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Schwerpunktthema: Wie kommt Neues in die Welt?

Ein internationales Symposium in Heidelberg erkundet Ursprung, Wirkung und Grenzen der Kreativität

Von Peter Leusch

Kreativitätsforschung in Heidelberg
Kreativitätsforschung in Heidelberg (Peter Leusch)

Kreativitätstraining sei wie ein Schwimmkurs für Fische, behauptet der Würzburger Philosoph und Wirtschaftsethiker Karl Heinz Brodbeck. Wenn aber die Menschen immer schon Kreativität besitzen, was setzt sie frei? Entsteht sie zufällig oder wird dazu ein einsames Genie gebraucht?

"Fünf Leute vor das Ei, bitte. Fünf Freiwillige. Sie übernehmen jetzt ganz zart das Ei! Eine größere Gruppe, rücken Sie heran, wir schieben von hinten das Ei auf Ihre Hände! Jetzt hoch, langsam hoch, sehr schön."

Mit den Händen über den Köpfen balancieren die Leute, anfangs ein Dutzend, dann mehr als hundert Teilnehmer, ein mannsgroßes Ei durch die Gassen von Heidelberg. Das Kunstei gleitet, rollt über die Köpfe der Menge hinweg, gerät manchmal aus der Bahn, droht immer wieder zur Seite abzustürzen.

"Wer hinten ist, geht nach vorne. Langsam, langsam, ruhig. Kommen Sie nach vorne, wir haben vorne keine Leute."

Niemand hat so etwas vorher schon gemacht. Eine neue Erfahrung. Aber die Teilnehmer entwickeln rasch einen Sinn für ihre gemeinsame Bewegung, kooperieren, übernehmen Verantwortung. Die Aktion ist Teil eines kollektiv-künstlerischen Experiments, das der Berliner Wissenschaftler Hans Geisslinger entworfen hat. Und es gelingt. Die Prozession balanciert das Ei heil bis ins Ziel, bis auf die Bühne des Kongresszentrums.

"Jetzt brauche ich auf jeder Seite zwei Leute die das Ei übernehmen."

Wie kommt Neues in die Welt? Entspringt es wie bei dieser Aktion dem Zusammenwirken vieler? Oder braucht es das einsame Genie? Oder aber entsteht es zufällig, als blindes Resultat von Faktoren und Situation? Ebenso müsste man fragen, was eigentlich die Geburt von Neuem blockiert oder verhindert. Denn dafür gibt es in der Wissenschaftsgeschichte zahlreiche Beispiele:

"Lalande, ein französischer Astronom hat vor über 200 Jahren den Neptun entdeckt, das war damals in der astronomischen Theorie der siebte Planet, damals sagte die Theorie es gibt nur sechs Planeten. Was hat Lalande gemacht: Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein, er hat gesagt, das kann kein Planet sein, es gibt ja nur sechs Planeten."

Jérôme Lalande, erklärt der Heidelberger Philosoph und Psychologe Hans Rudi Fischer, hat nicht gewagt, die alte Theorie anzuzweifeln. Lieber hat er seine Augen Lügen gestraft. Auch heute laufe die Wissenschaft Gefahr, in ihren Denkansätzen stecken zu bleiben und zu dogmatisieren. Das gilt, so Rudi Fischer, auch für die noch junge systemische Forschung und Therapie, in der er selber engagiert ist. Geschlossene Systeme aufzubrechen, so seine These, brauche mehr als strenges logisches Denken, man müsse sich auf Bilder und Paradoxien einlassen.

"Durch Widersprüche gegen logisches Denken kommt Neues in die Welt, und das ist für mich der logische Kernpunkt von Verrücktheit, verrücktes Denken. Ich denke mir Methoden in meinen Ausbildungen aus, ich bilde ja Therapeuten oder Berater aus, solche Techniken, wo man eben versucht, verrückt zu denken, um Neues in die Welt zu bringen, die eingefahrenen Denkgleise einfach einmal zu verrücken. Paul Celan sagt über Lenz, Goethes Lenz: Am 20. Jänner ging Lenz ins Gebirge – und wo er diese Wendung gebraucht, die mich immer zutiefst berührt: 'Wer auf dem Kopf geht, hat den Himmel als Abgrund unter sich.' Und da wird etwas völlig verrückt. Und ich denke, wir müssen manchmal auf dem Kopf gehen, um den Himmel als Abgrund über uns zu spüren, um wieder mit den Füßen auf den Boden zu kommen."

Seit Aristoteles sind Metaphern und Paradoxien aus der strengen Wissenschaft verbannt. Das Verdikt gilt immer noch, obwohl Philosophen wie Hans Blumenberg nachgewiesen haben, wie stark auch das begriffliche Denken auf Bilder angewiesen bleibt. Für Künstler dagegen gehört es zum Selbstverständnis, sich mit allen Sinnen über Logik und Konvention hinwegzusetzen. Radikal suchen sie immer wieder das Neue zu schaffen und zu gestalten, scheuen nicht davor zurück, das Alte hinwegzufegen. Sie machen Tabula rasa, erklärt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho von der Berliner Humboldt Universität.

"Das ist etwas, was in der modernen Kunst ganz stark geworden ist als Prinzip, nicht nur Übermalung und die Zerstörung und das Verbrennen, die Arbeit mit Rückständen usw., sondern auch einzukalkulieren, dass etwas kaputt gehen kann. Nehmen wir zum Beispiel den deutschen Künstler Anselm Kiefer, der auf riesigen Arealen in Südfrankreich bei Barjac Installationen aufgebaut hat, die tatsächlich mit der Zeit kaputtgehen, die sind der freien Natur ausgesetzt, und da regnet es, gibt es Mistralwinde und was weiß ich noch alles, mit der Zeit gehen sie kaputt, und das ist intendiert."

Anselm Kiefer bejaht die Zerstörung als Element seiner Kunst. Er träumt davon, hat er einmal erklärt, dass irgendjemand in einer seiner Ausstellungen eine Bombe zündet, damit dann die Verheerungen selber eine neue Qualität von Kunst erzeugen.

Auf seiner kulturgeschichtlichen Spurensuche des Neuen und Kreativen legt Thomas Macho eine problematische Beziehung frei: Die Kreativität des Genies geht meist einher mit Zerstörung. Denn das Genie ist nach dem Abbild der Schöpfergottheit geformt, die in vielen Mythen destruktive Züge trägt: Bevor der Gott des Alten Testaments den neuen Bund mit den Menschen schließt, hat er die sündige alte Welt in einer Sintflut ertränkt.

"Also diese Idee einer Apokalypse, wonach eben Gott sagt: Und jetzt mache ich alles neu: neuer Himmel, neue Erde, alles wunderbar, alles toll. Wo man sagen kann: Ist der Preis nicht vielleicht etwas hoch für diese Neuheit? - Und ich wollte gern diese enge Bindung zwischen dem Neuem und dem Zerstörerischen auflösen, weil ich diesen Verdacht, der ja auch im Moment von einigen Kapitalismuskritikern erhoben wird, zunehmend bedenkenswert finde, dass unter Bedingungen, dass unendliches Wachstum nicht möglich ist, es leicht vorstellbar wäre, dass man die Zerstörung produzieren muss, um das Neue zu bekommen."

Thomas Macho plädiert für ein Konzept des Neuen, das sich von Genieästhetik und Zerstörung löst. Einen solchen anderen Ansatz bringt Klaus Mainzer, der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der TU München lehrt, gleichsam schon von Hause aus mit. Denn für Mainzer ist der Kosmos ein Meer des Zufalls, in dem sich vereinzelt Inseln der Ordnung bilden. Neues wird demnach weder von Gott noch vom Genie geschaffen, Neues, so Mainzer, entstehe systemisch, in komplexen Prozessen und Wechselwirkungen, auch im Gehirn:

"Wir haben es hier zu tun mit einem komplexen System – konkret: Die Kreativität des Menschen nimmt ihren Ursprung in unserem Gehirn, das ist ein hoch komplexes System, in dem die vielen Neuronen feuern, neurochemisch miteinander wechselwirken, wir können diese Ereignisse nicht direkt steuern, wir können aber beispielsweise durch Bildung und Ausbildung die Nebenbedingungen schaffen. Es gibt auch den berühmten Spruch: Genie ist 80 Prozent Fleiß, und da ist sicherlich etwas Wahres daran, das Gehirn vernetzt sich entscheidend nach der Geburt, und es gibt natürlich Grundvoraussetzungen, das sind die Antworten der Gehirnforschung, und insofern muss man da tatsächlich weg von diesem Geniekult."

Und auch auf gesellschaftlicher Ebene verweist das Neue – in Gestalt von Waren und technischen Erfindungen, Moden und Lebensstilen - immer weniger auf Einzelne als Urheber und immer stärker auf ein globales Zusammenspiel. Je enger die Welt zusammenrückt, je komplexer die globale Verflechtung, desto bedeutsamer und folgenreicher werden Veränderungen, selbst wenn sie sich in der Ferne ereignen.

"Das ist das Grundgesetz der Globalisierung, und damit werden diese Systeme natürlich hoch sensibel, das heißt: Kleine Ereignisse können globale Krisen auslösen, früher hat man gesagt: Lasst die doch da hinten in der Türkei aufeinander einschlagen, man liest das dann mit leichtem Gruseln, aber geruhsam morgens in den Gazetten, aber heute kann ein solches Ereignis, sehr viel weiter entfernt als die Türkei, sogar Weltkrisen auslösen. Es müssen auch keine blutigen Ereignisse sein, es können irgendwelche abstrakten Finanztransaktionen sein, die viele überhaupt nicht durchschauen, und die können Weltwirtschaftskrisen auslösen. Das heißt, so entsteht dann auch Neues, das ist das, was ich sage: Systemisch entsteht das Neue."

Gerade im Wirtschaftssystem hat sich im Zuge der Globalisierung die Dynamik des Neuen in seiner negativsten Form gezeigt. Angefangen hat es mit dem Glauben, wenn die nationalen Volkswirtschaften erst einmal von allen gesetzlichen Schranken befreit wären, dann würden die Märkte ein entfesseltes Spiel der Kräfte in Gang setzen, wo der Wettbewerb die Preise senkt und die Qualität der Produkte und Leistungen anhebt. Dazu Karl-Heinz Brodbeck, Ökonom und Philosoph von der Fachhochschule Würzburg:

"Das war das große Schlagwort des Neoliberalismus, die Deregulierung, das Außer-Kraft-Setzen von Regeln hat dann kreative Prozesse freigesetzt, die aber dann wesentlich von der Geldgier gesteuert waren, und dieser Prozess hat sich vollkommen abgelöst von real ökonomischen Prozessen, insofern wäre das Neue, dass wir das Alte wieder wachrufen, die Voraussetzungen, die Regeln, die es eigentlich braucht, damit wir diesen Wahnsinn wieder zurückholen und einbetten in die gesamte Gesellschaft."

Die Finanzexperten kreierten raffinierte Produkte, deren Risiken selbst in der eigenen Branche nicht mehr durchschaut wurden. In den Augen von Karl Heinz Brodbeck handelt es sich hier um eine Variante des schlechten Neuen, um eine Verselbständigung eines Börsengeschehens, das wir gesellschaftlich und politisch wieder zähmen und rückführen müssen: In diesem Fall wird die Vergangenheit zum Vorbild der Zukunft. Das Alte anstelle des Neuen. Denn das Verhältnis von Altem und Neuem sei ganz anders zu bewerten, als die Rede von der viel geschmähten Routine ahnen lässt.

"Ich war erfreut vorher gehört zu haben, dass die neuere Organisationspsychologie die Routine inzwischen als Quelle der Kreativität entdeckt hat. Im Grunde ist das ein alter Gedanke von Arnold Gehlen, der gesagt hat, das Unbewusstwerden von Routinehandlungen entlastet die höheren Bewusstseinsregionen, schafft Raum, dass wir etwas Neues entdecken können, also das ist nicht meine Erfindung."

Diese Behauptung verblüfft. Routinen, die oft als Hemmnis von Kreativität gegeißelt wurden, erweisen sich als notwendiges und dankbares Sprungbrett für Neues. Der angesprochene Organisationswissenschaftler Günther Orthmann von der Bundeswehrhochschule in Hamburg legt weitere Argumente nach:

"Wir brauchen Selbstverständlichkeiten und Routiniertheiten, um uns Kraft, Gelegenheit Konzentration und Aufmerksamkeit zu verschaffen für die Frage, wie können wir Dinge anders machen. Das ist das eine, das andere ist: Es gibt keine rein identische Wiederholung, jede Schiene hat es auch immer an sich, eine im Alltag gar nicht wahrnehmbare minimale Veränderung mit sich zu bringen, wir müssen immer in spezifischen Situationen unter besonderen Umständen handeln, müssen unsere Routinen diesen Umständen immer ein bisschen anpassen, und das tun wir mal auf eine Weise, die gefährlich sein kann, und mal auf eine Weise, wo man entdeckt: oh ein bisschen anders geht es auch und womöglich sogar besser – in diesem Sinne sind Routinen Widerlager der Innovation, aber nicht Gegner."

Häufig ist es so, dass Neues zwar schon entdeckt, entwickelt oder erfunden ist, aber niemand nimmt Notiz davon. Neues ist bereits da, ohne als Neues erkannt, beachtet und wertgeschätzt zu werden. Es ergeht ihm, so Ortmann, wie einem Kometenschweif am Himmel, der kurz aufblitzt und dann auf Nimmerwiedersehen verschwindet und vergessen wird.

"Die Erfindung des Penicillins ist ein Beispiel, das aus ganz anderen Zwecken entdeckt worden ist, als der Forscher ursprünglich einmal angenommen hat. Kopfschmerzmittel sind aus ganz anderen Gründen entdeckt worden als ihr Einsatz tatsächlich in der Wiederholung, im Festhalten der Forschungspraxis und dann in der Anwendungspraxis daraus geworden ist. Und Sie können auch fast alle technologischen Infoinnovationen Telefon usw. nehmen."

Kreativität – so ein erstes Fazit der Tagung – ist weder direkt planbar noch herstellbar. Kreativitätstraining – pointiert Karl-Heinz Brodbeck, der selber Unternehmen berät – das sei wie ein Schwimmkurs für Fische. Jeder Mensch bringe ein Stück Kreativität mit, aber sie zu entfalten, dafür gibt es kein Rezept und keine Erfolgsformel, weil das Neue immer jenseits des Horizonts und der geltenden Kategorien liegt. Deshalb könne man nur über indirekte Zugänge sprechen, über günstige Bedingungen für Neues. Das sind geistige Offenheit und breite Bildung, freie Spielräume – so zum Beispiel bei Unternehmen wie Google, wo 20 Prozent der Arbeitszeit den Mitarbeitern als Spielwiese überlassen werden.

Und die Vorstellung von Kreativität wandelt sich: weg vom Bild des Genies hin zur kollektiven Schöpfung, zum kreativen Wir, wo viele Einzelne ihre Fäden einweben in ein großes gemeinsames Netz. Thomas Macho:

"Was ich sich sehr spannend finde, und das passiert überwiegend durch die Erfahrungen im Netz und mit dem Netz, das sind im Moment Strategien und Techniken partizipatorischer Kreativität, die können wir manchmal belächeln, wenn beispielsweise 5000 Leute Einzelbilder zu einem Film liefern, den man dann zusammensetzt, da kann man sagen, das ist ein bisschen albern. Aber wenn man sich dann so etwas anguckt wie die Wikipedia, muss man sagen, so albern ist die längst nicht mehr, sondern das funktioniert von Jahr zu Jahr immer besser, umfassender, man findet immer mehr, und das ist eine Aufbereitung von Weltwissen, die man sich vor 20 Jahren nicht hat träumen können. Das finde ich sehr faszinierend."

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