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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Die schönste Sache der Welt24.01.2013

Schwerpunktthema: Die schönste Sache der Welt

Wissenschaftler versuchen das Phänomen "Liebe" zu ergründen

Es gibt wohl kein Phänomen, was den Menschen im Laufe seiner Geschichte so sehr beschäftig hat, wie die Liebe. Kein Begriff wurde in der Kulturgeschichte mehr besungen und beschrieben. Und dennoch ist Liebe bis heute das Ereignis, das wir wohl am wenigsten erklären können.

Von Cornelius Wüllenkemper

Was Menschen unter Liebe verstehen, hängt immer auch von kulturellen Prägungen ab. (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)
Was Menschen unter Liebe verstehen, hängt immer auch von kulturellen Prägungen ab. (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

"Man kann aus ethnologischer Sicht auf keinen Fall davon ausgehen, dass es eine universale, quasi kulturfreie Liebe gibt. Die Art und Weise, wie wir lieben, also, was wir als Liebe ansehen, was für Attribute wir damit verbinden, woran wir Liebe erkennen, an uns selber und an anderen, hängt von den jeweiligen kulturspezifischen, kulturellen Konzepten, Modellen, Schemata ab."

Birgitt Röttger-Rössler, Ethnologin an der Freien Universität Berlin, brachte den Tenor der Tagung über "Die Wissenschaft und die Liebe" erst spät am Abend auf den Punkt. Es gibt wohl keinen Begriff, der mit so unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen wird und so abhängig ist von kulturellen, historischen und natürlich ganz individuellen Umständen wie die Liebe. Liebe, soweit hilft uns das Lexikon, ist etwas "Gutes, Angenehmes, das im engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung ist, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht." Wie die Liebe eines Liebespaares aus sozialpsychologischer Sicht entstehen kann, erklärt der Verhaltensforscher Bernhard Fink von der Universität Göttingen an einem alltäglichen Beispiel.

"Sie beurteilen zunächst einmal das Tanzen, etwa in der Disco, Körperbewegungen. Wenn sie dabei eine erste Entscheidung gefällt haben, dann etwa mit der Person am Tresen sitzen und ein Gläschen Wein trinken, dann haben sie die Gelegenheit, nochmal etwas über das Gesicht zu erfahren. Dann hören sie auch noch den Klang der Stimme, und sie erfahren ein paar Schlüsselkriterien, die in dem, was Menschen aneinander anziehend finden, eine Rolle spielen. Sie erfahren etwas über den Status des Gegenübers, über Einstellungen der anderen Person. Und dabei weiß die Wissenschaft, dass ein Prinzip gilt, was wir die Homogamie nennen, das heißt einfach: Gleich und Gleich gesellt sich gern."

Aus biologischer Sicht scheint das Phänomen der Liebe also relativ einfach zu erklären zu sein. Oder doch nicht? Am Anfang der Liebe steht das gegenseitige Interesse, das wiederum innerhalb von wenigen Augenblicken über äußerliche Reize und kognitive Empfindungen geweckt wird. Wann und wieso aber wird aus diesem Reflex eine enge, vertraute Partnerschaft, vielleicht sogar die Liebe unseres Lebens? Und wie finden wir den Partner, der dieses Glück verspricht? Diese Frage versucht der moderne Mensch immer öfter schematisch zu lösen, meint Julia Dombrowski vom Hamburger Museum für Ethnologie.

"Natürlich nimmt die Wissenschaft Einzug in die Liebe, und vor allem die Psychologie schon seit geraumer Zeit. Das sieht man an Ratgebern und populärwissenschaftlicher Literatur. Liebe und Partnerschaft ist einfach ein Bereich, der stark psychologisiert ist. Paarberatung und Paarcoaching gehören ja mittlerweile zu Alltagsangeboten. Und da denke ich, setzen auch die kulturspezifischen Vorstellungen an, dass es Ideen über Wissenschaftlichkeit gibt, nämlich: Wissenschaftlichkeit bietet Lösungen."

Die Hamburger Ethnologin erforscht den Begriff der Liebe bei der Partnersuche im Internet. Immerhin sieben Millionen Menschen greifen in Deutschland pro Monat auf ein Dating-Portal im Internet zu, bis zu drei Millionen Profile zählen die großen Anbieter der Branche. Im Mittelpunkt steht beim Online-Dating die Individualität der Selbstpräsentation: unter den unzähligen Profilen, die potenziell zur Auswahl stehen, spiele der erste, einmalige Eindruck, eine noch größere Rolle als beim reellen Aufeinandertreffen, meint Dombrowski. Dies sei ein kulturspezifisches Merkmal der Liebe im Verständnis der westlichen Moderne: Nur ich selbst kann erkennen, mit wem ich zusammen sein möchte, ich selbst entscheide, wen ich lieben kann. Dass die Idee der Romantik schwer mit der Technik Internet zu verbinden ist, spiele für die Online-Liebessucher zunächst keine Rolle.

"Sie verzichten zum Teil auch bewusst am Anfang darauf und werden von diesem Geschäftsmodell angezogen, weil sie natürlich enttäuscht sind von vorherigen Erfahrungen. Und da ist es natürlich toll, auf einmal ein Geschäftsmodell vor der Nase zu haben, wo halt Effektivität, und: "treffen Sie Ihren Partner!", und alles ganz ruckizucki versprochen wird. Dann aber - und das finde ich spannend - wenn sich Online-Dater kennengelernt haben und eine Beziehung eingehen, dann wird oft dieses erste Kennenlernen zurückromantisiert. Das heißt, man hat sich zufällig in der Börse getroffen, zufällig waren halt beide Leute online, und zufällig hat man den Computer nicht ausgeschaltet, und die E-Mail fühlte sich schon ganz besonders an."

Die Bewertung von Bewegung, aber auch Auswahlkriterien wie die Stimme oder der Geruch eines Menschen, die der Verhaltensforscher Bernhard Fink für ausschlaggebend hält, fallen für die Online-Dater aus. Dennoch gehorcht die Partnersuche im Internet denselben Gesetzen, wie sie die Biologie kennt: Für die Partnerauswahl steht die Homogamie im Mittelpunkt. Das Erkennen von Parallelen zwischen sich selbst und dem Gegenüber. Dass sich die Suche nach der Liebe bereits seit Jahren zunehmend ins Internet verlagert, sei eine natürliche Reaktion im Zeitalter der Technologie auf das Chaos der Liebe, meint Julia Dombrowski.

"Ordnung und Kontrolle spielen eine ganz große Rolle. Liebe und Partnersuche sind Bereiche, die von ganz starken Unsicherheiten geprägt sind. Man weiß oft selber gar nicht, wie man sich fühlt, man weiß natürlich nicht, wie der andere oder die andere denkt und man weiß überhaupt nichts mehr. Man ist einfach verunsichert. Dating-Börsen bringen natürlich ein Ordnungssystem hinein. Die Wissenschaftlichkeit der Ordnungsbörsen bringt ein Ordnungssystem hinein, und das ist natürlich ein starkes Bedürfnis von den Leuten. Und man merkt das auch: Am Anfang hält man sich auch an diese Ordnungssysteme der Dating-Börsen. Man guckt sich die Partnervorschläge an, man antwortet oft auch denen mit den meisten Matching-Points."

Dating Börsen werben ganz bewusst mit vermeintlich wissenschaftlichen Formeln und verzichten zugleich auf den Verweis auf die Romantik. Erst in den Erfahrungsberichten zufriedener Kunden ist dann die Rede vom tiefen Blick in die Augen beim ersten Treffen, von einem romantischen Abend und den sprichwörtlichen Schmetterlingen im Bauch. Partnersuche per Mausklick also als möglicher Anfangspunkt einer glücklichen, romantischen Liebe. Worin aber besteht das Glück des Verliebtseins? Was genau passiert mit uns, wenn wir glauben, oder vielmehr fühlen, endlich den Partner fürs Leben gefunden zu haben?

"Gehen wir davon aus, zwei lernen sich kennen, die finden sich attraktiv, und die initiieren beide eine Beziehung. Dann sind unterschiedliche Hirnmechanismen beteiligt. Es ist hochbelohnend für diese beiden, miteinander zu interagieren. Manche Autoren vergleichen das auch mit einer suchtähnlichen Form von Interaktionen. Sie denken die ganze Zeit an ihren Partner. Diese Zeit der ersten Interaktion der ersten Verliebtheit, ist sicher hoch belohnend und hoch positiv."

Erklärte auf der Berliner Tagung die Züricher Biopsychologin Beate Ditzen. Bei einer Versuchsreihe mit "Schwerverliebten", so die Wissenschaftlerin, habe die vermehrte Ausschüttung des Belohnungshormons Dopamin eine aktive schmerzlindernde Wirkung gezeigt. Bereits der Anblick eines Fotos des Geliebten, lasse den Partner beispielsweise einen Schmerz durch Elektroreizungen als weniger stark empfinden. Wie heftig die Wirkung des Dopamins ist, hänge dabei vermutlich mit genetischer Veranlagung und der Anzahl der Hormon-Rezeptoren zusammen. Verliebtheit, davon ist die Neurowissenschaftlerin überzeugt, lasse sich sogar künstlich herstellen.

"Faktisch ist es aber ein biologischer Cocktail, der in uns mit einer bestimmten Dynamik das Gefühl von Verliebtheit auslöst. Dann glaube ich, könnten wir den auch durch bestimmte Substanzen stimulieren. Ich denke, es wird irgendwann möglich sein, diesen hoch belohnenden Aspekt, wenn eine Person da ist, rein pharmakologisch zu stimulieren und uns vorzumachen: Dieser Mann, diese Frau, ist die tollste Person, der ich jemals begegnet bin. Das Problem ist aber nicht dieser Moment, sondern das Problem beginnt danach, wenn wir eine Beziehung mit der Person anfangen möchten. Wollen wir dann immer weiter die Droge nehmen?"

Aber will die Liebe schon mithilfe eines Cocktails finden? So wie jede Droge verliert auch die der Verliebtheit irgendwann ihre Wirkung. Abhängige, um im Bild zu bleiben, bräuchten immer wieder neue Verliebtheitskicks, die sie, wenn erst einmal der Liebesalltag eingekehrt ist, bei immer wieder wechselnden Partnern suchen. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen das dysfunktionale Kreislaufsystem. Für ein Menschenleben, zu dessen Erlebniswelten bekanntermaßen mehr als nur die Verliebtheit gehört, ist die Liebesgewöhnung ein natürlicher und zudem durchaus wünschenswerter Prozess, meint der Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck.

"In dieser Phase, in der wir so extrem physiologisch erregt sind, die Endorphinausschüttung ist erhöht, und vieles andere, in dieser Phase verarbeiten wir Informationen generell weniger systematisch, weniger gründlich, als wir es normalerweise tun. Was dazu führt, dass wir für viele Aufgaben, die das Alltagsleben an uns stellt, alles andere als gut gerüstet sind. Und deswegen ist das durchaus funktional nach so einer ersten Phase der Paarbildung, dann sollten wir auch mal wieder sorgfältig und vernünftig auf unsere Umwelt gucken, und auch die anderen Aufgaben bewältigen."

Und was macht die Liebe auf Dauer zu einer glücklichen? Auch dieser Menschheitsfrage, so scheint es, ist durchaus mit wissenschaftlichen Mitteln beizukommen. Manfred Hassebrauck von der Bergischen Universität Wuppertal definiert vier Säulen der Zufriedenheit in der Partnerschaft: Es sind Intimität, also Vertrauen und Nähe, Übereinstimmung, wie ähnliche Einschätzungen und Geschmäcker, Leidenschaft und Sexualität und nicht zuletzt: Unabhängigkeit, also dem Partner Freiraum lassen. Welche Bedeutung diese vier Grundpfeiler in einer Langzeitbeziehung haben, sei dabei in jeder Partnerschaft unterschiedlich. Niemand erreiche freilich das perfekte Gleichgewicht.

"Zu diesen individuellen Unterschieden gehören so genannte dysfunktionale Beziehungsüberzeugungen. Dass Leute meinen, in einer Beziehung muss es immer spannend und erregend sein. Wir müssen perfekt übereinstimmen, wir dürfen niemals unterschiedlicher Meinung sein. Seelenverwandtschaft: entweder es passt von Anfang an, oder es passt nie. All das sind eigentlich Grundüberzeugungen, die für langfristig zufriedenstellende und glückliche Beziehungen alles andere als funktional sind."

Langzeitbeziehungen, darüber sind sich die Forscher weitgehend einig, wirken sich nicht nur steigernd auf Gesundheit und Lebenserwartung aus. Langfristig sorgen stabile Liebesbeziehungen auch für eine größere soziale Integration und ein stärkeres Gefühl der allgemeinen Zufriedenheit. Beate Ditzer hat in neurowissenschaftlichen Versuchen zudem nachgewiesen, dass gerade die körperliche Nähe eines Langzeitpartners Stressgefühle neurologisch messbar vermindert. Auch der Verhaltensforscher Bernhard Fink ist sich sicher, dass feste Partnerschaften wie die Ehe aus rein biologischer Sicht durchaus sinnvoll sind. Dabei gehe es allerdings weniger um das Liebespaar, als um die Versorgung des Nachwuchses. Dieser evolutionär geprägte Mechanismus bestimmt das Zusammensein eines Liebespaares auch im Alltag, so Fink.

"Man hat etwa Tagebuchstudien durchgeführt, wo man Frauen gebeten hat, das Verhalten ihrer Partner zu notieren, zu Zeiten, wenn die Frauen fruchtbar sind und zu Zeiten, wo sie nicht fruchtbar waren. Und verblüffender Weise ist es so, dass an fruchtbaren Tagen, also rund um den Eisprung, die Männer sich plötzlich sehr viel mehr für ihre weiblichen Partner interessieren und sich sogar für Dinge interessieren, für die sie sonst kein Interesse haben. Sie gehen mit den Frauen einkaufen etwa, oder sie führen längere Telefonate. Für den Biologen steckt da der Mechanismus dahinter, dass man sicher gehen möchte, in den Nachwuchs, in den ich reininvestiere, da muss ich sicher sein, dass der auch wirklich von mir ist."

Der Faktor der Versorgungsicherheit gilt übrigens nicht nur für die Spezies Mensch. Auch im Tierreich gebe es zahlreiche Arten, die dem Menschen sehr ähnliche, monogame Beziehungsstrukturen pflegen, meint der Historiker Pascal Eitler, der sich als einer der ersten Wissenschaftler mit dem Phänomen der Tierliebe auseinandersetzt. Tierliebe gilt heute als eine besonders unverfälschte und intuitive Art der Zuneigung.

"Tierliebe hatte immer auch eine erzieherische Funktion: über diese Zuneigung zu Tieren sollten Menschen lernen, Zuneigung auch gegenüber Menschen zu entwickeln, Verantwortungsgefühl – auch das ist heute immer noch ein Klassiker in Erziehungsfragen. Man hat das Haustier, damit man Verantwortung lernt. Und insofern muss man dann sagen: Das, was wir heute als Tierliebe kennen, ist auch einfach ein Produkt der Aufklärung und dieser neuen Form von Menschlichkeit, von Moralität."

Und was bedeutet es, wenn wir behaupten, unser Haustier zu lieben? Wieso vererben Menschen ihr Vermögen ihrem Hund oder ihrer Katze? Wie ist es zu erklären, dass mancher Mensch zu seinem Tier ein engeres Verhältnis zu pflegen scheint, als zu seinen Mitmenschen? Und welche Rolle spielt die Projektion der eigenen Gefühle auf das Tier? Aus Sicht des Historikers Eitler muss man davon ausgehen, dass auch bestimmte Tiere gegenüber dem Menschen ein Gefühl erleben, das der Liebe gleichkommt,oder sie zumindest lernen, dass sie den Menschen brauchen.

"Es gibt immer wieder sehr prominente Beispiele, vor allem von Hunden, die ihren verstorbenen Herrchen oder Frauchen oft wochen- oder monatelange gewissermaßen nachtrauern, auf den Friedhöfen sich rumtreiben, den Grabstein nicht verlassen wollen, aufhören zu essen, sich nicht mehr bewegen wollen und wirklich lethargisch werden. Und die einfache Frage ist: Warum lässt man die Möglichkeit nicht offen, das eventuell auch Tiere diese Gefühle erwerben können, wenn man 14, 15 Jahr zusammenlebt. Die Tiere erlernen das eben auch, so wie wir das mühsam erlernen müssen."

Liebe, so könnte eine Quintessenz der Berliner Tagung lauten, ist ein Strauß aus hormonell-neuronaler Reaktion, biologisch-evolutionärer aber auch kulturhistorischer Prägung und sozialem Bindungsbedürfnis. Auch die Wissenschaft wird das Phänomen der Liebe wohl nie erschöpfend erklären. Und das ist vermutlich gut so, denn dann wäre die Liebe im eigentlichen Sinne wohl nicht mehr als solche zu bezeichnen.

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