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StartseiteWissenschaft im BrennpunktManuskript: Worte, die Grenzen meiner Welt29.06.2014

Sendereihe: Philosophie im HirnscanManuskript: Worte, die Grenzen meiner Welt

Die einen sind überzeugt, dass unsere Sprache sehr großen Einfluss auf unser Denken hat – und dass Menschen deshalb sogar in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich denken. Die anderen dagegen glauben, dass das Denken von der Sprache weitgehend unabhängig ist. Die Diskussion ist weit über die Grenzen der Linguistik hinaus von Bedeutung, denn sie rührt an grundlegende Fragen nach dem Wesen des Menschen und seiner Wahrnehmung. Mittlerweile suchen auch Psychologen und Hirnforscher nach Antworten. Sie finden immer mehr Hinweise darauf, dass Worte unser Denken und Handeln prägen.

Von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen

Die Studenten der Feinwerktechnik, Jacob Biermann (l), Martin Enderlein (2.v.r.), Dustin Erbes (r) und ihr Professor Martin Schröck (2.v.l.), sprechen am 13.12.2013 an der Fachhochschule in Jena (Thüringen) miteinander. Am 16. Dezember präsentieren die Erstsemester ihre Ergebnisse im diesjährigen Konstruktionswettbewerb. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Sprache ist für Menschen wesentlich. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Zwischen allen Sprachen tun sich Bilder auf ... (Jede Sprache sieht die Welt anders an. ) ... in jeder Sprache sitzen andere Augen.

Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin.

gözlerin gözlerime değince
felâketim olurdu ağlardım

Attila Ilhan: Üçüncü Şahsin Şiiri

Sieben Milliarden Menschen

beni sevmiyordun bilirdim
bir sevdiğin vardı duyardım

Attila Ilhan: Üçüncü Şahsin Şiiri

7000 Sprachen

çöp gibi bir oğlan ipince

Attila Ilhan: Üçüncü Şahsin Şiiri

7000 Welten

hayırsızın biriydi fikrimce
ne vakit karşımda görsem
öldüreceğimden korkardım
felâketim olurdu ağlardım

Attila Ilhan: Üçüncü Şahsin Şiiri

7000 Welten? Chinesen benutzen überhaupt keine Zeitformen, Engländer gleich sieben – allein für die Zukunft. Türkisch kennt keine Geschlechter – auf Rumänisch ist sogar die Rose ein Mann. Sprachen haben ihre Eigenarten. Doch färben diese auch den Blick der Sprechenden auf die Welt? Darüber streiten die Wissenschaftler leidenschaftlich.

Kampf der Gelehrten

Lera Boroditsky: "Sure, it can be aggressive. I think sometimes the debate is lively in a way that's really fun. On the other hand there are unhealthy kinds of disagreement. And hopefully as more and more evidence is on the table, the arguments can get more and more thoughtful rather than ad hominem."

Das kann schon aggressiv werden. Manchmal ist die Debatte einfach lebhaft, das macht dann richtig Spaß. Aber manchmal wird der Streit doch unfair. Wenn jetzt mehr und mehr Belege auf den Tisch kommen, werden die Argumente hoffentlich sachlicher und weniger persönlich.

Philosophen und Linguisten streiten schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten. Lange stand Aussage gegen Aussage. Und oft war es ein Kampf Mann gegen Mann.

Samuel Johnson

Sprache ist nur das Instrument der Wissenschaft, und Worte sind bloß die Zeichen von Ideen.

gegen Wilhelm von Humboldt

Der Mensch denkt nur vermittels der Sprache. // Ihr Einfluß erstreckt sich über alles, was der Mensch denkt und empfindet, beschließt und vollbringt.

Samuel Johnson, englischer Gelehrter, bezog im 18. Jahrhundert die eine Ecke im Kampf der Sprachphilosophen. Seine Punchline: Wir brauchen Sprache lediglich, um Gedanken auszudrücken. Wilhelm von Humboldt, deutscher Gelehrter, stieg Anfang des 19. Jahrhunderts in die andere Ecke. Er konterte: Wir brauchen Sprache, um Gedanken überhaupt erst zu denken. Und nicht nur das:

Das Denken ist nicht bloß abhängig von der Sprache überhaupt, sondern bis auf einen gewissen Grad auch von jeder einzelnen bestimmten.

Noch drastischer sah es der Philosoph Ludwig Wittgenstein Anfang des 20. Jahrhunderts:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

In diesen wenigen Aussagen aus den vergangenen Jahrhunderten stecken schon all die Argumente, die den Kampf der Linguisten anfachen sollten. Öl ins Feuer goss dann ausgerechnet ein Brandverhütungs-Inspektor:

Benjamin Lee Whorf

Die automatischen, unwillkürlichen Muster der Sprache sind nicht dieselben für alle Menschen, sondern spezifisch für jede Sprache. Daher rührt, was ich das 'Prinzip der sprachlichen Relativität' genannt habe. Es bedeutet, dass Menschen // von ihren Grammatiken auf verschiedene Arten von Beobachtungen gestoßen werden und deshalb zu etwas verschiedenen Ansichten der Welt kommen müssen.

gegen Noam Chomsky

Ich denke nicht, dass Sprachen sich so sehr unterscheiden. Ein außermenschlicher Beobachter wäre beeindruckt von eben der Einheitlichkeit der menschlichen Sprachen, von der sehr geringfügigen Abweichung von einer Sprache zur anderen, und davon, auf welch bemerkenswerte Weise alle Sprachen gleich sind.

Benjamin Lee Whorf verdiente sein Geld eigentlich damit, für eine Versicherungsgesellschaft Brände und Explosionen aufzuklären. Das war in den 30er-Jahren. Nebenher studierte er die Sprachen der amerikanischen Ureinwohner. Besonders interessierten ihn die Unterschiede zum Englischen: Die Hopi zum Beispiel hätten keine Wörter oder grammatischen Formen, die sich direkt auf die Zeit bezögen. Das gilt inzwischen als widerlegt. Der Schluss aber, den Whorf daraus zog, wirkt bis heute nach: Weil die Hopi keine solchen Wörter für die Zeit hätten, hätten sie auch einen ganz anderen Begriff von der Zeit als englischsprachige Menschen. Der Linguistische Relativismus gewann schnell begeisterte Anhänger. Doch in den 60er-Jahren stieg Noam Chomsky in den Ring und propagierte das krasse Gegenteil: den Linguistischen Universalismus:

Allen Menschen sei dasselbe Sprachvermögen, dieselbe Universalgrammatik angeboren. Der Philosoph Jerry Fodor setzte noch eins drauf: Allen Menschen sei auch dasselbe Denkmedium angeboren – "Mentalese", die Sprache der Gedanken. Wir dächten also nicht auf Englisch, Deutsch oder Chinesisch, sondern in einem universellen Medium. Im Kampf der Linguisten triumphierten die Universalisten. Doch das war noch nicht der Knock Out für die Gegner. Junge Hirnforscher und Psychologen fordern die Universalisten jetzt heraus – mit Experimenten. Der Kampf geht in die entscheidende Runde.

Neue Runde steht bevor

Lera Boroditsky: "For me the question is an empirical one and it is to be resolved by empirical evidence. It's neither obviously false nor obviously true. It's something that we have to study carefully and measure."

Für mich ist die Frage eine empirische, und sie muss mit empirischen Belegen beantwortet werden. Es ist weder offensichtlich falsch noch offensichtlich wahr. Es ist etwas, das wir sorgfältig untersuchen und messen müssen.

gegen John McWhorter

"The idea that the way your language is built corresponds to the way its speakers see the world, that just doesn't hold up. Now, if it did I would be the first person to say, good golly, isn't that neat. But I just don't think that it does."

Diese Idee, dass die Art und Weise, wie eine Sprache aufgebaut ist, der Art und Weise entspricht, wie die Sprecher die Welt sehen – die trägt einfach nicht. Wenn sie es täte, wäre ich der Erste, der sagen würde: 'Donnerwetter, das ist aber toll!' Aber ich glaube einfach nicht, dass sie es tut.

Lera Boroditsky ist Psychologin an der University of California in San Diego. Und sie ist eine der prominentesten Vertreterinnen der neuen Whorfianer. John McWhorter dagegen hält die Whorf-Hypothese für großen Unsinn. Er ist Linguist an der Columbia University in New York. Jetzt hat er ordentlich ausgeteilt, in seinem Buch "The Language Hoax" – Der Sprach-Schwindel. An jeder einzelnen Erkenntnis von Boroditsky hat er etwas auszusetzen. Natürlich auch an der über die Wahrnehmung von Farben.

Boroditsky: "In Russian there is an obligatory distinction between light blues and dark blues. Light blues in Russian are called Goluboj, and dark blues are called Sinij. But for English speakers they would be called by the same name, they would both be blue. And we wondered whether this practice of distinguishing these shades of blue in language would lead Russian speakers to be better able to distinguish the colors perceptually."

Im Russischen ist man gezwungen, zwischen hellem Blau und dunklem Blau zu unterscheiden. Helle Blautöne werden Goluboj genannt, dunkle Blautöne Sinij. Auf Englisch ist beides einfach "blue" – blau. Und wir haben uns gefragt, ob die Gewohnheit, diese Blautöne in der Sprache zu unterscheiden, dazu führt, dass russischsprachige Menschen diese Farben auch in der Wahrnehmung besser unterscheiden können.

Die Psychologin zeigte Amerikanern und Russen auf einem Computermonitor je drei blaue Quadrate, eins oben und zwei unten. Einer der beiden unteren Farbtöne war identisch mit dem oberen. Die Probanden sollten möglichst schnell entscheiden, welcher das war, und auf den entsprechenden Knopf drücken.

"As you do this task you think: 'I can see immediately which ones are identical.' It's not a hard task. And importantly, this wasn't a task that required people to use language. In fact, if you were a pigeon, you could do this task."

Wenn man diese Aufgabe macht, denkt man: 'Ich sehe doch sofort, welche gleich sind.' Das ist nicht schwer. Und, das ist wichtig, man muss dabei keine Sprache benutzen. Tatsächlich könnte man diese Aufgabe auch machen, wenn man eine Taube wäre.

Und trotzdem waren die Russen schneller – wenn die verschiedenen Blautöne in die verschiedenen Kategorien des Russischen fielen, also Goluboj und Sinij. Dieses Ergebnis überraschte selbst Boroditsky.

"Before we started doing this research I thought maybe language would play a role in color memory. But I was very surprised to see that even in a task where you could see all the colors, linguistic representations were being activated automatically for speakers and helping them to make decisions."

Bevor wir diese Experimente gemacht hatten, dachte ich, die Sprache würde vielleicht eine Rolle im Farbgedächtnis spielen. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass bei dieser viel einfacheren Aufgabe sprachliche Repräsentationen automatisch aktiviert werden und helfen, Entscheidungen zu treffen.

John McWhorter überzeugt das allerdings nicht.

"In terms of psychology it is neat, it really is neat. But the question is: What is significant? The differences tend to be in milliseconds. What that is, it's a cute psychological blip. When you go from that to Russians seeing Picasso differently from the rest of us, I think we are going the wrong way. It's not true. It's not a world view.

Was die Psychologie angeht, ist das akkurat, wirklich akkurat. Aber die Frage ist: Ist das von Bedeutung? Die Unterschiede liegen im Bereich von Millisekunden. Das ist ein putziges psychologisches Phänomen. Wenn man davon darauf schließt, dass Russen Picasso anders sehen, ist man auf dem falschen Weg. Es stimmt einfach nicht. Das ist kein Weltbild.

Farbwahrnehmung und räumliche Orientierung

Lera Boroditsky und ihre Forscherkollegen haben nicht nur die Wahrnehmung der Farbpalette untersucht. Sie haben auch Fälle erforscht, in denen der Einfluss der Sprache weit bedeutsamer wäre, zum Beispiel bei der räumlichen Orientierung. Die Psychologin ist dazu nach Australien gereist, zu den Thaayorre, einer Gruppe von Aborigines, zu denen auch Donald William gehört, der hier über sein Leben erzählt.

Boroditsky: "In this language all spatial relations are described in terms of North, South, East, West. So you would never say something like 'There is an ant at your left leg!' Instead you would say: 'There is an ant on your South-West leg.' Or the way you would say hello. In Kuuk Thaayorre you say: 'Hey, which way are you heading?' And the answer should be something like: 'North-West-West in the far distance, how about you?' So, quite literally, just to say 'hello' in this language you have to be oriented."

In dieser Sprache werden alle räumlichen Beziehungen mit Nord, Süd, Ost und West beschrieben. Man würde also nicht sagen: 'Da ist eine Ameise an Deinem linken Bein', sondern 'Da ist eine Ameise an Deinem süd-westlichen Bein'. Oder die Begrüßung, auf Kuuk Thaayorre sagt man da: 'Hey, wohin gehst Du?' Und die Antwort wäre so etwas wie: 'Nach Nord-Nord-West, und Du?' Nur um 'Hallo' zu sagen, muss man also perfekt orientiert sein.

Es gibt noch mehr Sprachen, die nur absolute Ortsangaben nutzen. Entdeckt hat sie Stephen Levinson, ebenfalls ein Verfechter des Linguistischen Relativismus. Seine Erkenntnisse über die Guugu Yimithirr, eine weitere Gruppe von Aborigines, sind legendär. Die Guugu Yimithirr sind jederzeit perfekt orientiert, auch bei Nacht, in geschlossenen Räumen und fremden Städten. Und ganz selten nehmen sie ihren eigenen Körper als Fixpunkt, so wie wir, wenn wir rechts oder links sagen. Levinson ist davon überzeugt, dass es ihre Sprache ist, die diese erstaunlichen Fähigkeiten hervorbringt: Weil die Guugu Yimithirr ständig perfekt orientiert sein müssten, um auch nur das Einfachste sagen zu können, trainierten sie permanent ihren Orientierungssinn. Lera Boroditsky hat bei den Thaayorre ganz ähnliche Beobachtungen gemacht.

John McWhorter: "I don't know why it is making me laugh right now. Well, I don't agree at all. They are human compasses, that's fascinating. But the idea that it's their language that is making them do it, doesn't make any sense. Because what is making them do it is they live in flat land, it is harder to find your way around, you don't have that many signposts. There is no such thing as such a language in, say, a rainforest, where there is a tree every time you turn around."

Ich weiß nicht, warum mich das jetzt gerade zum Lachen bringt. Naja, ich sehe das überhaupt nicht so. Sie sind menschliche Kompasse, das ist faszinierend. Aber dass es ihre Sprache ist, die sie dazu bringt, ergibt keinen Sinn. Denn was sie dazu bringt, ist, dass sie im Flachland leben. Da ist es schwieriger, sich zurechtzufinden, es gibt auch nicht so viele Wegweiser da. So eine Sprache gibt es zum Beispiel nicht im Regenwald, wo überall Bäume sind, egal wohin man sich dreht.

Harte Bandagen

Die Kontrahenten geben sich gern unversöhnlich – aber ihre Ansichten müssen sich gar nicht unbedingt widersprechen. Es ist plausibel, dass die Guugu Yimithirr und die Thaayorre ihren außerordentlichen Orientierungssinn einst entwickelten, weil ihre Umwelt sie dazu zwang. Und genauso plausibel ist es, dass es heute ihre Sprache ist, die diesen Orientierungssinn trainiert. Die Kinder der Aborigines lernen das Koordinatensystem ja nicht zuerst auf der Jagd oder beim Fischen auf dem offenen Meer, sondern durch die Sprache. Doch was bedeutet das für uns? Tatsächlich haben Psychologen nicht nur exotische Sprachen daraufhin erforscht, ob Wortschatz und Grammatik das Denken prägen. Lera Boroditsky hat auch Amerikaner, Spanier und Japaner untersucht. Sie wollte wissen, wie gut sie sich als Augenzeugen eignen.

"Different languages will invite their speakers to routinely, habitually talk about events one way or the other. English is kind of a funny language because it doesn't strongly distinguish between accidental events and intentional events. So, if I break a vase on purpose, I look at it in anger, I smash it on the ground, you would say: 'Lera broke the vase.' If I broke it accidentally, it would still be perfectly fine to say: 'Lera broke the vase.'"

Verschiedene Sprachen veranlassen ihre Sprecher dazu, unterschiedlich über Ereignisse zu reden. Englisch ist eine ziemlich merkwürdige Sprache, weil sie kaum zwischen unbeabsichtigten und beabsichtigten Geschehnissen unterscheidet. Egal, wie es dazu kam, würde man sagen: 'Lera hat die Vase kaputt gemacht.'

Das Spanische und das Japanische machen dagegen einen deutlichen Unterschied. Bei einem Versehen sagt man auf Spanisch sogar: "El florero se rompió". Wörtlich: Die Vase zerbrach sich selbst. Kein Täter in Sicht also.

Boroditsky: "We wondered whether English speakers would pay attention more to who was involved in an event, even if it was an accident, compared to Spanish and Japanese speakers, for whom if it is an accident, it's less important who did it."

Wir haben uns gefragt, ob englischsprachige Menschen mehr darauf achten, wer an einem Ereignis beteiligt ist, auch wenn es ein Missgeschick ist, im Vergleich zu Spaniern und Japanern, für die es bei einem Versehen weniger wichtig ist, wer es getan hat.

Boroditsky zeigte Amerikanern, Spaniern und Japanern kurze Filme, in denen jemand etwas kaputt machte, entweder absichtlich oder unabsichtlich. Dann bat sie die Probanden zur Gegenüberstellung: Wer war's? Wer hatte den Luftballon platzen lassen, das Ei zerbrochen, das Wasser beim Blumengießen verschüttet?

"What we found was, when the events were intentional, everyone remembered who did it very well. But when it came to accidental events, English speakers are also much more likely to remember who did it. So, because of the practice in their language they end up paying attention to the videos differently and remembering different things."

Wir haben festgestellt, dass sich alle gleich gut erinnerten, wenn ein Verschulden vorlag. Wenn es aber ein Versehen war, erinnerten sich die englischsprachigen Probanden viel besser daran, wer es getan hatte. Wegen des Trainings durch ihre Sprache betrachten sie die Videos also unterschiedlich, und sie erinnern sich an unterschiedliche Dinge.

Demnach könnte die Sprache also nicht bloß unsere Farbwahrnehmung prägen oder den Orientierungssinn trainieren, sondern unsere Wahrnehmung von Ereignissen im Alltag beeinflussen. Sehen wir also tatsächlich die Welt ein bisschen unterschiedlich, je nachdem welche Sprache wir sprechen?

John McWhorter: "No, no, no. OK, I'm sure that she showed an effect. But the question is whether that effect is so much that we are really saying something about the difference between the way a Spanish speaker sees the world and the way an English speaker sees the world."

Nein, nein, nein. OK, ich bin sicher, dass sie einen Effekt gezeigt hat. Aber die Frage ist, ob dieser Effekt so groß ist, dass er wirklich etwas aussagt über die Art, wie spanischsprachige oder englischsprachige Menschen die Welt sehen.

Boroditsky: "Of course, the more evidence accrues across different domains, the more you have to say, well, to the extent that people's world views are made up of the way they think about space and time and causality and number, the way they remember things, by the way they attend to things, the way they are able to distinguish things perceptually – then sure you would have to say that language affects world view.

Aber sicher, je mehr Belege wir in ganz verschiedenen Bereichen sammeln, desto mehr muss man sagen: In dem Maße, in dem das Weltbild der Menschen daraus besteht, wie sie über Raum und Zeit und Kausalität und Zahlen denken, wie sie sich an Dinge erinnern, wie sie Dinge wahrnehmen, wie sie Dinge unterscheiden können – dann muss man sicher sagen, dass die Sprache das Weltbild beeinflusst.

Reichen die Indizien, um von unterschiedlichen Weltbildern zu sprechen? Darum dreht sich diese Kontroverse. Doch McWhorters Kritik geht noch weiter.

"My main problem with Whorfianism is that it unwillingly condemns probably about half of the people in the world on the basis of their languages as a little bit mentally dim. On the one hand you can look at a native American language that tends to mark an awful lot of distinction. But then you look at a language like Chinese and think, well, if a native American is beautifully alive to all these fine distinctions, then that means that the person from Beijing must be a little bit of a dummy."

Mein größtes Problem mit dem Whorfianismus ist, dass er ungewollt ungefähr die Hälfte der Menschen auf dieser Welt wegen ihrer Sprache für ein bisschen beschränkt erklärt. Einerseits gibt es da Sprachen wie die der amerikanischen Ureinwohner, die schrecklich viele Unterscheidungen machen. Aber dann schaut man sich eine Sprache wie Chinesisch an und denkt, naja, wenn sich ein amerikanischer Ureinwohner all dieser feinen Unterschiede so wunderbar bewusst ist, dann muss dieser Mensch aus Peking ein kleiner Dummkopf sein.

Lera Boroditsky: "The arguments against it I find really troublesome. First of all, if the argument is, we shouldn't tell the general public what is actually true about human cognition and the role of experience because they may formulate racist ideas about it, I think that is a condescending attitude. As scientists we have to tell people things that we believe are true."

Dieses Argument finde ich wirklich ärgerlich. Wenn wir der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit über das menschliche Denken und die Rolle von Erfahrungen sagen sollen, weil sie das vielleicht auf rassistische Gedanken bringt, dann ist das eine herablassende Haltung. Als Wissenschaftler müssen wir den Leuten die Dinge sagen, von denen wir glauben, dass sie wahr sind.

Streit um Einfluß der Kultur

Der Streit zeigt: Es geht um viel mehr als um "putzige psychologische Phänomene".

Boroditsky: "It is a topic that touches on nearly all controversies in the study of mind. Of course it is about the nature-nurture-question, so to what extent is our behavior innate, to what extent is it specified by biology – or, on the other side, to what extent is it determined by experience, by the ideas in our cultures, and by our languages.

Es ist einfach ein Thema, das fast alle Kontroversen in der Erforschung des Geistes berührt. Natürlich geht es um die Nature-Nurture-Frage – also darum, in welchem Maße unser Verhalten angeboren ist, und in welchem Maße es von Erfahrungen bestimmt ist, von den Ideen in unseren Kulturen und von unseren Sprachen.

Letztlich geht es auch um die Frage, ob der Mensch sich ändern kann – und damit sogar um den freien Willen. Kein Wunder, dass die Debatte so leidenschaftlich geführt wird. Und sie ist nicht nur für Psychologen und Hirnforscher interessant, sondern auch für Linguisten, Anthropologen, Philosophen und sogar für Informatiker, die Computern beibringen wollen, Sprache wirklich zu verstehen.

Boroditsky: "It does create a situation where lots and lots of people have an opinion, but where very few people actually do empirical work on the question.

Das führt dazu, dass jede Menge Leute eine Meinung haben, aber nur sehr wenige tatsächlich empirisch an der Frage arbeiten.

In der Tat liefern ausgerechnet einige der Kontrahenten, die sich am lautesten zu Wort melden, kaum empirische Belege für ihre Ansichten.

Steven Pinker:

Die berühmte Whorf-Hypothese ist falsch, komplett falsch. Die Idee, dass Denken dasselbe ist wie Sprache, ist ein Beispiel für etwas, das man eine konventionelle Absurdität nennen kann. Eine Behauptung, die jedem gesunden Menschenverstand widerspricht, die aber jeder glaubt, weil er sich dunkel daran erinnert, sie irgendwo gehört zu haben und weil sie so bedeutungsschwanger ist.

gegen Daniel Casasanto

"People have reasoned that it can't be the case that we think in language, at least not all the time, therefore Whorf must be wrong, language can't shape thought. It is actually a common logical fallacy. It is easy to see if you look at an example like the statement: 'John has a daughter who plays the violin, therefore John is human.' That makes sense. Now, if we flip that around, then we say: 'But because John has not a daughter who plays the violin, then he is not human.' Well, that doesn't make any sense. It is that sort of logically impotent argument that people are using when they say: 'We don't think in language, therefore language can't shape thought.'"

Die Leute haben argumentiert, dass es nicht sein kann, dass wir in Sprache denken, und dass Whorf deshalb Unrecht hat, dass Sprache also nicht das Denken prägen kann. Das ist ein weit verbreiteter logischer Fehlschluss. Man kann das leicht verstehen, wenn man sich ein Beispiel anschaut, wie die Aussage 'John hat eine Tochter, die Geige spielt, also ist John ein Mensch.' Das ergibt Sinn. Wenn wir das jetzt umdrehen, heißt es: 'Aber weil John keine Tochter hat, die Geige spielt, ist er kein Mensch.' Das ist völliger Unsinn. So ein logisch impotentes Argument verwenden die Leute, wenn sie sagen: 'Wir denken nicht in Sprache, also kann Sprache das Denken nicht beeinflussen'.

Der Psychologe Steven Pinker von der Harvard University prügelt gern auf den Linguistischen Relativismus ein. Mit empirischen Belegen hält er sich nicht lange auf. Daniel Casasanto dagegen versucht, der Hypothese mit Experimenten auf den Grund zu gehen. Doch auch dabei warten Stolperfallen. Der Psychologe von der University of Chicago erforscht vor allem, welche Rolle Metaphern im Denken spielen. Mit Metaphern ist hier nichts Poetisches gemeint, sondern etwas ganz Alltägliches: Die Übertragungen von konkreten Erfahrungen auf abstrakte Konzepte.

Beispiel Zeit

"We can hardly help talking about temporal duration and temporal extent using spatial terms. When we say a meeting is long or short, a vacation is extended, these are spatial words used for time."

Wir können kaum anders als räumliche Wörter zu verwenden, wenn wir über eine Zeitdauer reden. Wenn wir sagen 'ein Meeting ist lang oder kurz', 'ein Urlaub ist ausgedehnt', dann benutzen wir räumliche Wörter für die Zeit.

Casasanto wollte wissen, ob wir über die Zeit auch so denken, wie wir über sie reden. Er zeigte Versuchspersonen auf einem Monitor Linien, die vom linken zum rechten Bildrand wuchsen. Die Probanden sollten schätzen, wie lange das jeweils dauerte. Doch Casasanto hatte einen Trick eingebaut: Er variierte die Länge der Linien, und zwar unabhängig von der Zeitdauer. Das Ergebnis: Bei langen Linien überschätzten die Testpersonen die Zeitdauer, bei kurzen unterschätzten sie diese. Daraus schloss Casasanto, dass ihnen eben diese Vorstellung – "Eine Zeitdauer ist eine Strecke" – in die Quere kam. Doch dann erlebte der Psychologe eine Überraschung.

"I was presenting this data one summer in Greece and making bold claims of how these psychophysical data was showing that everybody not only talks about temporal duration in terms of length, but they also think about it this way. And a Greek speaker in the audience raised her hand and said: 'Look, that's not how we talk about time, and that's not how I think about it.'"

Ich habe diese Daten einmal in Griechenland präsentiert, im Sommer, und die kühne Behauptung aufgestellt, dass jeder über eine Zeitdauer wie über eine Strecke redet, und dass wir auch alle so darüber denken. Und dann hob eine Griechin im Publikum die Hand und sagte: 'Hören Sie mal, so reden wir nicht über die Zeit, und so denken wir auch nicht darüber.'

Casasanto versuchte abzuwiegeln. Aber die Griechin blieb hartnäckig.

"She insisted: 'Look, in Greece there are no long meetings.' And I looked out at the beautiful sparkling sea and I could understand why you wouldn't have long meetings. But what she meant was that instead of saying 'a long time', a Greek speaker would say 'poli hora', which means much time or a lot of time, using the same word as for a lot of water."

Sie beharrte darauf: 'Schauen Sie, in Griechenland gibt es keine langen Meetings.' Und ich habe raus geschaut auf das herrliche, glitzernde Meer, und ich konnte gut verstehen, warum man da keine langen Meetings hat. Aber was sie meinte war, dass Griechen nicht sagen 'eine lange Zeit', sondern 'poli hora', was 'viel Zeit' heißt oder 'eine Menge Zeit', sie benutzen dafür dasselbe Wort wie für 'eine Menge Wasser'.

Casasanto fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Dann witterte er in der Schlappe eine neue Chance. Er setzte Griechen eine Variation des Experiments vor, diesmal mit Behältern, die mehr oder weniger weit gefüllt wurden. Und wieder verschätzten sich die Probanden. Dann machte Casasanto mit den Griechen das ursprüngliche Experiment mit den Linien. Von denen ließen sie sich überhaupt nicht irritieren.

"It appears that Greek speakers think about it differently, that they are activating spatial representations in their minds when they think about time, but they are not linear representations, they are quantity representations of three dimensional space."

Griechischsprachige Menschen reden über die Zeit nicht nur anders, sie denken offenbar auch anders. Sie aktivieren Repräsentationen, aber das sind keine linearen Repräsentationen, sondern dreidimensionale Repräsentationen.

Damit hatte Casasanto eine Korrelation nachgewiesen, aber noch keinen kausalen Zusammenhang. Deshalb trainierte er als nächstes Amerikaner darauf, wie Griechen über die Zeit zu sprechen, bloß auf Englisch.

"So instead of saying a meeting is long or short, they say a meeting is more or less. That's not perfect Greek, but it's doing what we need them to do."

Statt zu sagen 'ein Meeting ist lang oder kurz', sollten sie sagen 'ein Meeting ist mehr oder weniger'. Das ist zwar kein Griechisch und auch nicht perfekt, aber es erfüllt seinen Zweck.

Nach zwanzig Minuten Training ließ Casasanto die Amerikaner das Experiment mit den Behältern machen. Und tatsächlich: Ihre Schätzungen waren jetzt kaum von denen der Griechen zu unterscheiden! Daraus schließt der Psychologe:

"Everyone associates time with linear space and with three-dimensional volume, but the strengths of these associations are determined by the metaphors in our native language."

Jeder kann Zeit gleichermaßen assoziieren mit einer linearen Ausdehnung oder mit einem dreidimensionalen Volumen. Aber die Stärke dieser Assoziationen wird bestimmt von den Metaphern in unserer Muttersprache.

Folgerungen aus einem Experiment

Daraus folgen gleich zwei Erkenntnisse über die Rolle der Sprache: Erstens ist sie nicht nötig, um die Verbindung zwischen Raum und Zeit überhaupt erst herzustellen. Andere Versuche zeigen sogar, dass schon kleine Kinder ein Gespür dafür haben, lange bevor sie sprechen können. Zweitens hat die Sprache dennoch großen Einfluss. Wenn englischsprachige Kinder dauernd von "langen Ferien" hören und griechische von "Ferien, die viel dauern" dann werden die entsprechenden Zuordnungen im Hirn wieder und wieder gestärkt. In diesem Fall haben also sowohl die Universalisten als auch die Relativisten ein bisschen Recht: Die verschiedenen Zuordnungen von Raum und Zeit sind zunächst universell – und von der Sprache unabhängig. Dann aktiviert die Muttersprache spezifische Zuordnungen – und beeinflusst so das Denken.

Ist der Kampf also aus? Mit einem Unentschieden nach Punkten? Was Daniel Casasanto herausgefunden hat darüber, wie wir über Zeit und Raum denken, klingt nach einem Kompromiss. Casasanto selbst hält allerdings nichts davon, das zu verallgemeinern:

"It's very popular nowadays in cognitive science to try to walk a middle road, to compromise. And I actually think that that is not always right. Sometimes, if you walk in the middle, you are wrong on both sides."

Es ist heute in der Kognitionsforschung sehr beliebt, einen Mittelweg zu gehen, Kompromisse zu machen. Ich denke aber, dass das nicht immer richtig ist. Wenn man in der Mitte geht, liegt man manchmal auf beiden Seiten daneben.

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