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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Der Skandal der Vielfalt07.11.2013

Schwerpunktthema: Der Skandal der Vielfalt

Eine neue Studie zum Multikulturalismus

Wir lieben die Vielfalt, wir sind schon Multikulti - jedoch nur soweit, wie das kulturell Fremde leicht zu konsumieren und gut verdaulich ist. Der Politikwissenschaftler Volker Heins hält ein neues Plädoyer für Multikulturalismus in seinem Buch "Der Skandal der Vielfalt" - Geschichte und Konzepte des Multikulturalismus.

Von Peter Leusch

Krieg, Hunger, Vertreibung: afrikanische Migranten suchen immer wieder ihr Heil in Europa (picture alliance / dpa)
Krieg, Hunger, Vertreibung: afrikanische Migranten suchen immer wieder ihr Heil in Europa (picture alliance / dpa)

"Ich verstehe unter Multikulturalismus nicht einfach die pure Präsenz von Einwanderern und ethnischen Minderheiten, dass es mehr gibt als eine Religion oder so etwas, sondern ich verstehe darunter eine Gesellschaft, die sich in ihren Institutionen und Mentalitäten auf die spezifischen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Eigenschaften von Einwanderern und Minderheiten einstellt, bewusst einstellt."

Volker Heins, Politikwissenschaftler, Universität Bochum

"Es gibt keine monokulturellen Gesellschaften, es hat sie noch nie gegeben in der Weltgeschichte, der Nationalstaat des 19. und 20. Jahrhunderts hat uns sozusagen vorgetäuscht, dass es so etwas gibt wie eine Leitkultur, an der sich alle ausrichten."

Claus Leggewie, Direktor der Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen

"Wenn wir beim Deutschen Reich bleiben, dann würde ich bei einem Großteil der deutschen Juden nicht von einer kulturellen Minderheit sprechen, denn alles was sie wollten, war so deutsch zu sein wie alle anderen Deutschen auch, nur mit einer anderen Konfession."

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Frankfurt

"Teile von Migrantinnen und Migranten, von Minoritäten in Deutschland werden unterordnend integriert, sie stehen unter so einer disziplinierenden Integrationsanforderung an sie - deshalb finde ich den Multikulturalismusbegriff eher problematisch, einfach zahnlos häufig."

Darja Klingenberg, Migrationsforscherin, Universität Frankfurt

Vier Wissenschaftler diskutieren über Multikulturalismus, ein Konzept, das eigentlich schon tot und begraben schien. Nach dem Hype der frühen 90er Jahre, als Claus Leggewie das Buch "Multikulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik" verfasste und andere liberale Denker ein Lob der Vielfalt anstimmten, gewannen im neuen Jahrtausend Skeptiker die Deutungshoheit: statt eines gelingenden toleranten Miteinanders, so warnten sie, entstehe in Deutschland eine Parallelgesellschaft. Aber so wenig wie die Probleme bewältigt und die Fragen beantwortet sind, Stichwort rituelle Beschneidung, Moscheebauten oder Kopftuch - so wenig ist auch die Diskussion beendet. Der Bochumer Politikwissenschaftler Volker Heins veröffentlicht in seinem Buch Der Skandal der Vielfalt eine Untersuchung zu Geschichte und Konzepten des Multikulturalismus. Nach seinem eigenen Verständnis, sei die Mehrheitsgesellschaft aufgefordert, die Eigenheiten der anderen weitestgehend zu respektieren.

"Es gibt in Deutschland orthodoxe und liberale Rabbinatsgerichte zum Beispiel, die in den jüdischen Gemeinden über ganz bestimmte Dinge befinden, was ist eine rituell korrekte Scheidung, unter welchen Bedingungen sind bestimmte Kinder in Patchwork-Familien weiterhin Juden usw. So etwas gibt es bei Muslimen auch, jedes muslimische Paar, das einen Konflikt hat, kann zu einer Moschee gehen und sich von einem Imam beraten lassen, wie sie denn nun verfahren, der Streit geht dann darum, welchen Charakter diese Rechtsprechung hat, (…) in welchem Maße diese Friedensrichter eine formelle Stimmung bekommen, in welchem Maße ihre Richtsprüche bindend sind usw. (…) Nirgendwo ist natürlich in westlichen Ländern geplant, eine Paralleljustiz einzuführen."

Institutionen von Schiedsgerichtsbarkeit, die in einem anderen religiös-kulturellen Zusammenhang entstanden sind, anzuerkennen und zuzulassen - solche Maßnahmen seien ein richtiger Schritt, so die Migrationsforscherin Darja Klingenberg. Dennoch beurteilt sie das Konzept des Multikulturalismus negativ. Klingenberg kritisiert, dass die Ausrichtung auf kulturelle Besonderheiten von den drängenden gesellschaftlichen und sozialen Problemen insbesondere der Migranten ablenke.

"Wir reden zum Beispiel über sexistische oder antimoderne Tendenzen in Islam, wo dann auch gleich generalisiert wird, anstatt dass wir darüber sprechen, dass Jugendliche mit türkischem, kurdischem oder arabischem Hintergrund strukturell benachteiligt werden, dass sie von ihren Lehrern und Lehrerinnen systematisch unterschätzt werden, es ist das Problem, dass der Multikulturalismusdiskurs - wie er in Deutschland geführt wird - soziale Ungleichheit, soziale Probleme zu kulturellen Differenzen erklärt."

Aber ist es denn so, dass kulturwissenschaftliche und sozialkritische Perspektive zwangsläufig in einen Gegensatz treten? Oft sind es doch zwei Aspekte, die beide zu ein- und demselben Problem gehören. Denn Diskriminierung oder Zurücksetzung, was Bildungschancen und Selbstentfaltung angeht, erfahren Migranten ja nicht allein vonseiten der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch in ihrer Herkunftsgruppe. Etwa wenn es um die Freiheit und Selbstbestimmung von jungen Frauen geht, die in einer traditionsorientierten muslimischen Familie groß werden. Wo hört der tolerierbare Eigensinn einer religiös und kulturell bestimmten Erziehung auf, und wo fängt die Verletzung von Grundrechten an?

Jürgen Habermas hat davor gewarnt, alle möglichen Einstellungen und Praktiken, nur weil sie bei einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe verstärkt vorkommen, unter kulturellen Artenschutz zu stellen. Das sieht Volker Heins genauso.

"Ich würde erst einmal feststellen, dass es eine Reihe von Praktiken gibt, Zwangsheirat etwa, es gibt auch noch drastischere Beispiele, die vorkommen: Ehrenmorde, Abtreibungen von weiblichen Föten bei einigen Hindus, solche Dinge, wo wir uns sehr schnell einig sind, dass das nicht tolerierbare Praktiken sind. Interessant finde ich aber, was wir denn nun tun sollen, um diese Dinge zu unterbinden. Und da verstummt die Diskussion, weil man oft so tut, als würde man mit dem Verhängen einer Verbotsnorm und der Androhung strafrechtlicher Konsequenzen das Phänomen aus der Welt schaffen, das ist aber nun mal nicht der Fall, das heißt, die Diskussion müsste eigentlich an dieser Stelle beginnen. Das heißt, wie muss der Mentalitätswandel in bestimmten Communities aussehen, damit diese Dinge nicht mehr passieren."

Bei den sogenannten Ehrenmorden ist in fataler Weise ein patriarchalischer Ehrbegriff wirksam, der nicht nur in islamischen, sondern generell in vormodernen Gesellschaften höher rangiert als der Begriff der Würde. Wir treffen auf diesen Ehrbegriff z. B. auch in Fontanes Roman Effi Briest. Der Ehemann Baron von Instetten, altpreußischer Adel, Beamter, erfährt Jahre später von einem Seitensprung seiner Frau. Ein früherer Regimentskollege rät ihm, er solle die alte Geschichte einfach vergessen, wo er doch jetzt glücklich in seiner Ehe und Vater geworden sei. Aber von Instetten erklärt, schon allein deshalb, weil er sich ihm, dem Kameraden, geoffenbart habe, sei seine Ehre beschädigt, er müsse den ehemaligen Liebhaber zum Duell fordern und seine Frau Effi Briest verstoßen - in dem Wissen, dass er damit auch sein eigenes Unglück besiegelt.

Dieser Ehrbegriff gehört für Claus Leggewie auf die Agenda sozialwissenschaftlicher Forschung:

"Woher kommt dieser Ehrbegriff, was ist das konstitutive Element dafür, dass Menschen, die aus anderen Regionen kommen, diesen Ehrbegriff so hoch halten, den wir selber kennen? Er ist Teil unserer eigenen Vergangenheit, insofern hat es zunächst einmal etwas extrem Beruhigendes, dass es hier offensichtlich Modernisierungs¬möglich¬keiten gibt, die dieses Bestehen auf der Ehre, wie man es insbesondere in Teilen der arabischen oder auch der mediterranen Welt noch kennt, überspielen."

Am Ehrbegriff wird deutlich, dass es auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft unterschiedliche Wertvorstellungen und Normen gibt, wenn man auf ihre Geschichte schaut. Die Wertsetzungen und Einstellungen verändern sich zwar, aber je nach Region oder Konfession, nach Stadt oder Land unterschiedlich schnell.

Volker Heins hat lange in Kanada gelebt und diese internationalen Erfahrung in sein Buch über Geschichte und Konzepte des Multikulturalismus eingebracht. Dabei kritisiert er, dass in der deutschen Öffentlichkeit die Frage des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen und Ethnien verkürzt wird auf das Problem der Einwanderung.

"Die stillschweigende Unterstellung war, dass durch die Einwanderung aus Südeuropa, der Türkei usw. sozusagen kulturelle Differenz importiert wird in ein vorgeblich homogenes Land. Aber das ist sehr einseitig, weil es natürlich viele Länder gibt auf dem Planeten, die sozusagen vielfältig geboren wurden von vornherein. Ein drastisches Beispiel ist Kanada, aber auch postkoloniale Gesellschaften wie Indien, wo niemand einwanderte, vielleicht ganz wenige Bangladeshis und Tibetaner, aber ansonsten sind das ja keine Gesellschaften, die durch Masseneinwan¬derung gekennzeichnet sind, gleichwohl wäre es absurd zu behaupten, dass Indien homogen sei."

In Kanada werde ganz anders über Multikulturalismus diskutiert als in Deutschland, und die kulturelle Differenz sehr selbstbewusst gelebt, wenn die frankofone Minderheit im Raum Quebec sich französischer als die Franzosen gebe und beispielsweise Popcorn beharrlich als mais éclaté bezeichne.

"Kanada ist interessant, weil es diese starke indianische Urbevölkerung hat, stärker als in den Vereinigten Staaten. Dadurch war die Diskussion auch unter Multikultu¬ralisten am Anfang eine, wo es um die indianische Urbevölkerung ging, und dann um eine nationale Minderheit, die auch nicht eingewandert ist in jüngster Zeit, nämlich die Provinz Quebec im Osten Kanadas, um die sich die Diskussion lange gedreht hat und erst im Nachhinein in einem weiteren Schritt hat man diese Kategorien des Multikulturalismus usw. auf Einwanderer bezogen."

Nochmals eine andere Auffassung über das Zusammenleben von Gruppen aus verschiedenen Herkunftsländern und mit unterschiedlicher Konfession spricht aus dem Selbstverständnis der USA. Der emeritierte Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik erklärt, dass auf jeder amerikanischen Geldmünze eingraviert ist: e pluribus unum - aus vielen wird eines.

"Die USA war eine Staatskonstruktion, die zukunftsgerichtet gewesen ist, also es kam nicht so sehr wie im europäischen nationalen Denken auf die gemeinsame Herkunft und die gemeinsame Sprache an, sondern darauf, dass man etwas Neues baut. Ansonsten ist es in den USA völlig klar, dass alle die Nachfahren von Immigranten von Einwanderern sind, dass es auch absolut legitim ist, sofern man die Verfassung der Vereinigten Staaten unterstützt, man dann im Privaten, im Familienleben jede Religion, jede Küche, jedes Glaubensbekenntnis pflegt."

Auch Deutschland hat eine Geschichte innerer kultureller Vielfalt, die weiter zurückreicht als die Arbeitsmigration der Nachkriegszeit. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wanderten viele Polen ins Ruhrgebiet ein. Und schon fast zweitausend Jahre leben Juden in Europa. In Deutschland hatte sich im 19. Jahrhundert ein Großteil so weit assimiliert, dass ihre kulturelle und religiöse Eigenart im öffentlichen Leben nicht mehr weiter sichtbar wurde. Für die kleinere Gruppe der Ostjuden galt dies nicht, erläutert Micha Brumlik.

"Die sogenannten Ostjuden, die nach dem Ersten Weltkrieg und auch schon etwas vorher eingewandert sind, die lebten dann etwa in Berlin im Scheunenviertel, die waren gemessen an dem, was erwartbar war, schon anders: Sie haben Russisch gesprochen oder Jiddisch, sie waren, sofern sie religiös waren, deutlich sichtbar, sie sind in traditioneller Kleidung herumgelaufen auf der Straße. Gab es weitere Minderheiten in Deutschland? Das kommt darauf an, wie man es betrachtet: Aus der Perspektive des Bismarck-Reiches war der sehr große katholische Bevölkerungsteil eine Minderheit, sagen wir besser: Es gab Diversität, es gab in manchem starke kulturelle Verschiedenheiten."

Damals entstand der Begriff Kulturkampf. Es handelte sich zwar nicht um einen Kampf zwischen verschiedenen Kulturen, sondern um einen Konflikt zwischen dem protestantisch geprägten preußischen Herrscherhaus und der katholischen Kirche über die kulturelle Deutungshoheit. Gleichwohl muss man sich nur in Erinnerung rufen, dass es noch nach dem Zweiten Weltkrieg in den 50er und 60er Jahren in vielen katholischen Landstrichen als Sakrileg galt, einen evangelischen Partner zu heiraten. Das war in den Augen vieler genauso schlimm, wie nach heutigem Vorurteil die Eheschließung mit jemand, der muslimisch ist oder aus einem außereuropäischen Land stammt.

Weil in diesem Zusammenhang Vorurteile, Diskriminierungen und konkrete Benachteiligungen greifen, schlägt die Migrationsforscherin Darja Klingenberg vor, weniger über kulturelle Differenzen zu reden und nachzudenken - wie es das Konzept des Multikulturalismus tut – sondern stattdessen Fragen der rechtlichen, sozialen und politischen Lage von Migranten in den Fokus zu stellen. Zum Beispiel bei Pflegekräften aus dem Ausland:

"Die deutsche Gesellschaft kommt nicht aus ohne Pflegekräfte, und das sind meistens Migrantinnen. Viele von den Pflegekräften sind illegal hier, oder arbeiten irregulär, es gibt eine Nachfrage an billigen, häufig irregulär arbeitenden Migrantinnen, und es gibt selbst organisierte Gruppen, die fordern Arbeitsrechte, dass man sich überlegt, wie gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden kann, (…) wie deren Arbeitsbedingungen angemessen organisiert werden auch, wenn sie keine deutsche Staatsbürgerschaft haben."

In einer globalisierten Welt mit hoher Arbeitsmigration, mit einer steigenden Zahl von Flüchtlingen, - kann sich kein Land mehr einmauern, kann sich keine Gesellschaft länger der Illusion einer harmonischen und homogenen Gemeinschaft hingeben. Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen religiösen und kulturellen Einstellungen ist eine unabweisbare Herausforderung. Der Multikulturalismus liefert jedoch kein fertiges Modell eines friedlichen und guten Zusammenlebens. Multikulturalismus sei nämlich gar kein Zustand, sondern ein Projekt, erklärt Claus Leggewie.

"Multikulturalismus ist ein Projekt, und wir werden immer wieder konfrontiert mit der Tatsache, dass Menschen auch anders leben wollen, zum Beispiel mit einem sehr starken Ehrbegriff, zum Beispiel mit sehr starker Betonung der Religion und nicht einer Anerkennung der Trennung von Staat und Kirche oder von Religion und Politik, und damit müssen wir uns immer wieder auseinandersetzen (…) und hier einen sinnvollen Aushandlungsprozess schaffen. Konflikte friedlich zu lösen, das ist eben exakt die Aufgabe einer multikulturellen Gesellschaft."

Was die wissenschaftliche Seite dieser Aufgabe anbetrifft, so erweitert Volker Heins mit seiner aktuellen Untersuchung den Diskussionshorizont hierzulande, weil er die historische Dimension des Themas ausleuchtet und weil er internationale Vergleiche heranzieht. Die Debatte über Multikulturalismus und seine Konzepte aber wird weitergehen, in der Wissenschaft genauso wie in der Öffentlichkeit.

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