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StartseiteDeutschland heuteJetzt wird der Karneval erklärt21.01.2016

Schwimmbadverbot für Flüchtlinge beendetJetzt wird der Karneval erklärt

Das viel kritisierte Schwimmbadverbot für männliche Flüchtlinge in Bornheim bei Bonn ist wieder aufgehoben worden. Sozialdezernent Markus Schnapka verweist darauf, dass auch viele Flüchtlinge das Verbot unterstützt hätten. Sie hätten sich aber auch mehr Informationen vorab gewünscht in Sachen deutscher Kultur - das soll nun nachgeholt werden: beim Karneval.

von Manfred Götzke

Zu sehen ist ein Schwimmbecken im Bornheimer Bad. (picture-alliance / dpa / Henning Kaiser)
Ein Schwimmbecken im Bornheimer Bad. (picture-alliance / dpa / Henning Kaiser)
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Es ist nicht viel los an diesem Nachmittag im Hallenfreizeitbad Bornheim. Zwei Rentnerinnen ziehen ihre Bahnen, im Minibecken hat gerade der Kinderschwimmkurs angefangen. Flüchtlinge sind nicht hier – dabei dürften sie jetzt wieder ins Schwimmbad – das umstrittene Verbot wurde soeben wieder aufgehoben. Eine Mutter mit einem dreijährigen Mädchen an der Hand meint: viel zu früh.

"Weil es nicht sein kann, dass man solche Übergriffe toleriert. Es sind Männer, die vielleicht nicht gewohnt sind, solche freien europäischen Frauen zu sehen. Und es sollte klargemacht werden, dass das hier nicht geht. Und auch nicht, dass wir Frauen uns verstellen sollen, anders auftreten sollen, denn wir sind Europäerinnen und wir möchten weiter so leben."

Ein paar Gehminuten entfernt, im Rathaus der Stadt. Sozialdezernent Markus Schnapka hat gerade aufgelegt, ein Telefoninterview. Das 32. in den letzten Tagen. Medien aus aller Welt haben sich hier bei ihm gemeldet. Wollten wissen, was da los sei, warum die Stadt gleich allen über 18-jährigen Flüchtlingen im Ortskern das Schwimmen verbietet – wo sich doch nur einzelne daneben benommen hätten. Schnapka setzt sich an den Konferenztisch und erklärt.

"Ein Verständnis für unsere Normen und Werte muss existieren"

"Es war so, dass wir mehrere Hinweise hatten, dass Frauen belästigt wurden und wir hatten auch eine versuchte Vergewaltigung. Bis auf letztere war es so, dass wir weder von den Tätern noch von den Opfern vollständige Personenangaben hatten, sich die Fälle aber insgesamt häuften. So dass wir gesagt haben, jetzt machen wir eine Maßnahme, die Signal verstanden wird."

Die Kritik war enorm und kam von allen Seiten. Nicht nur der Flüchtlingsrat bezeichnete die Maßnahme als diskriminierend, sondern auch der deutsche Anwaltsverein oder etwa die Gesellschaft für Badewesen. Markus Schnapka lehnt sich in seinem Stuhl zurück, erläutert, wie so oft in den letzten Tagen: "Ich weiß natürlich, dass ich viele treffe, die sich völlig gesetzestreu verhalten. Dass haben wir aber auch mit den Flüchtlingen diskutiert und die Bewohner haben mich dennoch bestätigt in meiner Anordnung und gesagt. Ja, das ist richtig. Ich vergleiche das durchaus mit dem Fußball, wenn es da Hinweise auf Gewalt gibt, werden ganze Fanclubs ausgeschlossen, obwohl die meisten völlig gesetzestreu sind."

Vor allem aber wollte Schnapka mit seiner Maßnahme den Flüchtlingen, für die er sich verantwortlich fühlt, wie er immer wieder betont, eine klare Botschaft vermitteln. "Bei uns ist die Gleichberechtigung eine ausziselierte Wagschale, aber das steht nicht überall angeschrieben, das muss vermittelt werden. Denn in manchen Ländern gibt es nun mal ein anderes Verständnis von der Rolle der Frau, auch von Gleichberechtigung. Und es ist auch wichtig, dass ein Verständnis für unsere Normen und Werte und für das existiert, was unsere Gesellschaft auszeichnet."

Schnapka: "Ich hatte noch nie so viel Applaus"

Schnapka geht davon aus, dass sie angekommen ist. Vorhin, als er das Schwimmverbot offiziell wieder aufgehoben hat, hat er vor den Flüchtlingen eine kleine Ansprache gehalten. Das Aufenthaltszelt direkt neben dem Schwimmbad war voll. "Da habe ich die Männer angesprochen und gesagt, ich spreche zu Ihnen als Mann, und es geht darum, welches Bild wir vermitteln von Respekt gegenüber Frauen, von Gleichberechtigung. Und da zähle ich auf uns alle, dass das ein respektvolles Miteinander ist." – "Und wie ist das angekommen, bei den Flüchtlingen?" – "Super, ich hatte noch nie soviel Applaus bei den Veranstaltungen, aber die Flüchtlinge sind auch absolut höfliche Zuhörer."

Daoud, 27, und Said, 19 Jahre alt, sitzen im Vorraum der Schulturnhalle, ihrem provisorischen Zuhause. Sie sind froh, dass sie wieder ins Schwimmbad dürfen – vor allem aber schämen sie sich, für die Männer, die die Frauen belästigt haben, übersetzt ein junger Iraner, ebenfalls Flüchtling. "Also die meinen, die sind keine Menschen, die stören uns auch, die machen was, und es heißt, alle Flüchtlinge machen das, obwohl wir das nicht machen. In unserer Heimat haben wir auch Schwestern, Mütter und wir respektieren die Frauen einfach. Das ist klar."

Über das Verbot haben sie sich nicht geärgert – allerdings hätten sie sich vorher mehr Informationen gewünscht. Eine Art Kultur-Unterricht. Diese Botschaft wiederum ist bei der Stadt angekommen.
Sozialdezernent Schnapka und seine Mitarbeiter wollen den Flüchtlingen in den nächsten Tagen den bevorstehenden Karneval erklären.

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