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StartseiteBüchermarktGroße Schriftsteller für Millionen02.05.2014

Science FictionGroße Schriftsteller für Millionen

Die Strugatzki-Brüder, geboren 1925 und 1933, waren fleißige Autoren. Zwischen grob gesagt 1960 und 1990 entstanden 22 Romane, dazu Dutzende Erzählungen, Drehbücher und Essays. Die Gesamtauflage ihrer Bücher allein in Russland liegt bei ungefähr 50 Millionen, sie wurden in Dutzende Sprachen übersetzt.

Von Uli Hufen

Die beiden russischen Schriftsteller, die Brüder Arkadij (l) und Boris Strugatzki. (Undatierte Aufnahme).
Die beiden russischen Schriftsteller, die Brüder Arkadij (l) und Boris Strugatzki. (Undatierte Aufnahme).
Weiterführende Information

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Im November 2013 feierte beim Festival in Rom ein Film Premiere, auf den zumindest russische Cineasten seit mindestens fünfzehn Jahren sehnsüchtig gewartet hatten: Alexej Germans "Es ist schwer, ein Gott zu sein." German gilt in Russland als einziger Filmkünstler der vergangenen 50 Jahre, der Andrej Tarkowskij ebenbürtig oder sogar überlegen war. Sein letzter Film - German starb kurz vor der Premiere von "Es ist schwer, ein Gott zu sein" - basiert genau wie Tarkowskijs international vielleicht größter Erfolg "Stalker" von 1980 auf einem Roman des sowjetischen Science-Fiction-Autorenduos Arkadi und Boris Strugatzki.

Die Strugatzki-Brüder, geboren 1925 und 1933, waren fleißige Autoren. Zwischen grob gesagt 1960 und 1990 entstanden zweiundzwanzig Romane, dazu Dutzende Erzählungen, Drehbücher, Essays und vieles andere. Die Gesamtauflage ihrer Bücher allein in Russland liegt bei ungefähr 50 Millionen, sie wurden in Dutzende Sprachen übersetzt, Generationen sowjetischer und postsowjetischer Leser sind mit den Strugatzkis erwachsen geworden, Generationen von Science Fiction Autoren beziehen sich auf ihr Werk.

Doch die späte Anerkennung bei den Torwächtern der Hochkultur in Kritik und Literaturwissenschaft verdankten die Strugatzkis genau wie ihr amerikanischer Kollege Philip K. Dick dem Kino. Was "Blade Runner", "Total Recall" und "Minority Report" für Dick taten, erledigten Verfilmungen wie Tarkowskijs "Stalker", Alexander Sokurows "Tage der Finsternis" oder eben Alexej Germans "Es ist schwer, ein Gott zu sein" für die Strugatzkis. Regisseure wie Ridley Scott, Steven Spielberg oder eben Tarkowskij und German verstanden intuitiv, dass die Meister-Werke der Science Fiction der 60er und 70er Jahre, egal ob sie von Philip K. Dick oder von den Strugatzkis stammen, nicht nur nichts an Brisanz verloren haben. Es sieht beinahe so aus, als gewännen sie, losgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext, mit jedem vergehenden Jahrzehnt an Bedeutung.

Sciene-Fiction-Romane, die den Zeitgeist trafen

Die Karriere der Strugatzkis begann Ende der 50er Jahre mit einer Reihe konventioneller Sciene-Fiction-Romane, die den Geist der Epoche spiegelten: Der erste Sputnik war 1957 gestartet worden, 1961 flog Jurij Gagarin als erster Mensch in den Kosmos. Die Begeisterung für die Raumfahrt war riesig, besonders in der Sowjetunion, wo man die ersten Kosmonauten buchstäblich wie Götter verehrte. Die Eroberung des Weltalls war ein romantisches Abenteuer, das zeigte: die Zukunft ist schön und kann gestaltet werden, von uns. Romane wie "Der Weg zur Amalthea", "Praktikanten" oder "Mittag, 22. Jahrhundert" entsprachen den optimistischen Geist der Epoche.

Doch schon 1963 hatten die Strugatzkis ihre euphorische Phase hinter sich. "Es ist schwer, ein Gott zu sein", geschrieben 1963, zuerst veröffentlicht 1964, erzählt von einem namenlosen Planeten, dessen Bewohner von Menschen nicht unterscheidbar sind. Einer von mehreren Staaten auf diesem Planeten ist das Königreich Arkanar, dessen Gesellschaft strukturiert ist wie ein mittelalterlicher Feudalstaat. Der einzige Unterschied: unerkannt unter den Bewohnern von Arkanar leben Abgesandte von der wesentlich höher entwickelten Erde. Einer von ihnen ist der junge Anton alias Don Rumata. Was er erlebt, wird mit Hilfe modernster Technik auf ein Raumschiff übertragen, das den Planeten umkreist.

"Anton hielt nicht viel von technischen Neuerungen: Er trug ein altbewährtes Kriegsgerät im Stil von Marschall Toz, dem späteren König Piz I.; es war mit brüniertem Kupfer beschlagen und besaß ein Rädchen, über das sich die Sehne aus Ochsendarm aufwickeln ließ."

Anton ist den Bewohnern von Arkanar körperlich und geistig weit überlegen. Er könnte den Gang der Dinge mühelos ändern. Doch genau das ist ihm streng verboten. Die Geschichte, so die Doktrin der Erdlinge, muss ihren Lauf nehmen. Doch je länger Anton mit ansehen muss, wie brutal besonders Künstler und Gelehrte unterdrückt werden, umso schwerer fällt es ihm, die Vorschriften zu achten.

"Hören Sie auf, mit mir wie mit einem Kind zu sprechen", sagte Rumata.

"Sie sind ja auch ungeduldig wie ein Kind", erklärte Don Kondor. "Man muss aber sehr geduldig sein."

"Und während wir geduldig abwarten, Maß nehmen und auf das Ziel lossteuern, vernichten die Bestien Tag für Tag, Minute für Minute Menschenleben", sagte Rumata bitter.

"Im Weltall gibt es Tausende von Planeten, die wir noch nicht betreten haben, und auf denen die Geschichte ihren Gang geht."

"Diesen hier haben wir aber betreten!"

"Gewiss. Wir kamen um der Menschheit hier zu helfen, nicht aber, um unseren gerechten Zorn an ihnen auszulassen. Wenn das über deine Kraft geht, kehre nach Hause zurück. Schließlich bist du kein Kind mehr und hast gewusst, was dich erwartet."

"Arkanar" sorgte für Kontroversen

Gebildete Leser hatten keine Mühe, in der Geschichte von Arkanar zweierlei zu erkennen: "Einen Roman", wie Boris Strugatzkij später schrieb, "über das Schicksal der Intelligenz, die ins Dämmerlicht des Mittelalters getaucht wird." Und einen Roman über das Engagement der Sowjetunion für Befreiungsbewegungen der 3. Welt. Die Zensur hatte kleinere Änderungen am Manuskript verlangt: Der Name des Ministers für die Sicherheit der Krone durfte kein Anagramm von Stalins Geheimdienstchef Berija sein. Die schließlich gedruckte Version sorgte trotzdem für Kontroversen.

Der Roman "Es ist schwer ein Gott zu sein" wird unsere Jugend eher desorientieren als ihr zu helfen, die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zu verstehen, bemängelte die Zeitung Iswestija im Januar 1966

"Wir mischen uns in den Gang der Geschichte ein, wir helfen Völkern, die für ihre Freiheit und nationale Unabhängigkeit kämpfen. Und wir werden das tun, solange der revolutionäre Geist in uns lebt."

Der Kritiker der Komsomolskaja Prawda widersprach:

"Gerade der marxistisch-leninstische Blick auf die Hilfe für andere Länder, auch solche mit veralteten und tyrannischen Gesellschaftsordnungen, zwingt die Strugatzkis, so stark und lebendig den schweren moralischen Konflikt darzustellen, den die Begegnung mit und der Kampf gegen die Unterdrücker eines anderen Planeten für die Kommunisten der Erde darstellt."

Kontrovers diskutiert, sehnsüchtig erwartet und von Millionen gelesen

So oder so ähnlich erging es den Strugatzkis mit den meisten ihrer Romane. Manchmal mussten die Bücher ein paar Monate auf Veröffentlichung warten, manchmal Jahre. Doch kontrovers diskutiert, sehnsüchtig erwartet und von Millionen gelesen wurden sie alle. In einigen Fällen versuchten die Strugatzkis gar nicht erst, eine Publikation durchzusetzen. Aber das war selten, denn die Strugatzkis hatten früh eine Grundsatzentscheidung getroffen: Ihre Leser waren die Bürger der Sowjetunion und die sollten versorgt werden. Darum kamen illegale Veröffentlichungen im westlichen Ausland nicht in Frage, darum feilschten die Brüder zwar um jedes Wort, stimmten aber letztlich den nicht verhandelbaren Wünschen der Zensur immer zu.

Doch das eigentliche Wunder der Literatur der Strugatzkis besteht nicht darin, dass sie furchtlos heiße Themen aufgriffen. Das eigentliche Wunder besteht darin, dass wir die Bücher der Strugatzkis fünzig Jahre später lesen können, ohne die geringste Vorstellung vom Kontext ihrer Entstehung zu haben. Genauso wie wir die Werke von Robert Louis Stevenson oder Daniel Defoe zwei oder dreihundert Jahre nach ihrer Entstehung lesen können. Eine ungefähre Vorstellung davon, dass es Sklaverei und Piraten gab, reicht um "Die Schatzinsel" zu genießen. Eigentlich geht es auch ohne.

Genauso kann man heute den Strugatzki-Roman "Es ist schwer, ein Gott zu sein" lesen. Wer weiß, dass der nur in Europa Kalte Krieg von den Supermächten in Südostasien, im südlichen Afrika und in Mittelamerika als heißer Proxy-Krieg geführt wurde, weiß, worauf die Strugatzkis mit ihrem Roman reagierten. Wer das nicht weiß, liest "Es ist schwer, ein Gott zu sein" heute als Allegorie auf die Demokratieexportexperimente der USA und ihrer NATO-Partner in den letzten 20 Jahren, als Traktat auf das ewig aktuelle Thema von Zensur und geistiger Gängelung oder einfach als spannenden Abenteuerroman. Das vor allem. Genau wie Philip K. Dick waren die Strugatzkis ernste Schriftsteller. Doch genau wie Dick sahen sie nicht ein, warum sie ernste Themen nicht in einer leicht klaren Sprache behandeln und mit rasanter Action garnieren sollten. Arkadi und Boris Strugatzki waren keine genialischen Avantgardisten und Sprachmagier. Sie waren große Schriftsteller für Millionen.

Arkadi und Boris Strugatzki Gesammelte Werke 1-6, Heyne Verlag, Die einzelnen Bände enthalten jeweils mehrere Romane und kosten zwischen 11.99 und 13.99 Euro

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