• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteLyrixSeptember 2014: Grenzerfahrungen01.09.2014

September 2014: Grenzerfahrungen

Auf eurer Gedankenreise zum Thema 'Grenzerfahrungen' begleiten und inspirieren euch im September Fahrhad Showghis Gedicht "SEEKRANKENKASSE 2" und die Mixed Media Installation "Zu Hause bei Frontex".

Schlauchboot treibt mit Flüchtlingen aus Afrika auf dem Mittelmeer.  (dpa / Italian Navy Press Office )
Die italienische Marine hat 4000 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer aufgegriffen. (dpa / Italian Navy Press Office )

Grenzen sind da, um überschritten zu werden. Zumindest in den Fällen, in denen die Grenzüberschreitung freiwillig erfolgt.

Bungee-Jumping, Free-Climbing und andere waghalsige Sportarten liegen momentan im Trend. Auf der Suche nach dem Adrenalin-Kick gehen viele aus sich heraus und überschreiten ihre persönlichen Grenzen. Was aber, wenn man andere Erfahrungen macht: Grenzerfahrungen im wörtlicheren Sinne? Viele Menschen sind auf der Flucht und werden aus ihrem Heimatland vertrieben oder machen sich aufgrund katastrophaler Zustände wie Krieg, Armut, religiöser oder politischer Verfolgung auf den Weg in eine "bessere" Zukunft. Aktuell versuchen beispielsweise tausende Jugendliche illegal in die USA einzuwandern und auch in Europa hoffen viele auf ein neues Glück. Doch der Weg über die immer besser gesicherten Grenzen gelingt nicht immer und endet oftmals tödlich.

Grenzerfahrungen können aber auch auf spiritueller Ebene stattfinden wie beispielsweise im Traum, während einer Ohnmacht oder unter Hypnose. Manche Menschen berichten sogar von übernatürlichen Ereignissen, die sie bei Nahtoderfahrungen durchlebt haben. Ereignisse, die jede denkbare Grenze überschreiten.

 

(Städtische Galerie Karlsruhe, © Franz Ackermann, Foto: zz-ka)Installationsansicht, Franz Ackermann "Zu Hause mit Frontex", 2010, Mixed-Media-Installation, Städtische Galerie Karlsruhe (Städtische Galerie Karlsruhe, © Franz Ackermann, Foto: zz-ka)

 

Auch unser Exponat beschäftigt sich mit "Grenzerfahrungen". In seinen Rauminstallationen verweist der Künstler Franz Ackermann immer wieder auf die ambivalente Seite des Reisens im Zusammenhang mit dem Verlust der charakteristischen Eigenheiten von Städten und Regionen in einer globalisierten Welt. In der Arbeit "Zu Hause mit Frontex" setzt er dem selbst bestimmten Reisen das Verlassen der Heimat aus politischen und wirtschaftlichen Gründen entgegen. Frontex ist die "Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen" der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die dafür sorgt, dass Bewohner aus Drittländern nicht unerlaubt nach Europa einreisen. Aufgrund der strengeren Grenzsicherung der italienischen Regierung landen viele Flüchtlinge auf dem Seeweg nach Europa nicht mehr in Lampedusa, sondern auf Lesbos. Hierauf -  besonders das Spannungsfeld zwischen Ferienparadies und Flüchtlingslager - nimmt Franz Ackermann in seinem Mental Map "Von Lampedusa nach Lesbos" Bezug, das er in seine Rauminstallation "Zu Hause mit Frontex" integrierte.

(Städtische Galerie Karlsruhe, © Franz Ackermann, Foto: zz-ka)Installationsansicht, Franz Ackermann "Zu Hause mit Frontex", 2010, Mixed-Media-Installation, Städtische Galerie Karlsruhe (Städtische Galerie Karlsruhe, © Franz Ackermann, Foto: zz-ka)

 

Der Autor des ausgewählten Gedichts, Farhad Showghi, ist "zwischen den Ländern" aufgewachsen. Er wurde in Prag geboren, zog mit zwei Jahren nach Deutschland und siedelte später in den Iran über. Heute arbeitet er als Psychiater in Hamburg und kommt dort immer wieder mit Flüchtlingen - auch mit illegalen - in Kontakt.

In seinem Gedicht SEEKRANKENKASSE 2  spielt Showghi mit einem Blick in die Ferne immer wieder auf Veränderung und einen Umbruch an. Ob mit dem von ihm umschriebenen größer werdenden "Abstand"  ein Klassenunterschied, also eine gesellschaftliche Abgrenzung oder eine rein räumliche Distanz gemeint ist, liegt in den Augen des Betrachters.

SEEKRANKENKASSE 2 -- Weitere Krankenkassen, weitere See. Sozusagen. Landen wie Gefälle, beschienener Süden, wie die Naht, das Gelenk, von dem auch die Hände kommen, oder nur wie; wie Feingefühl und das Augenpaar: Vor hellem Hintergrund im Wörtchen Dort. Hübsch, sagen wir, damit können wir schließlich gewisse Dinge meinen, was eine Linderung fast, ein fortzuführendes Ferngespräch ist. Nicht festzuhalten die Krankenkassen. Lassen den Abstand größer werden. Belieben weitere See zu sein. Eine Mitgliedschaft hält den Wellengang offen, das Zurückbleiben in der Luft. Wenn wir an Ort und Stelle jetzt das Haus bewohnen, tut sich was. Von hier aus, sozusagen. Wir schauen aus dem Fenster, sind auf den Beinen. Ein Lichtfleck am Rasen lässt ins Leere fassen. Und versichert uns.

(aus: Farhad Showghi, Die große Entfernung, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2008)

 

Wir möchten von euch wissen, wie ihr zu Grenzerfahrungen steht. Habt ihr selbst welche gemacht oder gibt es in eurem Umfeld, im Freundes- oder Verwandtenkreis Personen, die besondere Ereignisse durchlebt haben? Wo liegen die Grenzen des Möglichen und ab wann wird es übersinnlich? Wie sehen eure Grenzerfahrungen im Alltag aus?

Wir sind sehr gespannt auf eure Einsendungen!

 

Hier findet ihr unsere E-Mail Vorlage.
Die aktuellen Wettbewerbsbedingungen könnt ihr online nachlesen.

 

Farhad Showghi, geb. 1961 in Prag/Tschechien, lebt und arbeitet in Hamburg. Seine Jugend verbrachte er in der BRD und im Iran. Zum Studium der Medizin zog er nach Erlangen, seit 1996 ist er als Psychiater tätig. Showghi schreibt Gedichte, Erzählungen und Romane. Außerdem arbeitet er als Übersetzer. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Auszeichnungen: Kulturförderpreis der Stadt Erlangen (1988). Kulturförderpreis für literarische Übersetzungen der Stadt Hamburg (1995). Literaturpreis der Irmgard-Heilmann-Stiftung, Hamburg (1999). Literaturpreis der Stiftung Niedersachsen (2000). Kulturförderpreis für Literatur der Stadt Hamburg (1992, 2002)3sat-Preis, Klagenfurt (2003).

Veröffentlichungen (Auswahl): "Die Sekunde ist eine bewohnbare Provinz" (1987, Literaturbüro Erlangen). "Die Walnußmaske, durch die mich träumend aß", Gedichte+Kurzprosa (1998, Rospo). "Ende des Stadtplans" (2003, Edition Engeler).

    

Außenansicht des Ludwigsburg Museum (Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: ONUK)Außenansicht der Städtiuschen Galerie Karlsruhe (Städtische Galerie Karlsruhe, Foto: ONUK)Die Städtische Galerie Karlsruhe hat sich zu einem viel beachteten Anziehungspunkt vor allem moderner und zeitgenössischer Kunst entwickelt. Sie umfasst heute durch Ankäufe, Nachlässe und Schenkungen etwa 15 000 Kunstwerke.
Darunter Gemälde, Plastiken, Papier- und Fotoarbeiten, Installationen und Objekte. Der Schwerpunkt der Schau- sammlung und des Ausstellungsprogramms liegt auf der Kunst in Karlsruhe und im deutschen Südwesten sowie auf deutscher Kunst von 1945 bis zur Gegenwart. Das Angebot der wechselnden Präsentationen wird ergänzt durch Führungen, Vorträge, Künstlergespräche, Konzerte und Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Schulklassen. Mit dem JugendKunstKlub LUX 10 wendet sich das Museum mit einem besonderen Angebot an Jugendliche und junge Erwachsene.

 

Die Unterrichtsmaterialien für September zum Download!

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk