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StartseiteBüchermarktSelbstsuche unter der Sonne Kaliforniens20.06.2010

Selbstsuche unter der Sonne Kaliforniens

Buch der Woche: Christa Wolf: "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Suhrkamp Verlag

Im September 1992 tritt Christa Wolf den bis dahin längsten Auslandsaufenthalt ihres Lebens an. Sie verbringt ein dreiviertel Jahr in Amerika und sie verbringt es dort, wo der neue Kontinent besonders neu, der Westen am Westlichsten wirkt: in Kalifornien. Das in Santa Monica gelegene Getty Center hat Christa Wolf eingeladen, als Stipendiatin neun Monate unter kalifornischer Sonne zu verbringen.

Von Ursula März

Christa Wolf bei einer Lesung in Berlin (AP)
Christa Wolf bei einer Lesung in Berlin (AP)

"Ich nahm mir vor, mir alles einzuprägen, jede Einzelheit, für später. Wie mein blauer Pass ein gewisses Aufsehen erregte bei dem rotblonden drahtigen officer, der die Papiere der Einreisenden genau und streng kontrollierte, er blätterte lange darin, studierte jedes einzelne Visum, nahm sich dann das mehrfach beglaubigte Einladungsschreiben des CENTER vor, unter dessen Obhut ich die nächsten Monate verbringen würde, schließlich richtete er den Blick seiner eisblauen Augen auf mich: Germany? - Yes. East Germany.-"

Ostdeutschland? Dass der blaue Pass den Beamten irritiert, ist verständlich. Denn dieses Dokument wurde ihr von den Behörden eines Staates ausgestellt, den es nicht mehr gibt, von der DDR. Nicht der Pass, aber das dazugehörige Land ist abgelaufen. Was aber bedeutet es, dass die Inhaberin des Passes, die 62 Jahre alte, aus dieser ehemaligen DDR stammende Schriftstellerin den Pass in ihrer Handtasche hat? Mit welcher Identität ist sie unterwegs? Wie versteht sie sich im September 1992, drei Jahre nach dem Fall der Mauer und genau zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ? Offenbar nicht als Bürgerin des neuen deutschen Staates, sondern als Bürgerin der ehemaligen DDR, wenn auch nur symbolisch. Ist sie eine Art Staatenlose, eine buchstäblich Identitätslose? Nicht zufällig findet sich die kleine Episode um den paradoxen Pass auf der ersten Seite des neuen Buches von Christa Wolf mit dem Titel "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Die Episode umfasst nur ein paar Zeilen, aber sie enthält die Sinnchiffre der folgenden 400 Seiten. Denn Christa Wolfs Kalifornienbuch ist vor allem eines: ein bekenntnishaftes Journal biografischer und politischer Identitätsturbulenzen. Ein Selbstgespräch, eine Selbstbefragung, die in der Verschränkung von Zeitebenen, im Wechsel zwischen erzählendem Ich und erinnertem Du an den Roman "Kindheitsmuster" erinnert. Eine sehr Christa-Wolf-typische literarische Selbstsuche. Hätte das Buch eine Gattungsangabe, wäre dies die treffendste. Für einen Roman ist es zu tagebuchartig, für ein Tagebuch zu fiktional und zu ausgeformt, für einen Reisebericht zu innerlich, für eine Stadtbeschreibung zu ichbezogen. Natürlich kommt Los Angeles vor, natürlich schaut der Leser mit den Augen der Erzählerin tagtäglich auf den Pazifik, begleitet sie nach Hollywood, in Supermärkte, zum Haus, in dem Thomas Mann lebte und auf endlose Fahrten über endlose Highways. Natürlich wird das Buch von der munteren internationalen Gesellschaft der Mitstipendiaten des Getty Centers belebt, die sich jeden Nachmittag bei Tee und Keksen in der Bibliothek treffen, die Weltlage besprechen, Restauranttipps austauschen und abends die entsprechenden Lokale gemeinsam aufsuchen. Man erfährt, dass die Schriftstellerin eine veritable Leidenschaft für die amerikanische Fernsehserie "Raumschiff Enterprise" entwickelte und ihren Tagesablauf daraufhin steuerte, keine Folge zu verpassen - ein Vergnügen, das uns die, wie sie sich selbst nennt, "preußische Protestantin" durchaus sympathisch macht. Man erfährt, dass sie ein schmerzhaftes Hüftleiden von einem asiatischen Akupunkteur behandeln lässt, seinen dringenden Ratschlag, auf Kaffee, Alkohol und üppige Mahlzeiten zu verzichten, aber entschieden missachtet. Dies alles bereichert das stoffliche Erzählmaterial des Buches.

"Television. Ich sah Mr. Clinton, der am nächsten Tag Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein würde, mit seiner Frau Hillary, die im Wahlkampf ihr allzu selbstbewusstes Auftreten hat abmildern und ihr Outfit hat ändern müssen, und mit ihrer Tochter Chelsea an der Spitze eines großen Stroms von Amerikanern aller Hautfarben und Altersgruppen in Washington über jene berühmte Brücke laufen, an der Hand schwarze Kinder, auf die nachgebildete Freiheitsglocke zu, die sie dann läuteten."

Aber die eigentliche Intention des Buches, zielt nicht auf die Entdeckung des Neuen Kontinents, sondern auf die Inventur von Erfahrungen, die die Erzählerin aus der Mitte des Alten Kontinents mitgebracht hat.

"What about Germany today? Die Frage musste kommen. Ich erinnere mich, dass ich mich, innerlich auf diese Frage gefasst, um Objektivität bemühte. Der Fall der Mauer. Ja. Ein historisches Ereignis, das, ich zögerte, das zuzugeben, von den Demonstranten nicht erwartet und nicht beabsichtigt war. Ich zitiere Inschriften von Transparenten, die inzwischen schon verwelkt waren: Die Euphorie der Übergangszeit. Ich wollte die Menschen hier nicht enttäuschen, die erwarteten, dass im vereinten Deutschland jedermann glücklich sein müsse. Nein, von Enttäuschung stand nichts in ihren Zeitungen. Nichts von Verlusten. Es wäre mir kleinlich vorgekommen, hier davon zu sprechen. Aber da war ein Rechtsanwalt, der anscheinend deutsche Mandanten hatte. Er wusste, dass tausende ehemaliger Besitzer, die inzwischen sehr lange schon in Westdeutschland lebten und eine gewisse Entschädigung für ihre Verluste ehalten hatten, ihre Grundstücke und Häuser zurückverlangten, wo oft seit Jahrzehnten Ostdeutsche wohnten, in gutem Glauben, sie hätten sie rechtmäßig gekauft oder würden sie rechtmäßig nutzen. Das stimmt, sagte ich und musste den Grundsatz: Rückgabe vor Entschädigung! ins Spiel bringen. John geriet außer sich. Darüber wisse man hier gar nichts. Stell dir das bloß mal in einem anderen Land vor! Ich versuchte zu erklären, dass die ehemaligen Besitzer und deren Erben mit dem besten Gewissen von de Welt auf ihrem Anspruch bestünden, weil Eigentum und Besitz für sie zu den höchsten zuzustrebenden Werten gehörten. Und ihr? fragte jemand. Die Ostdeutschen? Ich sagte, denen sei es abgewöhnt worden, privaten Besitz für so heilig zu halten, und auch wenn sie den früheren Staat abgelehnt hätten, neigten viele Ostdeutsche der Meinung zu: Gemeinwohl komme vor Profit."

Dies ist eine etwas gewagte, wenn auch keine überraschende Aussage. Dass Christa Wolf der verlorenen sozialistischen Utopie nachtrauerte und vielleicht noch nachtrauert, dass sie den Prozess der Wiedervereinigung als eine Art kolonialistische Übernahme des Ostens durch den Westen erlebte und die stürmische Feuilletondebatte um ihre Erzählung "Was bleibt" als persönliche Hexenjagd, das alles ist eigentlich gut bekannt. Sie hat sich in Essays, Reden und Interviews dazu geäußert, sie hat das, von ihr so empfundene Trauma, als "Staatsdichterin" geschmäht und stellvertretend für die DDR-Literatur von der westdeutschen Kritik disqualifiziert zu werden, keineswegs nur im Verborgenen, sondern auch öffentlich sichtbar erlitten. Wer las, was sie in den vergangenen zwanzig Jahren schrieb, wer hörte, was sie sagte, weiß von der Zeitungsphobie, an der Christa Wolf nach 1990 phasenweise litt.

Die Zeitungsphobie kehrt im neuen Buch wieder. Und eben diese Wiederkehr bekannter Positionen, biografischer Wechselfälle und politischer Einsprüche macht die Lektüre der "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" zu einem bisweilen recht ermüdenden Vergnügen. Über die Erfahrungen des Los-Angeles-Aufenthalts, über Christa Wolfs Tränen angesichts der an den Straßenrändern hockenden Homeless People gibt es vereinzelt veröffentliche Prosastücke. Und hätte man sie nicht bereits lesen können, so wäre Christa Wolfs Blick Amerikaskepsis, ihre Kritik an Konsumwelt, naturverschlingender Urbanität und sozialer Brutalität genauso zu erwarten gewesen, wie sie sich in ihrem neuen Buch nun liest. Dennoch ist dieses Buch mehr als nur eine Addition bekannter Teile zu einer Summe ohne literarischen Erkenntniswert. Er liegt weniger im Inhalt, er liegt vor allem im Ton. Die elegische Larmoyanz sorgenvoller Innerlichkeit, für die Christa Wolf notorisch kritisiert wurde, - Marcel Reich-Ranicki bezeichnete sie vor Jahren als die humorloseste deutsche Schriftstellerin - , ist der Lakonie gewichen und der Ironie. Es ist die Tonlage der Ratlosigkeit. In keinem ihrer Bücher wirkt der Selbstzweifel, seit je ein Antriebsmotor des Werks von Christa Wolf, so glaubwürdig und unstilisiert wie in diesem. Sie hat tatsächliche auf viele Fragen keine Antwort, nicht nur auf die, mit welchem Pass sie eigentlich durch die Welt reist.

"Leiser sagte ich zu John, in diesem unterschiedlichen Verhältnis zum Besitz liege wohl der Kern der viel beschworenen Spaltung in den Köpfen. John sagte: Da seht also nicht nur ihr euch in Frage gestellt, auch die Westdeutschen müssen sich durch eure Art zu denken angegriffen fühlen. Das fand ich bedenkenswert. Wirklich wichtig war für die Gäste an diesem Abend etwa anderes: Man sehe und höre von rechten Gewalttaten gegen Asylanten, besonders im Osten Deutschlands. Das sollte ich ihnen erklären. Halbherzig und weitschweifig versuche ich die Umstände anzuführen, aus denen solche Gewalttaten erwüchsen. Ich merkte, dass ich niemanden überzeugen konnte. Am Ende des Abends kamen zwei junge Leute zu mir, ein Paar, er Deutscher, die amerikanische Jüdin. Sie wollten einen Rat. Sie hätten gerade nach Deutschland übersiedeln wollen, wo er einen guten Job als Chemiker in Aussicht habe. Doch nun fragten sie sich, ob sie es verantworten könnten, ihr Kind in dieses Land zu bringen. Ich erschrak. Kam ich denn aus einem barbarischen Land, in das man keine Kinder bringen durfte? Ich sagte, ihre Informationen seien bestimmt einseitig und ich wäre froh, wenn sie kämen. Aber einen direkten Rat wollte ich ihnen nicht geben. Ich wich aus."

Als im Jahr 1969 "Nachdenken über Christa T." erschien, etablierte sich Christa Wolf nicht nur als die sensibelste Stimme der DDR- Literatur, sie etablierte sich auch als die berühmteste Vertreterin einer Schreibweise, die als "Subjektive Authentizität" in die deutsche Literaturgeschichte einging. Dieser essayistisch erzählenden, den Stoff umkreisenden Schreibweise ist Christa Wolf treu geblieben und sie ist einem bestimmten Motiv treu geblieben, das mit "Christa T." in ihr Werk kam: Dem Motiv der Doppelgängerin, der weiblichen Parallel- und Projektionsfigur. Christa T., die antiken Romanfiguren Kassandra und Medea, Karoline von Günderrode in "Kein Ort. Nirgends" dienten der Selbstbefragung als Spiegel- und Projektionsfiguren. Auch reale Freundinnen wie die Schriftstellerin Brigitte Reimann nahmen in Christas Fantasie die Rolle der Doppelgängerin ein. Immer ist Christa Wolf gegenüber ihren Doppelgängerinnen die Vernünftigere, Maßvollere, und immer ist klar, um wen es sich bei der jeweiligen Doppelgängerin handelt. Dies zu erwähnen ist nicht überflüssig, da es auch in "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" eine weibliche Gegenfigur gibt - nur ist es eine Unbekannte. Sie heißt im Text nur L. und die Erzählerin weiß von ihr nicht mehr, als dass sie vor Jahrzehnten vor den Nationalsozialisten nach Amerika emigriert ist und nach 1945 Briefe an eine Frau mit dem Vornamen Emma schrieb, die in der DDR lebte. Diese Emma vererbte das Briefbündel der Erzählerin, die nun in Kalifornien auf Recherche nach der unbekannten L. begibt. Ein aussichtslos wirkendes Unterfangen, denn keine amerikanische Behörde, keine Bibliothek kann mit der Angabe "L." etwas anfangen. Die hartnäckige Suche zieht sich als detektivischer Erzählplot durch den Text.

"In meinem Appartement war meine erste Handlung ein Griff nach der roten Mappe. Noch nie, so kam es mir vor, hatte ich es wie heute bedauert, dass ich L. nicht kennengelernt hatte. Ich machte mir ein sehr genaues Bild von ihrem Äußeren, kühne Gesichtszüge, denen das Alter nicht viel anhaben konnte, ein grauer, nach hinten gekämmter Haarschopf, von Statur höchstens mittelgroß, nicht dünn und nicht dick, immer in Bewegung. Klassisch in gute Stoffe, in gedeckte Farben gekleidet, anders als Emma, die wenig Wert auf ihr Äußeres legte. Emma musste sie in einem ihrer Briefe mit ihrer Vorliebe für gute Kleidung aufgezogen haben, sie musste es ein "bürgerliches Relikt" genannt haben. L. erwiderte ihr in ihrem Brief vom Februar 1949 - dieser Monat fiel in meine Vorbereitungszeit zum Abitur in einer thüringischen Kleinstadt -, ob sie vergessen habe, dass ihr lieber Herr diese Art, sich zu kleiden, an Frauen schätzte. Es war einer der längsten Briefe, die L. an Emma schrieb, mit blasser Schreibmaschinenschrift auf weißem Papier in amerikanischem Format, etwas weniger flüchtig, schien mir, als viele ihrer anderen Briefe. Nicht zum ersten Mal versuchte ich nun, an dem langen Esstisch in meinem kalifornischen Appartement, zwischen den Zeilen dieser Frau zu lesen, versuchte den Kummer, die Selbstverleugnung, den andauernden Verzicht herauszulesen, welche die Liebe ihr auch auferlegt haben musste. Und ich versuchte mir den Inhalt ihrer über die Jahrzehnte andauernden Gespräche mit ihrem "lieben Herrn" vorzustellen."

Schon in der nächsten Zeile schwenkt der Blick von der Exilantin L. zur eine Generation jüngeren Icherzählerin. Das Rätsel um die erzählerische Doppelgängerin dient als Brücke zu den Rätseln der eigenen politischen Identität, als Brücke zur Rückschau auf das Jahr 1949.

"Und ich? War ich, kaum zwanzigjährig, nicht schon einer Überzeugung sicher gewesen, die ich gerade erst einigen Schriften der Klassiker entnommen hatte? Selbstverständlich musste sie lauten: REVOLUTION: Die Revolution war das einzige Mittel zur Rettung der Menschheit. Euer Mathematik- und Physiklehrer, Flüchtling aus dem Osten, in der thüringischen Kleinstadt gestrandet wie du, ein überaus intelligenter, etwas durchsichtiger, aber eben deshalb für dich besonders faszinierender Mann, der von der übrigen verkalkten Lehrerschaft abstach, hatte dir diese revolutionären Schriften empfohlen, hatte nicht ohne Wohlgefallen bemerkt, wie es dir einleuchtete, dass die Welt nicht immer nur interpretiert, sondern dass sie von Grund auf verändert werden musste, und er hatte ohne zu zögern die Bürgschaft übernommen, als du dich entschlossest, der Partei beizutreten, die eben diese Veränderung ja in ihrem Programm hatte. Und, um diese Geschichte zu einer typischen Geschichte jener frühen Jahre zu machen: Später sollte sich herausstellen, dass dieser Lehrer, der wegen seiner unbestreitbaren Fähigkeiten inzwischen zu Schulleiter aufgestiegen war, ein Mitarbeiter des Goebbels-Ministerium gewesen war und das verschwiegen hatte, so dass er degradiert und an eine kleine Landschule versetzt wurde."

Der blaue Pass, die unbekannte L., der politisch verdächtige Lehrer - es ist ein weites, literarisch raffiniert geknüpftes Motivnetz, das Christa Wolf in diesem Buch um den Kern ihrer Selbstbefragung knüpft, um den, so könnte man sagen, blinden Fleck ihrer Selbstkenntnis, ihrer Identität. Kurze Zeit vor dem Aufbruch nach Kalifornien hatte Christa Wolf im Leseraum der Gauck-Behörde ein schmale Akte geöffnet, aus der hervorging, dass sie, die jahrelang von der Stasi Bespitzelte, zwischen 1959 und 1962 von der Stasi selbst als IM geführt worden war, unter dem Decknamen "Margarete". Neben umfangreichen Opfer-Akten gab es also auch eine Täter-Akte der Schriftstellerin. Dass deren Existenz die Öffentlichkeit erreichen wird, weiß Christa Wolf, dass sie einen Sturm der Empörung, eine zweite Christa-Wolf-Debatte auslösen wird, kann sie sich, neuntausend Kilometer von Deutschland entfernt, ausrechnen.

"Jede Zeile, die ich jetzt noch schreibe, wird gegen mich verwendet werden."


Und niemand, auch das rechnet sie sich aus, würde ihr, der Poetin der Erinnerung, glauben, dass sie ihre IM-Tätigkeit ganz einfach vergessen, in Dr. Freuds Overcoat der Verdrängung gehüllt hatte.

"Sally war mein Versuchsmensch. An ihr probierte ich aus, wie ich mich fühlte, wenn ich unaussprechbare Wörter laut aussprach, im Schutz der fremden Sprache und des fremden Ozeans sah ich mich dort stehen, an den Stamm eines Eukalyptusbaums gelehnt, und ihr die verschiedenen Sorten von Akten erklären, the bad files und the good files, sie musste lachen: Ach, ihr Deutschen! Nein, sagte ich, das ist nicht zum Lachen! Sally ist Jüdin, sie wird mich verstehen, dachte ich unlogisch. Hör zu, sagte ich, kannst du dir nicht vorstellen, wie dir wird, wenn dir aus so einer Akte zwei Buchstaben entgegenschlagen, die in dieser Sekunde wie ein Gerichtsurteil sind, ein moralisches Todesurteil. IM - weißt du überhaupt, was das heißt. No, sagte Sally unbefangen, I have no idea. Glückliches Amerika! Stasi, ja das habe sie gehört. Das kenne jeder. Informeller Mitarbeiter, wie sollte ich das auf Englisch sagen? O I see. Some kind of agent? Or spy?"


Natürlich ist dies, diese Geständnisszene, eine der Stellen, auf die der Text zuläuft. Und es ist eine der Stellen, an denen Christa Wolfs Buch von der Kritik und der literarischen Öffentlichkeit heute gemessen werden wird. Ist ihre Haltung selbstgerecht, wie sie es bisweilen war? Nimmt sie die Rolle der Jeanne d´Arc des Ostens ein, die man aus zurückliegenden Zeiten von ihr kennt? Verbirgt sie sich hinter sentimentalisierender Innerlichkeit? Nein, das alles macht Christa Wolf hier nicht. Sie lässt ihre Ich-Erzählerin in der fremden Sprache herumstottern, was der Szene einen Hauch Komik garantiert, sie versucht so sachlich wie möglich, den blinden Fleck der Erinnerung aus dem Gedächtnis heraus zu operieren.

"I´ll tell you what happened,okay? Aber gerade das war ja nicht so einfach. Also: In meiner Erinnerung, die ich mühsam heraufgeholt hatte, kamen eines Tages zwei junge Männer in dein Büro in der Redaktion der Zeitschrift, bei der du arbeitetest, und wollte eine belanglose Auskunft von dir, die diese Arbeit betraf. In den Akten steht, sie hätten dich auf der Straße abgefangen. Daran erinnere ich mich nicht. Sie gaben sich als da aus, was sie waren: Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. When? fragte Sally. 1959. O my goodness. But then you were another person! Laß mal Sally. Darum geht es jetzt nicht. Es geht um Gedächtnis, es geht um Erinnerung: Mein Thema seit langem, verstehst du. Und DAS hatte ich vergessen können."

Es war, unter anderen, der heutige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, damaliger Leiter der nach ihm benannten Behörde, der Christa Wolf 1992 verteidigte. Was Christa Wolf heute mit ihrem Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" verteidigt, ist nicht ihre moralische, sondern ihre literarische Position, ihre Poetik des offenen Schreibens, jene Form des romanhaften Journals oder journalhaften Romans, die sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beispielsweise im Werk des Kölner Schriftsteller Jürgen Becker findet; eine Form, die heterogenes Material mischt, Zeiten verschränkt und den eher turbulenten als geradlinigen Zustand unseres Denkens und Erinnerns abzubilden sucht. Diese Form setzt die Bereitschaft zur unruhigen, zur vorläufigen und irritierten Erkenntnis voraus, zu Standpunkten, die sich selbst immer wieder in Frage stellen und verwerfen. Die 82jährige Christa Wolf begegnet uns in ihrem neuen Buch nicht in der mitunter etwas nervtötenden Rolle der moralischen Instanz, sondern in der Rolle einer Autorin, die tatsächlich nicht genau weiß, welcher Reisepass für sie der richtige ist. In dieser produktiven Ratlosigkeit liegt die Größe ihres Alterswerks "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud".


Christa Wolf: "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 416 Seiten, 24.80 Euro

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