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Selbstverlust

David Belbin "Der Hochstapler". Rowohlt Verlag

In "Der Hochstapler" erzählt Autor David Belbin die Geschichte des jungen Mark, der früh sein Talent als Imitator literarischer Stile entdeckt. Über die Jahre verliert sich der Protagonist in dieser Leidenschaft und fällt fasst in eine Identitätskrise.

Von Hartmut Kasper

Die stilistischen Eigentümlichkeiten von berühmten Schriftstellern kann Protagonist Mark sich schnell aneignen.  (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Die stilistischen Eigentümlichkeiten von berühmten Schriftstellern kann Protagonist Mark sich schnell aneignen. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)

Als Mark Trace, der jugendliche Ich-Erzähler des Romans, 14 Jahre alt ist, liest er zusammen mit anderen Schülern im Unterricht "David Copperfield". Eines Tages stellt sein Lehrer, ein gewisser Mr. Moss, folgende kreative Hausaufgabe:

"Ich möchte (…), dass ihr so tut, als wäret ihr Dickens. Schreibt den Anfang des nachfolgenden Kapitels. (…) Ihr habt freie Hand, was die Handlung betrifft, aber ihr sollt versuchen, Dickens´ Ton zu treffen."

Mark Trace versucht und trifft. Trifft den Ton so genau, dass Mr. Moss argwöhnisch wird:

"Du bist ein durchtriebenes kleines Rabenaas (…). Hast so lange gewühlt, bis du auf eine Geschichte gestoßen bist, die passen könnte, hast ein paar Namen abgeändert und das Ganze dann abgetippt. Willst du mich zum Narren halten, du Rotzlöffel?"

Aber nein. Der junge Mark ist weder Narrenhalter noch Rabenaas, sondern schlicht ein hochbegabter Imitator fremder Stile.

Zeitsprung. Mark, nunmehr 18 Jahre alt, will ein erfolgreicher Schriftsteller werden; Mark will in London Literatur studieren; Mark geht zunächst und als Vorbereitungsdienst auf sein künftiges schriftstellerisches Wirken wie einst Beckett, Joyce und Hemingway nach Paris, wird dort aber nicht sofort erfolgreicher Schriftsteller, sondern verdingt sich zunächst als Englischlehrer für eine junge Französin namens Francine, dann als Französischlehrer für eine junge Engländerin namens Helen.

Er verliebt sich in beide. Und wird später mit beiden schlafen: erst mit Helen, dann mit Francine. Ganz so, als sollten in diesem Roman keine Wünsche offen bleiben.

Irgendwann kommt Mark die Geschichte zu Ohren, wie Ernest Hemingways Gattin einst etliche Manuskripte des Dichters verlor, so dass Hemingway die Geschichten neu schreiben musste. Aus einer Laune heraus fertigt Mark eigene Versionen der verlorenen Dichtungen an und übt so sein Talent zur Nachahmung.

Eine dieser Geschichten liest seine Schülerin Helen, der er vorschwindelt, das Manuskript sei echt; er habe es gefunden, und zwar:

"Ähm, auf einem Flohmarkt. Sie steckten lose zwischen ein paar alten Zeitschriften."

Helens Mann Paul Mercer erweist sich als Manuskripthändler; er kauft den neu entdeckten Pseudo-Hemingway und stellt ihn der literarischen Öffentlichkeit vor. Mark geht inzwischen nach London.

Er findet, ein wenig lebensscheu, immerhin zwei Freunde: den jungen Dichter Tim und dessen baldige Lebensgefährtin Magneta. Und er findet - wenn auch kaum bezahlte - Arbeit als Redaktionsassistent bei der "Little Review", einer literarischen Zeitschrift. Deren Herausgeber ist der Lyriker Tony Bracken, und Mark wird ihm nicht nur rasch unentbehrlich, sondern nachgerade zum Sohn, den der alte Herr nie hatte.

Mark rettet die Zeitschrift schließlich sogar vor dem Bankrott, und er tut dies, indem er neue Storys von toten Dichterseelen zur Zeitschrift beisteuert und so hilft, die Auflage zu steigern, neu Erzählungen wie von Graham Greene und Roald Dahl und schließlich von einem gewissen James Sherwin. Dessen Witwe erkennt den Schwindel zwar, verlangt aber als Buße nichts als eine kleine literarische Strafarbeit: Mark soll den unvollendeten Roman des Dahingeschiedenen vollenden, auf den ein begieriger Verleger mit sozusagen gezücktem Scheckbuch wartet - und unser Kunstfälscher schreibt hingebungsvoll und sherwinesk bis zur Selbstaufgabe:

"Ich muss mir immer wieder vor Augen halten, wer ich bin oder wer ich war. Bloß dass seine Stimme meine übertönt, sie zu einer werden, bis ich nicht mehr unterscheiden kann, wer was sagt. Sherwins Geist ist immer da, schaut mir über die Schulter. Er verspottet mich, den ewigen Nachahmer, der ihm nie und nimmer das Wasser reichen wird."

So weit, so gut. Und so gerafft, klingt die Geschichte beinahe unterhaltsam. Dass sie es nicht wird, liegt zunächst an der sprachlichen Darbietung.

Die nämlich ist weder a la Hemingway kurz und gut und schon gar nicht von Roald Dahl inspiriert. Sondern so:

Mark Trace ist jung, er feiert irgendwann gegen Ende des Romans seinen 20. Geburtstag und den Verlust seiner sexuellen Unschuld. Zu beidem möchte man als gutwilliger Leser durchaus gratulieren, doch lädt der Vortrag nicht eben dazu ein.

"Wir küssen und liebkosen einander und ziehen uns aus. Mein Verlangen überwältigt mich fast."

Mag sein, dass der Autor mit derartig behäbigen-nichtssagenden Worten vorführen möchte, wie ausdrucksschwach der flotte Imitator fremder Stile in eigener Sache spricht und dichtet. Aber: Was er ihm gegebenenfalls da in den Mund legt, grenzt an literarische Denunziation.

Formuliert nur das Original so hemmungslos antiquarisch, oder hat die Übersetzerin noch ein wenig zusätzliche Patina aufgelegt? Wie auch immer:

Kurz nach dem Tod von Graham Greene und bei Gelegenheit eines Besuches bei seinem schriftstellerischen Freundespaar erfährt Mark, dass dort

"Nachwuchs unterwegs ist".

Worauf sich ihm folgender Seufzer entringt:

"Das alles war etwas viel für mich: Vernichtung, Tod, Geburt rings um mich her. Ich wünschte ihnen aus der Tiefe meines zittrigen Herzens alles nur erdenklich Gute."

Doch es lassen nicht nur die Formulierungen zu wünschen übrig, die sich auf dem sprachlichen Niveau einer Glückwunschkarte bewegen. Auch Belbins Ensemble bleibt blass. Seine Figuren strahlen meist die Vitalität von Schaufensterpuppen aus. Sie treffen in kurzen Kapiteln aufeinander, deren letzter Satz gerne nach dem Muster "Aber es sollte ganz anders kommen" bieder, aber wirkungslos um Spannungsaufbau bemüht ist? Ende Kapitel 17:

"Der offizielle Briefkopf (…) würde Eindruck auf die beiden machen, glaubte ich. Das tat er auch, allerdings nicht so wie gedacht."

Oder Ende Kapitel 22:

"Vielleicht wäre ich dann derjenige gewesen, den Magneta (…) an dem Abend nach Hause genommen hätte. Und alles, was danach kam, hätte sich womöglich vermeiden lassen."

Schließlich leidet der Roman darunter, dass er immer wieder einen literarischen Clou verspricht, aber keines dieser Versprechen hält. Gerner hätte man eine Talentprobe des doch so talentierten Literaturfälschers gelesen, hätte wenigstens eine Passagen Pseudo-Hemingway, Para-Graham-Greene oder Roald-Dahl-Imitat gelesen.
Stattdessen wird man mit dürren Inhaltsangaben der von Mark Trace verfassten Werke abgespeist.

So verpufft eine witzige Idee in einem Text von sprachlich eher kleinem Kaliber. Man wirft einen abschließenden Blick auf den Titel: "Der Hochstapler"? ja, das immerhin passt.

David Belbin: "Der Hochstapler". Deutsch von Martina Tichy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 284 Seiten, 19,95 Euro

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