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StartseiteEuropa heuteSelbstfindungsprozess im Zeichen des Fußballs12.07.2006

Selbstfindungsprozess im Zeichen des Fußballs

Italienische Regierung hofft mit der WM-Euphorie auf einen Stimmungswandel im Land

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Erst am Wochenende wird es die Urteile im italienischen Fußballskandal geben. Die Euphorie nach dem WM-Sieg könnte dann brüsk gestoppt werden. Allerdings setzt die Regierung darauf, dass der Erfolg der Nationalmannschaft einem dauerhaften Aufschwung im Lande nutzt. Karl Hoffmann berichtet.

Italiens Nationalspieler recken nach dem Erfolg im WM-Finale gegen Frankreich im Berliner Olympiastadion den Weltpokal in den Himmel. (AP)
Italiens Nationalspieler recken nach dem Erfolg im WM-Finale gegen Frankreich im Berliner Olympiastadion den Weltpokal in den Himmel. (AP)

Auf den Straßen und Plätzen schien das Feiern der neuen Nationalhelden kein Ende nehmen zu wollen.

"Angesichts all der Fans ist uns klar geworden, dass wir Geschichte gemacht haben."

Der Jubel und die großen Worte übertönen seither die bitteren Vorwürfe des Chefanklägers vor dem Sportgericht, der für Italiens gleichermaßen sieg- wie trickreiche Fußballvereine drakonische Strafen fordert.

Ausgerechnet Juventus Turin, dem zahlreiche Nationalspieler angehören, soll zwei Klassen absteigen und die letzten beiden gewonnenen Pokale zurückerstatten, nachdem der Manager des ruhmreichen Fußballclubs als graue Eminenz einer korrupten Erstliga entlarvt wurde. Auch den Spitzenvereinen von Rom, Florenz und nicht zuletzt Berlusconis AC Mailand droht der Abstieg, und die Folgen für das Milliardengeschäft um den Fußball sind noch nicht abzusehen. Nach dem Sieg der Nationalmannschaft bei der WM ist die Situation eher noch vertrackter. Während die einen nach wie vor eine strenge Bestrafung für bezahlte Schiedsrichter und zahlende Vereine fordern, reden andere von Amnestie: Sogar der für die Sportgerichtsbarkeit allerdings nicht zuständige Justizminister Clemente Mastella meint, man könne doch Weltmeistern wie Cannavaro, del Piero und Buffon jetzt nicht mehr zumuten, in der C-Klasse zu spielen. Gras über die ganze Sache wachsen zu lassen, das wäre jetzt Vielen im Lande recht, für die der Weltmeistertitel mehr als nur ein sportliches Ereignis ist, meint der Schriftsteller und Intellektuelle Vincenzo Cerami:

"Der Erfolg bei der WM ist der Beweis dafür, dass die Italiener noch ganz andere Siege in Europa und in der Welt erringen könnten, wenn, ja wenn sie nur den Willen aufbringen, es schaffen zu wollen, wenn sie bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln und beharrlich bleiben, wenn sie den Mut haben, ins kalte Wasser zu springen und vertrauensvoll auf die Zukunft setzen."

Kurz gesagt: Die Fußballspieler der Nationalmannschaft haben es vorgemacht, die Bürger der Nation sollen es ihnen jetzt gleichtun: in die Hände gespuckt, ran an den Ball und vor allem fest an den Sieg glauben. Dieser landesweite Aufbruch im Zeichen des Fußballs würde natürlich brüsk gestoppt, wenn das Sportgericht wirklich ahnden würde, was in der Vergangenheit an Schuld aufgehäuft wurde. Offen und kontrovers wird deshalb die Frage diskutiert, ob man sich eine derartige Gerechtigkeit leisten könne, die angesichts guter künftiger Geschäfte dank der augenblicklichen Fußballbegeisterung ausgerechnet jetzt sehr teuer zu stehen käme.

Auch auf höchster Regierungswarte wurde der Blick sofort vom noch anhaltenden Siegestaumel hoffnungsvoll in die Zukunft justiert. Der Fußball habe die Nation wieder geeint, meinte Regierungschef Romano Prodi und sein Sprecher Silvio Sircana steuerte noch mehr offiziellen Optimismus bei:

"Die Lust und der Spaß zu siegen sind wieder da, und das ist die Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Erfolge, für die Weiterentwicklung, für neue Arbeitsplätze. Der Sieg nützt dem Image des Landes und ist gut für den Aufschwung."

Um sieben Milliarden Euro oder ein halbes Prozent könnte das Inlandsprodukt steigen nach dem WM-Sieg, vor allem dank der zunehmenden Spendierfreudigkeit der siegestrunkenen Italiener, meinen die Experten des römischen Wirtschaftsministeriums, während kritische Wirtschaftsfachleute keinen Zusammenhang zwischen sportlicher Euphorie und ökonomischem Aufschwung sehen. Einer hat allerdings garantiert gewonnen. und das ist Nationaltrainer Marcello Lippi. Auch er war ins Gerede gekommen wegen zwielichtiger Geschäfte seines Sohnes im italienischen Fußballzirkus. Und er wäre kurz vor der WM beinahe geschasst worden, hätte er nicht fest an sich geglaubt:

"Im Sport ist es nicht einfach, und man muss kämpfen – aber wir konnten gar nicht anders als siegen."

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