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StartseiteForschung aktuellModerne Krankheiten gehen auf Neandertaler zurück12.02.2016

Seitensprünge mit LangzeitfolgenModerne Krankheiten gehen auf Neandertaler zurück

Der Mensch trägt bis heute auch Erbmerkmale des Neandertalers in sich. Wo genau und was das für die Evolution bedeutet, das zeigt eine Studie in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Science". Sie erklärt auch: Das damalige "Techtelmechtel" von Neandertaler und Homo sapiens hatte nicht nur positive Folgen für die Evolution.

Von Michael Stang

Figur eines Neandertalers im Neandertal-Museum in Mettmann, vor ihm das markante Schädeldach des Homo sapiens neanderthalensis. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
Zivilisationskrankheiten: Was früher hilfreich war, kann heute tödlich sein. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
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Neandertaler Früheres Ende als gedacht

Ende 2013 veröffentlichten Leipziger Max-Planck-Forscher um Svante Pääbo letzte Details des Neandertaler-Genoms. Diese Daten ermöglichen Wissenschaftlern völlig neue Einblicke.

"Dadurch können wir nun im Erbgut heutiger Menschen nach dem Vermächtnis suchen, das die Neandertaler bei ihren Seitensprüngen mit unseren Vorfahren hinterlassen haben",

sagt John Capra von der Vanderbilt University im texanischen Nashville. Zusammen mit seinem Team aus Genetikern und Bioinformatikern verglich er das Neandertalergenom mit den Erbgutdaten von rund 28.000 Menschen europäischen Ursprunges. Dabei stießen sie in den Zellen der modernen Menschen auf zahlreiche Neandertalergene.

"Wir haben viele Verbindungen ausmachen können, die mit dem Neandertalerimmunsystem zusammenhängen, etwa die Fähigkeit zur raschen Blutgerinnung. Die brachte den Neandertalern große Vorteile. Wenn sich eine Wunde schnell schließt, verhindert der Körper dadurch, dass Krankheitserreger eindringen können."

Nicht immer hilfreich

Heute jedoch kann diese einst lebensrettende Fähigkeit vor allem bei älteren Menschen lebensbedrohlich sein. Denn das Risiko, dass ein Blutgerinnsel entsteht, ist bei vielen erhöht.

Neandertaler haben vielen Menschen auch eine gewisse Anfälligkeit für bestimmte Hautkrankheiten vererbt, etwa die für die sogenannte Licht-Keratose. Dabei kommt es durch die Einwirkung von Sonnenlicht zu chronischen Schäden der Oberhaut. Auch dies hänge direkt mit den Neandertaler-Genen in unserem Immunsystem zusammen, so John Capra.

"Wir haben auch überraschende Zusammenhänge entdeckt, etwa was das Erkrankungsrisiko für Depressionen angeht. Gleiches gilt für die Anfälligkeit für eine Nikotinsucht, sowie für psychiatrische und neurologische Erkrankungen."

Der Preis für ein längeres Leben

Die Daten liefern zahlreiche Hinweise, dass wir den Neandertalern eine breite Palette genetischer Merkmale zu verdanken haben, die immunologische, neurologische und psychiatrische Krankheiten verursachen, so der US-Forscher.

Das bedeute aber keineswegs, dass die Neandertaler durchweg depressive, suchtgefährdete Allergiker waren. Es könnte auch sein, dass der Teil unseres Immunsystems, der auf die Neandertaler zurückgeht, heute einfach ein wenig über das Ziel hinausschießt, weil es ein Balanceproblem gibt.

Vielleicht sind die Zivilisationskrankheiten, die Menschen heute plagen, also der Preis, den wir für unser bewährtes Immunsystem zu zahlen haben.

"Das wäre eine Erklärung. Allerdings ist es für uns mitunter schwierig zu erkennen, inwieweit eine körperliche Eigenschaft, die sich heute als problematisch erweist, vor 50.000 Jahren in einer ganz anderen Umgebung nützlich war."

Ab 25 geht es abwärts

Vorteilhafte genetische Eigenschaften haben sich einst durchgesetzt, weil sie unseren Vorfahren das Überleben ermöglichten. Dass heutige Menschen bestimmte Immunreaktionen, die damals hilfreich waren, nicht mehr benötigen, spielt für die Evolution keine Rolle. Viele der Erkrankungen, die daraus resultieren, treffen Menschen erst in höherem Alter – was alle Menschen über 25 Jahre einschließt. Denn das ist ein Alter, in dem unsere Vorfahren in den vergangenen sieben Millionen Jahren schon zum alten Eisen zählten und sich in aller Regel längst erfolgreich fortgepflanzt hatten.

 

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