war. Außerdem hat er etliche Namen von Nobelpreisträgern vor deren Bekanntgabe verraten.

All dies kam in den letzten Wochen nur scheibchenweise ans Tageslicht, und zäh reagierten die auf Lebenszeit eingesetzten und nicht kündbaren Akademiemitglieder. Es dauerte, bis so viele Mitglieder zurücktraten, bis sie nicht mehr entscheidungsfähig waren. Deshalb nun also die Notbremse. Der Nobelpreis wird für ein Jahr ausgesetzt. Im kommenden Jahr gibt’s dafür zwei.

So weit so schlimm. Aber es ist auch eine Chance. Der tönerne Riese Nobelpreis musste zusammenbrechen auch weil seine quasi kanonische Macht in Sachen Literatur und Kunst fehl geht. Historisch und strukturell. Wir brauchen nicht mehr solche obrigkeitlichen Ansagen, und schon gar nicht ist künstlerischer Ausdruck mit solcher Dekretierung wirklich zu erfassen.

Preis nicht mehr so ernstnehmen

Es ist gut, die Literatur der ganzen Welt zu betrachten und auf Herausragendes hinzuweisen. Solch eine Empfehlung, auch von der Nobel-Akademie, gibt Anlass für Diskussion, Verständigung über ästhetische Vorstellungen, und sie animiert zum Lesen.

Aber, und das wäre die Zukunft, doch bitte als spielerischer Vorschlag, dessen Alternativen bei der Gelegenheit gleich mit ins Licht gerückt werden. Nicht nur die Akademie, auch wir, das internationale Publikum, sollten den Preis nicht so ernst nehmen. Und eben das ganz im Sinne dieses Preises. Um ihn zu retten.

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