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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Ernst Klee15.08.2013

Schwerpunktthema: Ernst Klee

Die Pionierarbeit des Holocaust-Forschers

Mit seinem Buch "Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens" wurde er 1983 international bekannt: Ernst Klee - Historiker, Sozialpädagoge, Theologe, Autor und Filmemacher. Sein Name steht für Zivilcourage und investigativen Journalismus, zeitlebens hat er sich eingesetzt für NS-Opfer, Behinderte und Benachteiligte.

Von Dörte Hinrichs und Hans Rubinich

Unter Historikern nicht unumstrittener Pionier: Ernst Klee (picture alliance / dpa / Zucchi)
Unter Historikern nicht unumstrittener Pionier: Ernst Klee (picture alliance / dpa / Zucchi)

"Das ist das Minimum, dass wir festhalten, was hier Menschen geschehen ist. Ich will ein Beispiel erzählen: Da sind Häftlinge in Auschwitz, an denen schreckliche Versuche gemacht werden. Ein Teil wird wahnsinnig über den Schmerz. Ein Teil stirbt. Ein Teil überlebt. Und nach sehr vielen Jahren versuchen die den Täter rauszufinden. Und sie wollen eine Wiedergutmachung. Und dann bekommen sie aus Bonn eine Nachricht, dass diese Versuche, die sie schildern nach Kenntnis des Ministeriums in Bonn nicht stattgefunden haben. Und dass es sich folglich um eine therapeutische Maßnahme gehandelt haben müsse. Ich erzähle es deshalb, weil ich damals begriffen habe, dass man den Opfern auch noch den Opferstatus genommen hat."

Für Ernst Klee ein unfassbarer und unhaltbarer Zustand. Er recherchiert, spricht mit Opfern, streitet um ihre Würde. In seinen Büchern zum Holocaust und NS-Staat nimmt er daher immer die Perspektive der Opfer ein. Er macht ihre Namen öffentlich, erzählt ihre Geschichten und entlarvt die Täter. In seinem letzten Buch, einem Personenlexikon zu Auschwitz, beschreibt er, wie das Morden vor sich ging im größten Vernichtungslager. Dazu dokumentiert er die Lebensläufe von über 4000 Menschen in Auschwitz. Von den Mördern bis zu den Häftlingen, die zu Hilfsdiensten gezwungen wurden. Wie zum Beispiel Anita Lasker, "die Cellistin von Auschwitz".

"Lasker, Anita: Tochter eines Anwalts. Eltern 1942 deportiert, an unbekanntem Ort ermordet. Dezember 1943 in Auschwitz, Aufnahme ins sogenannte Mädchenorchester, das Märsche, Walzer und Volksweisen spielt. (…) Lasker in einem Bericht über den Alltag: Als 1944 tausende von ungarischen Juden in das Lager gebracht wurden und aufgereiht standen, um in die Gaskammern geführt zu werden, mussten wir auch diesen Unglücklichen etwas vorspielen." Die privilegierte Stellung – die Musikerinnen wurden von jeder Arbeit freigestellt – zieht Anfeindungen anderer Lagerinsassen mit sich. Dezember 1944 Auflösung des Orchesters, Übersiedlung nach Bergen-Belsen. 1946 in England. Britische Staatsbürgerin, Gründungsmitglied des English Chamber Orchestra. 1996 Erinnerungen: Ihr sollte die Wahrheit erben: die Cellistin von Auschwitz."

Auch wenn das Lexikon hautsächlich die Täter von Auschwitz aufnimmt und dokumentiert, stehen auch in diesem Buch bei Klee die Opfer im Mittelpunkt. Das sieht Werner Renz ähnlich. Er ist Leiter des Archivs des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt. Dort hat Klee lange geforscht und die Aussagen des Auschwitzverfahrens studiert. Im Nachwort schreibt er, ohne Renz wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Ein Personenlexikon, für das Klee ein ganz besonderes Verfahren zugrunde gelegt hat, wie Werner Renz erklärt.

"Wenn er einen Täter aufführt, von dem wir nicht mehr wissen als sein Geburtsdatum, möglicherweise seinen Geburtsort und seine Funktionsstellung in Auschwitz und es heißt, er habe in der Effektenkammer, in der Bekleidungskammer von Auschwitz gearbeitet, dann zitiert Klee aufgrund seiner umfassenden Kenntnisse der Quellen eine Darstellung eines Opfers über die völlig unzureichende mangelhafte Bekleidung der Häftlinge, über das sich zu Tode frieren im Winter und er stellt damit durch diese Kombination von Darstellung des Täters in seiner Funktion, der Schilderung der Opfer in Bezug auf diesen Täter, stellt er die Verantwortung dieses Täters dar."

Auf der anderen Seite, so Renz, zeigt Klee wenig Verständnis für Überlebende aus Auschwitz, die später versuchten, das Erlebte zu verharmlosen.

"Eine Besonderheit des Auschwitzlexikons von Ernst Klee ist auch, dass er da und dort Überlebende sehr kritisch beurteilt. Ein Beispiel ist der berühmte polnische Auschwitz-Überlebende und Autor Tadeusz Borowski über den Klee schreibt, er habe in seinen Erzählungen die Position des satten Funktionshäftlings eingenommen. Und er versuche mit flapsigen bis zynischen Texten das Trauma Auschwitz abwehren. Dies scheint mir eine Miss-Interpretation der berühmten Erzählungen von Borowski zu sein."

Denn – so Renz – Borowski sei kein Handlanger der SS gewesen. Und es dürfe ihm – wie auch anderen - nicht vorgeworfen werden, sie hätten kein Mitgefühl entwickelt für die Sterbenden.

"Viele haben in Auschwitz – und das haben die Auschwitz-Überlebenden in ihren Zeugnissen, in ihren Berichten immer auch betont, zu ihrem Selbstschutz sich eine harte Haut angeeignet. Hätten sie sich jedes Sterbenden angenommen, wären sie selbst zugrunde gegangen."

Zu den Überlebenden zählt auch Jona Laks. Über sie schreibt Klee:

"Laks, Jona. Mengele-Zwilling, Nr. A-27700, geboren 24.8.1930. Eltern 1942 im Vernichtungslager im Gaswagen ermordet. Ankunft Auschwitz mit zwei Schwestern im August 1944."

Was Klee weiter über sie schreibt, deckt sich mit dem, was Jona Laks damals in Auschwitz erlebt hat:

"Als wir in Auschwitz ankommen, steht Dr. Mengele an der Rampe. Er wählt die Menschen aus, die sterben oder weiterleben sollen. Es muss für ihn schon fast langweilig gewesen sein, denn jeden Tag kommen große Transporte von Menschen nach Auschwitz. Und so macht er es schon fast automatisch. Er zeigt mit seinem Arm mal nach links, mal nach rechts. Heute wissen wir, was es bedeutete, was er mit "links" meinte. Links war das Krematorium. Links bedeutete, für diese Menschen gab es keine Verwendung mehr. Sie sollten unverzüglich umgebracht werden."

Das droht auch Jona Laks.

"Ich war sehr unterentwickelt für mein Alter. Bei diesem Appell befahl mir Dr. Mengele zur linken Seite zu gehen. Meine Zwillingsschwester befahl er zur rechten Seite. Ich spürte, es stimmte etwas nicht, auch wenn ich nicht genau wusste, was es genau war. Ich wusste nicht, wohin ich geschickt wurde. Wie befohlen ging ich zur linken Seite, wo die Krematorien waren. Dabei vermied ich es zurückzuschauen und meine Schwester anzusehen. Und so ging ich weiter und weiter. Und ich konnte das Feuer spüren, den Schornstein, den Geruch. Und da wusste ich, was geschehen würde."

Ihre Zwillingsschwester Miriam fleht Mengele an, sie müsse bei ihrer Schwester bleiben. Sie seien Zwillinge. Das überzeugt Mengele, sind die beiden doch interessant für seine medizinischen Versuche. Er holt sie aus der Menschenreihe und lässt sie in sein Labor bringen.

Jona Laks und viele andere Zwillinge sind in Auschwitz den Menschenversuchen des SS-Arztes Josef Mengeles ausgesetzt. Im Namen der Wissenschaft. Denn Mengele experimentiert für den damals größten Forschungsverband, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die nach 1945 in Max Planck-Gesellschaft umbenannt wird. Regelmäßig schickt Mengele Organteile und Blutproben nach Berlin an seinen Doktorvater, dem Zwillingsforscher Otmar Freiherr von Verschuer. Der wertet das Menschenmaterial für seine Forschungen aus.

Die Max Planck-Gesellschaft will nach 1945 von alledem nichts wissen. Sie wird auch noch die nächsten Jahrzehnte zu ihrer NS-Vergangenheit schweigen. Sie schweigt zu den Menschenversuchen eines Josef Mengele. Und zu führenden Wissenschaftlern der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die sich am Rassenwahn der Nationalsozialisten beteiligten und das sogenannte Euthanasie-Programm unterstützen. Darauf weist Ernst Klee schon in den 1980er Jahren hin.

Sich mit den Praktiken der sog. Euthanasie auseinanderzusetzten und die Taten und Täter öffentlich zu machen, war eine Fortentwicklung seines Engagements für Benachteiligte und Randgruppen. Von 1973-1982 hatte Klee einen Lehrauftrag für Behindertenpädagogik an der Fachhochschule Frankfurt. In dieser Zeit erscheinen auch sein Behinderten-Report und sein Psychiatrie-Report.

Walter Pehle lektoriert im Fischer-Verlag seit den 1970er Jahren die Bücher von Ernst Klee, die kurze Zeit später eine neue Richtung bekommen.

"Eines Tages rief er an, er hätte was. Und dann kam er und legte mir ein etwa drei Finger dickes Manuskript auf den Tisch. Und ich war schwer beeindruckt. Das sollte heißen: Euthanasie im NS-Staat. Also da hatte ich wahrlich nicht mit gerechnet. Dieser Kerl, der Sozial-Reportagen gut kann. Wie wagt er sich auf das Feld der heiligen Geschichtswissenschaft? Und dann auch noch mit diesem verdammten Thema "Euthanasie". Also da stand der Schweiß auf der Stirn."

"Euthanasie" im NS-Staat. Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens"' erscheint 1983. Klees Buch über die gezielte Tötung von Behinderten gilt heute als Standardwerk und hat der NS-Forschung wichtige Impulse gegeben. Es verkauft sich über 150.000 Mal. Auch Forscher der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft werden darin stark angegriffen. Ihre Nachfolge-Organisation, die Max Planck-Gesellschaft, schweigt zu den Vorwürfen. Denn:

"Die Täter lebten ja noch. Und die waren topfit. Die wurden ja nicht behelligt. Das waren einflussreiche Leute. Das waren Chefärzte und Verbandsvorsitzende. Oder sonst zu Wohlstand gekommene Leute mit Batterien von Rechtsanwälten im Hintergrund. Das waren unsere Gegner."

Das kann Werner Renz vom Fritz-Bauer-Institut bestätigen.

"Die Nachkommen der Täter haben abgestritten, dass ihre Vorfahren, ihre Angehörigen an diesen Verbrechen beteiligt waren. Und Klee hat in den meisten Fällen diese Verfahren gewonnen, indem er eben aus den Quellen heraus belegen konnte, was geschehen war."

Klee lässt sich nicht beirren und macht weiter. Um die Jahrtausendwende beauftragt der damalige Präsident der Max Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, eine Forschergruppe. Sie soll die Rolle der Vorgänger-Gesellschaft im Nationalsozialismus untersuchen. 20 Bücher werden erscheinen. Einen Großteil der Ergebnisse hat Klee schon viel früher in akribischer Kleinarbeit aufgedeckt und Material aus Archiven in ganz Europa zusammengetragen.

"Dass man 55 Jahre braucht, um aus der Verkleisterung und Verschönerung zum Willen zur Aufarbeitung zu kommen, das ist ein so irrsinnig langer Zeitraum – das kann ich gar nicht kommentieren. "

Zur selben Zeit als die Max Planck-Gesellschaft damit beginnt, ihre NS-Vergangenheit zu erforschen, veröffentlicht Klee am 27.Januar 2000 unter der Überschrift "Augen aus Auschwitz" einen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit". Darin macht er publik, wie Forscher der Vorgängerorganisation sich auch an Menschenversuchen beteiligten. Dieses Mal reagiert die Max Planck-Gesellschaft. Ihr damaliger Präsident Hubert Markl antwortet Klee in der "Zeit". Er versucht zu erklären, weshalb es Jahrzehnte gedauert hat, bis die Gesellschaft es wagte, ihre Rolle im NS-Staat zu untersuchen. Hubert Markl:

"Man hat es wahrscheinlich erst später ernsthaft begonnen, weil vorher vielleicht eine gewisse Rücksichtnahme auf Überlebende eine Rolle gespielt hat. Ich will das auch für die Wissenschaft nicht ausschließen. Und so kommt da Mehreres zusammen. Einerseits der Wunsch von Leuten, die was zu verbergen haben, dass das nicht aufgedeckt wird. Andererseits auch rechtliche Vorgaben im Umgang mit Informationen. Und alles das hat dazu geführt, dass die ersten Jahrzehnte nicht gerade Jahrzehnte der großartigen Aufklärung waren. Das müssen wir wohl feststellen."

Hubert Markl geht in dem Zeitungsartikel auch darauf ein, was der Genetiker Benno Müller Hill fordert. Er hat – wie Klee – schon in den 80er Jahren die Menschenversuche der Gesellschaft ans Licht gebracht. Müller-Hill fordert Markl auf, sich bei noch lebenden Opfern solcher Versuche zu entschuldigen. Das lehnt Markl zunächst ab.
Entschuldigen könnten sich nur die Täter selbst, schreibt Markl. Doch ein Jahr später ändert er seine Meinung. Er lädt Zwillinge nach Berlin ein, die die Menschenversuche in Auschwitz überlebt haben, und bittet sie im Namen der Gesellschaft um Verzeihung. Kein Grund, um Jubelarien anzustimmen, meint dazu Ernst Klee. Ganz im Gegenteil.

"Mein Gott, sich bei den Opfern zu entschuldigen, das ist das Einfachste und Selbstverständlichste. Nur es bedeutet anzuerkennen, dass Wissenschaftler, die bis dahin als makellos galten, Schuld auf sich geladen haben. Und mitbeteiligt an den Medizin-Verbrechen des Dritten Reiches sind. Und weil man sich damit so schwer tut, hat man eben so lange gebraucht. Um überhaupt ein Wort für die Opfer zu finden."

Ernst Klee macht sich einen Namen. Vor allem mit seinen weiteren Büchern zum NS-Staat. Dabei versteht er sich weniger als Wissenschaftler, sondern vielmehr als investigativer Journalist, einer der etwas aufdecken will.
Seine Forschungen sind bei Historikern teilweise umstritten, so Werner Renz vom Frankfurter Fritz Bauer-Institut.

"Er wird von der Wissenschaft wahrgenommen, aber nicht in dem Maße, wie er es meines Erachtens verdient hätte. Er wird wahrgenommen zweifelslos. Er gilt als Pionier, insbesondere was die Euthanasie-Forschung in Anführungszeichen anlangt. Aber er hätte mehr Anerkennung verdient gehabt."

Was Klee besonders prägte, war sein persönliches Engagement. Niemand beauftragte ihn, er forschte unabhängig und recherchierte aus freien Stücken.

"Was die akademischen Historiker der Zunft nicht getan haben - er hat die Verantwortung der Täter benannt. Und hat sich nicht gescheut, auch mit Tätern und ihren Nachkommen Auseinandersetzungen zu führen."

Der Leiter des Archivs vom Fritz-Bauer-Institut ist besonders beeindruckt von Klees Arbeitsweise. Sehr intensiv, ja fast schon besessen habe er geforscht und seine Bücher geschrieben. Das hat auch Klees Lektor Walter Pehle immer fasziniert. Ihm hat Klee das neue Auschwitz-Personenlexikon gewidmet. Bis zuletzt, so Pehle, habe er daran gearbeitet. Obwohl Klee schwer an Krebs erkrankt war.

Klee wird für seine Bücher und Filme und für sein Engagement für Behinderte mehrfach ausgezeichnet. Am meisten gefreut hat er sich über eine Förderschule für körperliche und motorische Entwicklungen in Mettingen. Seit 2005 heißt sie "Ernst Klee-Schule". Fünftklässler haben für ihn jetzt ein besonderes Andenken geschaffen: Im Skulpturenwald von Mettingen steht seit Kurzem ein "Ernst Klee-Baum".
Diese Schule sei Klee besonders wichtig gewesen, meint sein Lektor Walter Pehle. Da hätte er gesehen, dass seine Arbeit angekommen sei.

"Bei meinen letzten Besuchen in seinem Krankenzimmer, da hat er mir eine Mappe mit Zeichnungen gezeigt, die ihm die behinderten Schüler zugeschickt haben. Wenn man darin blätterte, musste man weinen. Es war eindrucksvoll, wie die den lieben. Also dieser Ernst war ja auch ein paar Mal da und das waren also Sternstunden in Mettingen. Und da war er ganz stolz drauf, dass man eine Schule nach ihm benannt hat."

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