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StartseiteLyrixSeptember 2013: Unter vier Augen02.09.2013

September 2013: Unter vier Augen

Im September widmet sich »lyrix« dem Thema "Unter vier Augen", anlehnend an das gleichnamige Ausstellungsprojekt der Kunsthalle Karlsruhe. Die Ausstellung "Unter vier Augen. Porträts sehen, lesen, hören" ist keine Kunstausstellung im herkömmlichen Sinn: Bild und Sprache werden hier, gleichberechtigt nebeneinander stehend, verbunden.

(Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)
(Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Porträts werden schon seit hunderten von Jahren gemalt und immer wieder neu erfunden in Ausdruck, Farben und Form. Doch welche Geschichten erzählen die Bilder? Was steht hinter ihnen? Und wie bringt man zum Ausdruck, was die Bilder vermitteln?

Diese Fragen stellt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe in ihrer aktuellen Ausstellung "Unter vier Augen". Sie zählt zu den großen, traditionsreichen Museen in Deutschland. 1846 eröffnet, ist die Kunsthalle eines der wenigen, in großen Teilen ihrer alten Substanz und Ausstattung original erhaltenen frühen deutschen Kunstmuseen.

Im Rahmen der Ausstellung "Unter vier Augen" ließen sich namhaften zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Intellektuelle, Kunst- und Kulturwissenschaftler durch 50 Porträts inspirieren. Sie schrieben Essays, Gedichte, Impressionen und Geschichten zu jeweils einem Porträt, die die Bilder in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Einige der Poträts warten noch auf eine Beschrifung. Und hier suchen die Kunsthalle Karlsruhe und »lyrix« eure Unterstützung. Schreibt uns im September ein Gedicht zu einem der folgenden Porträts:
Entweder zu "Geschwister" von Erich Heckel oder zu Jean-Baptiste Perronneaus "Mädchen mit Katze".


Inspirieren lassen könnt ihr euch beispielsweise von der faszinierenden Sprache der Blicke in Heckels Porträt. Melancholisch das Kinn in die Linke gestützt, überragt eine junge Frau den unter ihr kauernden Bruder. Es scheint als schauten die Geschwister in die Ferne. Doch was sehen sie? In welcher Beziehung stehen die Gemalten? Die Schwester schaut mit skeptisch zusammengekniffenen Lidern, er mit weit aufgerissenen ängstlichen Augen aus dem Bild heraus - wie in eine ungewisse Zukunft.


Jean-Baptiste Perronneau (1715-1783) (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)Jean-Baptiste Perronneau (1715-1783) (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Mädchen mit Katze von Jean-Baptiste Perronneau (Bild: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Das Mädchen mit Katze lächelt zurückhaltend zur Seite. Wo blickt sie hin? Welche Gedanken, Sorgen und Ängste beschäftigen sie? Ob das Mädchen und die Welt um sie herum tatsächlich so brav und geordnet sind, wie es den Anschein hat?



Thematisch habt ihr die freie Wahl. Füllt die Charaktere der beiden Porträts - ihre Gesten, Mimik und Haltung - mit Sprache und Text. Taucht ein in ihre Welt und stellt euch die Gesellschaft der Gemalten vor. Vielleicht führt ihr mit ihnen ein Gespräch "Unter vier Augen"?

In den vergangenen Monaten konntet ihr immer ein zeitgenössisches Gedicht als Anregung nutzen. Diesmal gibt es zur Orientierung zwei Beispiele aus der Ausstellung in Karlsruhe, die ihr weiter unten findet. Zum einen Silke Scheuermanns Gedicht "Das Mädchen, das in den Spiegel sieht" zu dem Gemälde von Wladimir Lukianowitsch von Zabotin "Mädchen im Spiegel" (1922/27), sowie "Dä schlaue Kääl" von Nora Gomringer zu dem Porträts "Bildnis eines Gelehrten" von Meister des Marienlebens.

Wir freuen uns auf eure Gedichte.

Hier findet ihr unsere E-Mail Vorlage.
Die aktuellen Wettbewerbsbedingungen könnt ihr online nachlesen.



Meister des Marienlebens (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)Meister des Marienlebens (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Bildnis eines Gelehrten vom Meister des Marienlebens



Dä schlaue Kääl
von Nora Gomringer

Isch ben ene schlaue kääl sat och ming frau
vielleich dä schlauste vun janz kölle
isch lese un lese
un dorüver verjess isch ald ens de zigg
un dann eines daachs kütt dä/ene möler
un frogte misch, ov isch för en posiere dät
su als jelehrte, jebildete kääl
un do han isch jo jesaat - ess doch klor
dat hät ewer lang jedourt - isch moot lang stell setze
ming frau hät jesaat, dat kütt nur vum lese, dat schlausinn
un dat lang setze, dat hät mer dann dovun.




Wladimir Lukianowitsch von Zabotin (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)Wladimir Lukianowitsch von Zabotin (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Mädchen im Spiegel von W. L. von Zabotin



Das Mädchen, das in den Spiegel sieht
von Silke Scheuermann

Als Kind schaute ich
mit der Wachsamkeit eines Geschöpfes in den Spiegel,
das ständig vom Verschwinden bedroht ist. Verschwinden
wohin? Eine andere Welt konnte ich
mir fabelhaft vorstellen.

Eine, die sich kurz zeigt und dich dann sofort aus der hiesigen wegzieht.
Ich erwartete nichts, ich erwartete alles. Diese Unklarheit
war ausschließlich positiv. (Es war nicht wie später, als ich ständig
telefonierte, nur um sicher zu gehen, dass es sie noch gab,
meine Freunde. Dass sie drangingen, wenn ich es war.)

Die andere Welt war heute so, morgen so, machte mir gar nichts aus.
Es gab dort Dinge, die jeden Tag geschahen. Interessant
war, dass immer etwas fehlte dabei - aber so wie eine Sorge
fehlt, und man es selten überhaupt merkt,
(eigentlich nur, wenn man darauf gestoßen wird).

Nun ja, was fehlt an einem Krieg ohne Waffen und Tote und Blutbad,
Folter nur mit Worten, mit Reimen ohne Sinn.
Was fehlt, wenn niemand stirbt, die ständige Forderung
nach dem Unsterblichsein nie gestellt werden muss.
In seiner wichtigtuerischen Beständigkeit
stäubt etwas Schnee über eisgraue Straßen,
und keinem fällt auf, dass der Sommer fehlt.

Einsame Köter schleichen vorbei, ohne Registrierung, ohne Namen,
die Straßen auch namenlos, Häuser ohne Nummern. (Versuch
hier mal einen Freundesbesuch, keine Chance.)
Zum Glück hat jeder in dieser Welt einen Feuerball als Seele,
begabtes Licht, an der besten Quelle untergebracht: tief
in dir, und keinem fällt auf, dass die Seele fehlt. Spätestens als
meine erste eigene Auslassung sich
ereignete, hatte ich aufgehört
die Seele zu kennen.

Auslassung? Nun, ich vergaß, dich zu lieben, obwohl du es weiterhin tatest,
schonungslos schön, gefährlich, eine Liebe von der
ich zurückfiel mit einer Geschwindigkeit, die dir Angst machte,
das Gegentempo zu deiner, der Versuch dich zu drosseln.

Es passte nicht. Du sahst vor dir noch diese Vision von mir,
doch das hochmütige Kind liebte nur sich selbst.
Vielleicht hatte ich den Punkt übersehn,
als Wegschaun noch möglich war.
Immerzu sah ich weiter in Spiegel.
Es war etwas Sexuelles, natürlich, das war es in
den meisten Welten.

Aber genug davon. Als Montag
vorbei war, kam Freitag und dann
wurden die Karten ganz neu gemischt.
Es gab wieder einen Spiegel, vor dem ich mich hochmütig aufbaute,
und wieder wartete ich auf meine Entführung,
bösartig naiv,
engelsgleich,
voller Erwartung.

Verschwinden bedeutete keineswegs: fort sein von etwas, sondern:
bei etwas Neuem, Besserem.

Und ich wurde bestraft, obwohl ich vergessen
hatte, dass es die Strafe gab.

Ich verdiene sie,
verdiene, dass man mir meinen Körper wegnahm
und ich ewig gezwungen bin meine eigenen eitlen Augen
im Spiegel zu sehn, auch wenn ich längst nicht mehr vor ihm steh.

Ein Mädchen ohne Körper,
das sich in die Augen sieht.

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