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StartseiteBüchermarktSchweizer Familienchronik13.04.2011

Schweizer Familienchronik

Kaspar Schnetzler: "Kaufmann und das Klavierfräulein". Bilger Verlag

Diese Familiengeschichte des Schweizer Autors Kaspar Schnetzler entpuppt sich als spannender Einblick in die Anfänge der Schweizer Frauenbewegung, in die Blüte des Zürcher Seidenhandels, dessen Öffnung nach Norditalien und schließlich in die Zeit des Faschismus in Mailand.

Von Bettina Hesse

Ein Gesellschaftsroman wie fein gewebte Zürcher Seide. (Gerd A.T. Müller/GNU)
Ein Gesellschaftsroman wie fein gewebte Zürcher Seide. (Gerd A.T. Müller/GNU)

Familiengeschichte kann man auf sehr unterschiedliche Weisen erzählen, und der Roman "Kaufmann und das Klavierfräulein" tut das auf dramaturgisch faszinierende Art. "Wenn du schon damit anfängst, musst du um dein Leben schreiben." – diese Widmung von Lily Brett nimmt der Erzähler Paolo Mari ernst.

Zu Beginn sitzt der kleine Paolo bleistiftkauend im Schatten des Sasso grande, jenes Gebirgszuges, der das Val Colla im Tessin gegen Italien hin abriegelt, dem Land, aus dem Paolo im Sommer 1948 als Waisenkind in einem Sonderzug kam – in Hausschuhen.

Paolino träumt. Das schwarze Wachstuchheft liegt vor ihm auf dem Tisch. Ungeöffnet. Es wartet darauf, mit Schulaufgaben gefüllt zu werden. Wartet es bloß? Paolino fühlt sich bedroht, das liegt an der schwarzen Farbe des Hefts, wäre der Schnitt nicht rosa, es ängstigte ihn. Paolino, den seine Pflegemutter "il mio piccolo Lord" nennt. Maria liebt ihn wie ihr eigenes Kind.

Nie hat er erfahren, woher er stammt. Nach einem Arbeitsleben in Zürich im Verband kaufmännischer Angestellter lebt Paolo – mit 63 frühpensioniert – mittlerweile wieder in seinem kleinen Tessiner Heimatort. Beim Abschied stößt er im Keller des Büros auf uralte Schriftstücke: das Archiv des 1861 gegründeten Vereins, womit die Geschichte im doppelten Sinne beginnt. Paolo entdeckt bei den Unterlagen einen Namensvetter, Paul Kaufmann, und dessen Verlobungsanzeige mit Amelie Röthlisberger, und er nimmt das Paar als Ausgangspunkt, anhand der Vereinsgeschichte zum Chronisten des Jahrhunderts zu werden, ohne zu ahnen, dass er sich mit seiner eigenen Herkunft beschäftigt.

Die Zeit enteilte im Sauseschritt und mit ihr gingen die Menschen, die einen in die Geschichte ein, die Mehrheit in Vergangenheit und Vergessen, aber verloren gingen sie alle nicht.

Der alte Paul Kaufmann ist beseelt von dem Blick zurück, doch was scheinbar nur mit archivarischem Eros nachzuvollziehen ist, entpuppt sich in Paolos Geschichte als spannender Einblick in die Anfänge der Schweizer Frauenbewegung, in die Blüte des Zürcher Seidenhandels, dessen Öffnung nach Norditalien und schließlich in die Zeit des Faschismus in Mailand. Denn das sind die bewegten Lebensabschnitte der drei Protagonisten Paul Kaufmann, seiner beherzten Frau Amelie und ihres 1918 geborenen Sohnes Johann. Der hat als junger Mann genug von seinem rückwärts gewandten Vater, er entflieht der vermeintlichen Familienenge und geht nach Mailand. Mit seiner Herkunft brechend, nennt er sich nur noch Giovanni und heiratet die Tochter seines Brotgebers, eines Seidenhändlers, um zum überzeugten Faschisten zu werden.

Mit Augenzwinkern, wiederkehrenden Motiven und Liebe zum Detail schildert Paolo Mari die Ereignisse von seinem Tessiner Schreibtisch aus. Sie erscheinen vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte, während die Erzählung im lebhaften Rhythmus des geliebten Boogie-Woogie immer wieder in die Gegenwart des Tessins zurückkehrt, wo sich eine Liebesbeziehung zwischen Paolo und der Klavier spielenden Cecilia entspinnt.

Einen viel beachteten Epoche-Roman hat Schnetzler bereits 2008 mit der Zürcher Familienchronik "Das Gute" vorgelegt – dort linear und genau anhand der Jahre erzählend. Was seinen neuen Gesellschaftsroman wie fein gewebte Zürcher Seide werden lässt, ist dessen Textur aus Kette und Schuss, aus historischen Begebenheiten und persönlicher Geschichte, die – durch Zufall entdeckt – dennoch fest mit eingewoben ist. Auf diese Weise entsteht in den beiden Erzählsträngen ein bedeutsames Muster, das zum feinsinnigen Lesegenuss wird. Die Chronisten-Arbeit des Paolo Mari wird mit der späten Entdeckung der eigenen Herkunft belohnt. Und so kann er nach Fertigstellung des Buchs getrost gehen, seine "Witwe" Cecilia überbringt persönlich dem Chef des Vereins das fertige Opus "Kaufmann und das Klavierfräulein". Um zu erfahren, auf welch bewegende Art Paolos Herkunft mit dem Erzählten zu tun hat, sollte man den Roman unbedingt lesen.

Kaspar Schnetzler, Kaufmann und das Klavierfräulein, Roman, 401 Seiten, Bilgerverlag 2010, 22,50.

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