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StartseiteUmwelt und VerbraucherDie Kinderstube der Meere12.11.2015

SeegraswiesenDie Kinderstube der Meere

Bei Seegras denken viele an das braune, abgestorbene Zeug, das an Stränden herum liegt. Doch die Pflanzen sind für den Lebensraum Meer unverzichtbar. Wo sie fehlen, gerät das Meeres-Ökosystem aus dem Gleichgewicht. Was passiert, wenn das Seegras verschwindet, zeigt sich beispielsweise auf den Philippinen.

Von Katharina Nickoleit

Ein Füsilierenschwarm über einer Seegraswiese unter dem Meer. (imago/stock&people/blickwinkel)
Ein Füsilierenschwarm über einer Seegraswiese (imago/stock&people/blickwinkel)

Die kleine Bucht mit dem weißen Sandstrand auf der philippinischen Insel Mindoro ist mit ihren palmblattgedeckten Stelzenhütten auf den ersten Blick ein malerischer Ort, der alle Südseeträume zu erfüllen scheint. Doch die Idylle trügt.

"Vor zehn, 20 Jahren, konnte man zwei, drei Kilometer vor der der Küste Fisch fangen. Heute müssen die Fischer zehn Stunden lang raus aufs Meer fahren um die Fische zu finden, die es früher ganz in der Nähe gab."

Patricio Poblador ist der Bezirksvorsteher der Gemeinde Tayamaan. Der 55jährige macht sich große Sorgen um die Zukunft der Menschen hier. Es gibt viele Gründe, warum die Fischbestände zurückgehen: Überfischung, Umweltverschmutzung, Klimaveränderung. Das alles sind Faktoren, die weit außerhalb des Einflusses der kleinen Fischer liegen. Doch die Küstenbewohner sind auch selber direkt mitverantwortlich dafür, dass sie kaum noch etwas fangen: Sie sammeln Seegras.

"Das ist der Lebensraum der kleinen Fische und ihre Nahrung. Wenn es kein Seegras gibt, wo sollen die Fische dann wachsen? Wenn die kleinen Fische keinen Platz mehr haben, woher sollen dann die großen Fische kommen, die uns ernähren?"

Verbot nutzt wenig, wenn die Zusammenhänge nicht klar sind

Die Seegraswiesen sind die Kinderstube der Meere. Viele Arten legen hier ihre Eier ab, Jungfische verstecken sich zwischen den langen Halmen vor Räubern. Auch Meeresschildkröten und Seekühe brauchen die Seegraswiesen zum Weiden. Doch überall auf der Welt gibt es immer weniger Seegras. In Nord- und Ostsee macht die Überdüngung der Meerespflanze zu schaffen. Im Mittelmeer wiederum lässt die rasche Erwärmung des Wassers die Seegrasflächen schrumpfen. Und: Seegras ist ein gefragter Rohstoff.

"Es kommen Händler zu uns, die unsere Leute auffordern, Seegras zu sammeln. Die Händler haben mir gesagt, dass das Seegras in China zu Tierfutter und Düngemittel verarbeitet wird. Einige Seegrasarten dienen auch als Rohstoff für Kosmetika und Medikamente."

Totes, an den Strand gespültes Seegras wird seit jeher als Viehfutter und Dünger verwendet. Die Küstenbewohner tauchen auch danach, um es frisch als Salat zu ernten. Für die Bestände war das nie ein Problem. Aber inzwischen werden die Algen* im großen Maßstab gehandelt.

"Ich weiß von einem Fall, da wurde ein Lkw konfisziert, der hatte elf Tonnen Trockengewicht geladen. Für getrocknete Algen* ist das schon einiges."

David Bellhoff ist Mitarbeiter der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Entwicklungszusammenarbeit. Das unkontrollierte Sammeln von Seegras ist seit 2014 auf den Philippinen verboten. Doch ein Verbot nutzt wenig, wenn den Menschen die Zusammenhänge nicht klar sind. Tatsächlich wissen viele Küstenbewohner gar nicht, wie wichtig das Seegras für ihr Überleben ist. Genau da setzt die GIZ an.

"Unter anderem haben wir eine Kampagne entwickelt, zusammen mit den lokalen Universitäten, wo es darum geht, Lehrer etwas besser in Umweltthemen zu bilden, sodass die das weiter geben können an ihre Schüler."

Alternativen anbieten

Andere Aufklärungskampagnen richten sich direkt an die Fischer. Auch in der Gemeinde Tayamaan gab es solche Veranstaltungen. Für die Menschen in dem kleinen Dorf war das ein Augenöffner.

"Die Leute fangen an die Zusammenhänge zu verstehen. Als sie das Seegras sammelten, dachten sie nicht an die Zukunft. Jetzt, wo sie begreifen, was für einen Schaden sie angerichtet haben, sind sie sehr unglücklich darüber."

Doch trotz allem Verständnis – von irgendwas müssen die Menschen leben und Fisch gibt es kaum noch. Damit Patricio Poblador das neue Gesetz zum Schutz der Seegraswiesen durchzusetzen kann, muss er Alternativen anbieten.

"Ich habe ein kleines Budget, aus dem ich den Leuten zinslose Kredite geben kann, damit sie Hühner oder Kühe anschaffen oder ihre Feldwirtschaft intensivieren können."

Wenn die Dorfbewohner andere Einkommensmöglichkeiten haben, werden sie das Seegras in Ruhe lassen, hofft der Gemeindevorsteher. Und wenn alles gut läuft, werden sie eines Tages vor ihrer Küste auch wieder Fische fangen - Dank der Seegraswiesen.

*Gemeint ist Seegras, das im Manuskript irrtümlich als Algen tituliert wurde (Anm. d. Red.)

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