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StartseiteTag für Tag"Die Seele ist ein göttliches Element des Menschen"15.10.2015

Seele in der Philosophiegeschichte "Die Seele ist ein göttliches Element des Menschen"

Teil 4: Augustinus auf den Spuren Platons

Platons Philosophie beeinflusste viele christliche Denker in der Spätantike bis in die Neuzeit. Eine besondere Rolle nimmt dabei der Kirchenvater Augustinus ein, der die platonische Seelenvorstellung mit der christlichen Lehre verbindet. Den Erfolg des Christentums schreibt der Philosoph Richard David Precht auch dieser "frühen Kanibalisierung der platonischen Philosophie" zu.

Der Philosoph Richard David Precht im Gespräch mit Susanne Fritz

Der Publizist und Philosoph Richard David Precht (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Der Publizist und Philosoph Richard David Precht (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
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Susanne Fritz: Herr Precht, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass die christliche Religion in der Spätantike die gesamte Kultur des Westens wie ein Tsunami überflutet. Die antike Philosophie kann dem nicht standhalten, aber viele Denker in den Jahrhunderten um Christi Geburt plündern die Philosophie Platons. Es entstehen ungezählte so genannte neuplatonische Gedankengebäude. Inwiefern vermischen sich dabei christliche Vorstellungen mit der platonischen Philosophie?

Richard David Precht: Das Christentum wäre vermutlich nie erfolgreich gewesen, wenn es nicht zu einem frühen Zeitpunkt angefangen hätte quasi die platonische Philosophie zu kannibalisieren. Denn man darf ja nicht vergessen, Jesus war ein Orientale in einer orientalischen Welt. Und das Judentum war eine altorientalische Religion. Die Griechen hatten eine völlig andere Philosophie inzwischen, eine Philosophie der Vernunft, eine Philosophie des Logos, eine Philosophie des Abstrakten. Und jetzt haben wir einmal die Vorstellungswelt der Altorientalen, auf der anderen Seite die viel moderner anmutende griechische Philosophie. Und schon zum frühestmöglichen Zeitpunkt, Paulus, der die griechische Philosophie aus mehreren Quellen zusammenschmiedet, bedient sich unter anderem Anleihen des Griechentums. In der Geschichte wird es noch viel bedeutender werden, dass der Platonismus einsickert, weil die neueste Spielart des Platonismus, der Neuplatonismus, schon auch etwas sehr Religiöses hatte. Es ist die Vorstellung, die wir von Plotin kennen, von seinem Schüler Proklos zum Beispiel, dass es das Eine gibt. Das Eine ist alles. Alles, und zwar so Alles, dass ich noch nicht mal sagen kann, was das Eine ist. Ich kann noch nicht mal sagen, das Eine ist gütig oder das Eine ist barmherzig, gütig, barmherzig, vollkommen und so weiter. Alles so zusammen, dass jede menschliche Sprache daran abgleitet. Unsere Seele hat einen Anteil an diesem Einen, weil es eigentlich zu dieser Sphäre des Einen hinstrebt, weil sie da eigentlich hingehört. In uns Menschen ist etwas, was zu diesem totalen Einen strebt. Das war ein sehr verbreiteter in vielen Spielarten auftretender Gedanke. Der sickert sehr stark ins Christentum ein. Nun konnte man quasi dem Vater, dem Gottvater nahe sein – auf Griechisch als Sehnsucht der Seele nach dem Einen definiert. Damit wurde das Christentum auch für Intellektuelle überhaupt zumutbar.

Fritz: Was hat dieses Eine mit Platon zu tun?

Precht: Bei Platon gibt es die Idee des Guten, die jenseits all der anderen Ideen über diesen Ideen thronen soll. Bei Plotin wird aus dieser Idee des Guten etwas viel Allgemeineres und Größeres gemacht. Das heißt, er übernimmt die Vorstellung einer über allen anderen Ideen stehenden Sphäre, aber er nennt sie nicht das Gute, sondern es ist etwas so Absolutes, dass die Worte dafür fehlen. Man wird das später negative Theologie nennen. Es ist quasi ein göttliches Prinzip, für das es keine Worte gibt, also negativ, weil unbeschreibbar.

Fritz: Inwiefern hatte Plotins Vorstellung nun Einfluss auf seine Nachfolger?

Precht: Der Neuplatonismus war die mächtigste philosophische Strömung im dritten und vierten nachchristlichen Jahrhundert. Und viele christliche Denker kamen mit dem Neuplatonismus in Berührung. Ein ganz berühmtes Beispiel: der bedeutendste Denker dieser Zeit im Christentum, Augustinus, der Bischof von Hippo, der sich als junger Mann ganz intensiv mit dem Neuplatonismus auseinandergesetzt hat. Er vermischt jetzt die Sehnsucht der Seele nach dem Einen aus dem Neuplatonismus mit der Vorstellung des gütigen Vaters und der Sehnsucht des Menschen in die Gottesnähe zu kommen. Er verschmilzt Neuplatonismus und Christentum – nicht als Einziger, aber als Wirkungsmächtigster.

Fritz: Was ist die Seele bei Augustinus?

Precht: Die Seele bei Augustinus ist eigentlich sehr neuplatonisch gefasst. Es ist ein spirituelles Etwas, das aus einer höheren Sphäre stammt, jetzt nicht aus der Sphäre des Einen, sondern aus der Gottesnähe. Die Seele ist ein göttliches Element des Menschen, das sich zurücksehnt nach seinem göttlichen Ursprung. Und über die Seele können wir Gott nahekommen. Wir können Gott nahekommen, weil die Seele eigentlich das Göttliche in uns ist.

Fritz: Also die Seele ist der Ort, an dem die Wahrheit verankert ist und die Wahrheit ist Gott.

Precht: Ja, weil Gott und die Wahrheit zusammenfallen, bedeutet in Gottes Nähe zu kommen, nicht einfach nur ein netter Mensch zu sein und häufig zu beten, sondern heißt natürlich auch, den Geist forschend auf das Absolute, auf das Wahre, auf das Große, auf das Unendliche zu richten und fortwährend auch an sich zu arbeiten.

Fritz: Und dieses fortwährende Arbeiten ist quasi eine intensive Selbstbesinnung des Menschen. Durch diese intensive Selbstbesinnung kann man sich der Wahrheit nähern, also kann man sich Gott nähern.

Precht: Ja. Also ein Hineinhorchen in sich und ein Sich-selbst-versenken der Seele, das Sich-selbst-beschäftigen der Seele mit sich selbst ist ein Weg, zur höheren Erkenntnis zu kommen. Das unterscheidet dieses Absolute, unterscheidet natürlich Augustinus schon von vielen anderen Versuchen, der Wahrheit näher zu kommen. Wenn Aristoteles Tierkadaver untersuchte, um zu verstehen, was das Prinzip des Lebens ist, dann hat Augustinus damit überhaupt nichts zu tun. Jegliche Form naturwissenschaftlicher oder vor-naturwissenschaftlicher Forschung wird abgelehnt, sondern Wahrheitserkundung ist sich in seine Seele versenken.

Fritz: Später als Bischof verlagert Augustinus den Schwerpunkt seiner Theologie auf die Kirche als Institution. Was sind da seine Vorstellungen?

Precht: Man kann wirklich sagen, dass Augustinus mindestens in zwei große Hälften zerfällt. Der junge Augustinus, der die neuplatonischen Schriften gelesen hat und auf diese Art und Weise eine Seelenkonzeption entwickelt hat, dass jeder Mensch die Chance hat durch die Auseinandersetzung, Beschäftigung mit seiner Seele dem Göttlichen nahezukommen. Er wandelt sich in einen Funktionsträger der Kirche, der die Frage nach der Unsterblichkeit zu einem Druckmittel macht und die Menschen auch in Angst und Schrecken versetzt, indem er sagt, ob die Seele nun in den Himmel kommt und ob sie in Gottesnähe kommt, ist nicht dem Menschen selbst allein gegeben, sondern das hat Gott in seiner Gnade bereits vorher festgelegt. Bevor der Mensch geboren wird, in dem Moment, wo der geboren ist, steht schon fest, ob er mal in den Himmel kommt oder nicht – die so genannte Gnadenlehre, die alles in allem fürchterlich gewütet und gewirkt hat, quer durch das christliche Mittelalter.

Fritz: Also das Schicksal der Seele ist nicht mehr wir zuvor vom Lebenswandel abhängig, wie es bei den antiken Philosophen der Fall war, sondern von nun an nur noch von Gottes Gnaden abhängig.

Precht: Ja, Augustinus hat sogar massiv alle religiösen Gruppierungen bekämpft, die gesagt haben, durch einen guten Lebenswandel kann ich Gott nahe kommen. Er hat das deswegen getan, weil er um die Macht der Kirche gefürchtet hat. Wenn jeder Mensch, egal ob er in die Kirche geht oder nicht, durch einen sittlich guten Lebenswandel Gott nahe kommt, wozu brauche ich dann die Kirche? Und er als Anwalt der Kirche in schwieriger Zeit – das Römische Reich ging gerade zugrunde, gerade hatte Alarich Rom erobert, die Goten waren in Rom, später standen die Vandalen vor den Türen – in diesen Zeiten ging es darum, wenn das Römische Reich schon untergeht, so soll doch die Kirche erhalten bleiben. Deshalb führt der einzige Weg des Seelenheils über die Institution Kirche. Das ist eine radikale Abkehr des alten Augustinus gegenüber dem jungen.

Fritz: Im sechsten Jahrhundert geschieht dann das Unglaubliche. Im christlichen Westen reißt die 700-jährige Tradition der griechischen Philosophie beinahe komplett ab. Die platonischen Dialoge und die aristotelischen Schriften geraten fast in Vergessenheit. Welche Folgen hat das für die westliche Kultur?

Precht: Katastrophale! Wir erleben einen absoluten Rückschritt. Im sechsten, siebten, achten Jahrhundert gibt es in den neu aufstrebenden germanischen Reichen, der Goten, der Franken eigentlich kaum jemanden, der überhaupt noch griechisch schreibt. Und selbst in der griechisch sprechenden oströmischen Welt, also in der Welt von Byzanz, lässt das Studium der gelehrten Schriften immer mehr nach. Die Tradition reißt fast gänzlich ab. Also es gibt die Schriften von Cicero, es gibt welche von Seneca. Aber eigentlich ist das fast alles. Von Aristoteles bleiben ausnahmslos die logischen Schriften übrig, weil ein ganz bedeutender Gelehrter der ganz spätrömischen Zeit, nämlich Boethius, versucht hatte, den gesamten Aristoteles zu übersetzen, leider durch eine schicksalshafte Verstrickung nicht dazu kam, das zu machen. Er hat die logischen Schriften noch übersetzen können. Das heißt, drei Viertel von Aristoteles gehen vollständig verloren und es dauert Jahrhunderte, bis sie wieder entdeckt werden.

Fritz: Es gibt also so etwas wie eine intellektuelle Versteppung, kann man sagen. Statt Philosophie in der westlichen Welt überwiegen schlichte und eindringlich kirchenideologische Schriften. War es ausschließlich eine Sache der Kirche, dass es so gekommen ist?

Precht: Naja, die Kirche war ja der Einzige, der überhaupt noch in Frage kam für eine Form von geistiger Auseinandersetzung. Wir reden ja jetzt nicht von Zivilgesellschaften, wie wir sie im klassischen Griechenland und zum Teil in Rom kennengelernt haben, sondern wir reden von Germanien. Wir reden von einem Germanien, das zu 90 Prozent aus Wäldern besteht. Und wenn da eine kleine Klosterbibliothek 200 Bände hatte, dann war das gewaltig, war das ganz gewaltig. Und zum Vergleich: die Bibliothek von Alexandria soll zwischen 400- und 700tausend Schriftrollen in ihrem Besitz gehabt haben. Und jetzt auf einmal im achten Jahrhundert sind 200 Schriftrollen beziehungsweise 200 Pergamentbücher schon eine unglaubliche Leistung. Daran sieht man: Im Grunde genommen war vom großen Glanz der Antike nur noch ein ganz, ganz kleiner matter Schein übrig, der irgendwo durch eine Türspalt fiel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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