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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWelches männliche Vorbild zählt?27.02.2014

Schwerpunktthema Welches männliche Vorbild zählt?

Das traditionelle Männerbild vom Familienernährer, der vor allem seine Karriere und sein dickes Auto im Kopf hat, ist längst überholt. Selbst die modernen Fernsehhelden amerikanischer Serien wie "Breaking Bad" oder "Homeland" sind brüchig und empfindsam.

Von Anja Arp

Der Schatten eines Vaters mit seinem Kind an der Hand.  (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Hat sich das traditionelle Rollenverhalten der Väter verändert? (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Laut einer neuen Forsa-Studie sind die Männer von heute hin und her gerissen zwischen dem traditionellen Rollenbild als Ernährer und dem Idealbild des perfekten Vaters. Vielfach macht sich Unsicherheit unter den männlichen Geschlechtsgenossen bereits im Jungenalter bemerkbar. Deshalb untersuchen Soziologen auch die Lebenswelten von Jungen und nehmen die Vorbildfunktion von Vätern unter die Lupe, die sich zunehmend auch als emotionale Versorger ihrer Kinder sehen.

Was ist eigentlich typisch männlich? Wie hart, wie weich muss ein Mann heute sein? Darüber herrscht offenbar – vor allem unter Männern - Unsicherheit. Michael Meuser ist Professor für die Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der Technischen Universität Dortmund und einer der profiliertesten Männer-Forscher in Deutschland.

"Ich denke, man muss das differenzierter betrachten, als das normalerweise rüberkommt. So im gängigen Diskurs, in den Medien ist zurzeit ja gerade die Methapher von der Krise der Männlichkeit sehr stark vertreten. Wenn man sich die empirischen Daten anschaut, die vorliegen, Untersuchungen auch bei jungen Männern oder bei Jungen, dann kann man durchaus sagen, und das ist ganz klar zu erkennen, dass es eine Generation ist von Jungen und jungen Männern, die mit Herausforderungen konfrontiert sind, die es so in der Generation der Väter und Großväter nicht gegeben hat."

So sind Frauen heute in der Regel wesentlich emanzipierter als früher und der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert.

"Und das impliziert vor allen Dingen, dass die Sicherheit von beruflichen Positionen deutlich abgenommen hat, dass man also, wenn man heute eine Ausbildung abgeschlossen hat oder ein Studium abgeschlossen hat, nicht mehr grundsätzlich davon ausgehen kann, dass man kontinuierlich beschäftigt sein wird, bis zum Eintritt des Ruhestandes. Und das hat insofern Konsequenzen oder stellt eine Herausforderung dar, als ein Leitbild von Männlichkeit trotz aller Veränderungen auch im Geschlechterverhältnis, nach wie vor die Figur des Mannes als Ernährer der Familie ist."

Untersuchungen der letzten Jahre zeigen zudem: Vielfach ziehen die Mädchen an den Jungs vorbei. So schaffen hierzulande fast 40 Prozent der Mädchen das Abitur, bei den Jungs sind es gerade knapp 30 Prozent der Schüler. Sind Mädchen in der Schule einfach besser?

"Das kommt drauf an, welches Fach. Also in Mathe sind das, glaube ich, eher die Jungs, in Deutsch glaube ich auch eher die Jungs, aber in Latein und Englisch sind doch eher die Mädchen besser."

Sven ist 11 Jahre alt und geht in einer Kölner Gesamtschule in die 6. Klasse. Er selbst ist ein guter Schüler, der die weibliche Konkurrenz offenbar nicht fürchtet:

Und welche männlichen Vorbilder hat Sven?

"Ne also Schauspieler jetzt nicht, ich habe es nicht so mit Schauspielern. Aber ein Violinist, David Gerrett, das ist ja dieser Star-Geiger und das ist ein Vorbild für mich, weil der spielt halt auch sehr moderne Musik und ja, das würde ich auch gerne können."

Männer – an allen Fronten gefragt

Dass Jungs wie Sven, der natürlich selbst auch Geige spielt, so ein klares Vorbild haben, ist heute eher ungewöhnlich.

"Ich glaube, das ist schwer für Männer heutzutage, weil sie so an allen Fronten gefragt sind. Plötzlich oder zunehmend an allen Fronten gefragt sind: Es wird erwartet, dass man für das Einkommen sorgt, dass man sich um die Kinder kümmert, man soll taff sein und gleichzeitig soll man noch eine sehr weiche Seite haben und das ist schwer. Und ich finde auch, dass die Medien dieses Bild sehr stark produzieren."

Nils fühlt sich als Mann und Vater verunsichert. Der 36-jährige selbständige Fernseh-Cutter aus Köln ist denn auch gleich mit zwei Vätern aufgewachsen. Er war gerade mal acht, als sein Vater die Familie verließ und er einen neuen Stiefvater bekam:

"Das hat bei mir auch einen Protest ausgelöst und dann konnte ich meinen Vater glaube ich, nicht mehr so als Vorbild sehen und meinen Stiefvater, an den habe ich mich erst sehr spät gewöhnt."

Seit einigen Jahren ist er nun selbst alleinerziehender Vater von zwei Töchtern:

"Ich hatte, als ich 20 war, beziehungsweise als ich 21 war und das erste Kind kam, da habe ich mir eine Tochter gewünscht, weil ich da noch sehr jung war und das Gefühl hatte, meine Pubertät, die Jugend war schwierig, als Mann fand ich es schwierig. Und ich hatte oft den Eindruck Frauen haben es leichter hier und da."

Das sieht der 55-jährige Klaus-Michael aus Panketal bei Berlin übrigens ganz ähnlich. Er ist Vater von vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Jungs. Der freiberufliche Regisseur war damals vor 25 Jahren sehr froh, dass sein ältestes Kind Louise ein Mädchen war:

"Weil ich halt bei einem Mädchen irgendwie 'ne wage Vorstellung davon hatte, wie ich denn gerne hätte, wie dieses Mädchen würde. Also ich hatte da eher noch mal eine Vorstellung davon, in welche Richtung soll ich denn aktiv werden. Das heißt, meine Vorstellung damals war, dass ich mir eben eher ein Mädchen vorgestellt habe, dass nicht nur so klassisch Mädchen, sondern durchaus eben auch selbst in der Welt stehen kann, auch durchaus in der Lage ist, einen Hammer in die Hand zu nehmen, also sich nicht nur um Schönheit und dieses und jenes kümmert, sondern durchaus auch intellektuell ihren Mann steht. Wogegen ich damals auch Bekannte hatte, die halt eben einen Jungen hatten und da ist mir damals schon aufgefallen, dass ich das viel schwieriger finde."

ährend seine beiden Mädels sich wie erwartet entwickelt haben, sind seine beiden Söhne einen anderen Weg gegangen, als Klaus-Michael zunächst annahm:

"Was aber die Söhne angeht, die waren ganz anders als ich. Also ich war früher relativ viel alleine natürlich als Einzelkind, aber ich hatte halt, als ich dann zur Schule kam, relativ viele Freunde. Man ist halt jeden Nachmittag rausgegangen und hat Indianer gespielt und dies und jenes und ansonsten habe ich relativ früh angefangen, relativ viel zu lesen. Aber die beiden letztendlich auch beide Söhne haben erst mal überhaupt nicht gelesen - das war völlig uncool und haben sich Welt im wesentlichen erobert über elektronische Medien; also sowohl Fernsehen als auch Computer dann später."

Kein klares Rollennmodell für Jungen

Das bestätigen im Prinzip auch zahlreiche Untersuchungen. Für Klaus-Michael steht fest:

"Es ist aber faktisch so, dass es für Junges nach wie vor kein klares Rollenmodell gibt. Was sie werden sollen, wie sie sich verhalten sollen. Von ihren Eltern her, das beobachte ich in Kita und Schule, gibt es eigentlich immer nur das Modell, dass sie so richtige Männer werden sollen. Das heißt, wenn man Väter mit Söhnen beobachten, wen sie aus der Kita abgeholt werden, dann hat das immer so einen rauen herzlichen Umgangston unter Männern. Der aber nicht unbedingt hilfreich ist."

Nils muss übrigens bald in eine andere Rolle als Mann und Vater schlüpfen: Mit seiner neuen Freundin bekommt er nun sein drittes Kind - einen Jungen:

"Jetzt freue ich mich sehr darauf, einen Sohn zu kriegen, das ist großartig, finde ich toll, ich bin sehr gespannt."

Dennoch lastet die Verantwortung auch schwer auf ihm, denn als Freiberufler hat er zum Beispiel immer wieder Existenzsorgen, während seine Freundin als Angestellte gut verdient. So geraten die traditionellen Rollenbilder in der Realität immer stärker unter Druck:

"Einmal veränderte Erwartungen an Männer in der gegenwärtigen Gesellschaft, gerade auch im Kontext von Partnerschaften von heterosexuellen Partnerschaften. Dass junge Frauen durch die bekannten Bildungserfolge, die junge Frauen gerade heutzutage im stärkeren Maße erzielen, bedingt dadurch, dass allgemein das Qualifikationsniveau von Frauen angestiegen ist, dass die Frauenerwerbsquote angestiegen ist. Und das führt natürlich auch zu veränderten Ansprüchen an die Partner der Frauen im privaten Bereich, und damit müssen Männer sich auseinandersetzen."

Vor zwei Jahren hat das Familienministerium einen "Beirat Jungenpolitik" gegründet, der die Lebenswelten von Jungs genauer unter die Lupe genommen hat. Michael Meuser ist Vorsitzender des Beirats:

"In diesem Beirat, und das ist, denke ich, das Innovative an ihm, in diesem Beirat waren neben erwachsenen Beiratmitgliedern, Experten, Expertinnen aus dem Bereich der Geschlechterforschung aus dem Bereich auch der Jungen-Arbeit, waren sechs Jungen Mitglied des Beirats mit der Intention, nicht nur über Jungen zu reden, sondern eben auch Angehörige der Zielgruppe als Beiratsmitglieder dabei zu haben."

Wie üblich hat der Beirat zunächst mal den aktuellen Forschungsstand aufgearbeitet.

"Zweitens gab es eine Studie, die begleitend durchgeführt wurde, vom Sinus-Institut. Da wurden Fokusgruppen-Diskussionen durchgeführt, sowohl mit Jungen als auch mit Mädchen und eben drittens, und das ist das Innovative, war es die kontinuierliche Diskussion, der kontinuierliche Austausch im Beirat zwischen den erwachsenen und den jugendlichen Beiratsmitgliedern."

Mehr Möglichkeiten als die Väter-Generation

Ein Ergebnis: Jungs sind nicht durchgängig tiefgreifend verunsichert. Im Gegenteil:

"Sie sahen gewisse Herausforderungen und sie waren vor allen Dingen so orientiert, die Veränderungen im Geschlechterverhältnis in den letzten Jahrzehnten, die sie wahrgenommen haben, die sie beschreiben konnten, dass sie diese Veränderung im Geschlechterverhältnis auch als eine Chance zur Individualisierung gesehen haben. Alsodass sie schon sagten: Ihnen würden heute mehr Möglichkeiten offen stehen als das noch bei ihren Vätern der Fall gewesen war."

Einerseits. Bei genauer Analyse der Zukunftsentwürfe der befragten Jungs, sah die Sache dann aber schon wieder anders aus:

"Da zeigte sich dann, dass eine Offenheit auch von Interessen, die zunächst mal gegeben war und eine Pluralität von möglichen Lebensweisen, dass sich das dann doch ein Stück weit wieder entwickelte in Richtung des traditionellen Musters, vor allen Dingen dadurch bedingt, dass die Figur des Mannes als Ernährer der Familie immer noch sehr stark präsent ist."

Viel ist die Rede von den neuen Vätern, die sich nicht mehr nur als finanzielle Versorger, sondern auch als emotionaler Halt für ihre Kinder sehen. Wenn man bedenkt, wie viel tatsächlich über sie geschrieben und geredet wird, dann ist es schon erstaunlich, wie wenig sie in der Realität auftauchen. Was ist wirklich dran an den neuen Vätern? Das wollen Soziologen um Prof. Michael Meuser genauer wissen. Sie untersuchen, wie die Elternzeit sich auf die Partnerschaft auswirkt:

"Zunächst einmal wollen wir untersuchen, wie in Partnerschaften zwischen Mann und Frau ausgehandelt wird, wer Elternzeit in Anspruch nimmt, wer in welchem Umfang das tut und speziell darauf schauen, wie der Aushandlungsprozess verläuft, wenn Väter in mehr oder minder großem Maß Elternzeit nehmen. Wir tun das vor dem Hintergrund, dass die Frage, ob Väter Elternzeit nehmen, keine von den Vätern allein getroffenen Entscheidung ist, sondern immer im Partnerschaftskontext betrachtet werden muss."

Dabei spielt zum Beispiel eine Rolle, wer mehr verdient, aber auch die Frage, wie verträgt sich Elternzeit mit Karriere?

"Verträgt sich eine Elternzeit durch Väter gerade auch für eine längere Zeit mit Vorstellungen der Position des Mannes, mit Männlichkeitsvorstellungen, mit Fragen männlicher Identität und das nicht nur mit den Vorstellungen, die die Männer selber haben, sondern auch mit den Vorstellungen, die die Frauen davon haben."

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