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StartseiteKultur heuteSein oder Nichtsein26.10.2011

Sein oder Nichtsein

Wieder einmal Streit um die Frage, wer Shakespeares Werke schrieb

Roland Emmerichs Film "Anonymus" hat einen alten Shakespeare-Streit in England neu belebt. Der Filmemacher hat sich auf die Seite jener geschlagen, die in dem Adeligen Edward de Vere, 17. Earl von Oxford, den wahren Verfasser der Shakespeare-Werke sehen. Das sorgt für Proteste in Großbritannien.

Jürgen Krönig im Gespräch mit Rainer Berthold Schossig

Marmorplastik von Shakespeare in Weimar (picture alliance / dpa)
Marmorplastik von Shakespeare in Weimar (picture alliance / dpa)
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"Shakespeare hat seine Stücke selbst verfasst"

Rainer Berthold Schossig: Wer war William Shakespeare? Oder war Shakespeare vielleicht ein ganz anderer? Diese Fragen beschäftigen die anglistische Forschung seit Jahren. Jetzt gibt es wieder neuen Zündstoff. In seinem heute in England anlaufenden Historiendrama "Anonymus" hat sich Filmemacher Roland Emmerich auf die Seite jener geschlagen, die in dem Adeligen Edward de Vere, dem 17. Earl of Oxford, den wahren Verfasser der Shakespeare-Werke sehen. Das sorgt in Shakespeares, ja soll man sagen, angeblicher Geburtsstadt Stratford-uppon-Avon für Unruhe.

Aus Protest gegen Emmerichs Shakespeare-Skepsis wurden Shakespeare-Straßennamen und -Pappschilder überklebt und gar eine Statue des Dichters verhüllt. Frage an Jürgen Krönig in London: Solcher Protest, der mutet ja merkwürdig an. Ist es nun nicht Masochismus, wenn gerade jene, die Shakespeare in oder für Stratford-uppon-Avon retten wollen, ihn selbst symbolisch ausradieren?

Jürgen Krönig: Ich glaube, in diesen Protesten deutet sich Angst an, Sorge davor, dass ein Film, der behauptet, Shakespeare sei gar nicht Shakespeare und habe die Werke nicht geschrieben, dass der diese These popularisiert und einer meist unwissenden ignoranten Masse beibringen wird und die dann einfach nicht mehr nach Stratford-uppon-Avon, nach Mittelengland reisen wird, und das wäre eine Katastrophe für diese Stadt, die natürlich einen wirklichen Shakespeare-Rummel darbietet.

Schossig: Die Demonstranten sprechen ja von einer gefährlichen Verschwörungstheorie in Emmerichs Film. Aber was macht es denn, wenn jetzt zur Abwechslung mal ein Filmemacher diesen uralten Shakespeare-Streit neu belebt?

Krönig: Der Streit ist über 100, wahrscheinlich 150 Jahre alt und der Streit wird immer noch mit ungeheuerer Intensität ausgefochten. Es haben viele ernsthafte Leute, darunter britische Premierminister wie Churchill und Lord Palmerston im 19. Jahrhundert, Bismarck und Sigmund Freud, alle Zweifel daran geäußert, dass der Stratfordian Schausteller und Schauspieler William Shakespeare tatsächlich der Autor dieser großen Werke, der Sonette, der Dramen, gewesen sein kann. Mark Twain hat mal dieses berühmte Zitat gebraucht, er sagt: Was wir wirklich über Shakespeare wissen, was belegt ist, kann man auf die Rückseite einer Briefmarke schreiben. Das hat diese Kontroverse entfacht und hält sie am Leben.

Und jetzt kommt ein Regisseur, ein Popularist hin, der übrigens auch schon andere wissenschaftliche Theorien, die Sorge um das Klima des Planeten, durch eine Überhöhung, eine gigantische Übersteigerung einer möglichen, wissenschaftlich begründeten Gefahr für das weltweite Klima, nämlich die Rückkehr einer Eiszeit in der nördlichen Hemisphäre, so aufgebauscht hat, dass die wissenschaftliche Theorie selbst darunter gelitten hat. Und so ähnlich ist es auch in diesem Fall.

Diese Verschwörungstheorie, die mit absoluter Sicherheit sagt, es war nicht der Stratfordian William Shakespeare, es war in Wirklichkeit der 17. Earl von Oxford, Edward de Vere, der die Werke geschrieben hat, diese Verschwörungstheorie könnte die berechtigten Zweifel, die hinter dieser ganzen Autorendiskussion stehen, selbst beschädigen.

Schossig: Aber das sind ja eigentlich Empfindlichkeiten von Anglisten. Ist das nun ein Märtyrertum, ist das Aufklärungswut, oder ist das schlicht die Sorge um ein lokales Geschäftsmodell in Stratford-uppon-Avon?

Krönig: Der Anglist Schwanitz hat einmal geschrieben, die Armee der Shakespeare-Wissenschaftler müsste eine ganze Provinz der Forschung räumen, sollte sich herausstellen, dass der 17. Earl von Oxford einen Teil der Werke geschrieben hat. Es gibt ja verschiedene Theorien: Manche sagen, Bacen, Marlowe, es gibt unheimlich viele Kandidaten, mehr oder weniger gut begründet.

Es gibt auch die interessante Variante einer Theorie, die sagt, es ist eine Gruppe von Autoren, von aristokratisch gesonnenen, die im damals schwierigen, spionagegetränkten England von Elisabeth der Ersten nicht selbst schreiben konnten und durften, weil sie Ideen verbreiteten, die zu gefährlich waren, und die deshalb den Schausteller Shakespeare benutzten, um ihre Gedanken und Werke publizieren zu können – eine interessante Theorie.

Aber es steht natürlich viel auf dem Spiel. Die Orthodoxie, die Stratfordian-Wissenschaftler würden vieles aus dem Fenster herauswerfen müssen, falls sich herausstellen sollte, dass das nicht stimmt. Und die Stadt selbst, Stratford, die spielt natürlich ein gefährliches Spiel, weil sie nicht ganz mit ehrlichen Karten spielt.

Ich will hier nur ein Beispiel geben. Sie präsentieren stolz ein Haus als Geburtshaus William Shakespeares, obwohl es keinerlei Beleg dafür gibt. Das Einzige was man weiß ist, dass das Haus dem Vater gehört hat, aber es gibt keinen Beleg, dass William Shakespeare dort geboren wurde. Und es gibt viele Ungereimtheiten. Shakespeare hat kein einziges Buch hinterlassen, er hat sich als schnöder Ehemann erwiesen, seiner Frau gar nichts hinterlassen, es gibt keinen Hinweis auf die grandiose Bildung, die er genossen haben soll. Also deshalb wird auch dieser Film bei allen Ungereimtheiten und Übertreibungen sicherlich nicht zum Ende der Shakespeare-Kontroverse beitragen.

Schossig: Also das Ganze eine neue Spielart der Heritage Industry?

Krönig: Das ist sicherlich ein wichtiger Faktor in diesen Protesten um diesen Film und um Shakespeare.

Schossig: Das war Jürgen Krönig zum jüngsten Shakespeare-Streit in England. Roland Emmerichs Film "Anonymus", er kommt zu uns nach Deutschland im November.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Shakespeare hat seine Stücke selbst verfasst" <br> Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft widerspricht der These der heimlichen Autorenschaft (DKultur) *

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