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StartseiteKultur heuteSehnsucht nach besseren Zeiten20.12.2012

Sehnsucht nach besseren Zeiten

Autor Christian Schüle über den Hype rund um Apokalypse

Selten war ein so großer medialer Hype um ein Datum wie um den heutigen 21. Dezember: Für diesen Tag ist laut einer sehr offenen Interpretation des Maya-Kalenders angeblich der Weltuntergang vorhergesagt. Nicht nur Ängste, sondern auch Hoffnungen - für viele Menschen biete die Apokalypse ein sinnstiftendes Moment, erklärt der Schriftsteller Christian Schüle.

Christian Schüle im Gespräch mit Dina Netz

Am 21. Dezember 2012 soll die Welt untergehen (picture alliance / dpa /  Bernd März)
Am 21. Dezember 2012 soll die Welt untergehen (picture alliance / dpa / Bernd März)

Dina Netz: Wäre doch gelacht, wenn er nicht auch das wüsste: Der russische Präsident Wladimir Putin hat heute gesagt, er wisse, wann die Welt wirklich untergehe: in viereinhalb Milliarden Jahren, wenn er sich richtig an den Lebenszyklus der Sonne erinnere. Vor dem Weltuntergang, den nach Interpretation vieler die Kalender der Maya für morgen prognostizieren, habe er jedenfalls keine Angst. Putin gab mal wieder den starken Mann: "Warum Angst haben, wenn es ohnehin unausweichlich ist?" Seine Jahrespressekonferenz hat er trotzdem auf heute gelegt.

Der für morgen vorhergesagte Weltuntergang lässt jedenfalls die Wenigsten kalt, wie man auch an diesem Beispiel sieht. Der Publizist Christian Schüle hat ein ganzes Buch darüber geschrieben: "Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten", erschienen beim Pattloch Verlag. Ich habe ihn gefragt: Herr Schüle, Untergangsphantasien und Zeiten-Ende-Prognosen, das hat es ja immer gegeben – aber die Idee, dass am 21. Dezember 2012 die Welt untergehen wird, die hat mehr Hysterie hervorgerufen als frühere solcher Daten, oder?

Christian Schüle: Also man kann natürlich jetzt keine valide Auskunft darüber geben, wie es um die erste Jahrtausendwende war oder im späten Mittelalter. Aber ich kann mir vorstellen, dass Hysterie schon damals weit verbreitet gewesen ist, zumal man damals noch viel weniger wusste als heute. Aber das ist ja eines der faszinierenden Phänomene bei dieser Angelegenheit hier, vermeintlicher Untergang morgen. Dass die Vision und dass das apokalyptische Denken bei Menschen in einer Zeit höchster Rationalität und höchster Technologie so fruchtbar Platz greift, das ist irgendwie nur zu erklären mit merkwürdigen psychologischen Mustern, die im Menschen angelegt sind, und die habe ich versucht, in meinem Buch zu durchleuchten.

Netz: Erklären Sie uns diese psychologischen Muster doch mal in aller Kürze, so gut das geht. Ist es vielleicht so: Dieser Maya-Kalender, oder diese Maya-Kalender, die sehen ja nicht eigentlich den Weltuntergang, sondern den Anbruch einer neuen Zeit voraus. Also ist dieses Sehnen nach dem Weltuntergang vielleicht letztlich eins nach besseren Zeiten?

Schüle: Ja, unter anderem. Der Weltuntergang – er rührt ja im Grunde genommen auf die Schrift, auf die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes – bietet ja ein sinnstiftendes Moment. Apokalypsen sind immer Formen von Komplexitätsreduktionen. Sie ermöglichen die Delegation von Verantwortung und ihnen eigen sind Dichotomien, ein Duell gut gegen böse, hell gegen dunkel, Gott gegen Satan. Das ist sehr entlastend für den einzelnen Menschen und gegen diese höheren Gesetze ist man ohnehin machtlos, und dann lässt man also sich selbst in diesen fantasmagorischen Horrorszenarien ausagieren, wogegen man ohnehin keine Macht hat. Und zum anderen hat das apokalyptische Denken etwas sehr Erlösendes. Wenn der Skandal der eigenen Sterblichkeit ja schlecht zu ertragen ist, so ist es doch, wenn die Welt untergeht, für die meisten – und wir sind ja alle relativ narzisstische Individuen am Ende der Postmoderne sozusagen – viel leichter zu ertragen, weil wenn alles untergeht, dann geht das Leben ohne mich auch nicht weiter. Also da kommen einige Dinge zusammen, die nicht wirklich sauber zu trennen sind, aber ich glaube, dass das auch amalgamiert ist mit Ängsten und Unsicherheiten, die einfach politisch und sozialpolitisch momentan der Fall sind. Deswegen funktioniert dieser Hype, diese Hysterie auch so gut.

Netz: Das wollte ich Sie gerade fragen. Ihr Buch heißt ja im Untertitel "Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten." Ist es vielleicht auch deshalb gerade so attraktiv, sich eine Apokalypse vorzustellen, weil wir eben gerade uns nach neuen Zeiten sehnen? Also sind wir besonders apokalyptisch sensibel?

Schüle: Ich glaube schon, dass wir eine große Sensibilität haben für dieses Thema. Erstens ist wie gesagt die Apokalypse etwas sehr einfaches, etwas sehr komplexitätsreduzierendes, und zum zweiten hält sie etwas bereit, was alle Revolutionen auch schon erkannt haben, nämlich die Vernichtung des Schlechten und Bestehenden mit einem großen Umschlag, unter anderem auch durch Legitimation von Gewalt, und dann kommt die bessere Welt, das bessere Morgen, das goldene Jerusalem, wie das bei Johannes in der Offenbarung heißt. Das ist natürlich eine Perspektive, die man gerne hat, zumal der mühsame Verhandlungsprozess einer Demokratie mit ständigem Schleifen der Rechtfertigung und des Kompromisses natürlich auch keine Sicherheit zulassen. Wenn man sich in die Apokalypse flüchten kann und vielleicht sogar zu den Auserwählten derer gehört, die den Untergang der Welt überleben, weil das gibt es ja durchaus auch - wenn man rechtgläubig ist und zu einer bestimmten Sekte gehört, dann glaubt man so -, das erlöst auch von einer bürokratischen Langeweile. Der Sozialstaat, der Wohlfahrtsstaat, das funktioniert alles ganz wunderbar, zurzeit vielleicht nicht ganz so gut wie früher, und trotzdem empfindet das Individuum ja eine gewisse Sehnsucht nach einem rauschenden, nach einem großen Morgen, und da stellt die Kulturgeschichte eigentlich kein besseres Motiv bereit als die Apokalypse, die große Zerstörung. Und die List und Verführungskraft dieses apokalyptischen Denkens besteht seit jeher und bis heute eigentlich in seiner Unbegriffenheit. Niemand hat wirklich begriffen, was genau damit gemeint ist.

Netz: Die Medien sind ja auch ein dankbarer Verwerter von diesem Thema. Es ist ein gefundenes Fressen, denn schlechte Nachrichten verkaufen sich bekanntlich gut und eine schlechtere als den Weltuntergang kann man sich ja kaum vorstellen. Oder wie funktioniert dieser mediale Mechanismus?

Schüle: Ja die leben ja in einer superlativen Gesellschaft. Also muss alles, um überhaupt wahrgenommen werden und gelten zu können, die definitive Steigerungsform erhalten. Was schert uns ein Erdbeben im Iran mit 200 Toten, wenn wir eins in Haiti mit über 300.000 haben können. Natürlich braucht man immer die höchste Form der Erregung, und kaum etwas kennzeichnet die Gegenwart der westlichen Zivilisation zurzeit ja mehr als dieses scheinbar verabredete Streben nach Perfektion, Optimierung und Effizienz, an dessen Ende immer der Anspruch an eine Sensation des Rekords zu stehen hat, also das Größte, das Beste, das Tollste, das Reichste, das Schändlichste, und das zieht sich im Grunde genommen durch die gesamte mediale Erregungskultur.

Netz: Sie betrachten das kritisch. Andererseits profitieren Sie ja selber von dieser Erregungskultur: Sie haben ein Buch darüber geschrieben.

Schüle: Ja, das ist richtig. Das sind sozusagen die blinden Flecken eines Autors, der sich eines Themas annimmt, aber da verweise ich immer auf Rousseau, der einen wunderbaren Erziehungsratgeber geschrieben hat und seinen Kindern hin und wieder aber auch einen Klaps ins Gesicht gegeben hat. Das heißt ja nicht, dass die Diagnose in der Analyse falsch ist, und Geld verdienen müssen wir alle.

Netz: Christian Schüle über den Reiz der Apokalypse, und sein Buch heißt: "Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten".


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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