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StartseiteKalenderblattSelbst ist das Land03.04.2008

Selbst ist das Land

Vor 60 Jahren trat der Marshall-Plan in Kraft

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Europa am Boden, die USA und Großbritannien finanzierten einen ganzen Kontinent. In einer berühmten Rede stellte US-Außenminister George Marshall seinen Plan zur Wiederherstellung der europäischen Wirtschaft vor. Die eigene Produktivität der europäischen Staaten und die Schaffung eines amerikanischen Absatzmarktes waren dabei zentral.

Von Martin Hartwig

George C. Marshall im Jahr 1951. (AP Archiv)
George C. Marshall im Jahr 1951. (AP Archiv)

"Zehn Jahre lang haben höchst anormale Zustände geherrscht. Alte Handelsverbindungen, private Einrichtungen, Transportunternehmen, Banken und Versicherungsgesellschaften verschwanden durch Kapitalverlust, durch Verstaatlichung, oder sie wurden ganz einfach zerstört."

So stellte US-Außenminister George Marshall in einer berühmt gewordenen Rede am 5. Juni 1947 in der New Yorker Harvard-Universität die Lage in Europa dar. Tatsächlich sah es nicht gut aus auf dem alten Kontinent, der einen bitterkalten Winter hinter sich hatte. Ganz Europa lag wirtschaftlich am Boden und besonders in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands war die Versorgungslage kritisch geworden. Die Umstellung der Kriegswirtschaft auf Friedensproduktion erwies sich als schwieriger als erwartet. In einem Bericht an den amerikanischen Präsidenten Truman hieß es:

"Gegenwärtig zahlen die Steuerzahler in den Vereinigten Staaten und Großbritannien fast 600 Millionen Dollar pro Jahr, nur um zu verhindern, dass Deutsche in den britischen und amerikanischen Zonen verhungern. Der Druck wird nach Friedensschluss noch größer werden, wenn wir die Strategie, die gegenwärtig verfolgt wird, nicht ändern. Ganz abgesehen von humanitären und politischen Aspekten - ist eine Politik notwendig, die darauf zielt, Deutschlands Produktivität wiederherzustellen, damit es exportieren und seine Nahrungsmittel selber kaufen kann und so den Druck von uns nimmt."

Der Plan, der zur Verwirklichung dieser Ziele führen sollte, stammte aus dem US-State Department. Unter dem Namen von dessen Chef - Außenminister George Marshall - wurde er in der breiteren Öffentlichkeit bekannt. In der Amtssprache hieß er eher nüchtern European Recovery Programm - Europäisches Wiederaufbauprogramm -, und das Gesetz, mit dem dieses Programm ins Leben gerufen wurde, hieß noch schlichter "Außenhandelsgesetz". Es umfasste neben dem europäischen Programm noch weitere Auslandshilfen. Präsident Harry Truman unterzeichnete es am 3. April 1948, einen Tag nachdem der Kongress nach sehr kontroverser und heftiger Diskussion zugestimmt hatte. Der Rias berichtete:

"Die Gesamtheit der Hilfsmaßnahmen ist nun in einem Gesetz niedergelegt, dass elf Druckseiten umfasst. Die amerikanische Regierung wird dadurch zu folgenden Ausgaben ermächtigt. 5,3 Milliarden Dollar im ersten Jahr eines viereinvierteljährigen europäischen Wiederaufbauprogramms. 338 Millionen Dollar Wirtschaftshilfe für China, 125 Millionen Dollar militärische Hilfe für China. 275 Millionen Dollar militärische Hilfe für Griechenland und für die Türkei. 60 Millionen Dollar für den Kinderhilfsfond der Vereinten Nationen. Niemals zuvor ist etwas Derartiges unternommen worden."

Der Reiz des Marshallplans bestand darin, dass er auf die Lösung mehrerer Probleme gleichzeitig zielte. Zum einem sollte er den europäischen Wirtschaften einen Wachstumsimpuls versetzen und zum anderen für die amerikanische Wirtschaft, die unter dem Wegfall der Kriegsgüterproduktion litt, neue Absatzmärkte schaffen. Die USA wollten nicht einfach Milliarden von Dollar nach Europa transferierten, sondern die europäischen Länder in die Lage versetzen, amerikanische Güter zu kaufen - und das in der jeweiligen Landeswährung, denn Devisen hatten sie nicht. Das Geld wurde in einen großen Fonds eingezahlt, der für jedes Empfängerland eingerichtet wurde.

Über die weitere Verwendung dieser Mittel bestimmten dann Vertreter des jeweiligen Landes und der USA, wobei die USA das letzte Wort hatten. Unter anderem deshalb stieß die angebotene Hilfe nicht nur auf dankbares Interesse, sondern auch auf Misstrauen. George Marshall versicherte der Welt, dass die amerikanischen Motive lauter seien.

"Unsere Politik richtet sich nicht gegen irgendein Land oder irgendeine Doktrin, sondern gegen Hunger, Elend, Verzweiflung und Chaos. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung einer funktionierenden Weltwirtschaft, damit die Entstehung politischer und sozialer Bedingungen ermöglicht wird, unter denen freie Institutionen existieren können."

Dabei erwies sich eine ursprüngliche Benachteilung als langfristiger Vorteil: Nur die Bundesrepublik war verpflichtet worden, einen Teil der Hilfsleistungen zurück zu erstatten. Da Zeitpunkt und Umfang der Rückzahlung lange unklar blieben, wurde der Deutsche Fonds, in den die Importeure amerikanischer Güter einzahlten, nie geleert, sondern nur für die Vergabe günstiger Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen genutzt.

Als Kreditanstalt für Wiederaufbau spielte dieser Fonds eine wichtige Rolle in der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik und ist auch heute noch ein bedeutender Kreditgeber. Allein im letzten Jahr hat die KfW 23,3 Milliarden Euro an mittelständische Unternehmen verliehen. Die Marshallplanhilfe im Wert von 1,3 Milliarden Dollar, die zwischen 1948 und 1952 geleistet wurde, hat sich insofern rentiert. Zurückzahlen musste die Bundesrepublik insgesamt eine Milliarde Dollar.

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