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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Da will ich helfen und der liebe Gott soll den Rest machen!"28.09.2017

Schwester Lea"Da will ich helfen und der liebe Gott soll den Rest machen!"

Einst Bankkauffrau, später Nonne und Kämpferin für Frauenrechte: Der Lebensweg von Schwester Lea ist ungewöhnlich. "Ich war abenteuerlustig und ich war fromm", sagt die Trägerin unzähliger Preise über ihren Beweggrund, ins Kloster zu gehen. Später habe sie "mit Gott einen Deal gemacht", sich um Frauen in Not zu kümmern.

Schwester Lea im Gespräch mit Ursula Welter

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Schwester Lea Ackermann im Studio des Deutschlandfunk. (Deutschlandradio/Johanna Herzing)
Schwester Lea im Zeitzeugen-Gespräch: Ihre Kindheit verbrachte sie im Saarland, ging später als Bankkauffrau nach Paris und trat dann den Missionsschwestern "Unserer Lieben Frau von Afrika " bei. (Deutschlandradio/Johanna Herzing)
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Sprecherin: Im Tanzkleid aus Paris klopfte sie an die Klostertür. Der Name Lea Ackermann steht für einen ungewöhnlichen Lebensweg. 1937 in Völklingen an der Saar geboren, führte der Weg nach der Schule in eine Banklehre. Aber Lea Ackermann wollte im Leben etwas bewegen und nicht ein Leben mit Geld verbringen. So wurde aus der Bankkauffrau 1960 die Nonne. Lea Ackermann schloss sich den Missionsschwestern "Unserer Lieben Frau von Afrika" an, wurde Schwester Leoncia. 1985 entsandte der Orden sie nach Kenia. Dort sah sie das Leid der Frauen in Elendsprostitution und gründete SOLWODI – Solidarity with Women in Distress, einen Verein für Frauen in Not, der bis heute weltweit seine Unterstützung anbietet, finanziert nicht zuletzt durch Spenden. Seit 1988 ist SOLWODI auch in Deutschland vertreten und ist Anlaufstelle unter anderem für Migrantinnen in Notsituationen. Der Verein hilft Opfern von Zwangsheirat, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Der Katholischen Kirche wirft Lea Ackermann vor, dass sich Frauen dort wie Eindringlinge fühlen, dass man ihnen nicht den Platz zugesteht, den ihnen Staat und Gesellschaft längst einräumen.

O-Ton Schwester Lea: Und dann hat eine Bombe im Bahnhof eingeschlagen und ich kann mich nicht an Angst erinnern. Es konnte mir ja nichts passieren, meine Mutter war ja bei mir.

Sprecherin: Kindheit im Saarland und Bankkauffrau in Paris.!

Ursula Welter: Ich freue mich, dass Sie in unser Radiostudio hier in Köln gekommen sind! Wie darf ich Sie ansprechen? Dr. Lea Ackermann oder Schwester Lea?

Schwester Lea: Schwester Lea, das ist mir wirklich am liebsten.

Welter: Schwester Lea, Sie sind 80 Jahre, im Februar 80 geworden, Jahrgang 1937. Und man kann, so glaube ich, sagen: Selten ist über eine Nonne so viel geschrieben, so viel berichtet worden. Sie sind – jedenfalls gemessen an den Würdigungen zu Ihrem Geburtstag – berühmt!

Schwester Lea: Ich habe das immer genutzt, damit der Verein, den ich gegründet habe, auch unterstützt wird. Denn so was wird ja nicht unterstützt, wenn man es nicht kennt. Und dann habe ich viel darüber erzählt und ich glaube, dadurch bin ich dann auch bekannt geworden.

"Wenn mein Vater was gesagt hat, dann hat er daran festgehalten"

Welter: Es geht nicht um Ihre Person, es geht um Ihr Werk. Und da werden wir nachher ausführlich drüber sprechen. Gemessen an Ihren Auszeichnungen – ich habe hier Auszüge Ihrer Biografie vor mir, Frau Europas, Nominierung der Initiative Tausend Frauen für den Friedensnobelpreis, diverse Landesverdienstorden, großes Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, Augsburger Friedenspreis, Ehrendoktorwürden. Das kann man gar nicht alles aufzählen. Nun wird es aber Hörer geben, die Schwester Lea/Lea Ackermann nicht kennen, die nicht wissen, warum Sie in diesem Maße gewürdigt wurden im Laufe Ihres Lebens. Wollen wir also Ihre Geschichte erzählen, und ich denke, wir können das am besten von vorne tun. Wie gesagt, Sie sind geboren 1937, im Februar, zwei Jahre vor Kriegsbeginn als Kind von Eltern, auf die – das haben Sie in Ihrer Biografie geschrieben – Sie sich verlassen konnten, die Ihnen Sicherheit gegeben haben. Was bedeutet das?

Schwester Lea: Wenn mein Vater was gesagt hat, dann hat er daran festgehalten, auch wenn es sich als Blödsinn herausstellte. Er war einfach ein Stück stur, aber auch sehr verlässlich. Ich habe ihn in der Kindheit ja eigentlich gar nicht so viel gekannt, denn ich war auf der Welt und dann wurde er eingezogen in den Krieg. Und er war zehn Jahre im Krieg und wir waren zweimal evakuiert. Aber ich muss heute auch sagen, ich hatte auch sehr großes Vertrauen in meine Mutter. Ich weiß, wir waren in Saarbrücken – ich bin ja im Saarland geboren – auf dem Bahnhof, sind evakuiert worden, einmal nach Hessen und einmal nach Klingenberg am Main. Und dann hat eine Bombe im Bahnhof eingeschlagen und ich kann mich nicht an Angst erinnern. Es konnte mir ja nichts passieren, meine Mutter war ja bei mir. Sie hat auch eine Ruhe und Sicherheit ausgestrahlt, das ist mir sicher sehr gut bekommen.

Welter: Das prägt dann fürs Leben. Sie sagen und schreiben von sich, dass Sie recht früh religiös gewesen sind. Wie das, wer war da prägend für Sie?

Schwester Lea: Ich bin aus einem christlich-praktizierenden Elternhaus. Meine Großmutter ging fast jeden Morgen in die Messe, das war damals möglich. Aber die konnte am Sonntag zu Hause bleiben, weil der Hut nicht gestimmt hat oder sie hatte keine passenden Schuhe. Ich konnte das nicht verstehen. Meine Mutter war eher, das macht man nicht. Also, sie war gut katholisch, ging in die Kirche, hätte sich das nicht herausgenommen wie ihre Mutter. Und ich war auf meine Großmutter manches Mal auch verärgert, das macht man … bleibt zu Hause, die Messe ist doch wichtiger als der Hut und so! Aber später habe ich die Souveränität meiner Großmutter schon sehr geschätzt. Die Freiheit, die sie damit zeigte, hat mir schon imponiert.

Die katholische Ordensschwester Lea Ackermann zeigt am 19.05.2010 in ihrem Büro in Hirzenach (Rhein-Hunsrück-Kreis) ein Plakat aus der Gründerzeit der Hilfsorganisation "Solwodi".  (dpa / picture-alliance / Thomas Frey)Lea Ackermann gründete vor 25 Jahren SOLWODI. Die Organisation kümmert sich weltweit um Frauen in Not. (dpa / picture-alliance / Thomas Frey)

Welter: Die hat Ihnen imponiert, aber die haben Sie auch ein Stück weit mit übernommen dann in Ihr Lebenswerk. Wir werden gleich darüber zu sprechen kommen und auch zu dem Moment in Ihrem Leben, an dem Sie sich entschieden haben, Nonne zu werden. Wir machen aber einen Umweg über Frankreich und über Ihre Ausbildung und einen sehr weltlichen Beruf. Sie sind geboren im Saarland, in Völklingen, Sie sind aufgewachsen in Saarbrücken und Sie haben nach der Schulzeit im Saarland eine Banklehre gemacht. Warum? Lieben Sie Zahlen oder Kontoauszüge?

Schwester Lea: Nein, mein Vater hatte ja eine kleine Bauunternehmung. Und er hat gefunden, ich muss was Ordentliches lernen und ich sollte die Banklehre machen. Und ich war da überhaupt nicht so überzeugt, aber ich ging auch dahin und habe auch die Banklehre gemacht. Und wurde dann in der Bank übernommen, weil ich einen guten Abschluss gemacht hatte, und die Bank ging nach Frankreich, nach Paris, um die Banque Franco-Sarroise einzurichten dort, und dann durfte ich da mit. Ich habe dann in Paris in unserer Bank gearbeitet, ein ganzes Jahr.

Welter: Sie durften mit, weil Sie als Saarländerin gut Französisch sprachen?

Schwester Lea: Ich sprach gut Französisch, weil ich als junges Mädchen in Frankreich in einem Internat war, in einer Internatsschule.

Schwester Lea zu ihrer Zeit in Paris: "Ich habe ganz sicher alle Museen besucht"

Welter: Wo war das?

Schwester Lea: In Commercy/Meuse.

Welter: Haben Sie da noch Kontakt, dorthin?

Schwester Lea: Nein, ich hatte noch einige Zeit Kontakt mit den Soeurs de la Providence, die waren auch in Metz und in Forbach. Aber der hat sich mit der Zeit verloren.

Welter: Aber die Bankausbildung hat Sie also nach Paris geführt. Mochten Sie die französische Hauptstadt? Wie war das, als sehr junges Mädchen dort zu sein?

Schwester Lea: Oh, das fand ich wunderbar. Ich war viel im Theater, ich habe ganz sicher alle Museen besucht, Geld hatte ich auch genug. Wir bekamen einen Tagessatz zusätzlich zu unserem Gehalt, das war also für mich wirklich viel. Ich fand das sehr schön, aber ich hatte immer im Kopf, doch ins Kloster zu gehen. Und dann habe ich gedacht, dann will ich nicht das letzte Jahr von meinen Eltern weg sein, dann will ich noch eine Zeit lang zu Hause im Elternhaus leben.

O-Ton Schwester Lea: Aber mein ganzes Leben mit Geld, das hat mich nicht fasziniert.

Sprecherin: Vom Betriebsausflug ins Kloster.

Welter: Der Bruch oder, sagen wir, der Umstieg von der Bankangestellten, die in Paris lebte, ins Kloster, den müssen Sie unseren Hörern erklären.

Schwester Lea: Na ja, ich habe schon auch gedacht: Ich will nicht mein ganzes Leben nur mit Geld zu tun haben. Das hat mich wirklich nicht interessiert. Die Zeit in Paris hat mich interessiert, das war interessant und es war vieles auch richtig und gut. Aber mein ganzes Leben mit Geld, das hat mich nicht fasziniert. Und ich war abenteuerlustig und ich war fromm, und dann habe ich immer schon … Mit zwölf habe ich schon meiner Mutter mal gesagt, dass ich ins Kloster gehe, oder mit 18 habe ich es meiner Großmutter gesagt, die damals im Sterben lag. Also, ich habe immer wieder mal davon gesprochen. Und ich muss sagen, ich war ja auch nicht richtig verliebt, dass ich gedacht habe, diesen Mann will ich heiraten! Ja, und eines Tages kam mir sogar in den Sinn: Um Gottes Willen, bin ich arrogant und kann mich aus dem Grund nicht verlieben? Das wäre mir ganz arg gewesen. Und dann habe ich eine Wallfahrt gemacht nach Lourdes. Als ich da zurückkam, wusste ich, dass ich mich verlieben konnte! Und da habe ich gedacht, da kann ich ja auch ins Kloster gehen!

"Die Schwestern haben schon gedacht, dass ich ein komischer Vogel wäre"

Welter: Und wie hat sich das dann konkret entwickelt? Was genau waren die Schritte, die Sie, ich glaube, von Paris aus gegangen sind dann ins Kloster? Wo sind Sie hin?

Schwester Lea: Dann habe ich mir so ein Büchlein besorgt mit Adressen von Ordensgemeinschaften, wo die sich darin vorstellten. Und diese Gemeinschaft, bei der ich dann später eingetreten bin, die Schwestern Unserer Lieben Frau von Afrika, die hatten damals das Mutterhaus in Trier. Und die haben also beschrieben, dass alle ihre Schwestern nach Afrika gehen müssen. Und für das Kloster hatte ich nur eine Befürchtung, und das war der Gehorsam. Da habe ich gedacht: Um Gottes Willen, dann stecken die dich irgendwohin und dann musst du dein ganzes Leben dort bleiben! Und deshalb wollte ich das genau aussuchen. Und dann schrieben die aber, dass alle ihre Schwestern nach Afrika kamen. Und das war mir Abenteuer genug und weit weg genug. Und dann habe ich denen geschrieben, dass ich mich gerne mal vorgestellt hätte und dann kam deren Antwort am Freitag, und am Samstag/Sonntag machten wir den Betriebsausflug der Bank, der Landesbank, bei der ich inzwischen wieder arbeitete in Saarbrücken, nach Trier. Und dann haben wir die ganze Nacht getanzt, wie man das damals in Betriebsausflügen so gemacht hat. Und am nächsten Morgen habe ich mich dann im Kloster vorgestellt. So, wie ich war.

Welter: Im Tanzkleid.

Schwester Lea: Im Tanzkleid, und das war ein Modellkleid, das ich mitgebracht hatte von Paris. Also, die Schwestern haben schon gedacht, dass ich ein komischer Vogel wäre, aber sie haben mir dann angeboten, ich könnte ja mal kommen, also eintreten und dort leben, das erste Jahr, das Postulat ist sowieso eine Zeit des Kennenlernens, und dann auch die zwei Jahre Noviziat. Und dann sind wir heimgefahren vom Betriebsausflug und dann habe ich gedacht: Am nächsten Tag musste ich kündigen, denn sonst hätte ich den Eintrittstermin verpasst. Und drei Wochen vor Quartalsschluss musste man kündigen. Ja, und dann bin ich so ungefähr fünf Minuten vor fünf, so in der letzten Minute, doch dann zum Personalchef gegangen und habe ihm gesagt, dass ich kündigen will. Und dann war er ganz erschrocken und hat gesagt: Warum, wollen Sie wieder nach Paris? Da habe ich gesagt: Nein, ich will mehr in einem sozialen Beruf arbeiten. Ich habe nicht verraten, weil ich gedacht habe: Wenn die mich wieder wegschicken vom Kloster, dann bin ich die Blamierte, also sage ich davon mal gar nichts.

Welter: Das war 1960, so wurde also aus der Bankkauffrau Lea Ackermann Schwester Lea.

Schwester Lea: Zuerst mal Schwester Leoncia, nur später durften wir unseren Taufnamen wieder zurücknehmen.

Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU, r) überreicht zusammen mit Regionalbischof Michael Grabow am 22.11.2014 in Augsburg (Bayern) der Ordensschwester Lea Ackermann den Preis "Augsburger Friedensfest 2014". Ackermann erhielt den mit 12.500 Euro dotierten Preis für ihre Hilfs-und Menschenrechtsorganisation Organisation "SOLWODI". Foto: Stefan Puchner/dpa | Verwendung weltweit (dpa/Stefan Puchner)Verleihung des Friedenspreises der Stadt Augsburg an Schwester Lea. Ackermann erhielt den mit 12.500 Euro dotierten Preis für ihre Hilfs-und Menschenrechtsorganisation Organisation "SOLWODI". (dpa/Stefan Puchner)

Welter: Haben Sie jemals bereut, den Schritt ins Leben einer Nonne?

Schwester Lea: Nein. Es gab schwere Zeiten dazwischen, aber heute, nach so vielen Jahren, denke ich: Ach, lieber Gott, ich danke dir, dass ich da gelandet bin! Ich hätte ja wirklich viel anderes noch machen können und ich bin einfach dankbar, dass mein Leben so verlaufen ist.

Welter: Sie haben, Schwester Lea, als Ordensschwester auch in zölibatärer Gemeinschaft mit einem Priester gelebt, Sie haben gemeinsam Pflegekinder großgezogen.

Schwester Lea: Das war wirklich ein Geschenk. Also, ich habe das so empfunden: Als ich 50 Jahre war, da hatte ich wirklich eine Krise. Plötzlich, wie alles vorbei war, ist mir aufgegangen: Als Frau könntest du Kinder kriegen! Das ist doch so was … ein einmaliges Erlebnis! Und da hatte ich wirklich eine Krise, …

Welter: Das haben Sie vermisst.

Schwester Lea: … dass ich da was verpasst habe. Und ich habe mich ja dann später doch wieder eingeholt und außerdem war das ja auch Quatsch, es war alles vorbei. Und dann … Ich habe mir das nicht ausgedacht, ich bin, als ich von Afrika zurückkam mit der Idee, SOLWODI in Deutschland zu gründen – das ist der Verein, den ich in Afrika dann gegründet habe – …

"Zu einem bestimmten Punkt hatten wir vier Pflegekinder und bekamen die nirgendwo unter"

Welter: Über den wir gleich sprechen, ja.

Schwester Lea: Und da kam ich zurück und dann wollte ich was für Frauen, Migrantinnen, die in Notsituationen waren, tun. Und dann habe ich überall gefragt, bei meiner Ordensgemeinschaft, die sagen, oh, es kommen so viele ältere Schwestern, unser Haus ist zu, wir haben keinen Platz für dich. Bei Missio, wo ich vorher gearbeitet habe, habe ich angeklopft und die haben gesagt, ich kann jederzeit kommen, aber nach ihren Vorstellungen. Und das wollte ich nicht. Ich wollte schon was nach meinen Vorstellungen aufbauen. Und ich habe nirgendwo Platz gefunden. Und dann kam dieser Pater – es war ja ein Pallottinerpater, den ich vom Studium her schon kannte und der mich auch immer unterstützt hat, als ich in Afrika war – gesagt: Mir haben sie ein ganz großes Pfarrhaus angeboten, da ist Platz! Und dann bin ich mit meiner Oberin zum Bischof Spital gegangen und habe ihn gefragt, ob ich in dem Haus da so was anfangen könnte für Frauen in Not. Und dann hat er gesagt: Das tut mir ja leid, jetzt habe ich das dem Pater schon gegeben! Und dann habe ich gesagt: Ja, aber er hat gesagt, er braucht nicht alle Räume! Und dann hat er gesagt: Ja, wenn das so ist, dann können Sie … Und meine Oberin ist mitgegangen, die hat sich das angeschaut, die war damit einverstanden.

Welter: Und dann haben Sie alle da gelebt.

Schwester Lea: Und dann bin ich zuerst hin und dann sind die Frauen gekommen und dann habe ich für die Frauen auch immer Pflegeeltern gesucht, wenn sie Kinder hatten oder Kinder zur Welt … Und zu einem bestimmten Punkt hatten wir vier Pflegekinder und bekamen die nirgendwo unter. Und dann habe ich dem Pater gesagt: Wie wäre es denn, wenn wir die hier ins Haus holen und wir räumen einen Raum ganz aus und stellen noch eine Kinderschwester ein und so? Und der war damit einverstanden und dann haben wir das so gemacht. Aber dann wollte ich noch ein Kind reinholen und dann hat er gesagt: Das kannst du machen, aber ich ziehe dann aus! Das war ihm dann ein bisschen zu viel. Aber die Kinder hatten wir uns ich empfand es als ein Geschenk! Ich hatte keine Kinder gekriegt und jetzt bekam ich sie geschenkt!

Welter: So hat es sich gefügt. Ich will noch mal auf Ihren Lebenslauf schauen, Schwester Lea, Lea Ackermann, unsere Gesprächspartnerin heute in den "Zeitzeugen" im Deutschlandfunk. Irgendwie waren Sie drin und doch nicht drin, was das Leben in der Kirche, im Orden angeht. Da sind doch sehr viele, ich will es mal sagen: weltliche Stationen. Wir haben jetzt gerade schon über den Einstieg gesprochen, von der Bankkauffrau dann ins Kloster. In die 60er-Jahre fällt dann aber auch Ihre auffällige akademische Laufbahn. Sie haben ein Theologiestudium gemacht in Toulouse, Sie haben Pädagogik studiert in München, waren Lehrerin, Schuldirektorin in Ruanda, wenn ich das richtig erinnere.

Schwester Lea: Ja.

Welter: Pädagogik, Psychologie, Theologie, all das steht inklusive einer Doktorarbeit in Ihrem Lebenslauf. Sie sind eine sehr wissenshungrige Frau.

Schwester Lea: Das war eigentlich wichtig, damit ich den jungen Mädchen, die mir anvertraut waren, auch eine Ausbildung geben konnte. Ich habe die Zeit in Afrika, in Ruanda mit den jungen Mädchen, mit denen ich teilweise bis heute in Kontakt stehe, auch sehr genossen. Ich fand das gut, diese jungen Frauen zu motivieren, sich zu engagieren für Jugend und für junge Leute, ja.

Welter: Sie sind also auf keinen Fall eine Theoretikerin, das wollte ich herausarbeiten.

Schwester Lea: Nein, das bin ich nicht, nein.

Sprecherin: Deutschlandfunk, das "Zeitzeugen"-Gespräch. Heute mit der Ordensschwester und SOLWODI-Gründerin Lea Ackermann.

O-Ton Schwester Lea: Ich habe gedacht: Das sind Kinder Gottes, die haben Gaben und Fähigkeiten, nie hat jemand geholfen, dass die zum Ausdruck kommen! Da will ich helfen und der liebe Gott soll den Rest machen!

Sprecherin: Schlüsselmomente in Mombasa.

"Lieber Gott, ich mache mit dir einen Deal!"

Welter: Die Gelegenheit zu praktischer Arbeit, zu praktischer Hilfe bot sich spätestens, als Sie nach Mombasa, nach Kenia geschickt wurden. Welcher Umstand hat Sie dorthin gebracht?

Schwester Lea: Als die Schwestern mich nach Mombasa schickten …

Welter: Das war 1985.

Schwester Lea: Genau, genau. Ich konnte nämlich dann noch die Weltfrauenkonferenz in Nairobi miterleben, wo aus der ganzen Welt Frauen kamen und berichteten von Gewalt, die ihnen angetan wurde. Das hat mich auch sehr beeindruckt. Und dann kam ich nach Mombasa, ein Ferienparadies, wunderschön. Damals war das Meer noch sauber, Korallenstrand mit vielen großen Muscheln, Meersternen, die man vom Strand aus schon gesehen hat, also wunderschön und ein richtiges Ferienparadies! Und dann auch noch Urwälder und … Einfach schön! Und da kamen Menschen, die sich eine Weltreise erlauben konnten, in dieses Ferienparadies, sahen Elend und Armut von Frauen und Kindern und nutzten das für ihr billiges Vergnügen aus!

Lea Ackermann (dpa / picture-alliance / Erwin Elsner)Schwester Lea: "Im Grunde genommen hat man mit dem Gesetz von 2002 nur den Bordellbetreibern die Möglichkeit geschaffen, ein neues Territorium für sich zu eröffnen: den Wellnessbereich." (dpa / picture-alliance / Erwin Elsner)

Welter: Das heißt, da haben Sie Ausbeutung, Zwangsprostitution, das Elend der Frauen erlebt und daraus Ihre Schlüsse gezogen. Und was haben Sie dann gemacht?

Schwester Lea: Das hat mich so wütend gemacht, dass ich gesagt habe: Lieber Gott, ich mache mit dir einen Deal! Ich kümmere mich um deine chancenlosen Töchter, lass du mich bloß nicht hängen! Und das, ja, das hat er auch gemacht, er hat mich nicht hängen lassen, bis heute nicht. Ich kam dann zu meinen Schwestern, offiziell geschickt für die Lehrerfortbildung. Und dann sagten meine Schwestern zu mir: Lea, eigentlich brauchen wir dich gar nicht, denn wir wollen ja diese ganze Schulbildung und Ausbildung in einheimische Kräfte legen. Wir sind dabei, die zu schulen, dass die das übernehmen! – Völlig normal und vernünftig! Und dann habe ich gesagt: Und eigentlich bin ich gar nicht gekommen für euch, ich würde viel lieber mich um Frauen und Kinder in Not und … deren Not sehen und wie wir da helfen können und so weiter. Und dann hat die Provinzialoberin gesagt: Ja, mach mal, halt mich aber auf dem Laufenden! Und die Schwestern waren auch damit einverstanden. Dann bin ich auf die Straße, ihn die Bordelle, überall hin, wo sich die Touristen mit den Frauen getroffen haben, und habe mit den Frauen gesprochen. Habe mich zu einer Frau an den Tisch gesetzt, habe sie eingeladen zum Bier – die haben mit den Touristen meistens Bier getrunken, ich auch –, dann habe ich gesagt: Darf ich Sie einladen zu einem Glas Bier? – Ja. Und dann habe ich gesagt: Ich bin hier für Frauen, die Probleme haben, aber Sie sind jung und hübsch, Sie haben ja keine Probleme! – Und dann haben die gesagt: Was? Meinen Sie, wir hätten keine Probleme? Meinen Sie wirklich, es macht uns Spaß, mit jedem Trottel abzuziehen, sich Krankheiten zu holen, mal Geld zu haben, mal keins? – Da habe ich gesagt: Ja, wenn es euch so geht, dann setzen wir uns doch zusammen und überlegen, was ihr anderes könnt!

Welter: Sie wollten nicht bekehren, Schwester Lea, Sie wollten den Frauen helfen, aus dem Elend herauszukommen. Sie haben dann in Mombasa SOLWODI gegründet. Sie müssen vielleicht erklären, was genau der Verein machen sollte und was so die Anfänge waren, die man bis heute beobachten kann, inzwischen weltweit!

Schwester Lea: Also, ich habe dann meinen Mitschwestern erzählt – wir waren zehn oder zwölf Schwestern in der Kommunität, aus zwölf verschiedenen Ländern, wir sind ja international gemischt –, was ich erlebt habe und dass ich diesen Frauen helfen würde. Aber wir müssten doch eigentlich einen Namen finden für so was! Und dann haben wir gesagt: Solidarität ist wichtig, mit den Frauen in Not. SOLWODI wurde dann gegründet, Solidarity with Women in Distress.

Welter: Was haben Sie den Frauen angeboten, was haben Sie konkret gemacht?

Schwester Lea: Ja, ich habe ja gar nichts gehabt! Die erste Frau, die ich traf, das war ein junges Mädchen von 16, 17 Jahren. Und die hat auf der Straße versucht, anzuschaffen. Und dann hat sie gesagt: Ich habe aber einen kleinen Jungen von drei Jahren! Der Vater hat die Mutter mit, ich weiß nicht, fünf oder sechs Kindern verlassen und sie ist von einem Schulkameraden dann schwanger geworden, sie konnte nicht mehr in die Schule gehen, weil kein Geld da war. Und dann musste sie für das Kind selber sorgen. Dann kam sie nach Mombasa und hatte das dann hier so versucht. Und dann habe ich gesagt: Weißt du was, wenn du willst, kannst du bei uns arbeiten. Und habe sie einfach angestellt, um Unkraut zu jäten. Und dann brauchte sie aber jemanden für das Kind. Und dann habe ich gemerkt, dann hat sie ein zehnjähriges Mädchen für das Kind eingestellt. Das geht ja auch wiederum nicht! Und ich hatte ja kein Geld, wir hatten damals nicht einmal Taschengeld!

Welter: Sie haben SOLWODI aus dem Nichts aufgebaut.

Schwester Lea: Aus dem Nichts! Dieser Pater, den ich kannte, hat mir dann ein bisschen Geld geschickt und meine Mutter und eine Witwe haben mir auch ein bisschen Geld … Also, es war wenig. Ich bin auch hingegangen und habe dann gedacht: Alle, die mir damals geschrieben hatten, schickt mir doch mal eine Karte aus Afrika, die hatten mir ihre Adresse leichtsinnigerweise gegeben. Denen habe ich dann einen Brief geschrieben. Ich habe 100 Briefe geschrieben, teilweise von Hand, weil ich keine Schreibmaschine hatte, und habe gesagt: Diesen Frauen will ich helfen, ich kann es nur, wenn ihr mir helft. Und dann habe ich gesagt: Na ja, 100 Briefe, zehn Euro, zehn D-Mark damals jeder, das bringt mir 1.000 D-Mark, mit dem kann ich schon viel machen. So hat es eigentlich angefangen. Und dann haben die Schwestern sich beschwert, wir hatten nur ein Besuchzimmer und das war ständig voll mit den Frauen, die ich dann angesprochen hatte. Und dann bin ich zum Bischof und habe gesagt: Die Arbeit würde ich gerne machen, aber ich habe keinen Ort, wo ich mich treffen kann! Und dann ist er mit mir rumgefahren und dann haben wir eine alte Lagerhalle gefunden. Die musste aber aufgebaut und renoviert werden. Er hat mir gesagt: Die Arbeit ist wunderbar, ich unterstütze sie, aber Geld habe ich für Sie keins! Habe ich gedacht: Wenn ich ein Priester wäre, bekäme ich normalerweise von der Diözese Geld, aber so ist das! Also, habe ich dann meine Briefe verschickt. Von den 100 Briefen haben bestimmt 98 positiv reagiert.

Welter: Das heißt, so kamen erste Spendengelder rein und bis heute ist es so …

Schwester Lea: Und dann habe ich diese Lagerhalle mal renoviert und habe mich dann dort mit den Frauen getroffen. Und witzig war: Wir hatten so eine Runde von ungefähr 20 Frauen, die ich dorthin eingeladen hatte, und dann habe ich gesagt: Ja, jetzt reden wir doch mal über eure Probleme! Ihr habt alle Probleme! Und dann sagte eine Frau zu mir: Was wir machen wollen, was Sie mit uns versuchen wollen, das ist so schwer – und da wollen Sie nicht mal beten? Aber ich wollte die Frauen nicht überfahren und habe gedacht: Wenn die wissen, ich bin eine Ordensschwester, dann denken sie, ich will sie da in irgendeiner Weise beeinflussen! Das wollte ich nicht! Ich habe gedacht: Das sind Kinder Gottes, die haben Gaben und Fähigkeiten, nie hat jemand geholfen, dass die zum Ausdruck kommen! Da will ich helfen und der liebe Gott soll den Rest machen.

Welter: Es ging also darum, dass die Frauen lernen konnten zu arbeiten …

Schwester Lea: Aber die Afrikanerinnen sind von Haus aus sehr religiös, tief religiös! Und dann habe ich gedacht: Ja, wenn ihr das so seht, ich wollte euch nur nicht überfahren, dann betet aber auch ihr! Und dann waren Musliminnen darin, die haben auch gebetet, frei, die haben die Gebete formuliert, und dann haben wir überlegt, was wir machen könnten.

Welter: Und das waren die Anfänge. Und dann haben Sie über die Jahre, aber auch damals schon mit den Frauen gemeinsam, man kann sagen: Modelle entwickelt, damit die Frauen ihr Einkommen, ihr Auskommen hatten, nicht mehr zur Prostitution gezwungen waren und also diesem Elend entkommen konnten.

Schwester Lea: Ja. Und heute gibt es … Also, nach 32 Jahren gibt es in Kenia 34 Beratungszentren, Ausbildungszentren. Wir bilden Bäckerinnen aus, Schuhmacherinnen, Schneiderinnen, Seife-Herstellerinnen, Frisösen natürlich, und manche machen auch Schmuck und so weiter.

Welter: 34 Stellen von SOLWODI allein in Kenia, aber Sie sind weltweit vertreten.

Schwester Lea: Ja, in mehreren Ländern sind wir, also noch in Ruanda, da gibt es aber nur eine Stelle, dann sind wir in Österreich mit zwei, Innsbruck und Wien, in Rumänien, in Bukarest mit einem Frauenhaus und einer Beratungsstelle, in Ungarn war ich vorigen Jahr, habe einen Vortrag gehalten und da haben sich Ordensschwestern zusammengeschlossen und haben jetzt einen Verein gegründet, im Februar, und die überlegen auch, wie sie da helfen können. Also, von daher sind wir schon international. Und es geht weiter.

O-Ton Schwester Lea: Da würde ich mir wünschen, dass wir eine Gesellschaft haben, die sagt: So wollen wir Männer und Frauen gleichwertig behandeln! Und da hat Prostitution keinen Platz!

Sprecherin: Kampf gegen Prostitution.

Welter: Wir reden und müssen auch reden über Prostitution in den Jahren nach dem Fall der Mauer. Das ist ein großes Thema für Sie immer gewesen, ich möchte aber eingangs noch mal fragen, Schwester Lea: Haben Sie sich manchmal anhören müssen: Na ja, die Nonne, kein Wunder, dass die gegen Prostitution ist! Ist das eine Entgegnung, die Sie manchmal ertragen mussten?

Schwester Lea: Ja, das kam schon mal vor. Aber sobald sie mich länger kannten, wussten sie, dass … Das war am Anfang überhaupt nicht mein Thema. Wissen Sie, wir haben eigentlich gar nicht darüber gesprochen. Ich habe nur gedacht: Keine Frau macht so was freiwillig. Ich habe auch die Frauen nicht kontrolliert, ob sie vielleicht doch noch den einen oder anderen Freier hatten. Nein, ich habe gedacht: Die Frauen auf eigene Füße stellen, dann hat kein Mann, der sie nur ausbeuten will, eine Chance. Mich rief ein Mann an jetzt in Deutschland und hat gesagt, weil er weiß, dass ich gegen Prostitution bin und das nordische Modell für richtig halte, also ein Sexkaufverbot … Das ist wunderbar, man guckt gar nicht mehr auf die Frauen! Die machen sich ja in unseren Augen immer schuldig! Die sind so angezogen, sind ein bisschen weit ausgeschnitten, ein bisschen zu eng angezogen. Wenn sie aber ganz normal und verhängt sind von oben bis unten, dann können sie ja immer noch geblinzelt haben! Und die Schweden, die haben mal weggeschaut von den Frauen und haben gesagt: Hallo? Der Markt wird bestimmt von den Käufern! Wir gucken uns mal die Käufer an und sagen: In unserem Land, wo Mann und Frau gleichwertig sind, kann nicht die eine Hälfte die andere kaufen! Also verbieten wir den Sexkauf! Und da rief mich ein Mann an und sagt: Frau Ackermann, wie soll ich denn da zu einer Frau kommen? Ach, habe ich gesagt, versuchen Sie es doch mal mit Wohlwollen und Charme! Also … Nein!

Welter: Statt zu zahlen! Sie haben hier in Deutschland nicht zuletzt nach dem Mauerfall auch das Leid der osteuropäischen Frauen und Mädchen – das muss man sagen, es sind ja viele sehr junge Mädchen dabei – öffentlich gemacht, sich eingesetzt. Was war das brutale Phänomen, mit dem Sie und Ihr Verein SOLWODI konfrontiert waren in den 90er-Jahren, aber natürlich darüber hinaus?

Schwester Lea: Wissen Sie, als ich zurückkam und Frauen in Not- und Gewaltsituationen waren, da habe ich gemerkt: Ich muss auch hier was machen. Und habe dann angefangen, hier SOLWODI aufzubauen, und habe auch gemerkt, dass ich ganz schnell ein Frauenhaus haben muss. Die erste Frau, die zu uns tatsächlich gebracht wurde, war 15 Jahre alt. Die Polizei hat sie in einem Hotel gefunden. Wissen Sie, das sind die vornehmen Hotels. Ein junges Mädchen zur Prostitution ausgebeutet da, aus Kenia. Und ich habe gedacht: Was mache ich jetzt mit dem Mädchen? Ich hatte keine Unterkunft. Ich habe gedacht, man kann doch so ein Mädchen nicht in ein Hotelzimmer bringen, man kann sie auch nicht einfach in eine Familie bringen, was machen wir? Und die ersten Frauen, die so eine Art Freundeskreis gebildet haben, waren in Düsseldorf. Und dann habe ich mit denen überlegt: Wie sollen wir das machen? Und dann haben die so einen Freundeskreis um sie herum gebildet und haben auch eine Wohnung, aber sie betreut. Und dann habe ich Kontakt aufgenommen mit Ordensschwestern, die in Würzburg für Mädchen so ein Wohnheim hatten. Und die haben dieses Mädchen dann aufgenommen. Und wissen Sie, was … Also, sie hat dann auch was gelernt und so weiter. Und vor fünf Jahren rief mich plötzlich jemand an und sagt … Und wie sie "Schwester Lea" sagte, habe ich ihre Stimme wiedererkannt und habe gesagt: Hallo, Nicoletta, bist du das? Und dann hat sie gesagt: Ja. Und hat eine Ausbildung gemacht und hat sich dann selbstständig gemacht und hat einen jungen Mann kennengelernt und hat geheiratet und ist … Also, wir hatten dann keinen Kontakt mehr, aber sie wollte mir sagen, wie sehr ich ihr geholfen habe. Ich fand das sehr toll!

Welter: Sie haben vielen Frauen geholfen, nicht zuletzt solchen, die zur Prostitution gezwungen wurden, die verschleppt worden sind, die Opfer von Menschenhandel wurden, ein Phänomen, das lange Zeit nicht so strafbewehrt war, wie Sie sich das und viele gewünscht hätten. Warum war das so? Wie viel Überzeugungsarbeit auch in Brüssel war nötig, bis die Gesetzgebung nachgezogen hat und sich auch der Realität angepasst hat?

Schwester Lea: Ja, bis heute ist es ja schwer. Denn das Gesetz, das wir in Deutschland haben, fördert die Prostitution. Also, 2002 wurde ein Gesetz eingeführt. Das alte Gesetz von vor 2002 hat praktisch die Förderung von Prostitution unter Strafe gestellt. Das Gesetz von 2002 hat gesagt, Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere. Also, das sage ich mit meinen Worten. Und die Frauen brauchen sich nicht zu verstecken, sie sollen sich öffnen können. Aber das war ein Trugschluss. Denn im Grunde genommen hat man mit dem Gesetz von 2002 nur den Bordellbetreibern die Möglichkeit geschaffen, ein neues Territorium für sich zu eröffnen: den Wellnessbereich. Dann sind die Bordellbetreiber in den Wellnessbereich, haben Wellnessparadiese geschaffen und Prostitution noch mehr eingeführt. Sodass heute Deutschland als das Bordell Europas gilt. Wir haben die meisten Prostituierten, wir haben die meisten Bordelle, Zimmerwohnungen und all das. Und den Frauen wird überhaupt nicht geholfen.

Welter: Und Sie wissen aus Ihrer Erfahrung, wie viele dieser Frauen und jungen Mädchen eben nicht freiwillig dort sind, wo sie sind.

Schwester Lea: Ich kann Ihnen heute sagen, nach 32 Jahren, das habe ich am Anfang und in der Mitte gar nicht so gesehen: Keine einzige Frau ist dort freiwillig. Es gibt eine ganze Reihe, die sagen, ja, ich bin freiwillig, weil sie sich damit abgefunden haben und weil sie sich, wenn sie sagen, ja, ich mach das nur gezwungenermaßen, noch selber für kleiner machen. Aber Schweden ist vorausgegangen und hat ein anderes Gesetz gemacht. Und ich erinnere mich, als ich ein 16-, 17- oder 15-jähriges Mädchen war, liefen in Deutschland Filme über die kleinen, wilden Schwedinnen. Schweden war verrufen als ein Land, wo man locker mit Mädchen umgehen konnte. Die haben heute ein Gesetz, das Prostitution verbietet, also den Sexkauf verbietet. Das sind keine großen Strafen, das ist auch gar nicht wichtig. Der Blickwechsel ist wichtig.

Welter: Es geht um die Einstellung der Gesellschaft …

Schwester Lea: Die Einstellung der Gesellschaft. Und dann sagt man: Prostitution hat es immer gegeben, wird es immer geben! Ich finde das unglaublich! Gucken Sie mal: Wir haben auch Diebstahl in unserer Gesellschaft, hat es auch immer gegeben! Wir haben ein Gesetz, das verbietet Diebstahl, es wird heute noch täglich geklaut. Eine Gesellschaft gibt sich Regeln und sagt: So wollen wir miteinander umgehen! Und da würde ich mir wünschen, dass wir eine Gesellschaft haben, die sagt, so wollen wir Männer und Frauen gleichwertig behandeln! Und da hat Prostitution keinen Platz!

Welter: Ihr Vorschlag ist, die Freier zu bestrafen. Und Sie haben da in der letzten oder vergangenen Zeit auch immer mal wieder nach Frankreich gewiesen, denn auch Frankreich hat einen Paradigmenwechsel vorgenommen.

Schwester Lea: Ja. Frankreich hat es ein bisschen leichter als wir, man kann es nicht direkt vergleichen. Denn Hitler hat vor 70 Jahren in Frankreich die Bordelle gefördert. Und wie die Botschaft von Hitler vorbei war, haben die alle Bordelle geschlossen. Und die haben sie nie mehr aufgemacht, weil das so eine Rückerinnerung …

Welter: … an die Zeit der Besatzung war.

Schwester Lea: … an die Zeit des Verbrechens in ihrem Land war. Und deshalb ist es denen leichter, den Sexkauf zu verbieten. Aber sie haben es verboten und haben nachgezogen. Und es gibt ja mehrere Länder, es gibt Schweden, Norwegen, Island, Irland, Nordirland, Kanada, Frankreich. Und wenn Sie mal sehen: Im Artikel eins steht, die Würde des Menschen ist unantastbar! Da hat man mir gesagt, ja, das kann man nicht so dafür nehmen, weil Würde nicht genau definiert ist! Aber es gibt den Paragrafen drei, und der sagt die Gleichwertigkeit von Mann und Frau! Und wir hatten eine Kollegin, die war Juristin, die hat dazu promoviert und die sagt: Mit diesem Paragrafen ist Prostitution auch nicht zu verbinden! Also, ich weiß nicht, was uns hindert zu sagen: In unserem Land darf es keinen Sexkauf mehr geben!

Welter: Aber Sie können sagen, dass auch heute noch in der Bundesrepublik Deutschland es viele junge Mädchen gibt und Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden und …

Schwester Lea: Auf jeden Fall, ja!

Welter: … das Geschäft der organisierten Kriminalität ausmachen.

Schwester Lea: Ja. Ja, ja.

Welter: SOLWODI hat auch Schutzräume finanziert und hat Schutzräume für Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden.

Schwester Lea: Wir haben in Deutschland 18 Beratungszentren und neun Schutzhäuser, wo wir Frauen auch zum Schutz hinbringen können, ja.

Welter: Sie haben einmal gesagt, viele Menschen wüssten gar nicht, was hier in Deutschland, in unserem vermeintlich zivilisierten Europa passiert.

Schwester Lea: Ja. Also, da bin ich auch sicher, sonst würde man auf die Barrikaden gehen. Es ist unglaublich, mit welchen Schäden diese Frauen zu uns kommen. Sie sind hochtraumatisiert. Und ich kann eigentlich auch nicht verstehen, warum wir so einem Gesetz, das den Sexkauf verbietet, abwehrend sind. Wir haben Unterschriften gesammelt, diese Unterschriftenlisten, als wir 22.000 hatten, wollte ich der Frau Schwesig, der damaligen Bundesfrauenministerin übergeben. Sie hat auf unseren Brief geantwortet: Der Herr Staatssekretär freut sich, die Unterschriften entgegenzunehmen, aber die Frau Ministerin hat leider keine Zeit. Da habe ich gedacht: Na ja, zu kurz terminiert. Habe ihr einen zweiten Brief geschrieben, da habe ich gesagt, ja, wenn sie im Mai keine Zeit, hat sie vielleicht Juni, Juli eine halbe Stunde, um unsere Unterschriften entgegenzunehmen! Bekamen wir den gleichen charmanten Brief wieder! Und da war ich wütend. Habe ihr geschrieben: Wenn sie uns nicht für eine halbe Stunde mal empfangen will, ist sie entweder an der Arbeit an der Basis nicht interessiert, oder aber sie denkt, die Basis könnte nicht mitdenken. Ich finde das unerhört. Zeitgleich hat ein Herr Rettich im "Spiegel" einen Artikel veröffentlicht. Da schreibt er drin: Er ist ganz stolz, es ist ihm gelungen, die Bordellbetreiber zu Lobbygruppen zusammenzuschließen, und sie sind sehr erfolgreich und beraten die Politik auf verschiedenen Ebenen.

Welter: Sie würden gern die Gegenseite auch zu Gehör bringen.

Schwester Lea: Ja, also, ich finde, das ist nicht mehr wie wichtig!

Welter: Aus welchen Ländern stammen die Frauen, die Opfer heute? Wir haben über die 90er-Jahre gesprochen, als viele Osteuropäerinnen betroffen waren. Was beobachten Sie heute?

Schwester Lea: Ja, also, wir haben im vergangen Jahr in den 18 Beratungsstellen in Deutschland 2.300 Frauen aus 104 Ländern gehabt, die sich an uns hilfesuchend gewandt haben. Das waren nicht alles Frauen, die in der Prostitution waren, aber es waren alles Frauen, die Opfer von Gewalt waren, oder Betroffene von Gewalt.

Welter: Sie sprechen von moderner Sklaverei.

Schwester Lea: Ja, das kann man wirklich so sagen.

O-Ton Schwester Lea: Auftreten und anpacken, und nicht austreten. Das ist schon meine Devise.

Sprecherin: Die Feministin Lea Ackermann.

Welter: Sie kämpfen für Frauen, Schwester Lea, für Bildung, für Würde, Rechte von Frauen. Nehmen Sie sich selbst wahr als Feministin, die im politischen Kampf steht?

Schwester Lea: Als Frau Schwarzer mich mal eine Feministin genannt hat, empfand ich das als eine Ehrenbezeichnung.

Welter: Sie bewundern Alice Schwarzer?

Schwester Lea: Ich finde schon ganz großartig, was sie geleistet hat und immer noch leistet, dass sie wirklich Dinge anprangert, die schiefliegen.

Welter: Wie kommt denn Ihr Kampf für die Frauenrechte in der katholischen Kirche an?

Schwester Lea: Also, für die Frauenrechte … Ich finde, dass auch die katholische Kirche die Frauen nicht wirklich ernst nimmt. Ich kann es einfach nicht verstehen und nicht akzeptieren, dass die Frauen nicht gleichwertig für alle Ämter und alle Weihen eingesetzt werden. Und sogar der Papst, habe ich gehört, ist eigentlich dafür, dass man die Frauen ernster nimmt. Und ich habe mit einer Theologin zusammen ein Buch herausgebracht: "Unser Pfarrer ist eine Frau". Und da haben evangelische Christinnen, die Priesterinnen und Pfarrer sind, geschrieben, aber auch katholische Theologinnen. Und Professor Köster, das war der einzige Theologe, der einen Artikel da unterbringen durfte, hat sehr gut analysiert, dass es keine theologischen Gründe, keine wirklichen Gründe gibt, warum Frauen in der katholischen Kirche nicht wirklich ernst genommen werden.

Welter: Ich habe gelesen, dass Sie auf den vorangegangenen Papst nicht besonders gut zu sprechen waren, Ihre Hoffnungen ruhen auf dem jetzigen.

Schwester Lea: Ja, der vergangene Papst war mir zu … ja, wie soll ich sagen … Alle sagen: ein guter Theologe! Er hatte sehr viel theologisches Wissen. Aber was für mich wichtig ist, ist die Umsetzung des Evangeliums, das, was Jesus gesagt und getan hat. Das ist auch bei den Menschen angekommen. Dass er den Menschen in Not sieht und nicht einfach nur Regeln ausgibt, an die hätten sich alle zu halten, die ja irgendwann eingeführt wurden und so weiter. Also, ich finde die Kirche gut beraten, mehr das Evangelium umzusetzen ins praktische Leben und nach dem Evangelium zu leben, als immer wieder neue Lehren zu erfinden, also Lehren mit "h"!

Welter: Da spricht die Praktikerin Lea Ackermann. Sie leben selbst bescheiden, leben Ihre Art der Armut, haben Sie einmal formuliert und haben das in Ihrer Biografie geschildert. Und Ihr Biograf Michael Albus hat formuliert, Lea Ackermann hätte auch – ich zitiere – "Revolutionärin oder Staatschefin werden können". Hätten Sie das eine oder das andere gewollt?

Schwester Lea: Ich war mal eine Zeit lang Direktorin einer Schule. Also, man kann schon Akzente setzen, das ist natürlich das Schöne. Auf der anderen Seite wäre ich dem nie gewachsen gewesen. Aber auftreten und anpacken, und nicht austreten, das ist schon meine Devise.

Welter: Sind Sie stolz auf Ihr Lebenswerk?

Schwester Lea: Ja, bin ich. Stolz und dankbar bin ich, das möchte ich sagen.

Welter: Schwester Lea Ackermann, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch!

Schwester Lea: Bitte schön!

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