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StartseiteHintergrundSelbst das Sparbuch ist verboten22.11.2009

Selbst das Sparbuch ist verboten

Wirtschaften nach den Regeln des Korans

Gewinne machen: ja; Zinsen nehmen oder zahlen: nein. So laute die Offenbarung Mohammeds, in der streng genommen nicht einmal das Führen eines Sparbuchs Gnade findet. Doch diese Vorschriften des "Islamic Banking" könnten sich in Zeiten der Wirtschaftskrise als Vorteil herausstellen.

Von Reiner Scholz

Islamische Regeln - Heilsbringer für die Finanzwirtschaft? (AP)
Islamische Regeln - Heilsbringer für die Finanzwirtschaft? (AP)

Ramazan Uczar ist Imam in der Zentrumsmoschee in Hamburg. Kein Buch kennt der kleine, zurückhaltende Mann so gut wie den Koran. Die "Heilige Schrift der Muslime" ist
ihm Handlungsmaxime. Das gilt auch für die zweite Sure:

Beginnend mit dem Vers 275 finden sich dort Aussagen zum "Riba", also zum Zins, der für viele Muslime auch heute noch eine sehr praktische Bedeutung hat. Was über Geldgeschäfte im Koran steht, ist mehr als deutlich. Wer sich von Zinsen ernährt, so heißt es, soll nicht anders behandelt werden als die, so wörtlich, "die der Satan zum Wahnsinn getrieben hat".

"Das geht sogar soweit, dass in einem Vers von einer Kriegserklärung die Rede ist. Das ist in derselben Sure, also in Sure 2, Vers 278 und 279. 'Oh ihr Gläubigen, fürchtet Allah und verzichtet auf das, was noch übrig ist an Zinsen, wenn ihr Gläubige seid. Und wenn ihr es nicht tut, dann ist Euch Krieg angesagt von Allah und seinen Gesandten'","

… sagt Ali Özdil, Islamwissenschaftler in Hamburg. Er kennt viele Interpretationen dieser Versstellen. In einem sind sich fast alle einig:

""Es gibt nichts, was der Islam mit solcher Härte angegriffen und tabuisiert hat wie das Zinssystem. Nicht nur in diesen Versen, sondern auch an anderen Stellen im Koran. In einer Interpretation heißt es, der Prophet hat auf das Schärfste nicht nur das Nehmen und Geben von Zinsen verurteilt, sondern sogar das Niederschreiben und Bezeugen solcher verabscheuungswürdiger Geschäfte."

Für Theologen wie Ramazan Ucar, Imam in der großen sunnitischen Zentrumsmoschee in Hamburg-Mitte, ist die Sache klar. Ein Muslim darf weder Zinsen geben noch nehmen. Gewinne machen: ja; Zinsen nehmen oder zahlen: nein. So laute die Offenbarung Mohammeds, in der streng genommen nicht einmal das Führen eines Sparbuchs Gnade findet.

"Wenn man Sparbuch hat, dann bekommt man Zinsgelder. Es gibt Leute, die diese Zinsgelder nehmen und an die ärmeren Leute weiter geben. Es gibt auch Leute, die sagen, dieses System erlaubt mir - ich klaue nicht - das ist offiziell in Deutschland, wenn man Zinsen bekommt und dann hat man sauberes Geld. Aber islamisch gesehen: Geld geben und Geld nehmen, das ist kein gutes Geschäft."

Doch wie soll sich ein gläubiger Muslim in der modernen Welt verhalten, in einer Welt, in der sich fast alles um den Zins dreht? Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Ein jeder, so scheint es, sucht da seinen eigenen Weg. Für Orhan Gülbasch, einen gläubigen Mann türkischer Herkunft, Starkstromelektriker von Beruf, bedeutet die zweite Sure:

"Ich muss immer beachten, dass keine Zinsen in meinen Nettolohn reinkommen und ich möglichst auch keine Zinsen zahle, dass mein Konto nicht in Minus geht."

Nun ist der Koran keineswegs wirtschaftsfeindlich. Handeln und Gewinne machen ist ausdrücklich erwünscht. Solange der Gläubige selbst ein Risiko trägt, gilt die Geldanlage als "halal", also erlaubt. Auch der Handel mit Aktien steht dem nicht entgegen. Nicht erlaubt aber ist es, anderen Geld zu leihen und dafür, ohne eigene Arbeit gewissermaßen, Zinsen einzustreichen. Weil aber Muslime am normalen Wirtschaftsleben teilnehmen, müssen Gläubige wie Ahmet Yazici, für den eine Kreditfinanzierung nicht infrage kommt, Rechtskniffe anwenden:

"Der Trick ist natürlich klar. Dass man die Sache nicht kauft und finanziert über die Bank, sondern die Bank die Sache kaufen lässt und dann wieder zurückkauft. Beispiel: Die Bank kauft das Auto und ich zahl das Auto an die Bank zurück und am Ende zahle ich mehr, als die Bank bezahlt hat, das wäre ein legaler Trick."

Yazici, der an der Universität Kiel Betriebswirtschaftslehre studiert hat, ist Geschäftsführer eines großen türkischen Supermarkts in Hamburg. Er ist zudem Vorstandsmitglied einer Moschee und wird oft gefragt, wie denn dem Koran nach erlaubte von unerlaubten Geldgeschäften zu unterscheiden seien:

"Wenn man sich einen Bankkredit holt, um in Urlaub zu fahren, das wäre nicht möglich. Oder wenn man sich ein Sparbuch anlegt auf der Bank, das wäre auch nicht möglich. Ich bin Geschäftsführer von zwei Unternehmen hier, und ich habe meine Banken angewiesen, dass wir nur im Plusbereich arbeiten. Wir haben keine Überziehungsprovisionen und haben auch keine Betriebsmittelkredite oder Ähnliches."

Auf die muslimische Art der Geldanlage ist das westliche Finanzwesen nicht ausgelegt. Ahmed Yazici merkt das unter anderem bei den Steuern. Wenn der Geschäftsmann Geld braucht, leiht er sich das am ehesten von Freunden und zahlt die gleiche Summe später wieder zurück. Dem Finanzamt ist aber diese Art der Finanzierung nicht geheuer. Geldverleihen ohne Zinseinnahme, das akzeptierten die Steuerbeamten nicht. Sie würden einfach so tun, als seien Zinsen geflossen. Das kostet:

"Wenn man ganz normal am Verkehr teilnimmt, gehen die Finanzämter ganz normal damit um. Die gucken nur etwas sparsam aus den Augen, wenn muslimische Kaufleute sich gegenseitig zinslose Darlehen in de Hand drücken und das nicht entsprechend entlohnt wird. Das wäre eine Vergünstigung, die entsprechend versteuert werden muss. Da muss man virtuelle Zinsen zahlen, für die man Steuern echt an das Finanzamt abführt."

Das moderne "Islamic Banking", wie es mit dem englischen Fachbegriff heißt, ist eine Antwort auf den Vormarsch eines westlichen, als unethisch empfundenen Kapitalismus, mit dem nicht nur Muslime Schwierigkeiten haben. So waren in der Frühphase der DDR Zinsen eine Zeit lang verboten. Anthroposophen favorisieren auch heute noch einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, ohne Zinsen. Lokalwährungen, die es in Deutschland mancherorts gibt, sind ein jüngster Versuch, der als ungerecht empfundenen Zinswirtschaft auszuweichen. Projekte wie diese sind allerdings höchstens Fußnoten in der Wirtschaftsgeschichte. Mit dem vergleichsweise jungen islamischen Finanzwesen könnte das anders sein, so Sebastian Sons, Islamwissenschaftler am Orient-Institut in Berlin:

"Die theoretischen Grundlagen haben sich in den 1940er-Jahren das erste Mal entwickelt. Vor allem in Pakistan haben sich islamische Gelehrte mit den theoretischen Grundlagen eines islamischen Finanzwesens auseinandergesetzt. Institutionalisiert wurde es dann erst in den 60er- und den 70er-Jahren mit der Gründung der Islamic Development Bank in Dschidda in Saudi-Arabien, oder auch mit der Dubai Islamic Bank 1975 und dann ging das peu a peu immer weiter. Und vor allen Dingen in den 90er-Jahren und nach der Jahrtausendwende gab es einen regelrechten Boom bei 'Islamic Banking'."

War "Islamic Banking" über Jahrzehnte ein Nischengeschäft, so entwickelte es sich in den letzten Jahren zu einem "Megatrend". In den letzten Jahren verzeichnete die muslimische Finanzierung Zuwachsraten von jährlich zehn bis 15 Prozent. Betrug ihr Umfang 2001 weltweit etwa 500 Millionen Dollar, so lag er 2007 schon bei 60 Milliarden. Für die Zielgruppe - superreiche konservativ-muslimische Familien im Nahen Osten - legen immer mehr internationale Banken sogenannte "Scharia-konforme Produkte" auf: Speziell zusammengestellte Wertpapiere und Fonds ohne die als anrüchig geltenden Branchen Glücksspiel, Waffen, Alkohol oder Sexindustrie. Kilian Bälz, Islamwissenschaftler und Rechtsanwalt in Frankfurt, einer der besten Kenner des sogenannten "Islamic Banking", erklärt, was getan wird, um sicherzustellen, dass die Investitionen seriös sind.

"Sie werden in der Regel zertifiziert durch Schariagelehrte. Im internationalen Jargon spricht man von Sharia Scholars. Die meisten islamischen Banken haben ein eigenes sogenanntes Sharia-Board. Das ist eine Art Ethikbeirat, der die Bank in Fragen des islamischen Rechts berät. Internationale Banken, die kein eigenes Shariaboard haben, können auf Consultancies zurückgreifen, die genau diesen Dienst anbieten."

In den letzten Monaten haben Wirtschaftsexperten mit besonderer Spannung in die muslimischen Länder geblickt. Wie würden ihre Volkswirtschaften mit der Finanzkrise fertig werden? Staaten wie Dubai, deren Wirtschaft eng mit den internationalen Finanzmärkten verbunden ist, erleben derzeit ebenfalls tiefe Einschnitte und wirtschaftlichen Stillstand. Anders sieht es in den drei Ländern aus, die ihre Volkswirtschaft bereits ganz auf "Islamic Banking" umgestellt haben: Sudan, Pakistan und der Iran. Ihr Erfolg lasse sich aber nicht nur auf das islamische Finanzwesen zurückführen, gibt der Berliner Islamwissenschaftler Sebastian Sons zu bedenken.

"Wenn man sich die Länder anschaut, die umgestellt haben auf ein reines 'Islamic Banking', ein reines islamisches Finanzsystem: Aus unterschiedlichen Gründen sind sie definitiv nicht so stark von der Finanzkrise betroffen, vor allem nicht direkt. Aber, das hat nichts mit 'Islamic Banking' zu tun, sondern mit der wirtschaftlichen Struktur. Die Isolationspolitik gegenüber Iran hat sich vorteilhaft
ausgewirkt in Zeiten der Finanzkrise und Sudan und Pakistan sind wirtschaftlich einfach zu schwach."

Dennoch scheint "Islamic Banking" dank seiner konservativeren Finanzpolitik besser durch die Krise zu kommen. Kredit- und Warentermingeschäfte sind nicht erlaubt, eine Hypothekenkrise wie in den USA, die den Markt durch windige Geschäfte zum Einsturz brachte, ist nicht möglich. Derzeit wird dem islamischen System ein jährliches Wachstum von mindestens 15 Prozent prognostiziert. Mittlerweile arbeiten bereits 300 Finanzinstitute in 51 Ländern nach islamischen Finanzregeln. Schwerpunkt ist der Nahe Osten. Immer stärker hat sich das Geschäft aber auch in die USA und nach Europa ausgeweitet. Hier behauptet vor allem Großbritannien nicht zuletzt dank seiner muslimischen Geschäfte seine Rolle als bedeutendster europäischer Bankenplatz:

"Es gibt in Deutschland einfach noch nicht das Angebot wie in England, wo jede größere Bank die islamische Eigenheimfinanzierung im Programm hat, wo es eine Reihe islamischer Verbraucherbanken gibt, wo es aber auch die entsprechende Infrastruktur gibt. Damit meine ich zum einen, es gibt Schariascholars, die islamische Produkte für den englischen Markt entwickeln, englische Scharia-Scholars, und die englische Finanzdienstaufsicht, die NSA, hat sich auch
in den letzten Jahren sehr darum bemüht, Sonderregelungen für islamische Produkte zu entwickeln, um diese wettbewerbsfähig zu machen."

Kunden, die hierzulande "Islamic Banking" betreiben wollen, haben deutliche finanzielle Nachteile. Das gilt auch für die Hausfinanzierung, die für viele muslimische Familien von großem Interesse ist. Immerhin verfügen bereits acht Prozent der deutschen Muslime über Wohneigentum. Wer aber Eigentum muslimisch finanzieren will, der muss tiefer in die Tasche greifen. Kilian Bälz:

"In Deutschland wie überhaupt in Europa ist das klassische Beispiel die sogenannte Double-Stand-Duty. Bei der islamischen Hausfinanzierung würde nicht die Bank Geld verleihen, damit der Kunde sich davon ein Eigenheim kaufen kann, sondern die Bank würde das Eigenheim kaufen, dem Kunden zu einem höheren Preis weiter verkaufen und ihm die Raten stunden. Der Kunde würde also das Haus von der Bank kaufen. Das löst in Deutschland doppelte Grunderwerbssteuer aus, was dazu führt, dass die islamische Hausfinanzierung deutlich teurer ist, als die konventionelle."

Noch sind Banken und Sparkassen in Deutschland auf die Zielgruppe Muslime nicht vorbereitet. Zwar unterhalten mittlerweile einige Firmen unter dem türkischen Namen "Bankamiz", auf Deutsch: "Unsere Bank", spezielle Filialen mit Türkisch sprechenden Angestellten. Und vereinzelt gibt es auch in Deutschland schariakonforme Produkte. Doch die sind bestimmt für die Reichen aus dem Nahen Osten und werden fast nur auf dem Parkett der Frankfurter Börse gehandelt.

Wie groß die Marktchancen für "Islamic Banking" in Deutschland sind: Darüber gehen die Meinungen auseinander. Muslime beklagen, ihnen werde nichts angeboten. Und die Banken betonen, die Nachfrage sei zu gering. Dabei würde sich ein Versuch lohnen, meint Marco Habschick, Mitarbeiter von Evers und Jung, einem Hamburger Forschungs und Beratungsinstitut für Finanzdienstleistungen und einer der Autoren einer Studie über das Finanzverhalten von Migranten:

"Nach meinem Eindruck sind die Finanzdienstleister in Deutschland noch nicht besonders auf diese Zielgruppe vorbereitet. Dieser ganze Bereich der Immobilien beispielsweise, der so eine große Bedeutung hat in der türkischen Community in Deutschland, ein Riesenmarkt, Baufinanzierungen könnte man da verkaufen als Bank noch und nöcher wahrscheinlich, diese Zielgruppe wird noch nicht
besonders gezielt bearbeitet. Das ist im Kommen, aber ich sehe bisher überall nur Ansätze, und was auch interessant ist, dass deutschen Banken, deutsche Versicherer im Moment noch total unterrepräsentiert sind in türkischen Medien."

Allerdings, so räumt Habschick ein, hätten sie bei ihren Untersuchungen auch deutliche Vorbehalte vorgefunden. Das Thema war bei vielen negativ besetzt - nach einem von der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen Finanzskandal, der zum Trauma für eine Vielzahl türkischer Familien wurde:

"Es gab nämlich vor ein paar Jahren eine riesige Welle von Anlagebetrug, die unter dem Deckmantel von Wir-sind-doch-alle-eins, wir sind doch dieselbe Community, und das ist alles doch sauberes Geld, unter diesem Deckmantel wurden massiv Türken der ersten und zweiten Generation geködert und die haben eben auch durchweg große Summen dort verloren und das ist jetzt die Erfahrung, die den Türken in Deutschland noch im Nacken sitzt."

Zehntausende Türken in Europa, vor allem in Deutschland, die erste Generation der Gastarbeiter und ihre Nachfahren, haben Ende der neunziger Jahre insgesamt wohl über zehn Milliarden Euro verloren, eine Finanzkatastrophe schwer vorstellbaren Ausmaßes. Werber waren durch die Cafés und Moscheen gezogen und versprachen den Gläubigen für ihr Geld gute Gewinne von zehnund mehr Prozent - und dies mit schariakonformen Anlageformen in der Türkei. Viele Türken zahlten ein, was sie über Jahrzehnte in Deutschland mühsam erspart hatten. Besonders Risikofreudige liehen sich von überall Geld, um beim großen Geldrausch dabei zu sein.

Doch mit der Zeit verblasst die Erinnerung. Und eine neue Tendenz ist zu erkennen: Die muslimische Community vergewissert sich zunehmend der eigenen Werte.

Noch spreche "Islamic Banking" vor allem die Gebildeten an. Von einer Massenbewegung sei man weit entfernt. Ob es so etwas überhaupt geben wird, ist keineswegs sicher. Zumal die entsprechenden Versstellen im Koran durchaus unterschiedlich ausgelegt werden können und ausgelegt werden, gibt der Islamwissenschaftler und Finanzexperte Kilian Bälz zu bedenken:

"Aus dem Koran selbst folgt kein ausdrückliches Zinsverbot. Über Zinsen steht im Koran nichts drin. Im arabischen Text steht das Wort Riba. Und die juristische Diskussion dreht sich darum, was ist der Riba, der verbotene Riba, der verbotene Wucher. Ist das jeder Zins, oder ist das nur der Wucherzins. Es gibt durchaus islamische Juristen, sehr prominent, etwa der Ägypter Assan Houri, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts gewirkt hat, sehr einflussreicher Jurist war, der meinte, nur der wucherisch überhöhte Zins sei verboten, der normale, geschäftsangemessene Zins sei erlaubt."

Selbst unter den Scharia-Gelehrten gibt es unterschiedliche Auffassungen. Während die Islam-Finanziers in Malaysia als eher liberal gelten, verfolgen ihre Kollegen in den saudiarabischen Golfstaaten eine konservativ-fundamentalistische Linie. 2007 brach in Malaysia der bis dato florierende Markt islamischer Anleihen, der Sukuks, über Nacht zusammen, weil ein Rechtsgelehrter fand, 85 Prozent der Papiere seien nicht schariakonform.

"Islamic Banking" steckt noch in den Anfängen. Dass selbst die katholische Kirche, die durch spekulative Anlagen in der Finanzkrise viel Geld verloren hat, kürzlich ihr Interesse am religiös unterfütterten islamischen Finanzwesen bekundete, zeigt das mögliche Entwicklungspotenzial. Sein Charme - eine Wirtschaft nach ethischen Grundsätzen - ist gleichzeitig auch sein Problem. Es mangelt an Fachleuten. Es gibt kaum Religionswissenschaftler, die sich gut in der Finanzwelt auskennen. Und es gibt kaum Ökonomen, die hinreichend gut in der Religion bewandert sind. Man spricht von lediglich 50 ausgewiesenen Islam-Finanzexperten weltweit. Zudem, so der
Wissenschaftler Sebastian Sons, sei der Islam eben alles andere als eine einheitliche Religion:

"Die islamische Gesellschaft hat die Schwierigkeit, dass es eine Art Klerus nicht gibt, der bestimmte Regeln vorgeben kann. Im mehrheitlich sunnitischen Islam gibt es eben bestimmte Rechtsschulen, aber keinen Klerus, der bestimmend für alle Muslime sprechen kann. Dass man von einer gesellschaftlichen Bewegung in dem Sinne sprechen kann, das würde ich nicht bejahen. Aber mit Sicherheit im Zuge der Islamisierung wurde ein islamisches Finanzwesen per se interessanter."

So muss jeder Muslim für sich entscheiden, wie er es mit den Zinsen hält: Wer leicht auf den Zins verzichten kann, muss dies tun. Wenn aber der Verzicht mit allzu vielen Nachteilen erkauft wird, dann kann Allah ein rigoroses Zinsverbot nicht verlangen. Auf jeden Fall hat der Prophet mit seinen über 1300 Jahre alten Aussagen über den Zins und den Wucher seinen Gläubigen einige knifflige Denksportaufgaben hinterlassen.

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