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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Das optimierte Gehirn14.07.2011

Schwerpunktthema: Das optimierte Gehirn

Forscher diskutieren die Möglichkeit des Hirndopings

Hirngespinst oder Zukunftsvision? Statt nur Kaffee und die gelegentliche Gingko-Pille schlucken wir künftig wohlklingende "Neuro Enhancer" wie NZT-48, um besser und schneller zu denken. Denkbar ist auch, dass weniger intelligente Menschen ihr Bildungsdefizit durch eine Pille verbessern - doch ist das wirklich ein wünschenswerter Gedanke?

Von Ingeborg Breuer

Nur langsam kommt die Wissenschaft dem menschlichen Gehirn auf die Spur. (GA Tech)
Nur langsam kommt die Wissenschaft dem menschlichen Gehirn auf die Spur. (GA Tech)

" Ich war blind doch jetzt kann ich sehen ... eine Tablette täglich und ich war ohne Limit ..."

Er war ein Loser, der New Yorker Schriftsteller Eddie Morra. Seine Freundin hatte ihn verlassen, sein Buch wurde nicht fertig. Und kreative Ideen hatte er auch nicht. Doch dann schenkt ihm ein Drogendealer eine neuartige Pille: NZT-48. Und alles wird anders.

"Ich bekam Lust auf Kultur – Seit wann spricht du Italienisch? – Ich beendete mein Buch in vier Tagen ... Reden wir noch mal über meinen Vorschuss ... Mathematik wurde nützlich."

NZT-48 steigert Eddie Morras Intelligenz, sein Erinnerungsvermögen, seine Konzentrationsfähigkeit. Er wird zum Superhirn. Und hat Erfolg.

"Wie viel wissen schon, wie es ist, eine perfekte Ausgabe seiner selbst zu werden!"

Seit April läuft er in unseren Kinos: "Ohne Limit", der Thriller vom Schriftsteller und der Wunderdroge, von Macht und Mord und Liebe. Science-Fiction, zweifelsohne. Aber auch Wissenschaftler beschäftigen sich mittlerweile mit dem sogenannten "Hirn-Doping", mit gegenwärtigen oder zukünftigen Möglichkeiten, die eigenen Hirnleistungen durch Medikamente oder auch Drogen zu steigern. Prof. Reinhard Merkel, Strafrechtler an der Universität Hamburg:

"Stellen Sie sich die beschwerliche Methode vor, Chinesisch zu lernen und nehmen wir per Science-Fiction mal an, das kann man durch die Implantation eines Chips im Gehirn von jetzt auf gleich herstellen ... dagegen hätte ich nichts einzuwenden. Andererseits: Stellen Sie sich einen implantierten Chip im Gehirn eines Komponisten vor, der eine wunderbare Sinfonie komponiert, die ausschließlich von dem Computerchip komponiert worden ist. Da würden wir alle sagen, sollen wir das wirklich bewundern?"

Fit und leistungsfähig sein, ist für den Erfolg in unserer Gesellschaft unverzichtbar. Und das möglichst bis ins hohe Alter. Die einen versuchen es mit Hirnjogging und Gedächtnistraining. Die anderen schwören auf natürlich Ginkgo-Extrakte. Aber darf man das eigene Gehirn auch mit Medikamenten auf Touren bringen? Um effizienter und ausdauernder arbeiten zu können oder ständig "gut drauf" zu sein? Das Für und Wider von "Cognitive Enhancement", also der Verbesserung mentaler Fähigkeiten durch Pillen, die eigentlich für Kranke gedacht sind, wurde in einem mehrjährigen interdisziplinären Forschungsprojekt an der Universität Mainz untersucht. Vergangene Woche wurde es mit einer Konferenz abgeschlossen. Prof. Thomas Metzinger, Philosoph und Leiter des Projekts:

"'Cognitive enhancement' ist ein Fachbegriff, bei dem es darum geht, die geistige Leistungsfähigkeit auch und gerade bei Gesunden mit Hilfe von oft verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbessern. Der Hintergrund ist, dass es in den USA schon einen sehr starken illegalen Gebrauch solcher Medikamente durch Gesunde gibt, insbesondere im akademischen Bereich. Wir haben untersucht, ob sich dieser Missbrauch in Deutschland auch schon ausgebreitet hat."

Amphetamine, also stimulierende oft aber illegale Drogen, Modafinil, ein Präparat zur Behandlung krankhafter Schlafsucht sowie Ritalin, das Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitstörung verordnet wird, sind die zurzeit gebräuchlichen Substanzen, die zum "Hirndoping" infrage kommen. Es gibt, so Insider, einen Schwarzmarkt für diese Mittel. Prof. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz führte im Rahmen des Projekts eine repräsentative Studie mit Schülern und Studenten durch. Fragestellung: wie verbreitet ist "Hirndoping" in Deutschland?

"Und da haben wir festgestellt, dass ungefähr vier Prozent mal Methylphenidat oder Amphetamine genommen haben, um ihre geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Also einerseits ne beruhigende Zahl ... Auf der andern Seite haben wir auch gefragt, wären Sie grundsätzlich bereit, solche Dinge einzunehmen, und da haben 80 Prozent gesagt, ja wenn die sicher und frei erhältlich sind, dann würd' ich die einnehmen."

Dr. Elisabeth Hild, Philosophin an der Universität Mainz befragte Studenten, die Erfahrung mit sogenannten "Neuroenhancern" haben, wie sie die Wirkung dieser Mittel empfinden:

"Eigentlich haben die Studenten auch angegeben, dass sie besser arbeiten, sich länger konzentrieren können. Sie seien besser motiviert, sie hätten jetzt mehr Lust zum Lernen, sie hätten jetzt ein Flow-Gefühl, dass es leichter wäre, das war was, was bei vielen eine Rolle gespielt hat. Die Studierenden, die Amphetamine genommen haben, haben dann aber davon berichtet, dass auch störende Effekte auftreten, wenn es also nicht darum geht, nicht nur auswendig zu lernen, sondern komplexere Zusammenhänge zu verstehen. Oder dass sie nur gemeint haben, sie hätten sich das besser merken können, dass sie aber am nächsten Tag gemerkt haben, sie haben eigentlich dann alles wieder vergessen."

Klaus Lieb allerdings relativiert diese Erfahrungen. Die Wirkung solcher Mittel sei durchaus mit Kaffee zu vergleichen.

"Wenn Sie jetzt eine Einzelperson fragen, die ein Amphetamin oder Ritalin eingenommen hat und damit festgestellt hat, dass das gut wirkt, dann weiß man nicht, ist das aufgrund der Substanz oder weil die Person daran glaubt? Es gibt Studien, die Amphetamine und Modfinil und Kaffee direkt verglichen haben, und da hat sich rausgestellt, dass die Effekte nicht so unterschiedlich sind. Man muss dann schon relativ viel Kaffee trinken, so vier bis fünf Tassen, das verträgt auch nicht jeder. Also im Prinzip hat Kaffee genauso so gute Effekte."

Eigentlich, so meint man, könnte man damit Entwarnung geben. Medikamentenmissbrauch zum Zweck des "Neuro-Enhancement" spielt in Deutschland keine große Rolle – und zudem sind die Mittel wenig Erfolg versprechend. Doch weit gefehlt. Eine breite ethische Diskussion ist zum Thema entbrannt, die freilich tief in die Zukunft vorgreift. Prof. Reinhard Merkel, Strafrechtler an der Universität Hamburg:

"Wir mögen vor einer Zukunft vor einer Entwicklung stehen, in der solche effizient verbessernden Gehirneingriffe möglich sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass es in absehbarer Zeit solche Möglichkeiten geben wird und dann sollten wir die moralische und rechtliche Diskussion schon geführt haben und schon ungefähr wissen, was wir akzeptieren können und was nicht."

Reinhard Merkel gehörte zu den Mitverfassern des Memorandums "Das optimierte Gehirn", das sich mit dem Pro und Kontra der Psychopillen auseinandersetzt:

"Um die Dinge analytisch sauber zu klären, haben wir in dem Memorandum gesagt, lasst uns erst mal betrachten, gibt es denn Einwände dagegen, dass bestimmte kognitive, motivationale, emotionale Fähigkeiten künstlich verbessert werden, unabhängig von der Nebenwirkungsfrage, gibt es da schon Einwände? Aber da sind wir der Meinung, es gibt keine Einwände, es gibt im Gegenteil gute Gründe seine mentalen Fähigkeiten zu verbessern, die gibt es für alle Menschen. Wir sehen das ja auch daran, dass wir alle unmittelbar für bessere Schulbildung, besser Kindergartenerziehung, besser Hochschulbildung sind. Wenn Sie's mich knapp sagen lassen, die Frage, die wir uns zu stellen haben, lautet, haben wir eigentlich was gegen bessere Gehirne oder haben wir etwas gegen dubiose Methoden, das zu erreichen? Die Resonanz auf unser Memorandum war die einer radikalen Abwehr."

Vorwürfe kamen auf: "Neuro-Enhancement" sei ein Eingriff in die menschliche Natur. Das Leben sei ein Geschenk, an dem man nicht künstlich manipulieren solle. Einwände, die auch der Philosoph Thomas Metzinger nicht für überzeugend hält.

"Das erste, was man sehen muss, dass die Verbesserung des eigenen Geistes, die Erhöhung der eigenen Intelligenz und Leistungsfähigkeit ein altes philosophisches Projekt ist und auch ein Grundwert der abendländischen Kultur: Daran ist nichts Schlechtes. Es ist auch ein Mythos, dass unser eigner Körper, unser Gehirn ein Geschenk wäre, das wir nicht anrühren dürfen. Nur dass bei uns im Alter von 55 der geistige Abbau langsam einsetzt, heißt nicht, dass das gottgewollt ist oder so sein muss, nur dass die Begabungen in der Bevölkerung unterschiedlich verteilt sind, heißt nicht, dass das so sein soll."

Dennoch sieht Thomas Metzinger Anlass, sich mit der ethischen Verantwortbarkeit des "Cognitive Enhancement" auseinanderzusetzen.

"Also die wichtigste Frage, die wir uns alle stellen müssen ist, was ist denn eigentlich ein guter Bewusstseinszustand? ... Für 'Cognitive Enhancement' heißt das, warum sollte ich eigentlich meine Wachheitszustände, meine Konzentrationsfähigkeit und meine Intelligenz verbessern? Ich glaube, eine schlechte Begründung ist, nur um beruflich erfolgreicher zu sein. Das heißt, wenn viele Leute anfangen würden, sich geistig zu optimieren aus Karrieregründen, dann wäre ein Problem, dass dadurch ein Wettbewerb in Gang gesetzt würde."

Könnten solche Mittel also dazu dienen, das Leben immer mehr auf Leistung und Effizienz auszurichten? Würde der Konkurrenzdruck in unserer Gesellschaft steigen? Und müssten jene, die sich weigerten, solche Mittel zu nehmen, Nachteile im sozialen Wettbewerb hinnehmen? Droht etwa in Zukunft eine Diktatur von Glücks- und Leistungsdrogen?

"Also mir sagen englische Kollegen, mein Gott, ihr in Deutschland ihr wollt immer alles kontrollieren und verbieten, wir sehen die Chance."

In den angelsächsischen Ländern sieht man die zukünftigen Möglichkeiten, sein Hirn zu 'dopen', entspannter. Liegt nicht möglicherweise auch eine Chance darin, so dort die Frage, gesellschaftliche Chancen besser zu verteilen, wenn man mit kleinen bunten Pillen nachhilft?

"Es geht darum, dass nicht nur die privilegierten Schichten sich diese Medikamente besorgen, sondern da, wo sie bei den Unterprivilegierten ankommen. Es ist ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Also überspitzt gesprochen, das muss nach Neukölln, und nicht an die Uni, wir könnten damit vielleicht viele Kinder aus bildungsfernen Schichten ranführen an nen höheren Bildungsstandard."

Könnten die Neuroenhancer der Zukunft also vielleicht das Bildungspaket der Gegenwart erfolgreich ersetzen? Indem bildungsferne Schichten, salopp gesagt, hirngedopt werden? Und möglicherweise, so der Strafrechtler Reinhard Merkel, kann man ja bald mittels Pharmakologie Menschen sogar moralisch verbessern?

"Es spricht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass man aggressive Gewalttäter durch Einwirkung auf ihr Gehirn zu relativ friedlichen Menschen machen kann. Auch da müssen Nebenfolgen bedacht werden. Die zweite Methode zur Verbesserung moralischer Fähigkeiten wäre, einzuwirken auf diejenigen Areale des Gehirns, von denen wir heute schon wissen, dass sie gewährleisten eine gewisse Empathiefähigkeit, dass man mitfühlen kann mit den anderen, denen Leid zugefügt wird. Es gibt Menschen, die nur im geringen Maß zu einer solchen Empathie fähig sind, die Terminus Technicus lautet Psychopath. Es steht zu erwarten, dass an in absehbarer Zeit einwirken kann auf die Gehirne solcher Menschen, um ihnen eine bestimmte Empathiemöglichkeit zu ermöglichen."

Gesellschaftsverbesserung also durch Manipulationen am menschlichen Gehirn? Glück für alle, pointiert gesagt, durch Psychodrogen? Zukunftsmusik, gibt Thomas Menzinger zu. Und malt mögliche Gefahren einer 'Gemeinwohldiktatur' aus.

"Angenommen, wir könnten solche Fähigkeiten verbessern und ich betone, dass das Zukunftsmusik ist, reine philosophische Science-Fiction ist, dann könnte folgendes Problem entstehen: Diejenigen Menschen, die überhaupt an einem ethischen Verhalten interessiert sind, die würden für sich auch die moralische Verpflichtung anerkennen, jedes Werkzeug, das ihnen dabei hilft. Und es könnten dann Leute auf den Plan treten, die sagen, dass es eben nicht mehr in die freie Entscheidung des Individuums gestellt werden könnte, sondern zeigen könnten, eine bestimmte Art von Enhancement dient uns allen, dem Interesse der Gesellschaft als ganzer. Das könnte theoretisch interessant aber auch brisant sein."

"Könnte", "würde", "wäre", "hätte". Möglichkeitsformen, weit von jeder Realisierung entfernt. Kann man wirklich ethische Maßstäbe für etwas entwickeln, was es noch gar nicht gibt – und möglicherweise auch nie geben wird? Zumal Klaus Lieb einräumt, dass die Forschungen an hirnverbessernden Medikamenten jeder Art bislang noch wenig Erfolg brachten.

"Ob wir in den nächsten fünf Jahren die rote Pille haben, die Gesunden oder Alzheimer-Patienten das Gedächtnis wiederherstellt, das kann man nicht sagen. Es gibt verschiedene Entwicklungen, intensive Forschungsbemühungen, aber Substanzen, die zum Beispiel in Tiermodellen gute Effekte haben, die werden beim Menschen probiert und helfen gar nicht gut, das ist aufwändig und schwierig ... Es ist definitiv nicht so, dass wir heute sagen können, es ist nur noch eine Frage der Zeit."

Bislang gilt also wohl: Viel Diskussion um ziemlich wenig! Weder für Kranke noch für Gesunde ist die Wunderpille für den Geist bislang in Sicht. Und übrigens: auch 'natürliche' Arzneien wie Ginkgo, tägliches Hirnjoggen oder Kreuzworträtseln, so Klaus Lieb, machen das Hirn kaum fitter und halten schon mal gar keinen geistigen Abbau auf. Und insofern macht es wohl mehr Sinn, bei dem zu bleiben, was man ohnehin schon wusste:

"Also das ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass man nicht alle Medikamente schlucken soll, also man sollte da wirklich sehr zurückhaltend sein, und auf gesunde Alternativen, die genauso gut wirksam sind, zurückgreifen. Und dazu gehört ja nicht nur der Kaffee, sondern auch guter Schlaf, rechtzeitige Lernvorbereitungen und solche normalen Dinge, die sehr effektiv sind. Zum Beispiel im mittleren Lebensalter regelmäßig sich zu bewegen. Wer zum Beispiel im mittleren Lebensalter dreimal in der Woche eine halbe Stunde Sport macht, der hat ein ganz deutlich vermindertes Risiko, später eine Demenz zu bekommen."

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