• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteEine WeltKrebspatienten als Störfaktor11.03.2017

Sechs Jahre nach FukushimaKrebspatienten als Störfaktor

Die Opfer der radioaktiven Strahlung von Fukushima können nicht mit finanzieller Unterstützung rechnen. Im Gegenteil: Sie werden diskriminiert und sind isoliert. Der japanische Staat leugnet bis heute erhöhte der Krebsrate in dem verseuchten Gebiet. Zahlen werden gefälscht und Statistiken geschönt.

Von Jürgen Hanefeld

Eine Mutter und ihr Kind werden nach dem Atomunfall von Fukushima im März 2011 auf radioaktive Bestrahlung untersucht. (dpa/picture alliance/EPA/Asahi Shimbun)
In der verstrahlten Region um Fukushima ist die Krebsrate sehr angestiegen. (dpa/picture alliance/EPA/Asahi Shimbun)
Mehr zum Thema

Sechs Jahre nach Fukushima Atomkraft in der existenziellen Krise

Sechs Jahre nach AKW-Katastrophe Japan will Fukushima-Opfer zur Heimkehr bewegen

Fukushima Höchste Strahlung seit der Havarie

Fünf Jahre nach Fukushima Wie kommt die Energiewende voran?

Strahlenbiologe zu Fukushima: "Menschen sind bis heute nicht betroffen"

Belastung durch Plutonium Fukushima und der Ozean

Das ist Yuna. Sie heißt eigentlich anders. Auch die Stimme der 21-jährigen Studentin haben wir verändert, um sie zu schützen. Denn in Japan werden Opfer doppelt bestraft: durch ihr Schicksal und durch gesellschaftliche Ausgrenzung. Das gilt für alle, die von der Katastrophe vor sechs Jahren betroffen waren, aber ganz besonders für Menschen, die durch die radioaktive Strahlung krank geworden sind.

"Ich wurde in ein kleines Zimmer im Fukushima-Krankenhaus geführt. Das erste, was die Schwester zu mir sagte, war: ‚Sie haben Schilddrüsenkrebs, aber der hat mit dem AKW-Unfall nichts zu tun.‘ Dabei hatte ich noch gar nichts gesagt."

Diagnose Schilddrüsenkrebs

Am 11. März 2011 war Yuna 15 und besuchte eine Mädchenoberschule in der Stadt Koriyama in der Präfektur Fukushima. Zwei Jahre später wurden alle 380.000 Minderjährigen, die zum Zeitpunkt des Unfalls in der Präfektur gelebt hatten, zu einer Reihenuntersuchung eingeladen. 70 Prozent nahmen teil, auch Yuna. 2013 war bei ihr noch nichts Bedrohliches zu erkennen gewesen, doch bei der zweiten Untersuchung zwei Jahre später war ihre Diagnose klar: Schilddrüsenkrebs.

"Ich hatte schon etwas geahnt. Seit über einem Jahr fühlte ich mich schlecht. Als ich im April 2014 zum Studieren nach Tokyo kam, nahm ich binnen eines halben Jahres sechs Kilo zu. Dann bekam ich alle zwei Wochen die Regel. Die ganze Zeit litt ich unter Anämie, fühlte mich ständig schlapp. Meine Füße schwollen an, als wäre Wasser da drin. Sie taten beim Gehen weh. Ich mochte gar nicht mehr aufstehen. Am Ende spürte ich beim Essen und Trinken Schmerzen am Hals."

Yuna entschloss sich zur Operation. Aber nicht im staatlichen Fukushima-Krankenhaus, weil sich ihre Mutter hoch verschuldete, um ihr die bestmögliche Behandlung zu finanzieren. Eine endoskopische Operation beim berühmtesten Schilddrüsenexperten Japans, Dr. Kazuo Shimizu. Ihm waren merkwürdige Dinge aufgefallen:

"Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist eigentlich sehr selten. Statistisch bekommt nur ein Kind unter einer Million diese Krankheit. Aber in Tschernobyl war es ein Kind von 10.000. Und hier in Fukushima haben wir einen Fall unter 2.000 bis 3.000 Kindern. Was Tschernobyl und Fukushima gemeinsam haben: Die Zahl der betroffenen Kinder ist nach den Atomunfällen deutlich angestiegen."

Parallelen zu Tschernobyl

Dr. Shimizu fährt seit 17 Jahren jedes Jahr nach Tschernobyl, er hat dort allein rund 1.000 Patienten ehrenamtlich behandelt.

"Normalerweise beträgt das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Patienten bei Schilddrüsenkrebs 1:7 oder 1:8 beträgt. Es ist eine typische Frauenkrankheit. Aber in Fukushima ist das Verhältnis 1:1. Das hat mich von Anfang an irritiert."

Auch dieses Phänomen gleicht der Situation in Tschernobyl. Inzwischen wurde bei 184 Kindern aus Fukushima Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Dr. Toshihida Tsuda ist Professor für Umwelt-Epidemiologie an der Okayama-Universität.

"Im Vergleich zur durchschnittlichen Zahl von Schilddrüsenpatienten tritt die Krankheit in Fukushima je nach Gegend zwischen 20 und 50 Mal häufiger auf. Das ist durch nichts anderes zu erklären als durch den AKW-Unfall. Diese Häufung ist übermäßig groß."

An seinem Laptop zeigt er, wie sich die radioaktive Wolke vom Kraftwerk aus verbreitet hat.

"Genau da, wo die Schwaden am dichtesten waren, finden wir die meisten Patienten. Je weiter weg von der Wolke, desto weniger kranke Kinder."

Krebspatienten gelten als Störfaktor

Der Eindruck verfestigt sich, dass die offiziellen Stellen das Problem politisch betrachten wollen, nicht medizinisch. Hisako Sakiyama, Leiterin einer Hilfsorganisation für Kinder mit Schilddrüsenkrebs, hat einen Fonds gegründet, der den Eltern der betroffenen Kinder Zuschüsse zahlt. 66 Kinder haben bereits jeweils 100.000 Yen bekommen, etwa 800 Euro, als Beitrag zu den Operationskosten. Denn auch die japanischen Krankenkassen betreiben eine widersinnige Politik: Wenn sich der Tumor als harmlos erweist, dann zahlen sie. Wenn nicht, dann nicht. Und der Staat?

"In Fukushima geht es nur noch um Wiederaufbau. Die Krebspatienten und ihre Eltern müssen sich verstecken, um nicht als Störfaktor zu gelten. Sie sind total isoliert. Deswegen wollen wir ihnen seelisch und auch finanziell unter die Arme greifen."

Yuna hat zurzeit andere Sorgen. Wie alle Patienten wird sie ein Leben lang damit rechnen, der Krebs könnte wiederkommen. Auch wenn die Operation gut verlaufen sei, sagt sie, und zeigt eine kleine, leuchtend rote Narbe unterm Schlüsselbein.

"Ich habe aber noch immer ein taubes Gefühl am Hals und an der oberen Brust. Nur allmählich geht das zurück. Schlagartig habe ich dann wieder stechende Schmerzen und ich denke, ich fühle mich noch müder als vor der Operation."

Diskriminierung der Strahlenopfer

Ihre Mutter kratzte Geld und Kredite zusammen, damit ihre Tochter eine möglichst kleine, unauffällige Narbe davonträgt. Strahlenopfer werden diskriminiert. Sie würde keinen Mann bekommen, so die Befürchtung, wenn sie als krebskrank gilt. Deswegen durften wir nicht ihren wahren Namen nennen, deswegen haben wir ihre Stimme verfälscht. Aber nicht ihre Geschichte. Die auch nicht so einfach zu Ende ist:

"Ich würde so gerne laut aufschreien. Aber das geht nicht in dieser Gesellschaft. Als Frau will ich heiraten, aber ich bin verstrahlt! Selbst wenn mein Partner eingeweiht wäre, seine Familie wäre bestimmt dagegen. Ich möchte meine Geschichte gern erzählen, aber die japanischen Medien stempeln uns zu Opfern, die nichts sagen dürfen. Nur weil ich aus Fukushima komme, werde ich in ganz Japan gemobbt. Wenn ich dann noch zugebe, Krebspatientin zu sein, werde nicht nur ichausgegrenzt, sondern auch meine Familie. Deswegen meide ich die Öffentlichkeit."

Dem Gefühlausbruch folgt eine Pause. Und eine nüchterne Abwägung:

"Der Staat weiß ja, dass er unglaubliche Probleme hätte, wenn er den Zusammenhang zwischen AKW-Unfall und Krebsrate anerkennen würde. Ich spüre genau, dass der Staat versucht, uns zu verstecken."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk