Interview / Archiv /

 

Seligmann: Das Beschneidungsurteil wird in einem Jahr keinen Bestand haben

Sondersitzung des Bundestags nach richterlichem Beschneidungsverbot von Jungen

Tobias Armbrüster im Gespräch mit Rafael Seligmann

Rafael Seligmann, Herausgeber der jüdischen Zeitung "Jewish Voice"  (Sören Stache)
Rafael Seligmann, Herausgeber der jüdischen Zeitung "Jewish Voice" (Sören Stache)

Es müsse in Deutschland "etwas nicht stimmen", wenn die Beschneidung von Jungen in der ganzen Welt legal sei, sagt Rafael Seligmann zum Beschneidungsverbot Kölner Richter. Der Herausgeber der "Jewish Voice" ergänzt, dass bei dem Urteil nur die Leiden des Kindes herangezogen worden seien.

Tobias Armbrüster: Die männliche Vorhaut sorgt seit fast drei Wochen für eine nicht zu Ende gehende Debatte in Deutschland - seit dem Urteil des Kölner Landgerichts, das die rituelle Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung eingestuft hat. Politiker aller Parteien scheinen sich inzwischen einig darin, dass Deutschland ein Beschneidungsgesetz braucht. Bei der Sondersitzung des Bundestages am Donnerstag wollen fast alle Fraktionen dazu eine gemeinsame Resolution einbringen. Darin wollen sie unter anderem ihren Willen zum Ausdruck bringen, dass die Beschneidung straffrei bleiben soll. Ein entsprechendes Gesetz könnte allerdings noch eine Weile brauchen, das hat die Bundesjustizministerin schon mal angedeutet. Jüdische und auch muslimische Gemeinden sind also erst mal in einer Phase der Unsicherheit. - Am Telefon ist jetzt der in Berlin lebende Schriftsteller und Herausgeber der Zeitung "Jewish Voice", Rafael Seligmann. Schönen guten Morgen.

Rafael Seligmann: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Seligmann, ist das eine typisch deutsche Debatte, die wir hier erleben?

Seligmann: Ob typisch deutsch? - Aber typisch nur Juristen. Also man berücksichtigt einen Aspekt, einen vermeintlichen Aspekt, dass es den Kindern wehtut - denen tut vielleicht eine Taufe auch mal weh oder das eine oder andere - und vergisst, dass in diesem Land seit 1700 Jahren Juden leben, dass vielleicht Jesus auch ein Jude war, oder dass er ganz sicher als Jude geboren wurde, auch beschnitten war, auch Rathenau, auch Einstein, vergisst auch den Aspekt, da wird immer gesagt, das wird gesundheitlich begründet. Nach jüdischem Gebot hat Leben immer Vorrang, Leben und Unverletzlichkeit. Also wenn ein Kind schwach ist oder nicht gesund, darf es auch gar nicht beschnitten werden. Dieser Aspekt, auch der Aspekt, dass die Weltgesundheitsorganisation ganz dringlich empfiehlt die Beschneidung von Männern, damit das Aidsrisiko um 60 Prozent gesenkt wird, dass 70 Prozent der Amerikaner, egal ob Juden oder Christen oder Atheisten ihre Kinder beschneiden lassen, das fällt alles unter den Tisch, weil ein Herr Putzke als Theoretiker und einige Richter in der Provinz wild geworden sind.

Armbrüster: Na ja, ob Köln nun Provinz ist, sei mal dahingestellt. Aber muss ein deutsches Gericht denn unbedingt Rücksicht nehmen auf eine Jahrtausende alte Tradition, wenn es meint, dass es sich dabei um Körperverletzung handelt?

Seligmann: Ja man kann vieles meinen. Die Frage ist nur: Ich habe nicht gesagt, dass Köln Provinz ist, aber dass die Richter ein provinzielles Denken haben. Das ist ja ein Unterschied. - Nein, ob das richtig ist oder falsch, wird sich ja erweisen mit einem Beschluss des Bundestages. Ich frage mich nur: Wenn seit 1700 Jahren in Deutschland das akzeptiert wird, wenn das nicht einmal von den Nazis infrage gestellt wurde, wenn es in der ganzen Welt legal ist, dann muss doch irgendwas hier nicht ganz stimmen.

Armbrüster: Wie sehr hilft Ihnen denn die Resolution, die übermorgen im Bundestag auf der Tagesordnung stehen wird?

Seligmann: Mir persönlich hilft es gar nichts. Ich finde nur, für die Weltoffenheit eines Landes sollte man doch so tolerant sein, den einzelnen Religionsgemeinschaften - und es sind ja nicht nur Religionsgemeinschaften; in Deutschland sind ja schon Millionen Männer beschnitten, weil sie Phimose hatten, weil man gesundheitliche Bedenken hat. Das ist für mich eben - Sie störten sich an Provinzialität -, es ist Provinzialität, wenn man nicht alle Aspekte berücksichtigt, wenn man nur einen Aspekt herauszieht und sagt, das arme Kind leidet furchtbar. Also ich habe das bei meinen Söhnen gesehen: der Eingriff dauert ungefähr 30 Sekunden und das Weinen dauert ungefähr fünf Minuten und damit ist es vorbei. Aber das Entscheidende ist: Lasst die Leute doch etwas tun, was im Sinne ihrer Religion, im Sinne der Hygiene in der ganzen Welt akzeptiert wird.

Armbrüster: Aber im jüdischen Glauben wird ja die Beschneidung nicht aus hygienischen Gründen durchgeführt. Ich glaube, das wird in der Debatte häufig ein bisschen vermischt.

Seligmann: Ja das ist eben nicht ganz so, weil diese ganzen hygienischen Vorschriften, also die Speisevorschriften, dass man sich vor dem Essen die Hände zu waschen hat, dass man sich zu waschen hat, dass man sauberes Essen nehmen soll und auch eben diese Beschneidung, haben ursprünglich hygienische Gründe, die dann als Gebote, als religiöse Gebote angebracht werden. Oder das Sabbatgebot, "Du sollst am siebten Tage ruhen", das weiß heute jeder, jeder Gewerkschafter und auch jeder Arbeitgeber inzwischen wird Ihnen das bestätigen. Das sind ja alte traditionelle Gebote, die einen Sinn haben.

Armbrüster: Herr Seligmann, ich will noch mal kurz auf die politische Ebene kommen. Es war schon die Rede davon, dass das Beschneidungsurteil in Köln der größte Angriff auf das jüdische Leben in Deutschland seit dem Holocaust sei. So hat es die Konferenz Europäischer Rabbiner beschrieben. Ist dieser Bezug zum Holocaust gerechtfertigt?

Seligmann: Nein. In meinen Augen sollte man das mal drei Nummern tiefer hängen. Man sollte einfach mit gesundem Menschenverstand argumentieren. Und ein anderer, sehr bekannter Jude, der bekannteste Jude, hat mal gesagt, der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat, und das Gesetz ist für den Menschen da, in logischer, humaner und toleranter Form, und nicht umgekehrt. Aber ein Angriff auf das Judentum, der schlimmste seit dem Holocaust, das ist übertrieben.

Armbrüster: Was hören Sie denn aus jüdischen Familien, die sich jetzt überlegen müssen, was sie mit ihren neugeborenen Jungen machen müssen?

Seligmann: Wir werden klarkommen und es ist schade, dass ich kein neugeborenes Kind hatte. Ich würde ihn beschneiden lassen.

Armbrüster: Aber würden Sie in Deutschland jemanden finden, der das macht?

Seligmann: Aber selbstverständlich. Ich werde Ihnen was sagen, wovon ich fest überzeugt bin. Es wird in tausend Jahren Deutschland geben, es wird in tausend Jahren hier Juden geben, aber es wird in einem Jahr nicht mehr, dieses scheuklappige Urteil wird in einem Jahr nicht mehr Bestand haben.

Armbrüster: Das heißt, Sie sind zuversichtlich, dass es in einem Jahr ein konkretes deutsches Gesetz geben wird?

Seligmann: Ich bin absolut sicher, dass es nicht einmal ein halbes Jahr dauern wird.

Armbrüster: Der Schriftsteller und Publizist Rafael Seligmann heute Morgen hier bei uns in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Besten Dank, Herr Seligmann, für das Gespräch.

Seligmann: Danke auch - schönen Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Atomverhandlungen"Es gibt keinen Grund, den Iran zu dämonisieren"

Der Nahost-Experte Michael Lüders (links) im Gespräch mit Monika Dittrich am Deutschlandradio-Stand auf der Leipziger Buchmesse  (Bild: Deutschlandfunk)

In den Atomverhandlungen mit dem Iran hätte man sich längst auf ein Abkommen verständigen können, glaubt der Nahost-Experte Michael Lüders. Doch es gebe zu viele Kräfte, die ein Interesse an einer Konfrontation mit dem Iran hätten, sagte Lüders im DLF.

200. Geburtstag von Otto von Bismarck"Ein bisschen Bismarck steckt in allen Spitzenpolitikern"

Bismarckstatue in Berlin (picture alliance / dpa  / Thalia Engel)

Otto von Bismarcks "Mischung aus hoher Intelligenz, Machtinstinkt und rhetorischer Begabung" sei ein Vorbild für alle Kanzler der Nachkriegszeit gewesen, sagte der Chefredakteur der Zeitschrift "Cicero", Christoph Schwennicke, im DLF. Auch in Angela Merkels Politikstil erkennt er den Bismarckschen Geist.

Nach Gauweiler-Rücktritt"Keine Befürchtung, dass er in die AfD abwandert"

Monika Hohlmeier, Tochter des ehemaligen Verteidigungsministers und Ministerpräsidenten von Bayern, Franz-Josef Strauß. (Marcus Brandt, dpa picture-alliance)

Monika Hohlmeier bekundet Respekt vor dem Rücktritt Peter Gauweilers. Mit einem Wechsel des bisherigen Parteivizes zur AfD rechne sie nicht, sagte die CSU-Europaabgeordnete im DLF. Auch, weil dieser ein großer Verehrer ihres Vaters sei, so die Tochter von Franz-Josef Strauß.

 

Interview der Woche

Heinz Buschkowsky"Unsere Lebensregeln gelten für alle"

Heinz Buschkowsky in einer Talk-Show. (imago/Müller-Stauffenberg)

Der scheidende Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), kritisierte im Deutschlandfunk das Bundesverfassungsgericht, das ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen untersagt hatte. Die Richter hätten keine Ahnung, wie es in vielen Stadtvierteln zugehe. Sie stützen die falsche Botschaft: Die Frau habe zu gehorchen, sie sei das Eigentum ihres Mannes.

LänderfinanzausgleichScholz: "Große moralische Aufgabe"

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz im Gespräch mit DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien. (picture alliance  / dpa / Nils Heider)

Hamburgs Erster Bürgermeister, Olaf Scholz, plädiert für eine rasche Neuregelung der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. Innerhalb dieser Legislaturperiode müsse man sich einigen, sagte der SPD-Politiker im DLF. Im Streit um den Solidaritätsbeitrag fordert Scholz eine Diskussion ohne Egoismus.

Sigmar Gabriel"Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung"

Sigmar Gabriel bei einem Pressestatement in Berlin (dpa / Stephanie Pilick)

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hält die Vorratsdatenspeicherung für notwendig. Im DLF sagte der SPD-Chef, er wisse zwar, dass das Thema hochumstritten und die Vorratsdatenspeicherung kein Allheilmittel sei - sie könne aber durch eine schnellere Aufdeckung von Straftaten helfen, die nächste Straftat zu verhindern.