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StartseiteBüchermarktSenilità02.03.2003

Senilità

Manesse Verlag, 445 S., EUR 19, 90

<em>Gleich mit den ersten Worten, die er an sie richtete, wollte er ihr klarmachen, dass er nicht vorhatte, sich auf eine allzu ernsthafte Beziehung einzulassen. Er sagte also ungefähr folgendes: "Ich liebe dich sehr, und zu deinem eigenen Besten möchte ich, dass wir uns gleich darauf einigen, sehr behutsam vorzugehen.</em>

Maike Albath

Ein Held betritt die Bühne, er hat eine Dame im Schlepptau und scheint gewisse Absichten zu verfolgen. Doch kaum macht der junge Mann den Mund auf, mischt sich ein Erzähler ein und zieht ihm den Boden unter den Füssen weg.

Die Worte waren so vorsichtig, dass es schwer fiel zu glauben, sie seien aus Nächstenliebe gesagt, und etwas aufrichtiger hätten sie so klingen müssen: "Du gefällst mir sehr, aber in meinem Leben wirst du nie mehr als ein Spielzeug sein können. Ich habe schließlich andere Verpflichtungen, meine Karriere, meine Familie". Seine Familie? Eine einzige Schwester, die ihm weder physisch noch moralisch im Weg stand, klein und blaß, ein paar Jahre jünger als er, doch vom Charakter und vielleicht auch vom Schicksal her älter. Von den beiden war er der Egoist, der Jüngere; sie lebte für ihn, selbstvergessen wie eine Mutter, doch das hinderte ihn nicht daran, von ihr wie von einem anderen, bedeutsamen Schicksal zu sprechen, das mit dem eigenen verknüpft war und es belastete, und mit dem Gefühl einer solchen Verantwortung auf den Schultern ging er vorsichtig durchs Leben, wich allen Gefahren aus, aber auch dem Genuss, dem Glück.

Ganz ohne Zweifel: wir haben einen Zauderer vor uns, einen schwachbrüstigen Vertreter seiner Spezies, einen selbstgerechten Grübler, der sich zu nichts durchringen kann. Noch bevor der Leser den Namen des 35jährigen Versicherungsangestellten erfährt, ist er bereits eingeweiht in die Abgründe seines Seelenlebens. Schon auf der ersten Seite seines 1898 erschienen Frühwerks Senilità entlarvt der Triestiner Schriftsteller Italo Svevo seinen Helden Emilio Brentani als einen dekadenten Charakter und liefert damit einen Romananfang, wie er in der italienischen Literatur des 19. Jahrhunderts noch nicht vorgekommen war. Kein kraftstrotzender Adonis, wie Gabriele D'Annunzio sie damals gern erfand, nimmt hier die Fäden in die Hand, auch keine von den gesellschaftlichen Umständen gebeutelten Landarbeiter oder unterdrückerischen Großgrundbesitzer, wie sie in den naturalistischen Romanen eines Giovanni Verga auftraten. Statt dessen präsentiert uns Italo Svevo einen braven jungen Mann mit besten Manieren, einen typischen Repräsentanten der modernen Handelsstadt, äußerlich ein aufgeklärter Bürger, innerlich ein Paria. Und Svevo kennt keine Gnade. Er ist ein Meister des verhaltenen Spotts und umspült seinen Helden mit wabernden Satzketten voller Abschweifungen, die Verständnis vorspiegeln, in Wirklichkeit aber mit dem Seziermesser geschrieben sind. Bis in die letzte Daseinsfalte wird Brentani ausgeleuchtet und zergliedert. In lakonischem Tonfall fertigt der Erzähler gleich zu Beginn eine Art Mängelliste an: Nicht nur die Liebesbekundungen sind mit falscher Zunge gesprochen, auch der Schwester gegenüber zeigt er keine Größe und überdies gebärdet er sich noch als verkapptes Genie. Denn der Versicherungsangestellte hatte in seiner Jugend eine literarische Publikation vorgelegt, von den Bildungsbeflissenen der habsburgischen Handelsmetropole mit Beifall bedacht, und nun harrt er der Inspiration, bekommt aus Trägheit aber nichts mehr zustande.

Die Beziehung zu Angiolina, jener Dame vom Anfang des Romans, dient als Vergrößerungsglas seiner psychischen Verwahrlosung: 444 Seiten lang protokolliert Svevo jede Gefühlsregung seines müden Protagonisten und hält detailgenau sämtliche Verstrickungen fest. Zuerst ist Emilio Brentani hingerissen von der Frische und Gesundheit seiner neuen Freundin, er wiegt sich in Sicherheit und vermeint die Liebschaft nach seinem Geschmack zu gestalten. Angiolina, ein stadtbekanntes Prachtweib mit blondem Haarturm, bernsteinfarbener Haut und blitzenden blauen Augen, bringt Schwung in seine verödete Existenz als Provinzintellektueller. Endlich erlebt er die Freuden der Liebe nicht nur auf dem Papier, sondern ist mit einer Frau aus Haut und Knochen samt goldenem Schopf zugange, endlich darf er den glutvollen Verführer mimen, endlich bahnt sich eine Entgleisung an! Doch bald beschleicht ihn ein ungutes Gefühl: allzu gekonnt scheint sich Angiolina in die Rolle der Angebeten zu fügen, ihre Küsse wirken routiniert, ihre Forderungen nach materieller Zuwendung ebenfalls. In Triest kursieren Gerüchte: Angiolina, so stellt sich heraus, hat eine zweifelhafte Reputation. Doch je mehr Emilio Angiolinas moralische Integrität in Frage stellt, desto stärker wächst sein Begehren. Schließlich vertraut er sich seinem Freund Stefano Balli an, einem Bildhauer und Connaisseur der Damenwelt, und erstattet Angiolina von dem Gespräch Bericht.

Es war nichts Neues, dass sie vor ihm ganz unverhohlen ihr Interesse an anderen Männern bekundete, aber wie weh das tat! "Stefano wusste nicht einmal, dass es dich gibt", sagte er schroff. "Er weiß das, was ich ihm erzählt habe". Er hoffte, sie gekränkt zu haben, während sie ihm im Gegenteil sehr dankbar war, dass er von ihr gesprochen hatte. "Aber wer weiß", sagte sie in einem komischen Tonfall des Misstrauens, "was du ihm über mich erzählt hast!" - "Ich habe ihm gesagt, dass du eine Verräterin bist", sagte er lachend. Über den Ausspruch mussten beide von Herzen lachen, und gleich waren sie wieder guter Laune und in bestem Einvernehmen. Sie ließ sich ausgiebig umarmen, und mit einem Mal flüsterte sie ihm sehr bewegt ins Ohr: "Sche täm boku". Er wiederholte, diesmal traurig: "Verräterin". Wieder lachte sie schallend, doch dann fiel ihr etwas Besseres ein. Während sie ihn küsste, sprach sie an seinem Mund sanft und flehend, in wechselnden Tonlagen fragte sie mehrmals: "Es stimmt nicht, es stimmt doch nicht, dass ich so eine bin?" Daher war auch der Abschluß des Abends köstlich. Ein geglückter Einfall von Angiolina genügte, um jeden Zweifel, jede Kränkung zu zerstreuen.

Italo Svevo ist ein Schriftsteller des Understatements. Seine komplexen Psychogramme werden beiläufig formuliert, mit wenigen Worten charakterisiert er Stimmungen und innere Schwankungen, enthält sich jeder Wertung und bringt die Gespaltenheit seiner Figuren auf den Punkt. Eigentlich ist Emilio außer sich vor Sorge und Kummer, dennoch lacht er mit Angiolina über seine Bezichtigungen, Angiolina kokettiert mit ihrem schlechten Ruf, gewinnt dadurch sogar ihre ursprüngliche Liebenswürdigkeit zurück. Inhalt und Form klaffen also auseinander, Ablehnung und Empörung werden übertüncht durch Gelächter. Es sind aber ohnehin Scheingefechte, die das Paar austrägt. Der Abend habe "köstlich" geendet, "la chiusa della serata fu deliziosa", wie es im Original heißt, und zu mehr als deliziösen oder entzückenden Abenden mit wonnigen Augenblicken sind Emilio und Angiolina auch gar nicht in der Lage. Sie verhalten sich wie zwei Figuren auf einem Watteau-Gemälde - sie nehmen Posen ein, Haltungen, von denen sie glauben, ihnen entsprechen zu müssen.

Svevos Gestalten sind Gefühlsabstinenzler, Lebensvermeider, Fin-de-Siècle-Menschen vom Scheitel bis zur Sohle. Sie verkaufen ihre Seele nicht, sie wissen kaum von ihrer Existenz. Es gibt nichts Eigentliches mehr, keinen ursprünglichen Kern, alles ist Stil, sogar die Liebeserklärungen müssen auf französisch gehaucht werden. Senilità lautet der italienische Titel, der auch für die deutsche Neuübersetzung übernommen wurde, und in der Tat handelt es sich um eine Studie der Greisenhaftigkeit. Das Greisenhafte Emilios hat nichts mit seinem realen Alter zu tun. Es meint vielmehr seine Haltung dem Leben gegenüber, und der Begriff trifft auch die Stimmung der Jahrhundertwende in Triest. Habsburg verlor allmählich an Bedeutung, der unter Maria Theresia florierende Freihafen war 1891 abgeschafft worden, die Vereinigung mit Italien ließ auf sich warten und die Gesellschaft schien überkommen, in Formen erstarrt, blutleer und gelangweilt. Triestiner Wahlbürger wie James Joyce waren fasziniert von dem lebendigen Kulturleben und der internationalen Atmosphäre der Hafenstadt, in der sich Deutsche, Österreicher, Dalmatier, Italiener, Griechen und Ägypter tummelten, doch den alteingesessenen Bewohnern lag die Wiener Morbidität näher. In Senilità sind sämtliche Innenräume armselig, karg und grau, draußen fegt die berüchtigte Bora durch die schmutzigen Gassen, häufig regnet es. In einem Brief an seine Ehefrau Livia Veneziani bezeichnet sich Svevo einmal als "letztes Produkt der Gärungen eines Jahrhunderts". Und genau wie die Paare Arthur Schnitzlers zermalmen sich auch seine Protagonisten in Zwistigkeiten, Eifersüchteleien und Unterdrückungsmanövern. Um der guten Sitte willen verlobt sich Angiolina eines Tages mit einem gewissen Volpini. Als Verlobte, so flunkert sie Emilio vor, könne sie viel leichter ihre Liebesbeziehung mit Emilio aufrecht erhalten, ohne sich zu kompromittieren. Emilio geht auf das Spiel ein. Eines Abends kommt sein Freund Stefano Balli der blondgelockten Nymphomanin auf die Schliche: sie unterhält gleichzeitig eine intime Bekanntschaft mit einem dritten Herrn, noch dazu einem Schirmhändler.

Um gewappnet zu sein, legte Emilio sich die Worte zurecht, die er ihr sagen wollte. Zärtliche Worte. Warum nicht? "Lebewohl, Angiolina. Ich wollte dich retten, und du hast mich verspottet". Verspottet von ihr, verspottet von Balli! Ohnmächtige Wut brodelte in ihm. Endlich empfand er Abscheu vor sich selbst, und all diese Wut und Rührung taten ihm längst nicht so weh wie die Gleichgültigkeit von eben, diese Einkerkerung seines Wesens, die Balli über ihn verhängt hatte. Zärtliche Worte für Angiolina? Von wegen! Knappe Worte, hart und kalt. "Ich wusste längst, wie du bist. Das überrascht mich gar nicht. Frag Balli. Adieu." Er ging weiter, um sich zu beruhigen, denn beim Ausdenken dieser kalten Worte war ihm glühend heiß geworden. Sie waren nicht verletzend genug! Mit solchen Worten verletzte er nur sich selbst; ihm wurde schwindlig. "In einer solchen Verfassung mordet man", dachte er, "da führt man keine Gespräche."

Von einer endgültigen Trennung oder gar Mord kann keine Rede sein, Emilio ist willensschwach und hat nicht das Zeug zu einem tragischen Liebhaber. Anders als seine Vorläufer aus der Weltliteratur wie Abbé Prevosts Chevalier de Grieux in Manon Lescaut, Goethes Werther oder Tolstois Wronski wagt er keine tiefere Liebe. Während sich Italo Svevo Mitte der 90er Jahre mit den dunklen Trieben der Fin-de-Siècle-Gesellschaft beschäftigt, arbeitet 500 Kilometer weiter nördlich ein Wiener Nervenarzt an seinen bahnbrechenden Theorien. Zwischen 1899 und 1905 erscheinen Sigmund Freuds Traumdeutung und Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, die Svevo 1911 im Zuge einer psychoanalytischen Behandlung seines Schwager entdecken sollte und in sein Hauptwerk Zenos Gewissen einfließen lässt. Aber schon Senilità ist nicht nur ein schillernder Endzeit-Roman von großer ästhetischer Geschlossenheit, sondern zugleich eine Geschichte über die Macht des Unbewussten und damit eine literarische Übersetzung jener Pathologien, die Freud zu seinen Entdeckungen verhalfen.

Es ist kein Zufall, dass das Neue aus einem Randbezirk nach Italien dringt und ausgerechnet ein Triestiner den Schritt in die Moderne vollzieht. Erfahrungen der Zerrissenheit sind Svevos Lebensthema und spiegeln sich bereits in seinem Pseudonym, das wortwörtlich übersetzt "italienischer Schwabe" bedeutet und auf seinen jüdisch-deutschen Hintergrund anspielt. Finanzielle Nöte zwangen Ettore Schmitz, wie Svevo mit bürgerlichem Namen hieß, zu einer Doppelexistenz: tagsüber arbeitete er in einer Bank, nachts schrieb er Theaterkritiken, Komödien und Romane. Nachdem sein Erstling Ein Leben wenig Beachtung gefunden hatte, warb er mit dem auf eigene Kosten veröffentlichten zweiten Werk Senilità ein zweites Mal um die Aufmerksamkeit der italienischen Literaturkritik - erfolglos, wie sich zeigte. Gekränkt warf Svevo, wie er schrieb, "seinen Stift in die Brennnesseln", trat in das europaweit agierende Unternehmen seines Schwiegervaters für Unterwasseranstriche ein und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Empfindung der Gespaltenheit ließ ihn dennoch nicht los: auf Geschäftsreisen und in Verhandlungspausen verfasste er weiterhin kleine Prosastücke, verbarg seine Aktivitäten aber von dem gestrengen Patriarchen. Erst die Bekanntschaft mit James Joyce, den er 1906 als Englischlehrer engagierte, stachelte ihn zu seinem 1923 erschienenen Hauptwerk Zenos Gewissen an. Joyce hielt große Stücke auf seinen Schüler und setzte Italo Svevo mithilfe der französischen Literaturkritik auch in Italien durch.

Unter den italienischen Rezensenten hatte der spätere Nobelpreisträger Eugenio Montale als erster Svevos Bedeutung erkannt und die Intensität seiner Romane gelobt. In der Tat gelingt Svevo in Senilità eine soghafte Modulation der an sich eintönigen Liebesspirale, was auch mit dem symmetrischen Aufbau seines Personals zusammenhängt. Denn Emilio und Angiolina haben jeder einen Gegenpart: den vitalen Bildhauer Stefano Balli und die kränkelnde, tugendhafte und hässliche Amalia, Emilios Schwester. Amalia hegt eine tiefe Zuneigung zu Stefano, der das Geschwisterpaar regelmäßig zu den Mahlzeiten besucht und Amalias trübes Dasein mit lustigen Geschichten aufzuheitern weiß. Es handelt sich um eine unschuldige Verliebtheit, die vor allem in Amalias Phantasie existiert und ihrem Leben einen bescheidenen Glanz verleiht. Doch selbst dieses verhaltene Glück kann Emilio seiner Schwester nicht gönnen. Aus Wut über die eigene Abhängigkeit von Angiolina unterbindet er Stefanos Besuche, womit er Amalia endgültig zerstört.

Amalias Kleider lagen am Boden verstreut und ein Rock hatte verhindert, dass sich die Tür ganz öffnen ließ; einige Kleidungsstücke lagen unter dem Bett, die Bluse war zwischen die doppelt verglasten Fenster geklemmt, und die Stiefel waren mit erkennbarerer Sorgfalt genau in die Mitte des Tisches gerückt. Nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, saß Amalia auf dem Bettrand, sie hatte das Kommen des Bruders nicht bemerkt und fuhr fort, sich mit den Händen die spindeldürren Beine zu reiben. Beim Anblick der Nacktheit war Emilio überrascht und peinlich berührt, weil er sie der eines unterernährten Knaben ähnlich fand. Er begriff nicht gleich, dass er eine Delirierende vor sich hatte. Er bemerkte die Atemnot nicht; er erklärte sich die geräuschvolle und mit soviel Mühe verbundene Atmung, dass sich sogar die Hüften mit bewegten, durch die unbequeme Stellung. Seine erste Reaktion war Zorn: kaum hatte er sich von Angiolina befreit, fing gleich die andere hier an, ihm Kummer und Schmerzen zu bereiten.

In wenigen Szenen von bezwingender atmosphärischer Dichte schildert Svevo die Agonie der vernachlässigten Schwester, die auch im Moment ihres Todes mit Angiolina um Emilios Gunst buhlen muss. Jahre später, so erfahren wir abschließend noch, verschmelzen die beiden Frauengestalten in Emilios Erinnerung, und er hält jene Zeit für die schönste seines Lebens. Emilio Brentani ist unverbesserlich, von sittlicher Reife keine Spur. Ein versöhnlicher Schluss hätte zu Svevos Ästhetik aber auch nicht gepasst. Er führt den Erziehungsroman ad absurdum, statt dessen wird die Ironie zur treibenden Kraft.

Vor zwei Jahren hatte der 2001-Verlag mit Zenos Gewissen bereits eine Neuübersetzung Svevos gewagt, und Barbara Kleiner darf mit Senilità, das jetzt in der traditionsreichen Klassikerreihe von Manesse erschienen ist, zum zweiten Mal ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Insgesamt wird Kleiners Übertragung den stilistischen Eigenarten Svevos wie seinem Satzrhythmus und der Syntaxstruktur gerecht und ist in vielen Punkten der bisher vorliegenden Übersetzung Piero Rismondis überlegen. So lautet der Anfang des 12. Kapitels im Italienischen: "Era già entrato in casa, e nel tinello, col cappello in testa, stava titubante, dubbioso se sfuggire alla noia di rimanere un'ora a faccia a faccia con la muta sorella."

Rismondi zerhackt und kürzt den Satz: "Er war eben nach Hause gekommen, stand im Speisezimmer, noch den Hut in der Hand, zögernd, unschlüssig. Nun würde er wieder eine Stunde lang Amalia ins stumme Antlitz blicken müssen". Barbara Kleiner übersetzt: "Er war nach Haus gekommen und stand, den Hut noch in der Hand, zögernd im Speisezimmer, unschlüssig, ob er der Langeweile einer Stunde Beisammenseins mit der stummen Schwester entfliehen sollte". Die verschlungene Satzperiode samt der typisch Svevo´ schen Einschübe, die zum zerquälten Inneren seines Helden passen, bleibt so in der deutschen Fassung erhalten. "Stumme Schwester" für "muta sorella" ist selbstverständlich dem viel zu barocken "stummen Antlitz" von Rismondi vorzuziehen, und weiter unten "entringt" bei Rismondi der Kehle ein Schrei, während er ihr bei Kleiner, ebenfalls gelungener, "entfährt". Leider wählt sie im nächsten Satz für das italienische Wort "emozione", was "Aufregung" oder "Erregung" bedeutet, den Terminus technicus "Affekt". Ähnliche Stilbrüche unterlaufen ihr mehrfach: "consiglio", ein "Ratschlag", heißt bei ihr "Tip", für "perverso" wählt sie "pervers", gemeint ist aber "verrucht" oder "verderbt", und an einer Stelle ist gar von venezianischen "Slang-Ausdrücken" die Rede, eine Formulierung, die im Original überhaupt nicht fällt. Das verträgt sich schlecht mit der etwas umständlichen, manchmal archaischen Ausdrucksweise Svevos, die mit seine Triestiner Herkunft zusammen hängt, und hätte durch ein gutes Lektorat leicht vermieden werden können.

Missverstanden hat Kleiner auch die Formulierung "fare all'amore", die zwar eine Liebesbeziehung suggeriert, aber bei Svevo in seiner altertümlichen Bedeutung verwendet wird und mitnichten "es miteinander treiben" meint, sondern "herum turteln" oder "herum poussieren". Svevo ist eben doch ein Bürger Habsburgs; seine Stärke liegt in der Subtilität. Aber Barbara Kleiners Übersetzung ist ein Anlass, den ersten modernen Liebesroman der italienischen Literatur wieder zu entdecken. Von den Lügen dieses Neurotikers kann man nicht genug bekommen.

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