Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Zwischen den Geschlechtern26.01.2012

Schwerpunktthema: Zwischen den Geschlechtern

Transgender und Intersex in Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft

Transsexuelle empfinden sich im falschen Körper, Intersexuelle tragen weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale an sich. Beide sprengen die herkömmlichen Geschlechternormen.

Von Ingeborg Breuer

Transsexuelle empfinden sich nicht dem Geschlecht ihres Körpers zugehörig. (Michael Kappeler/ddp)
Transsexuelle empfinden sich nicht dem Geschlecht ihres Körpers zugehörig. (Michael Kappeler/ddp)

Im Deutschen Hygienemuseum Dresden fand eine Tagung dazu statt.

"In meinem Fall war es so, dass ich mit 13 schon so groß war wie ich heute bin, so um die 1,85 - 1,90. Und alle anderen waren noch so zwei Köpfe kleiner. Und ich bin ja als Mädchen zugewiesen worden und hab auch gedacht, ich bin ein Mädchen. Und mit 13 ging bei mir die Pubertät los und die ist eigentlich eher in die männliche Richtung gegangen. Und das haben die anderen Mitschüler mitbekommen ... da wurde ich als Monster bezeichnet."

Ins A Cromminga, 41 Jahre, ist ein Zwitter. Weder Mann noch Frau. Oder vielleicht auch - beides:

"Ich würde mich als Herm bezeichnen oder als Inter ... Wieso ich das mache, ist, dass es in dieser Welt diese sprachlichen Zuordnungen von Menschen gibt und ich für mich mir den Raum nehme, da etwas Neues mit reinzunehmen ... Natürlich im Alltag ... , sagen wir, 60 - 70 Prozent werd ich als männlich eingeordnet, 30 - 40 Prozent als weiblich.

Ins A Cromminga wählte die Kunst, um seine/ihre Situation zu verarbeiten. Und zugleich standen Menschen wie Ins im Mittelpunkt der Dresdener Tagung.
Welche medizinischen, sozialen, aber auch kulturellen Fragen ergeben sich, wenn ein Geschlecht seine Eindeutigkeit verliert? Prof. Hertha Richter Appelt, Sexualforscherin am Fachbereich Medizin der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf klärt zunächst einmal die Begriffe:

""Unter Transsexualität versteht man ein Phänomen, dass Personen sich in ihrem subjektiven Erleben einem bestimmten Geschlecht zugehörig empfinden und dass dieses Empfinden nicht übereinstimmt mit ihrem biologischen Körper. ... Die Ausgangslage ist aber ein Körper, der völlig unauffällig ist. Ganz anders ist das bei Personen mit Intersexualität. Das sind Personen, deren Körper auffällig ist, entweder dass bestimmte für ihr Geschlecht typische Merkmale nicht ganz ausgeprägt sind oder fehlen, also eine Person, die einen Körper hat, der weiblich wirkt, aber keine Menstruation entwickelt, keine Brust entwickelt. Oder die Merkmale entwickelt, die für das andere Geschlecht typisch sind, zum Beispiel für eine Frau die unauffällig wie eine Frau aussieht, aber eine vergrößerte Klitoris hat, so dass man im Zweifelsfall auch fragt, ist das ein Mädchen oder ein Junge?"

In der Öffentlichkeit ist Transsexualität viel bekannter als Intersexualität, obwohl diese - eins von 5000 Kindern kommt laut Schätzungen intersexuell zur Welt - - deutlich häufiger vorkommt. Lange allerdings wurden solche Abweichungen von der Norm tabuisiert, bis sich - in Zeiten des Internets - Betroffene zu Selbsthilfegruppen zusammenschließen und damit ihrer gesellschaftlichen Isolation entkommen konnten. Und seit geraumer Zeit findet das Thema auch Beachtung in der Kultur. Prof. Stefan Horlacher, Anglist an der TU Dresden und Veranstalter der Tagung:

"Ein Thema ist es zumindest in den letzten 20, 30 Jahren, wenn Sie an Romane wie Middlesex denken, Jacky K. Trumpet oder wenn Sie an Filme denken wie Boys don't cry, Crying Game, Transamerica, XXY, um nur einige Beispiele zu nennen. Das ist ein Thema, das sich allmählich artikuliert und das sich auch allmählich über die Kunst artikuliert und Bahn bricht."

Bei Transsexualität wird der als falsch empfundene Körper durch Hormongaben und oft auch eine geschlechtskorrigierende Operation sozusagen 'umgepolt‘. Umstritten ist dagegen die Behandlung von Intersexualität. Seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts versuchte man in der Regel, den Körper des Kleinkindes operativ soweit möglich auf ein Geschlecht zu vereindeutigen und das Kind dann diesem Geschlecht entsprechend zu erziehen. Ein medizinisches Experiment, das sich oft als fataler Fehler erwies, wie Herta Richter-Appelt erläutert:

"Nun haben Nachuntersuchungen gezeigt, dass dieser Versuch in vielen Fällen nicht geglückt ist, dass man zwar versucht, den Körper eindeutig zu machen, dass aber das psychische Erleben dieser Personen dazwischen bleibt."

Ins A Cromminga:

"Man kann natürlich irgendwelche Körperteile abschneiden, dadurch wird die Person aber nicht zu ner Frau oder nem Mann, sondern man ist immer noch in dem Körper, mit dem man geboren wurde. Und das ist eine Sache, mit der musste ich mich zwangsweise auseinandersetzen."

Als Ins A Cromminga 18 Jahre alt war, schlugen die Ärzte ihm/ihr auch eine geschlechtsvereindeutigende Operation vor. Er/sie lehnte damals ab und entschloss sich, "dazwischen" zu leben.

""Damals haben sie mir gesagt, ich hätte entzündete Eierstöcke, was gelogen war, das waren ganz gesunde Hoden innenliegend. Und aufgrund der vermeintlich akuten Krebsgefahr hab ich zugestimmt, dass da was gemacht wird. Aber im Genitalbereich, der jetzt auch nicht konform ist mit den Bildern, die in den Köpfen der Mediziner sind oder auch der Gesellschaft, wurde halt mehrmals gesagt, ob ich da was machen lassen möchte, die Frage dreimal wiederholt. Ich hab gefragt, ist da eine Krebsgefahr, nein, da hab ich gesagt, nein."

Müssen wir also ein "third gender" ein drittes Geschlecht anerkennen? Seit 2011 können in Australien intersexuelle Menschen im Pass neben "männlich", "weiblich" auch ein "x" ankreuzen. Abweichungen und Andersheiten, so die Wissenschaftler auf der Dresdener Tagung, dürfen nicht länger ignoriert und einer "heteronormativen Ordnung" unterworfen werden. Stefan Horlacher:

"Der Hermaphrodit ist ja schon in der Antike vorhanden, es ist ein Thema, das immer schon fasziniert hat, das periodisch auftaucht. ... Und Sie werden feststellen, dass es historisch über die Jahrhunderte verschiedene Arten gibt, damit umzugehen, dass Zwitter akzeptiert sind. Genauso wie es in manchen Kulturkreisen auch manchmal mehr als zwei Geschlechter gibt, zum Beispiel die Hijras in Indien oder die Two-Spirit-People in Nordamerika.""

In der Tat gibt es außereuropäische Kulturen, in denen intersexuelle, aber auch transsexuelle Menschen gesellschaftlich akzeptiert oder sogar hoch geachtet sind. Bekannt sind zum Beispiel die thailändischen Ladyboys, transsexuelle Männer, die meist Geschlechtsumwandlungen zur Frau anstreben. In Indien wiederum gelten Zwitter als vollkommene Wesen, weil sie die ursprüngliche göttliche Einheit verkörpern. Solche Hermaphroditen, auch Hijras genannt, sind geehrt wie auch gefürchtet, denn sie haben angeblich sowohl die Fähigkeit zu segnen als auch zu verfluchen. Doch die Ethnologin Prof. Susanne Schröter von der Universität Frankfurt warnt davor, den Umgang mit diesen Hijras als Beispiel für einen toleranten Umgang mit sexuellen Besonderheiten zu interpretieren.

"Das Interessante ist, dass die meisten Hijras keine Intersexuellen sind, sondern die meisten sind Menschen, die wir in unserer Terminologie als Transsexuelle bezeichnen würden oder als männliche Homosexuelle. Auf dem indischen Subkontinent ist Homosexualität weitgehend tabuisiert und auch in vielen Lokalgesellschaften, in Familien, in kleinen Gruppen tun sich Menschen schwer, ihre Homosexualität zu verteidigen, sind stigmatisiert, sind diskriminiert und nicht anerkannt. Aus den Biografien von Hijras weiß man jetzt, dass homosexuelle Männer zum Teil einen Geschlechtswandel vorgenommen haben, um aus dieser Diskriminierungsfalle herauszukommen."

Zwar sind solche Hijras in Indien offiziell als drittes Geschlecht anerkannt. Dennoch leben sie meist am untersten Rand der Gesellschaft.

"Viele Hijras sind gezwungen, sich zu prostituieren, andere gehen betteln. Also der rituell sakrale Bereich, mit dem sie immer identifiziert werden, ist nur ein Teil. Ein anderer Teil ist ein marginalisiertes Leben in den Großstädten, in denen Hijras-Communities wie Bordelle aufgebaut sind."

Susanne Schröter bezweifelt, dass sich in anderen Kulturen, zu anderen Zeiten Geschlechterordnungen finden lassen, die das "heteronormative" Zwangssystem aufsprengen. Außer in unseren postmodernen westlichen Gesellschaften werden solche Ordnungen strikt binär gedacht: Mann. Oder Frau.

"Alle Gesellschaften haben Vorstellungen davon, was denn Männer und Frauen sind. Das kann sich streckenweise unterscheiden, aber es hat in seinem Kern bestimmte Bereiche, die überall gleich sind: jede Gesellschaft muss sich reproduzieren und um den männlichen und den weiblichen Teil der Reproduktion, da entspinnen sich unglaublich viele Dinge. Und ich würde sogar so weit gehen und sagen, Geschlechterordnungen waren immer im Zentrum von Gesellschaftsentwürfen, immer im Zentrum von gesellschaftlichen Ordnungen."

Diese These stieß auf der Tagung auf beträchtlichen Widerstand. Ob es nicht vielmehr der westlich-modern geprägte Blick sei, der immer nur 'Mann‘ und 'Frau‘ denken und wahrnehmen lasse, weil wir Vielfältigkeit und Ambivalenz nicht zulassen wollen, so Dr. Heinz-Jürgen Voss, Biologe und Philosoph an der Universität Halle:

"Ist das nicht eigentlich einfach unser Blick, können wir aus einer europäischen Zentrierung heraus nicht immer nur männlich weiblich erkennen, denn wenn wir uns das genauer angucken, zeigt sich, ab der Moderne setzt eigentlich dieses Suchen nach Eindeutigkeit erst ein. "

Die amerikanische Philosophin Judith Butler erregte schon vor Jahren Aufmerksamkeit mit ihrer These, dass 'Mann‘ und 'Frau‘ ausschließlich soziale Kategorien seien, durch die den Körpern erst ein biologisches Geschlecht eingeschrieben werde. Sie "dekonstruiert" die Idee einer vorgängigen Natur. Statt dessen seien vermeintlich 'natürliche‘ Sachverhalte durch kulturelle Denksysteme und Sprachregeln bestimmt und letztlich Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Heinz-Jürgen Voss überbietet diese Position noch einmal, indem er in seiner Dissertation, so wörtlich, eine "Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive" versuchte.

"Es geht darum aufzuzeigen, dass es das typisch Männliche und das typisch Weibliche nicht gibt und dass schon, wenn wir uns organische Strukturen ansehen, immer auf eine Individualität dieser Ausformungen, auch des Genitaltraktes kommen und dass egal, welche Merkmale wir uns betrachten, chromosomale Merkmale, genetische, hormonelle, inneres - äußeres Genital, das keineswegs in eine Richtung männlich weiblich zeigen muss, sondern dass es bei jedem Menschen individuell unterschiedlich darstellt."

Auch Hertha Richter-Appelt gibt durchaus zu, dass es fließende Übergänge zwischen dem, was ein Mann und dem, was eine Frau ist, gibt.

"Es gibt alle möglichen Varianten. Es gibt Frauen, die haben keinen Uterus, Frauen, die haben keine Scheide und so weiter.. Und je länger man sich beschäftigt, desto mehr muss man sich die Frage stellen, was ist überhaupt ein Mann oder eine Frau? Weil wirklich natürlich für bestimmte Personen alle Kriterien zutreffen, aber es viele Personen gibt, für die bestimmte Kriterien nicht zutreffen."

Die dekonstruktivistische Konsequenz allerdings, dass Körper wie auch Geschlechtserfahrung etwas ausschließlich Kulturelles seien, möchte die Sexualforscherin nicht mit vollziehen.

"Was gefährlich ist, dass eine Entwicklung der Geschlechtsidentität nur etwas ist, was mit konstruierten Phänomen der Gesellschaft zu tun hat. Der Körper spielt eine enorme Rolle. Ich find es immer sehr eindrücklich auch bei Personen, die sagen, ich möchte in einem anderen Geschlecht leben, wenn Sie denen Hormone geben, dann verändert sich dieser Körper in einem Ausmaß und da ist eine Wechselwirkung zwischen der körperlichen Entwicklung und dem subjektiven Erleben, also das kann man gar nicht voneinander trennen."

Manchmal schwindelte einem in Dresden. Und man fragte sich, ob man etwa nur naiv sei, zu meinen, einen Mann von einer Frau zu unterscheiden, sei buchstäblich das Natürlichste von der Welt. Ist es naiv, zu glauben, dass Fortpflanzung ein Geschehen ist, dass Männer und Frauen voraussetzt und immerhin - nicht ganz unwichtig - der Erhaltung der Art dient?

Oder - ist die dekonstruktivistische Hirnakrobatik am Ende ein Neoidealismus, der davon ausgeht, dass Sprache die Dinge erschafft? Die Ethologin Susanne Schröter schien Ähnliches zu empfinden:

"Wir haben in bestimmten Aktivistenkreisen und in bestimmten Zirkeln der akademischen Genderdiskussion ... diesen dekonstruktivistischen Ansatz zu sagen, Geschlecht ist nur das, was kulturell erscheint Und das ist schwierig, weil ein Großteil der Bevölkerung mit diesen Debatten nichts zu tun hat. Ich merke das ja schon bei meinen Studenten, dass die mich mit großen Augen angucken und selber eine ganz essenzialisierte Vorstellung von Geschlecht haben ... und sagen, dass entspricht nicht meiner Erfahrung, meinem Gefühl. Ich würde argumentieren, dass man es nicht übertreibt mit den Spitzfindigkeiten der Debatte, dass man versucht, eine Rückkopplung an gesellschaftliche Realitäten zu finden und zu gucken, was berührt eigentlich die Bevölkerung, bei uns und woanders ... "
.
Das wird es wohl sein: eine Rückkopplung an gesellschaftliche Realitäten! Und das bedeutet zweifellos auch: Menschen wie Ins A Cromminga nicht in ein Schema zu pressen, sondern ihnen Zwischenwelten zu öffnen, in denen sie leben können.

"Was ich sehe in der medizinischen Forschung, die versuchen rauszubekommen, woran liegt es, und meiner Meinung nach suchen die nach dem Ausknopf. Und natürlich, wenn man Homosexualität ausschalten könnte, vorgeburtlich und das als Service anbieten könnte an die Eltern, dann würde auch Homosexualität ausgeschaltet werden. Meiner Meinung nach müssten wir uns als Gesellschaft fragen, wollen wir dahin, ist das das Ziel? Die technischen Möglichkeiten so weit zu verbessern, dass man das screenen kann und vermeiden kann. Und meiner Meinung nach ist es die falsche Herangehensweise. Es müsste eine kulturelle und eine soziale Bewegung geben, ein Umlernen geben in der Gesellschaft, wie man mit Vielfalt umgeht."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk