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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Von Astrologie bis Zukunftsforschung29.12.2011

Schwerpunktthema: Von Astrologie bis Zukunftsforschung

Geschichte und Gegenwart der Prognose

Die Zeit zwischen den Jahren eignet sich gleichermaßen für Rückschauen wie für Vorschauen und Prognosen. Die Techniken für Zukunftsvorhersagen haben sich in den letzten Jahrhunderten nur geringfügig verändert: Inzwischen wird Astrologie mit Computern betrieben.

Von Andrea und Justin Westhoff

Eine astronomische Uhr (Stock.XCHNG - Jake McArthur)
Eine astronomische Uhr (Stock.XCHNG - Jake McArthur)

"Unsere Kultur – dem Untergang geweiht."
"Warum lesen so viele Menschen Horoskope? Warum wollen wir wissen, wie unsere Zukunft wird"? - "Weil wir irgendwo Angst haben."
"Ich hab Angst vor Krankheiten halt, Einsamkeit ist auch eine große Angst.
Scheitert der Euro, dann scheitert Europa."
"Wenn die Zeit reif ist, wird’s gute Entscheidungen geben."
"Damit später alles so wird, wie Sie sich das vorstellen."
"Wirklich eine schöne, neue Arbeitswelt?"
Dass man auch nicht die Courage verliert, sich das Undenkbare vorzustellen."

Was wird sein? Was bringt die Zukunft? Einzig der Mensch kann sich vorstellen, dass es eine Zeit gibt, die vergangen ist, und eine, die noch kommt.

"Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei:
Dass ihm gewiss und ungewiss die Zukunft sei."
– der deutsche Dichter Friedrich Rückert.

Für den Einzelnen gibt es heute ein Mehr an Zukunft: Die Lebenserwartung in Industrieländern ist auf durchschnittlich über 80 Jahre angestiegen. Wir dürfen oder müssen – je nach Geschmack – mit einer ziemlich großen Zahl vor uns liegender Jahre rechnen. Wir unterscheiden uns allerdings in der Art, wie wir mit dem Thema umgehen, sagt die Berliner Psychologieprofessorin Eva Jaeggi.

"Es gibt Menschen, die sehr stark in der Gegenwart verhaftet sind, für die die Gedanken an die Zukunft eher fernliegend sind, und dann gibt’s Menschen, für die die Zukunft eine große Rolle spielt. Beides kann natürlich auch dann ins Pathologische hineingehen: Menschen, die nur in der Gegenwart verhaftet sind, meistens ist übrigens für die auch die Vergangenheit unwichtig, und die auch für die Zukunft nicht vorsorgen, das kann ja auch gefährlich werden, und Menschen, die sich sorgsam nur immer um die Zukunft bemühen und vor lauter Angst, dass die Zukunft ihnen misslingen könnte, die Gegenwart vergessen."

Mit Bangen oder Hoffen, mit Planen oder Träumen kann man der Zukunft begegnen. Aber eins haben die meisten Menschen gemeinsam: Sie können Ungewissheit nur schwer ertragen. Deshalb gab und gibt es seit jeher unzählige Versuche, irgendwie doch etwas über das Kommende zu erfahren.

Aus den Sternen, aus den Karten, aus der Hand – Zukunft als Geheimwissen

Jahrhunderte lang glaubte der Mensch, sein Schicksal sei unveränderbar. Der Blick in die Zukunft diente allenfalls dazu, ein wenig vorbereitet zu sein. Und die Kunst des Sehens und der Vorhersage war auch nur wenigen Auserwählten gegeben. Heute sind die meisten überzeugt, ihr Schicksal weitgehend in der Hand zu haben – und doch boomen gerade die alten, esoterischen Techniken der Zukunftsdeutung. Diesen Widerspruch deutet der Berliner Zukunftsforscher Gerhard de Haan so:

"Auf der einen Seite können wir sagen, wir leben doch in einer Gesellschaft, die einen hohen Grad von Sicherheit gewährt: Wir haben ein Rentensystem, wir haben Wetterberichte, die 16-Tage-Prognosen machen heute, etc., auf der anderen Seite leben wir in einer Gesellschaft mit einem hohen Grad an Beschleunigung. Es gibt immer mehr zu entscheiden, auch für den Einzelnen zu entscheiden. Wir leben nicht mehr in festen Strukturen und nicht mehr in Traditionen."

"Ich betrachtete mich als den typischen westeuropäischen Intellektuellen, der natürlich für Esoterik überhaupt nicht übrig hat."
"Man merkt das ja im Bekannten- oder Freundeskreis. Dinge, die ich nie für möglich gehalten habe, nämlich dass man Hellsehen kann, sind offensichtlich möglich."
"Man ruft dann mal eine entsprechende Astro-Hotline an."
"Hallo liebe Zuschauer zu den Astro-News. In der Liebe gehen Ihnen die guten Ideen dank Jupiter so schnell nicht aus."
"Und dann war ich bei einer Astrologin, und diese Frau kannte mich überhaupt nicht und hat mir ganz genau meine Jugend erklärt, sodass ich also sehr ins Nachdenken gekommen bin."
"Missverständnisse und Unstimmigkeiten lösen sich zunehmend auf."
"Man liest das eine oder andere Buch und erstellt sich natürlich auch selbst manchmal das Horoskop via Computer-Software."
"Die Kommunikation, der Handel und auch alles rund ums Reisen kommt wieder in Schwung."

Astrologie ist nach wie vor die beliebteste Form esoterischer Zukunftsschau. Viele Menschen lesen regelmäßig ihr Horoskop –natürlich nur zum Spaß. Für neue Liebesbeziehungen wird dann aber allen Ernstes die Frage gestellt: "Welches Sternzeichen bist Du?"

Die Himmelsdeutung ist sehr alt, denn die Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen war weltweit wichtig für das Alltagsleben, gab Hinweise auf Ebbe und Flut und auf das kommende Wetter. Und weil der Himmel immer auch als Ort der Götter galt, gehörten Astrologen zur religiösen Machtelite. Dabei hatte und hat die Astrologie keine einheitliche Theorie.

Es gibt auch heute viele verschiedene Schulen, aber allen gemeinsam ist ihre magische Weltsicht, die da lautet: "Wie oben, so unten".

Demnach gelten kosmische Gesetze auch für das Leben auf der Erde und zeigen sich im Horoskop: Den Himmelskörpern und ihrer Position zueinander zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen wird entscheidende Bedeutung zugeschrieben. Daraus gewinnt der gemeine Astrologe Informationen über den Charakter des Ratsuchenden und über sein kommendes Schicksal. Die Deutungen lehnen sich in der Regel an die antike Mythologie an: So steht der Mars für "Krieg, Kampf und Energie", Venus für "Liebe", und so weiter ...

Es fördert Glaubwürdigkeit und Geschäft, wenn sich mittlerweile viele Astrologen bemühen, ihre "seriöse" von der "Vulgär-Astrologie" zu unterscheiden. Jetzt werden Horoskope in aufwendigen Computer-Berechnungen erstellt, zudem noch für ganz gezielte Fragen.

Die Anhänger der empirischen Sternenwissenschaft, Astronomen, beeindruckt dies freilich nicht. Sie weisen darauf hin, dass die Astrologie auf dem falschen geozentrischen Weltbild aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert basiert. Und überhaupt geht die den Horoskopen zugrunde liegende astrologische Uhr inzwischen ziemlich falsch, weil sich die Planetenstellungen in den letzten 2.000 Jahren verändert haben.

Das allerdings wird die unzähligen Horoskop-Gläubigen nicht überzeugen. Aber darum geht es ja auch gar nicht, meint Gerhard de Haan von der Freien Universität Berlin.

"Um was geht es? Tatsächlich um die Vorhersage der Zukunft? Oder ist es nicht, mit modernem Vokabular gesprochen, eigentlich eine Art von Coaching, das da passiert? Also wir leben in einer Gesellschaft, die im hohen Grad individualisiert ist, und dennoch brauchen wir in gewisser Form Orientierung. Wie entscheide ich mich? Wie werde ich wahrgenommen von außen? Welche Perspektiven hab ich? Und da braucht man eigentlich einen Coach. Und das kann nun ein teurer Berater sein, der einem zur Seite steht in einem Unternehmen oder auch privat, also in den USA, in New York, gibt es ja einen Coach, der sagt einem, welcher Hund passt zu Ihnen und welchen sollen Sie auf die kommende Party mitnehmen, und was Ähnliches liegt eigentlich auch da vor. Gut, da steht am Ende mal der Satz "Sie werden wieder mit ihrem Partner zusammen kommen", aber da ist auch sehr viel Lebensberatung drin, und ich glaube, das ist das, was die Menschen darin suchen. Es geht nicht darum, die Zukunft wirklich vorauszusehen, sondern durch das Gespräch für sich selbst eine Orientierung und eine Hoffnung wieder zu gewinnen."

Auch bei anderen esoterischen Zukunftsbefragungen geht es mehr um Entscheidungshilfe als um Vorhersage.

"Also aufgefallen ist es mir das erste Mal, als meine jüngste Tochter sehr übermüdet morgens wirkte, und sie meinte, "ja gestern war Mitternachtsstunde. Ja, das machen wir, wenn du weg bist. Und wir haben also die Kerzen angezündet, und stellen dann Gläser auf den Tisch, und irgendwann zeigen die Gläser Zeichen auf. Sie kriegen wohl auch ja, Zukunftsereignisse damit raus, zum Beispiel also, ob ein Lehrer von der Schule abgeht, oder wie der Tag morgen wird."
"Hier sind die Karten: Wir sehen hier oben das Kreuz. Das Kreuz ist ja immer so was – dass es ein Kreuz zu tragen ist, allerdings ist es hier als verstärkendes Kreuz. Das ist also schon mal eine gute Nachricht, und hier drunter auch noch der Schlüssel, die Sicherheit. Weil die Lilien natürlich auch das Thema Sexualität bedeuten können, aber nicht müssen."
"Das Interessante ist, dass man wirklich Ergebnisse hat. Jetzt muss ich mich darauf vorbereiten, in – weiß ich wann – zu sterben oder so was.
Eine schwammige Wolke."
"Ein Junge, der ständig pendelt, wenn er eine Entscheidung braucht, er macht das ganz ernst, er sieht das nicht als Spiel. Dieser Junge braucht offensichtlich eine Orientierung, die ihm die Eltern nicht geben konnten und er hat sie, vielleicht durch einen Zufall angeregt, in solchem Pendeln gefunden."

Gläserrücken, Kartenlegen, Handlesen, Pendeln – die magische Weltsicht geht davon aus, dass es begabte Zeitgenossen gibt, die mehr als andere sehen, verstehen, offenbaren können. Esoterische Zukunftsvorhersage-Techniken gehen auf die alte Orakel-Kunst zurück.

Oraculum, lateinisch "der Mund", bezeichnete in der Antike zunächst den Ort, an dem eine Gottheit spricht, später auch das Medium oder die Weissagung selbst. Das "Orakel von Delphi", eine Höhle am Südhang des griechischen Parnassgebirges, war im 12. Jahrhundert vor Christus Kultstätte der Erdmutter Gaia, die später von Priesterinnen des Apollon genutzt wurde und zu der alljährlich Tausende einfache Leute ebenso wie Herrscher pilgerten.

Orakel-Techniken waren und sind überall auf der Welt verbreitet: Im alten Rom deuteten Priester die Zukunft aus dem Vogelflug oder aus Innereien von Tieren. In Asien benutzte man Knochen oder Schafgarbenstängel – so beim chinesischen I-Ging, das im Westen vor allem durch C.G. Jung bekannt wurde. Auch das Bleigießen zu Sylvester ist eine Form der Orakelbefragung – ursprünglich sollten damit junge Mädchen etwas über ihren künftigen Ehemann erfahren. Und ganz vorne auf der Hitliste: Kartenlegen, das im 7. Jahrhundert in China aufgekommen sein soll und im 15. Jahrhundert nach Europa gelangte – allen voran das "Tarot".

Die Bilder – etwa der Magier, die Kaiserin oder der Narr – sowie die Symbole auf den insgesamt 78 Tarot-Karten haben sämtlich mehrere Bedeutungen und können zudem unendlich miteinander kombiniert werden. Man soll beim Mischen seine konkrete Frage formulieren, dann werden die Karten in Fächerform, als Karré oder Kreuz gelegt und gedeutet.

Die Faszination und damit auch der Grund für die ungebrochene Beliebtheit all dieser Orakeltanten-Techniken liegt für den Zukunftsforscher de Haan klar auf der Hand:

"Es hat zu tun, denke ich, mit einer gewissen Reserviertheit auch gegen über dem ganzen rationalen Kalkül und der ganzen Ent-Emotionalisierung der Verhältnisse. Wir sind sehr stark abonniert auf eine Idee von Aufklärung, die rein verstandesmäßig läuft. Nun wissen wir aber aus der ganzen psychologischen Forschung, das meiste, was wir entscheiden, entscheiden wir eigentlich emotional. Und mir scheint, dass bestimmte Segmente, die in irgendeiner Form sich mit Prophetie befassen, dass die eher doch diesen emotionalen Aspekt und das Hoffnungsmoment mit bedienen. Insofern ist das ein anderes Feld, was wir über Aufklärung und Rationalität nicht so ohne Weiteres in den Griff bekommen."

Doch gerade weil der esoterische Blick in die Zukunft nicht rationale, sondern emotionale Bedürfnisse befriedigt, ist er nicht ganz ungefährlich:

Zwar dürfen die Karten-Gucker nicht den Tod voraussagen und auch keine medizinischen Ratschläge geben. So bestimmen es zum Beispiel die Statuten von "Astro-TV". Aber zumindest kann die esoterische Zukunftsschau schnell zum finanziellen Problem werden, wenn man es direkt zur Wahrsagerin trägt oder wenn private Fernsehsender teure Telefongebühren abzocken. Zudem besteht die Gefahr psychischer Abhängigkeit.

Manche Menschen treffen gar keine Entscheidungen mehr ohne Karten, Pendel oder Horoskop; andere sorgen – unbewusst – dafür, dass sich vor allem die negativen Prophezeiungen über ihre Zukunft wirklich erfüllen. Die Psychotherapeutin Eva Jaeggi:

"Self fulfilling prophecy ist ein ganz klarer, empirisch feststehender Tatbestand, gerade als Psychotherapeuten können wir das immer wieder sehen, dass Menschen, die fest überzeugt davon sind, dass ihnen nur unglückliche Beziehungen bevorstehen oder dass ihre Kinder absacken werden, dass die so sich verhalten, dass das auch eintritt."

Unser aller Zukunft – Prophezeiungen, Visionen, Utopien

Am 21. Dezember 2012 endet der "Maya-Kalender". Dann kommt angeblich der Weltuntergang, entweder durch eine riesige Flutwelle, durch einen Asteroideneinschlag oder durch einen Angriff von Außerirdischen.

Wirkliche Maya-Forscher, Historiker, Archäologen, sie haben allerdings längst abgewunken: Die Maya hatten nicht einen, sondern drei Kalender, mit unterschiedlich langen Phasen, und ihre Zeiteinteilung war zyklisch, immer orientiert an den Himmelskörpern. Das heißt, eine Weltuntergangsprophezeiung war ihnen völlig fremd, vielmehr markiert das Ende eines Zyklus einfach den Beginn eines neuen.

Doch in vielen Teilen der Welt fällt die Vorstellung vom kommenden, katastrophalen "Ende der Geschichte" auf fruchtbaren Boden. Das hat auch mit religiösen Traditionen zu tun: Judentum, Christentum und Islam haben apokalyptische Zukunftsvorstellungen mit Weltgericht und –Untergang. Insgesamt ist das europäische Geschichts- und Selbstverständnis endzeitlich, sagt Zukunftsforscher Gerhard de Haan:

"In der Antike sah man eigentlich den Niedergang von Gesellschaft, der ganzen Welt als unweigerlich an. Das goldenen Zeitalter war längst vorbei, und eine Zeit lang in der mittelalterlichen Welt, hatte man ja auch lange Phasen mit Untergangsvisionen gehabt, einfach vor dem Hintergrund, dass das irdische Jammertal ein Ende haben müsste für ein jenseitiges Paradies. Insofern gehört das mit, kann man sagen, auch zur menschlichen Struktur, und schauen wir uns die Psychoanalyse an: Sigmund Freud entdeckt einen Todestrieb, das hat auch mit den Untergangsvorstellungen zu tun, und ob das jetzt 2012 ist, die erleben wir immer wieder."

Tatsächlich hatten Weltuntergangsvisionen immer Konjunktur – mit konkreten Kalenderdaten:

Im Mittelalter zum Beispiel war die Zeitenwende im Jahr 999 ein fester Weltuntergangstermin. Martin Luther hat den Weltuntergang gleich dreimal vorhergesagt, noch für seine Lebenszeit. Am 31.12.1999 fürchteten auch kühlere Köpfe mindestens den Zusammenbruch der Computerwelt.

Und das jüngste künstlerische Weltuntergangsdrama ist der Film von Lars von Trier: Hier geht es um einen Planeten mit dem sinnträchtigen Namen "Melancholia", der auf die Erde zurast.

"Die Erde ist schlecht, wir brauchen nicht um sie zu trauern."

Untrennbar verbunden mit kollektiven Zukunftsvorhersagen sind Propheten, die als "Seher" und zugleich "Sendboten" einer Gottheit galten. Ursprünglich sagten sie – wie Kassandra – Gedeih oder Verderben eines Herrschers und damit seines Volkes vorher.

Die berühmtesten Unheils-Prophezeiungen stammen von Nostradamus – geboren als Michel de Notre Dame nahe Avignon. Zunächst erwarb er einen legendären Ruf als Pestarzt und wurde dann zum berühmtesten "Seher" des 16. Jahrhunderts. Nostradamus schrieb jedes Jahr einen Almanach, der auch Prophezeiungen enthielt. Aus Angst vor der Inquisition verschlüsselte er seine Prophezeiungen mehr und mehr in vierzeiligen Versen, zusammengefasst als die "Centurien".

Seine Prophezeiungen werden heute – vor allem im Internet – eifrig umgedeutet, im Nachhinein werden aktuelle Ereignisse zu Voraussagen des Nostradamus erklärt. Auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 etwa passt wundersam die 10. Centurie:

"Die große Hafenstadt
wird heimgesucht werden von schrecklichem Wind,
in unerhörter Geschwindigkeit und gehorsam herbeigeführt.
Das große, gefüllte Theater wird zerstört,
die hohe Dachmitte über dem Kopf.
Luft, Himmel und Erde verdunkeln und trüben sich."


Alles passt "irgendwie" immer: Nostradamus hat genaue Orte und Daten nie angegeben. Überhaupt waren "Zukunftsvorhersagen" aller Propheten oft generelle Kritik an den Übeltaten der Menschheit und Warnungen. Der Hamburger Religionswissenschaftler Professor Ulrich Dehn:

"Propheten hatten normalerweise sogar eher eine sehr gegenwartsbezogene Aufgabe. Also alttestamentliche Propheten etwa hatten immer die Aufgabe, sozusagen zu Mahnern zu werden, die auch dem Volk einen Spiegel vorhielten oder den Herrschern einen Spiegel vorhielten und sagten, "das, was ihr macht, ist nicht der Wille Gottes", also das, was wir normalerweise umgangssprachlich mit dem Wort Prophetie verbinden, also auch eben Zukunftsvorhersage, ist in der Regel gar nicht unbedingt die Aufgabe der Propheten gewesen. Es ging höchstens darum, etwa auf bestimmte Ereignisse hinzuweisen, und diese Ereignisse zu deuten."

Aus der skeptischen Betrachtung der Gegenwart erwachsen auch andere kollektive Zukunftsentwürfe:

"Utopien sind interessant im Hinblick auf die Gesellschaftsbilder, die in ihnen entworfen worden sind, und sie sagen dann doch sehr viel aus über Optionen, die Gesellschaften hatten oder Wunschbilder, die vielleicht eher so was wie kollektive Vorstellungen teilten. Also insofern ist die Beschäftigung mit den verschiedenen Varianten, wie man Zukunftsforschung betrieben hat oder über Zukünfte versucht hat, was zu sagen, außerordentlich interessant für unser Selbstverständnis."

Große Gesellschaftsentwürfe wurden zunächst meist in Romanform gekleidet. Der Begriff Utopie geht auf den englischen Staatsmann und Humanisten Thomas Morus zurück, auf sein Buch "Utopia" von 1516. Utopia bedeutet wörtlich "Nicht-Ort". Morus beschrieb darin eine freie und gleiche Gesellschaft, dem Kommunismus ähnlich, angesiedelt auf einer fiktiven kleinen, abgelegen Insel. Ohne den Begriff gab es jedoch schon vorher viele Arten von Utopien:

"Utopien waren anfangs immer so die Euphorie einer egalitären Gesellschaft et cetera, aber inzwischen dann im 20. Jahrhundert diese ganze Vorstellung von dem gläsernen Menschen, der Gelenktheit, was man bei Orwell dann sieht oder auch bei Huxley, das sind diese Negativentwürfe, die wir dann gesehen haben. Und das war ja dann schon eher der Versuch, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und sozusagen Warntafeln aufzustellen vor dem, was passieren könnte, wenn wir uns so weiter entwickeln."

Utopien wurden indessen gerne ideologisch missbraucht, um die einzig wahre Gesellschaft, das glückliche Utopia heraufzubeschwören und Macht zu festigen. Joachim Gauck 2011 in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele:

"Sollten nicht gerade wir wissen, dass das vergangene Jahrhundert uns am meisten gelehrt hat, denen zu misstrauen, die mit ihren utopischen Visionen, ein Politikziel ausgegeben haben, dass sie niemals zu erreichen vermochten. Ja das war doch ergreifend: "Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht" – und war dann doch im Dunkel einer Sackgasse geendet. Unsere Seele braucht Flügel. Aber wir wollen jenen Politikern kräftig misstrauen, die uns anbieten, sie hätten die Formel für die erlöste Welt."

Die großen sozialen Utopien gelten mittlerweile als "erledigt". Science-Fiction-Romane und –Filme haben gewissermaßen deren Funktion übernommen. Darin geht es meist vordergründig um die Folgen technischer Entwicklungen. Doch auch hier wieder: Mal die negative Vision von der totalen Auslöschung der Menschheit oder von ihrem Dahinvegetieren auf einer nahezu unbewohnbaren Erde – mitunter aber auch die Vision einer schönen Zukunft im Weltraum. Der Berliner Astronom Dr. Jochen Rose:

"Der Weltraum ist immer der Ort, wo wir unsere gesamten Fantasien hinprojizieren können. Er ist für uns immer die große Unendlichkeit. Wir haben dort sämtliche Möglichkeiten, sowohl wissenschaftlicher, als auch fantastischer Art, und die Faszination ist nach wie vor ungebrochen, im Gegenteil. Je größer unsere Fernrohre werden, je weiter wir mit technischen Mitteln auch in das Weltall vordringen können, desto grandioser sind wir eigentlich immer beeindruckt von dieser schönen anderen Welt, schön jetzt aber im ästhetischen Sinne gemeint, und es lässt uns nachher aber immer noch so viel Raum für weitere und noch exotischere Fantasien, dass man immer wieder geneigt ist, sich in das Weltall hineinzudenken."

Science Fiction – wörtlich eigentlich "Wissenschaftserzählung" – ist dabei durchaus Vorläufer moderner wissenschaftlicher Zukunftsforschung. Gerhard de Haan:

"Also H. G. Wells, einer der großen Science Fiction-Schreiber, der hat um 1900 dafür plädiert, dass es so etwas geben müsste wie eine ausformulierte Zukunftsforschung. Und das hat er eigentlich vor dem Hintergrund gemacht, dass er so technologische Innovationen gesehen hat."

Die erforschte Zukunft – Wissenschaftliche Vorhersagen, Prognosen und Trends

"Die richtigen Anfänge der Zukunftsforschung kann man in den 20er, 30er-Jahren dann sehen, speziell in den USA, dass man gesagt hat: Wir brauchen so etwas wie große Datenmengen, um tatsächlich Entwicklungen beschreiben zu können und dann auf der Basis eine Prognose zu machen, um dann politisch auch intervenieren zu können, also eine gerechte Gesellschaft herzustellen, technologische Innovationen voranzutreiben; dafür muss man wissen, was es an technologischen Entwicklungen gibt, dazu muss man wissen, wie die sozialen Entwicklungen gelaufen sind, und was Politik in diesem Kontext steuern kann."

Datenerhebungen und -Auswertungen spielen die wichtigste Rolle bei allen Techniken der modernen, wissenschaftlichen Zukunftsvorhersagen. Zum Beispiel Prognosen:

Übersetzt "die Voraus-Kenntnis", auf der Basis von Fakten und Messungen. Aussagen werden als Wahrscheinlichkeiten formuliert und sollen Entscheidungen für morgen erleichtern. Dazu zählen Wahlprognosen und Vorhersagen über die Bevölkerungsentwicklung, in der Medizin wird damit der Krankheitsverlauf eingeschätzt, im Rechtswesen beispielsweise die Rückfallwahrscheinlichkeit bei Straftätern.

Eine spezielle Form der Prognose ist die Delphi-Methode ...

... eine Befragung von Experten zu wichtigen Zukunftsthemen mit mehrmaliger gegenseitiger Rückkopplung als kontrollierter Prozess der fundierten Meinungsbildung.

Ebenfalls als wissenschaftlich untermauert gelten Szenarien:

... sprich Entwurf beziehungsweise Bild einer möglichen Situation oder eines künftigen Ablaufs: Dieses Verfahren wurde zunächst von dem Kybernetiker Hermann Kahn in den USA für militärische Zwecke entwickelt. Später wurde das Szenario Standard in der sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Zukunftsforschung.

Trendforschung:

"To trend", englisch, bedeutet: in eine bestimmte Richtung laufen oder auch "wenden". – Mit der Trendforschung werden gesellschaftliche Veränderungen, Strömungen beschrieben und – wenn sich gleichartige Anzeichen verdichten – "vorhergesagt". Die Genauigkeit ist naturgemäß beschränkt, es kann nur darum gehen, künftige Prozesse möglichst früh zu "erahnen". Bei Sozialwissenschaftlern oder gar Mathematikern hat die Trendforschung keinen besonders guten Ruf, auch deswegen, weil sie hauptsächlich für Marketing und Werbung genutzt wird.

Zukunftsforschung im engeren Sinne:

"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen" – der Spruch soll von Karl Valentin stammen.

Denn ist das nicht ein Widerspruch in sich: Zukunft und Forschung? Professor Rolf Kreibich vom in Berlin ansässigen Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung:

"Es ist in der Öffentlichkeit, teilweise sogar in der Fachöffentlichkeit von verschiedenen Disziplinen häufig die Meinung, man könne über Zukunft nicht sonderlich viel wissen, weil Zukunft unbestimmt sei. Das stimmt überhaupt nicht. Es gibt eben nicht nur eine Zukunft, es gibt sicher mehrere, aber es gibt eben nicht beliebig viele, und wir können auch ganz sicher sagen, Zukunft ist gestaltbar. Und es ist eine völlig falsche Diskussion in der Vergangenheit gelaufen, die da lautet: Wenn bestimmte Bandbreiten von Prognosen gegeben werden und die dann nicht eintreffen, dass das schlechte Prognosen seien. Das ist völlig falsch. Im Prinzip können die Prognosen, die nicht eingetroffen sind, grad die besten Prognosen sein. Wenn heute zum Beispiel gewarnt wird, und wir stellen in 20 Jahren fest, es ist uns gelungen, die Verbrennung von fossilen Energieträgern drastisch zu reduzieren, dann ist das natürlich eine fantastische Prognose gewesen, die nämlich dazu geführt hat, dass Menschen Vernunft angenommen haben, und die Klimaveränderungen tatsächlich einzudämmen."

"Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten."
– Willy Brandt

Haben wir nun, mit all den wissenschaftlichen Vorhersage-Techniken, die Zukunft in der Hand? Gerhard de Haan von der Freien Universität Berlin:

"Wir haben zumindest den Eindruck, dass wir viel mehr tatsächlich entscheiden können. Bei gleichzeitigem immer weniger Planen können. Das ist in gewisser Weise auch der Widerspruch: Wir können nicht unsere Biografie planen, das können wir nicht. Aber wir müssen uns permanent für einen bestimmten Schritt innerhalb der Biografie entscheiden. Ob man studiert, und wenn, was man studiert. Ob man diesen Beruf nimmt oder jenen, ob man mit diesem Lebensabschnittspartner noch länger zusammen bleibt oder ob man das nicht tut. Auf der anderen Seite gibt’s auch warnende Stimmen in diesem Feld, die sagen: "Na ehrlich gesagt, entscheiden wir doch gar nicht soviel. Da wird man doch hineingezwungen in die ganzen Entwicklungen", und dann gibt’s Psychologen, die sagen: "Wir landen doch alle in einer kollektiven Depression. Weil das, was wir eigentlich wollten, nämlich etwas entscheiden, wir doch faktisch gar nicht tun."

"Wenn es keine Vision mehr gibt von etwas Großem, Schönem, Wichtigem, dann reduziert sich die Vitalität, und der Mensch wird lebensschwächer." – Der Psychoanalytiker Erich Fromm.

"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." – Altkanzler Helmut Schmidt

"In einer säkularen Gesellschaft sind natürlich solche Visionen über ein besseres Leben, über eine ganz andere Gesellschaft eher obsolet, natürlich gibt es so etwas wie politische Visionäre, aber bekanntlich sind auch die rar und dünn gesät heutzutage, es herrscht Pragmatismus vor, und das heißt ja immer, dass man das größere Ganze nicht im Auge hat."

Aber der Mensch scheint Visionen zu brauchen, Bilder, Träume, Fantasien, jenseits von berechneten Modellen und von Prognosen – das sagt nicht nur die Psychoanalytikerin Eva Jaeggi, sondern zum Beispiel auch Zukunftsforscher Gerhard de Haan.

"Ja, ich denke schon. Ich würde aber auch gern den anderen Aspekt der Vision mit aufgreifen: Es müssen nicht immer Visionen sein, die etwas ganz neu denken, sondern wir brauchen auch noch eine Vision, dass man sagt, wo wir eigentlich hinwollen: Etwa unsere Vorstellung von Europa, unsere Vorstellung von einer gerechteren Welt, von einer nachhaltigeren Entwicklung – das alles sind doch ganz große Bilder, mit denen wir versuchen umzugehen, und die brauchen wir auch, um – wie soll ich sagen – so etwas wie ein globales "Wir" zu schaffen. Solange uns das nicht gelingt, indem wir immer noch sagen: Wir sind hier und da sind die anderen, werden wir in einer globalisierten Gesellschaft, mit der Vermischung von Kulturen, wohl nicht zurechtkommen. Insofern halte ich Visionen für unabdingbar. Dafür ist aber die Zukunftsforschung nicht zuständig. Das soll man mal kollektiv lösen."

Soll man nun optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft blicken, auch schon in das nächste Jahr? Eine salomonische Antwort aus der Vergangenheit: Der inzwischen verstorbene Zukunftsforscher Robert Jungk 1977, in einem Gespräch zum sehr pessimistischen Bericht des Club of Rome:

"Zweifellos muss jeder, der sich die nähere Zukunft ansieht, außerordentlich pessimistisch sein. Und zwar deswegen, weil wir eine ausgesprochene Lücke haben zwischen Erkennen und Handeln. Wir haben begonnen zu erkennen, wo wir falsch gehen, und diejenigen, die das nun in politisches Handeln umsetzen müssten, sind entweder ungenügend über die Tragweite dieser Entwicklungen informiert, aber vor allen Dingen sind sie gehemmt durch Interessengruppen, die es ihnen nicht möglich machen, als vernünftig und richtig angesehene Maßnahmen durchzuführen. Ich glaube, dass kurzfristig Katastrophen eintreten werden, und erst, wenn wir wirklich gelitten haben, entscheiden wir uns für solche Haltungen."

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