Dienstag, 12.12.2017
StartseiteInformationen am MorgenAtomkraft in der existenziellen Krise11.03.2017

Sechs Jahre nach FukushimaAtomkraft in der existenziellen Krise

Die Atomindustrie steckt in einer tiefen Krise. Einer der Gründe: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, die sich heute zum sechsten Mal jährt. Das Unglück war aber nicht der Auslöser, sondern lediglich der Beschleuniger für die milliardenschweren Verluste der Branche.

Von Jürgen Döschner

Atomkraftwerk in Fukushima. (picture alliance / dpa / Maxppp)
Atomkraftwerk in Fukushima (picture alliance / dpa / Maxppp)
Mehr zum Thema

Gefahren der Atomkraft Von technischen Pannen bis zum terroristischen Angriff

Zukunft der Atomkraft Rätselraten um Strategiepapier der EU-Kommission

30 Jahre nach Tschernobyl Weißrussland hat keine Angst vor Atomkraft

Fukushima- das Portal auf Deutschlandfunk.de

Die jüngsten Hiobsbotschaften kamen ausgerechnet aus den drei führenden Atomkraft-Nationen: Frankreich, Japan, USA. Der Aktienkurs des französischen AKW-Betreibers EDF brach nach einer Kapitalerhöhung ein, die Atom-Sparte des japanischen Technologiekonzerns Toshiba meldete sechs Milliarden Dollar Verlust, Ursache: Verzögerungen und Kostenüberschreitungen beim Bau von zwei Atomkraftwerken in den USA.

"Das ist ein weiterer Sargnagel. Schon wegen der niedrigen Gaspreise waren neue Atomkraftwerke nicht wettbewerbsfähig", sagte der US-Analyst Kit Konolige im Börsensender Bloomberg. "Und das erinnert noch einmal an die jahrzehntelange Geschichte, in der Kostenüberschreitungen regelrechte Killer für die Aktionäre waren. Neue AKW wird es daher so bald in den USA nicht geben."

Existenzielle Krise der Atomindustrie

Nach dem ökologisch begründeten Atomausstieg nun der ökonomisch motivierte Atomabstieg. In den letzten zehn Jahren fielen die Aktien der französischen Atom-Flaggschiffe AREVA und EDF um jeweils mehr als 90 Prozent, Toshiba büßte über 60 Prozent ein, die deutschen Energieriesen RWE und E.ON rund 80 Prozent.

"Man kann wirklich sagen, dass es sich hier um eine existenzielle Krise handelt. Weil es nicht nur eine Frage von leichtem Absinken an der Börse ist, sondern es handelt sich ja hier wirklich um einen Einbruch, der ans Existenzielle geht."

Sagt Mycle Schneider, Herausgeber des "World Nuclear Industrie Status Report". Die Börsenkurse sind dabei nur einer von vielen Indikatoren für den weltweiten Niedergang der Atomkraft. Der Anteil des Stroms aus Atomkraftwerken nimmt seit Jahren stetig ab. Und auch die Zahl der neu in Bau gegangenen AKW-Projekte ist eingebrochen, sagt Mycle Schneider.

"Global gesehen ist es so, dass 2016 nur noch drei Atomkraftwerke in Bau gegangen sind, davon zwei in China und der dritte in Pakistan – von chinesischen Firmen gebaut."

Tödliche Konkurrenz aus Wind- und Wasserkraft

Zu sehen sind Windräder und eine Konverterplattform in der Ostsee. (picture-alliance / dpa / Jens Büttner)Atomenergie ist weltweit rückläufig. Der Grund: Die erneuerbaren Energien sind eine starke Konkurrenz. (picture-alliance / dpa / Jens Büttner)

Fukushima war allerdings nicht Auslöser, sondern lediglich Beschleuniger einer längst vorhandenen, tiefer sitzenden Krise, meint Schneider. Atomstrom sei nie wirklich wettbewerbsfähig gewesen, war immer abhängig von staatlichen Zuschüssen. Zusätzliche teure Sicherheitsanforderungen und vor allem immer günstiger werdender Öko-Strom hätten nach Fukushima die latente Schwindsucht der Atomkraft verschärft:

"Wir haben jetzt gerade die Information erhalten, dass inzwischen sechzig Länder weltweit Solarenergie als die billigste Stromquelle auf dem Markt haben, sechzig Länder! Und das ist natürlich eine Konkurrenz, die für die Atomkraft tödlich ist."

Die Atomindustrie selbst sieht das naturgemäß anders. Ein Interview wollte das Deutsche Atomforum, zwar nicht geben. Aber der Lobbyverband der deutschen Atomindustrie verweist an anderer Stelle zum Beispiel gerne auf den geringen CO2-Ausstoß von Atomkraftwerken. Die weltweite Klimaschutzpolitik werde für eine Renaissance der Kernenergie sorgen. Aus Sicht von Mycle Schneider eine Illusion – nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch wegen des Zeitfaktors – Beispiel: das geplante britische Atomkraftwerk Hinkley Point:

"Den ersten Hinweis auf dieses Projekt im englischen Parlament gab es bereits 2003. Wenn dieser Reaktor in der Tat 2026/2027 in Betrieb gehen soll, dann wäre die Vorlaufzeit 23-24 Jahre. Neue Reaktortechnologien würden noch mehr Zeit bedürfen. Insofern ist es auszuschließen, dass Atomkraft in der Klimadebatte eine entscheidende Rolle spielen wird."

Statt mit der Klimakatastrophe dürfte die Atom-Branche in den kommenden Jahrzehnten ohnehin mehr mit Folgen der eigenen Katastrophen zu tun haben. In Fukushima werden die Aufräumarbeiten mindestens bis Ende des Jahrhunderts dauern und noch einige Hundert Milliarden Euro verschlingen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk