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StartseiteKultur heuteSchweizer Ur-Mythos kritisch hinterfragt16.03.2013

Schweizer Ur-Mythos kritisch hinterfragt

Dusan David Parizek inszeniert Schillers "Wilhelm Tell" in Zürich

Dusan David Parizek zeigt mit seiner Tell-Inszenierung, wie nationalen Mythen gemacht werden und in welch grotesker Beliebigkeit dort Authentisches zusammengeschustert wird. Dennoch nimmt dieses kluge, komisch-kritische Stück die politische Forderung nach Freiheit ernst.

Von Cornelie Ueding

Schauspielhaus Zürich (Toni Suter / T+T Fotografie)
Schauspielhaus Zürich (Toni Suter / T+T Fotografie)

Es wispert und summt, blökt und muht, zetert und zaudert, tönt und relativiert sich auf dem Rütli. In Badehosen sind die Verschwörer herbeigeschlichen, Wendehälse und Halbentschiedene, Krakeeler und Opportunisten, Schwätzer und Spießer. Und nun proben sie ein bisschen den Aufstand gegen die skrupellose Willkürherrschaft Gesslers und die Schergen des habsburgischen Weltmachtsystems. Eng aneinandergedrückt und mit ein paar Schweizer Devotionalien skurril umhüllt, vereint um das Freiheitsschwert, das kaum mehr ist als ein ideologischer Zahnstocher, wenn sie erregt das Rederecht fordern, sich übereifrig ins Wort fallen, alle auf einmal reden. Und sich schließlich sichtlich erleichtert und mehrstimmig auf "Verschiebung" der Revolte einigen.

Und Tell? Sitzt abseits, bläst in eine Art an seiner Armbrust befestigtes Mini-Alphorn, trollt sich, wirft was ein und kugelt sich vor Lachen über diese Zusammenkunft von Bedenkenträgern. Ausgerechnet durch diesen zotteligen, trampartigen Eigenbrötler, der beileibe nicht zum republikanischen Vorbild taugt, und die dumme Geschichte mit dem Apfelschuss, den der Ego-Shooter, süchtig nach den eigenen Gefühlen und einem machoartigen Showdown, fast vorsätzlich heraufbeschwört, kommt Bewegung in die Sache.

Selten hat man, gerade bei diesem so häufig grundsätzlich missverstandenen Klassiker, gewichtige Fragen - wie etwa die nach kollektiver Identität - auf so fantasievolle, leichte Art vorgespielt bekommen, wie in dem von Regisseur Dusan David Parizek auf gut zwei Stunden Spieldauer verknappten Tell. Er zeigt, wie solche nationalen Mythen gemacht werden und in welch grotesker Beliebigkeit "Authentisches" zusammengeschustert wird. Dabei scheut Parisek auch radikale Eingriffe nicht. Der Apfel wird nicht vom Kopf des Kindes geschossen.

Die Mär, dass er getroffen sei, fliegt von Mund zu Mund, verbreitet sich schnell unter den Gaffern, die sich vor der Rampe, im Zuschauerraum versammelt haben und ihrerseits einen markierten Apfel spalten. Gezeigt wird, im Hintergrund auf dem Spielpodest: der leblose Junge, der schmerzstarre Vater. Perfekt und perfide orchestriert. Unfreiwillige, unglückliche Widerstandsheroen.

Zu jedem wirkungsvollen Mythos gehört ein Opfer – über das man dann einvernehmlich, ganz selbstverständlich die eigenen Interessen stülpen kann. Und so klingt der vorne angestimmte Rütlischwur so windschief wie die ganze schräge Szene. Schon eher ein Wahlkampfauftritt, kein Gelöbnis. Ein Meisterstück: Der vaterländische Mythos von Einheit und Freiheit wird auf urkomische Weise demontiert – aber dennoch nicht preisgegeben, nicht diffamiert. Dazu sind die Akteure bei aller Lust an der Clownerie als zu liebenswürdig-ambivalente Menschenwesen dargestellt.

Um stellvertretend nur einige der herausragenden Schauspieler zu nennen: Michael Neuenschwander als Tell. Lukas Holzhausen als nervös-affizierbarer Stauffacher, wibbelig, vorschnell mutig und zappelig feige zugleich. Der schwächlich senile und nicht minder verwegen unbeirrbare, virtuos zwiespältige Attinghausen des Siggi Schwientek, der mit rot zerzauster Perücke und ein bisschen vorlaut zum naiv-tapferen Sohn von Tell mutiert.

Vor allem aber entgeht diese aufregend kluge, komisch-kritische und nuancenreich erspielte Mythenanalyse der Verflachung, weil Parizek den pfiffig kalkulierten Effekten nicht die Affekte der Figuren opfert. Selbst, wenn die ewigen Meckerer, witzig wie die alten Korsen in Asterix, wie Zuschauer des Lebens zusammenhocken und politisieren, spürt man, wie ernst es ihnen ist. Dass es um ihr Leben geht. Um ihre Rechte. Ihre Freiheit.

Und da taugt Tell mit seiner kaltschnäuzigen Unberechenbarkeit dann überraschenderweise eben doch als Vorbild. Am Ende wird aus dem schrägen Bühnenpodest ein steiler Abhang. Oben hat sich Tell den Gessler geschnappt und rechnet ab – bevor er ihn in den Abgrund schubst.

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