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StartseiteForschung aktuellEin nicht zu unterschätzender Kohlenstoffspeicher04.02.2016

SekundärwälderEin nicht zu unterschätzender Kohlenstoffspeicher

Jeden Tag werden weltweit Wälder abgeholzt. Der überwiegende Teil davon in den Tropen. Auf den gerodeten Flächen entstehen Äcker, die allerdings nur wenige Jahre lang Erträge bringen. Danach ziehen die Bauern weiter. Die verlassenen Äcker verbuschen und ein neuer Wald entsteht. Diese Sekundärwälder haben überraschende Auswirkungen auf das Klima, wie Lourens Poorter von der Universität Wageningen erläutert.

Lourens Poorter im Gespräch mit Monika Seynsche

Sekundärwald am Rande des tropischen Regenwaldes in Honduras im Biosphärenreservat Las Marias. (imago/blickwinkel)
Sekundärwald am Rande des tropischen Regenwaldes in Honduras im Biosphärenreservat Las Marias. (imago/blickwinkel)

Monika Seynsche: Was haben Sie herausgefunden?

Lourens Poorter: Wir haben herausgefunden, dass diese Sekundärwälder, obwohl sie ein bisschen nach Second Hand klingen, einen wundervollen Job erledigen. Nach 20 Jahren speichern sie im Durchschnitt 60 Tonnen Kohlenstoff (*). Das ist beeindruckend viel. Und diese Kohlenstoffsequestrierungsrate, diese Speicherrate für Kohlenstoff ist elfmal größer als in einem unberührten Urwald. Die tropischen Sekundärwälder spielen also möglicherweise eine sehr bedeutende Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf, indem sie Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen.

Seynsche: Und wie machen sie das? Warum sind diese Sekundärwälder so viel produktiver als die alten Urwälder?

Poorter: Nun, sie haben eine sehr offene Landschaft zu diesem Zeitpunkt mit viel Sonnenlicht, kaum Konkurrenz, viel Wasser und vielen Nährstoffen. Dadurch können diese Bäume sehr schnell wachsen. Wenn sie später zu einem geschlossenen Wald geworden sind, müssen sie die ganzen Nährstoffe miteinander teilen. Dadurch verlangsamt sich dann die Wachstumsrate und der Wald nähert sich einem Gleichgewicht. Das ist typisch für einen altgewachsenen Urwald. Dieser enthält sehr viel Biomasse, aber er wächst nur noch sehr langsam. Wohingegen die jungen Sekundärwälder noch sehr schnell wachsen.

Seynsche: Und wie lange hält dieser Prozess an? Wann gleicht sich der Sekundärwald einem Urwald an?

Poorter: Das haben wir berechnet und wir haben die Wachstumsraten in unseren Untersuchungsgebieten in Sekundärwäldern und Urwäldern miteinander verglichen. Wir schätzen dass nach 66 Jahren die Sekundärwälder schon sehr den Urwäldern ähneln, mit etwa 90 Prozent der Biomasse der Urwälder. Davon waren wir sehr überrascht, denn es ist viel schneller als wir vermutet hatten.

Seynsche: Und nach diesen 66 Jahren wird die Kohlenstoffsenke wieder kleiner?

Poorter: Ja. Die Menge an gespeichertem Kohlenstoff bleibt da, aber die weitere Aufnahme von Kohlenstoff nimmt immer weiter ab bis sie das Niveau erreicht, das man normalerweise in Urwäldern erwartet.

Seynsche: Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Untersuchung? Sind Sekundärwälder immer besser als Urwälder oder vielleicht nicht, wenn man die biologische Vielfalt an Pflanzen und Tieren in diesen Wäldern berücksichtigt?

Poorter: Ich denke, sie beide haben ihren Wert. Wir bitten nur darum, auch Sekundärwälder zu schätzen. Ich bin Biologe, und wir lieben diese Dschungel und Urwälder, denn sie enthalten eine sehr große biologische Vielfalt. Wir nennen das Primärwald. Und die anderen Wälder sind Sekundärwälder und das fühlt sich immer an wie die zweite Wahl, nicht das Richtige, Echte. Dabei erfüllen auch diese Sekundärwälder viele Funktionen der Urwälder, wenn auch natürlich nicht alle. Wir sollten also die alten Urwälder wirklich wertschätzen für den Erhalt der Biodiversität und für die großen Mengen an Kohlenstoff, die sie speichern. Aber wir plädieren dafür, auch die Sekundärwälder nicht zu ignorieren, denn sie können sehr viel Kohlenstoff aufnehmen und sie können auch eine große Menge Arten aufnehmen. In tropischen Landschaften, die stark fragmentiert sind und in denen viele Menschen versuchen, ein Auskommen zu finden, spielen diese Sekundärwälder eine sehr wichtige Rolle und dafür sollten wir sie wertschätzen.


(*) Anm. d. Red.: An dieser Stelle wurde ein Übersetzungsfehler bei der Zahlenangabe korrigiert. (5.2.2016)

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