• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteCampus & Karriere"Diese Menschen stehen elender da als zuvor"15.10.2015

Selbstoptimierungs-Wahn"Diese Menschen stehen elender da als zuvor"

Der Sachbuchautor Rainer Moritz hat "die Schnauze voll" von den immer neuen Ratgebern, wie man sein Leben optimiert. "Das letzte Ziel ist das eigene Ich", sagte er im DLF-Interview. Die Menschen kontrollierten sich ständig selbst und würden damit das genaue Gegenteil von Optimierung erreichen.

Rainer Moritz im Gespräch mit Manfred Götzke

Auf einem Display eines Mobiltelefons ist eine App zur Messung des Stresspegels abgebildet. (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)
Apps sollen dabei helfen, den Alltag und die Menschen zu optimieren. (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)
Mehr zum Thema

Selbstoptimierung Und ganz doll "ICH"

Manfred Götzke: Eine wenn auch kleine Sparte hier auf der Messe ist die Karriereliteratur. Da erklären selbst ernannte Berater, wie man möglichst schnell die Leiter nach oben klettert, ein effizienterer, besserer Mensch wird, sich also selbst optimiert. Natürlich gespickt mit den neusten Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Rainer Moritz ist Sachbuchautor und Leiter des Literaturhauses Hamburg und er hat davon die Schnauze voll. So hat er sein Antiselbstoptimierungsbuch genannt, "Schnauze voll! Schluss mit dem Optimierungsquatsch" heißt es genau. Und Rainer Moritz ist jetzt bei mir auf unserer Deutschlandfunk-Bühne, hallo, Herr Moritz!

Rainer Moritz: Schönen guten Tag!

Götzke: Herr Moritz, warum sollen wir eigentlich nicht zu besseren Menschen werden?

Moritz: Erst mal ist es nicht so leicht, ein besserer Mensch zu werden, und es kommt immer, glaube ich, darauf an, was man darunter versteht. Wenn Sie den Begriff Optimierung nehmen, als ich aufgewachsen bin und studiert habe, war das noch ein Begriff, der vor allem mit gesellschaftlichen Vorstellungen verbunden war, das heißt, die Gesellschaft besser machen. Und das ist natürlich erst mal ein sehr vernünftiges Ziel, etwas besser machen zu wollen, dagegen, glaube ich, ist nichts zu sagen. Was mir aber dann – und nicht nur mir – in den letzten Jahren aufgefallen ist, ist ein flächendeckender Versuch, uns selbst zu optimieren, sozusagen auch gar nicht mehr mit sich zurechtzukommen, sondern immer wieder auch die neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen, wenn wir an Smartphones und ähnliche Apps denken, uns immer selber weiter zu perfektionieren. Und ich habe dann eben für dieses Buch zusammengetragen verschiedene Elemente und gesellschaftliche Bewegungen, wo mir das besonders aufgefallen ist. Das ist beispielsweise der Schönheitskult, das ist der Biokult, ich glaube, es gibt eine ganze Fülle von Elementen, wo die Menschen mittlerweile glauben, wir wollen nicht mehr die Gesellschaft verändern – da hat man das Gefühl, wir sind froh, wenn wir uns durchwurschteln können –, sondern wir wollen uns selbst verbessern. Das letzte Ziel ist das eigene Ich. Und das setzt die Menschen – das ist, glaube ich, eine Grundthese meines Buches – so sehr unter Druck, dass sie am Schluss elender dastehen als zuvor.

Götzke: Wollen die Menschen die Gesellschaft nicht mehr verändern oder haben Sie das Gefühl, dass sie es nicht können?

Moritz: Ich glaube, beides kommt zusammen. Also, wie gesagt, in meinen jungen Jahren, das war noch die Auswirkung der Studentenbewegung, da hat man noch auch an gesellschaftlichen Wandel geglaubt. Aber wenn Sie heute auch Angela Merkel hören, dann geht es in der Tat nicht darum, noch Visionen und Utopien zu entwickeln, sondern das Schlimmste abzuwenden, mit dem, was passiert, irgendwie zurechtzukommen. Das erleben wir ja in den letzten Wochen anhand der Flüchtlingsthematik noch mal zu Hauf. Ich glaube, es gibt natürlich immer noch Kreise, wo Gott sei Dank das Ziel da ist, die Gesellschaft zu verändern, Rahmenbedingungen zu verbessern, aber ich glaube, der Schwerpunkt hat sich deutlich verlagert auf diese Selbstoptimierung nach dem Motto, wenn ich schon die Gesellschaft nicht mehr verändern kann, mich selbst muss ich dann aber richtig verbessern.

"Es geht wie immer auch ums Geschäft"

Götzke: Sie sprechen in dem Zusammenhang von einer regelrechten Problemindustrie. Wer sind da die Player und was wird da verkauft?

Moritz: Ich glaube, es geht natürlich auch wie immer ums Geschäft, ich habe ja einige Bereiche schon aufgezählt, wenn Sie an den Schönheitskult denken, wenn Sie an das, was Schönheitschirurgen mittlerweile leisten, das ist ja eine Entwicklung der letzten 15, 20 Jahre ... Für mich ein ganz wichtiger Bereich in dem Buch ist auch der Erziehungsfaktor, das heißt, Sie haben plötzlich das Gefühl in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen, dass es, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, man nichts unversucht lässt, auch aus einem Mittelklasseschüler plötzlich einen Superschüler zu machen. Das heißt, es wird in der Grundschule Nachhilfe gegeben für Schüler, die bloß eine Zwei plus geschafft haben, ich erlebe das, ich wohne in Hamburg in einem Stadtteil, wo das stark ausgeprägt ist. Meine Mutter ist, glaube ich, nie zu einem Elternabend gegangen, dort in Hamburg in diesem Stadtteil finden permanent Elternabende statt, die Lehrer werden von guten Elternratschlägen traktiert.

Das heißt, es gibt auch diesen Wahn, die eigenen Kinder immer weiter zu perfektionieren, die Kinder müssen Geige spielen, sie müssen jeden Tag etwas Neues machen. Und das – und das ist, glaube ich, ein schwieriges Problem, was uns alle noch beschäftigen wird – mit dem Ergebnis, dass man sich selber gar nicht mehr hinterherkommt. Das heißt, es gibt Möglichkeiten, wenn Sie darüber mal nachdenken, was könnte ich noch besser machen, warum hat mein Kind am Abend eine Stunde frei, könnte es da nicht noch irgendwas Nützliches lernen ... Das heißt, es entsteht auch ein familiärer Druck, ein Erziehungsdruck, dem die meisten aus verständlichen Gründen nicht mehr gewachsen sind. Und man kann dann so weit gehen, damit endet ja das Buch auch, dass bestimmte Phänomene wie die berühmte Burn-out-Thematik der letzten Jahre, glaube ich, natürlich damit zu tun haben, dass dieser Druck letztlich zu groß geworden ist, denn man selber wird nie perfekt sein.

Götzke: Es gibt ja jetzt eigene Geräte, die eigentlich auch für dieses Selbstoptimieren sprechen, die Smartwatch scheint ja nur dazu sein, den Puls zu messen, seine Schlafphasen zu messen. Wie erklären Sie sich die Lust der Leute daran, das zu tun?

Moritz: Ich glaube, das ist natürlich auch die Lust an der Technik, was man plötzlich neu untersuchen kann. Das hat natürlich auch ein Faszinosum. Ich habe neulich mal mit einem jungen Mann aus der Schweiz gesprochen, der mir genau erklärt hat, wie er seine ganzen Körperfunktionen kontrolliert, die ganze Nacht durch, wie er genau weiß, in welcher Stunde habe ich falsch gelegen, habe ich falsch geschlafen, das wird sofort auf seinen Laptop übertragen. Er will dann sein Leben optimieren, ich will besser schlafen, ich will besser leben. Dass das selber sozusagen ihn dazu zwingt, ständig auch auf seine Apps zu schauen, ständig auf den Computer zu schauen, diese Perfektionierung, die diese Apps natürlich bieten – ich kann mich selber besser kennenlernen, das steht ganz außer Frage durch solche Dinge –, aber will ich denn den ganzen Tag mich selbst kontrollieren, was ich esse, was ich trinke, wie ich schlafe? Ich glaube, dahinter steht eine völlig falsche Vorstellung dessen, was der Mensch ist. Unsere Perfektion hält sich nun mal in Grenzen, und das hinzunehmen scheint in solchen Zeiten, wo man alles kontrollieren kann, immer schwieriger zu werden.

Götzke: Rainer Moritz war das. Er hat, wie er schreibt, die Schnauze voll vom Optimierungsquatsch. Warum, das hat er uns gerade erklärt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk