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Seichter Schlagabtausch?

Michel Houellebecq, Bernard Henri Lévy: "Volksfeinde. Ein Schlagabtausch." Dumont Verlag

Von Walter van Rossum

Der Schriftsteller Michel Houellebecq
Der Schriftsteller Michel Houellebecq (AP)

Die beiden Schriftstellergrößen Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy wollen mit ihrem gemeinsamen Werk "Volksfeinde" offenbar einen intellektuellen Schriftwechsel praktizieren. Tatsächlich geht die Korrespondenz über routiniertes Plappern aus dem Nähkästchen oftmals nicht hinaus.

Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy sind Stars des französischen Geistesbetriebs. Lévy, Jahrgang 1948, befindet sich seit über 30 Jahren im medialen Dauereinsatz. 1968 noch ein orthodoxer Weltverbesserer, gehört er zehn Jahre später zur Speerspitze der neuen Orthodoxie, die vor den Gefahren des kommunistischen Totalitarismus warnt.

Und seitdem hat Bernard-Henri Lévy seine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit immer wieder unter strahlenden Beweis gestellt. Jede Barrikade, die er – begleitet von unzähligen Kameras – enterte, war mit Sicherheit eine der kommenden Sieger. Man darf sagen, die Verwegenheit dieses Intellektuellen besteht weitgehend aus seiner Kunst des Konformismus: 'Seht her: Ich gehe bei grün über den Zebrastreifen – bin ich nicht politisch unkorrekt!'.

Ganz anders und doch ganz ähnlich der einige Jahre jüngere Schriftsteller Michel Houellebecq, der seit Erscheinens seines Romans "Elementarteilchen" von 1998 zu den meistgelesenen und meistdiskutierten französischen Schriftstellern gehört. Auch Houellebecq versteht sich auf die Kunst des kalkulierten Regelverstoßes, die ihm den Ruf eines Rassisten, Zynikers, Menschenfeindes und Frauenhassers einbrachten – nicht ganz zu Unrecht. Der französische Literaturkritiker Francois Busnel schrieb über das Phänomen Houellebecq im Magazin L'Express:

"Michel H. ist gewieft. Er versteht sehr schnell, dass es nicht genügt, ein Talent zu haben, um ein Reich in der Literatur zu schaffen: man muss die Bücher, die man schreibt, mit jedem möglichen Lärm begleiten, wenn sie in die Hände der Kritiker geraten. So sind es drei Punkte, die Michel H. in den Rang eines Stars erheben: das Interesse des Publikums am Skandal, die Neugier der Leser für die Sexualität der anderen, die Identifikation eines jeden - in bestimmten Momenten seines Lebens - mit den Figuren, die er in die Literatur einführt. – Die Zeit des Traum ist vorbei, die Ära der Strategien mag beginnen. "

Nun also haben die beiden Großmeister medialer Geistesinszenierung sich zu einem Schlagabtausch per Post verabredet. Thema: kein besonderes. Und so plappern zwei eitle Seelen routiniert aus dem Nähkästchen ihrer Befindlichkeiten. Von Schlagabtausch keine Spur. Nicht einmal von einem Dialog mag man reden. Da haben sich zwei zusammengetan, damit jeder um so gefälliger von sich quasseln kann. Und als große Rhetoriker ihres Zeichens beginnen sie damit, sich als gefährliche Outlaws in Szene zu setzen - so etwa in der Preisklasse Marquis de Sade und Emile Zola.

"Wir beide haben beharrlich den Genuss der Verworfenheit, der Demütigung und der Lächerlichkeit gesucht; und man übertreibt wohl nicht, wenn man sagt, das uns das vorzüglich gelungen ist. Allerdings ist dieser Genuss weder unmittelbar noch natürlich: unser eigentlicher Wunsch, unser ursprünglicher Wunsch (entschuldigen Sie, wenn ich für Sie spreche) besteht, wie bei allen anderen auch, darin, bewundert oder geliebt zu werden oder beides zusammen."

Was für eine kühne Offenbarung! Man könnte glatt vergessen, dass es sich um zwei ausgekochte Geistesdarsteller im Zentrum des Mainstreams handelt. Und genau deshalb sind sie nicht zu Unrecht gewissen Anfeindungen ausgesetzt. Mit Sicherheit haben wir es nicht mit den Volksfeinden zu tun, mit denen sie schon im Titel des Buches furchtbar angeben. Aus dem einfachen Grund: diese Herrschaften sind dem Volk nicht bekannt. Und die großen Ausgestoßenen, als die sie sich gerne geben, sind in Wahrheit Fürsten auf einem Markt der Eitelkeiten, der sie mit Auszeichnungen, Ruhm und Geld überhäuft hat.

Welche Schläge bietet dieser angebliche Schlagabtausch? Bernard-Henri Lévy, Erbe eines Millionenvermögens, spielt den engagierten Intellektuellen, der auf der Suche nach dem Bösen das Unrecht der Welt gewissermaßen erster Klasse bereist und dabei stets mit den absehbaren Siegern paktiert, auch wenn sich darunter gelegentlich ziemlich unappetitliche Figuren befinden. Michel Houellebecq, Spross irgendwie kommunistischer Ahnen, verachtet das Engagement und die Schlachten der Moral, hätte aber andererseits nicht dagegen, als Teil eines offiziellen Erschießungskommandos die Bösen hinzurichten.

Später dann geht es um die philosophischen Tiefenschichten dieser beiden außerordentlich aufregenden Charaktere: Lévy sympathisiert vage mit Spirituellem, mit einer Religion ohne Gott oder kokettiert mit einem Judentum ohne die Falle der Religion, sozusagen Thora light. Houellebecq hingegen hat dem Humanismus und der Religion abgeschworen. Er huldigt einem Positivismus des Hier und Jetzt und leidet gelegentlich doch an seiner Vergänglichkeit. Mon Dieu, zwei schrullige Monaden senden Klopfzeichen aus ihren Gesinnungsgrüften. Lange hat man nicht mehr solche philiströsen Meinungsübungen gelesen.

Auf manchen Seiten werden leicht ein Dutzend Geistesriesen als Zeugen angerufen: von Lukrez bis Derrida und zurück. Wenn man ein paar Requisiten austauschte, könnte man glauben, zwei mit dem Glauben hadernde Amateurtheologen des 19. Jahrhunderts lesen sich gegenseitig ihre Rechtfertigungsschriften vor.

Was mag die beiden bewogen haben, sich gegenseitig mit Sentenzen zu bewerfen? Vermutlich geht es darum, hinter der dürftigen Tarnung eines intellektuellen Schlagabtauschs die eigenen intellektuellen Autobiografien zu entwerfen – um auf diese Weise Deutungshoheit über das eigene Werk zurückzuerobern. Vielleicht muss man in Paris leben, auf den paar Quadratkilometern, auf denen die französische Intelligenz sich vornehmlich mit sich selbst befruchtet, um an diesem Buch galliges Gefallen zu finden. Anderen Lesern wird es belegen, was das "Time Magazin" bereits vor einigen Jahren feststellen musste: die traurige Erschlaffung der französischen Intelligenz. Am Geblubber dieser beiden würdigen Vertreter des intellektuellen Stands der Dinge kann man das ganze Ausmaß der Vertrocknung ermessen.

Michel Houellebecq, Bernard Henri Lévy: "Volksfeinde. Ein Schlagabtausch". Aus dem Französischen von Bernd Wilczek. Dumont Verlag, Köln 2009. 320 Seiten, 22.95 Euro

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