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September 2015: Vielleicht ist Heimat ...

Im September bittet »lyrix« um Vervollständigung: Mit dem Thema 'Vielleicht ist Heimat ...' fragen wir nach eurer Vorstellung von Heimat. Wie kann man dem "Fremden" begegnen? Was ist das "Eigene"? Und wie kann daraus ein Dialog entstehen? Inspirieren lassen könnt ihr euch von Goethes Erstdruck des "West-östlichen Divans" aus der Bibliothek des Freien Deutschen Hochstifts/Frankfurter Goethe-Museums und dem Gedicht "Möglicherweise ganz und gar" von Safiye Can.

Die Landschaft der Insel Hiddensee in Mecklenburg-Vorpommern. (imago / Westend61)
Die Landschaft der Insel Hiddensee in Mecklenburg-Vorpommern. (imago / Westend61)

"Vielleicht ist Heimat das Hineinfallen ins eigne Bett", schreibt Safiye Can in unserem September-Gedicht "Möglicherweise ganz und gar". Mit Heimat verbinden viele einen konkreten Ort – sei es das Land, die Stadt, das Haus, das Zimmer, in dem man lebt, oder der Ort, an dem man geboren ist. Aber Heimat ist noch viel mehr als eine reine Ortsfrage, Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt, sicher, geborgen. Heimat ist Vertrautes: Menschen, Erlebnisse, Erinnerungen, Kindheit, Sprache, Gerüche, Klänge, Landschaften. Jeder Mensch hat ein ganz eigenes Gefühl von Heimat, das aus einer Sammlung von individuell bedeutungsvollen Momenten und Orten besteht. Somit ist Heimat immer auch ein Stück Identität.

Heimat gibt es auch im Plural. Man kann sich auch mehreren Gemeinschaften zugehörig und sich mehreren Orten oder Ländern verbunden fühlen. Gerade in unserer immer stärker vernetzten Welt bekommt Heimat eine ganz neue Bedeutung. Viele suchen eine neue Heimat fernab der alten – dies kann freiwillig geschehen, in Millionen Fällen führen aber Armut, Hunger, Gewalt oder Krieg dazu, dass Menschen aus ihrer ursprünglichen Heimat flüchten müssen und in der Ferne auf eine neue hoffen. Außerhalb der eigenen Heimat kann man sich verloren fühlen, einsam, abhängig, hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen. Hier spielt es eine entscheidende Rolle, wie man in der neuen Gemeinschaft aufgenommen wird. Aus Furcht vor Veränderung empfinden manche das Fremde als Gefahr und grenzen alles und jeden, der "anders" ist aus.

Sich Gedanken zu machen, was "fremd" und was "eigen" ist, muss aber nicht zwingend zu Ausgrenzung führen – im Gegenteil: Es kann auch Brücken bauen. Unterschiede können bereichernd sein, stark machen und uns aufgeschlossen dem Unbekannten gegenüber machen. Und bei allen Unterschieden erkennt man vielleicht, dass wir alle doch mehr gemeinsam haben als wir dachten.

 Johann Wolfgang von Goethes Erstdruck des "West-östlichen Divans" (Titelkupfer), Stuttgart, Cotta, 1819

Unser Exponat im September, der Erstdruck von Goethes "West-östlichem Divan", zeigt das Potenzial, das sich aus dem Dialog zwischen verschiedenen Heimaten und Kulturen ergeben kann. Vor 200 Jahren ereigneten sich zwei wichtige Begegnungen im Leben des 64-jährigen Johann Wolfgang von Goethe, die die Entstehung seines dichterischen Alterswerks "West-östlicher Divan" entscheidend prägten: Er las im Jahr 1814 erstmals die deutsche Übersetzung von Gedichten des persischen Nationaldichters Hafiz und wurde durch diese zu neuem kreativen Schaffen inspiriert. Und er verliebte sich in die junge Schauspielerin Marianne von Willemer, die später einige der schönsten Liebesgedichte zum "West-östlichen Divan" beitrug. Das Besondere an diesem 1819 erstmals erschienenen Werk ist Goethes positive und neugierige Beschäftigung mit dem Orient und mit dem Islam. Er tritt in einen umfassenden interkulturellen Dialog und ist seiner Zeit damit weit voraus. Goethe kann auch nach 200 Jahren noch als Vorbild dafür dienen, auf welche offene Weise man dem "Fremden" begegnen und welche Inspiration sich für das "Eigene" daraus ergeben kann.

Auch Safiye Can greift in ihrem Gedicht "Möglicherweise ganz und gar" den interkulturellen, verbindenden Gedanken von Heimat auf. Sie beschreibt verschiedene, sehr individuelle Ansätze von Heimat und schafft daraus einen Dialog der Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Mit ihrem abschließenden "vielleicht" macht sie klar, dass die Definitionen von Heimat ineinanderfließen und sich stetig wandeln können. Gleichzeitig regt sie dazu an, sich selbst mit seinem eigenen, ganz persönlichen Heimatbegriff auseinanderzusetzen.

 

Möglicherweise ganz und gar

 

Vielleicht ist Heimat eine Zeile Kurt Cobain
ein Vers Attilâ Ilhan
eine tausendjährige Sehnsucht, ergraut das Haar
der Regenduft auf dem Ackerland
ein Blick aus dem Fenster, schwarzweiß
ein Furchenweg mit Laub am Herbsttag
oder Onkel Cemil mit Wollmütze, wenn er lacht.

Vielleicht ist Heimat die Sternschnuppe
aus Llorett de Mar
diese eine Millisekunde oder die Republik Adygeja
ist die Stadtbibliothek Offenbach
mit Ernst Buchholz darin
oder der Haustürschlüssel, ausgehändigt
dem Exilanten.

Vielleicht ist Heimat eine todernste Sache
mit Schnauzbart
oder ein barfußgelaufenes Stück Seebrücke
die Zerbrechlichkeit der Mohnblume
unsrer Kindheit
ein Callithrix jacchus, ein Weißbüschelaffe
oder ein Hello-Kitty-Luftballon
versteckt sich gar in Zuckerwatte.

Vielleicht ist Heimat ein Nomade mit Tukumbut
rastet hier und dort
oder ein Mickey Mouse-Shirt und Schnürschuhe
an der Ostsee
und das Haar zum Zopf geflochten
ist ein zersprungenes Glas auf das man tritt
jener unverhoffte Stich in der Brustgegend.

Vielleicht ist Heimat das Hineinfallen ins eigne Bett
nach Partynächten, Jeans und Sneakers noch an
und innehalten und innehalten.
Ist ein tanzendes Paar selbstvergessen im Tangotakt
der weißbraune Anblick zweier Pferde
manchmal der Frankfurter Flughafen Halle B
oder einfach nur Fouzias Stimme.

Vielleicht ist Heimat die Wurzel aus Acht
oder ein rüsseliges Ding mit Zimt obendrauf
ist ein Chamäleon, das sich angleicht.
Vielleicht aber ist sie Frau Grün
vom Erdgeschoß, die über alle schimpft
vielleicht.

 'Vielleicht ist Heimat ...' - Wie würdet ihr diesen Satz vervollständigen? Habt ihr eine Heimat? Habt ihr mehrere Heimaten? Was gibt euch das Gefühl von Heimat? Was ist für euch das "Eigene", was das "Fremde", wenn ihr an Heimat denkt? Welche Chancen bieten sich eurer Meinung nach, wenn das "Eigene" und das "Fremde" in einen Dialog treten?

 

Wir freuen uns auf eure Texte!

 

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Safiye Can, geboren in Offenbach am Main. 

Die Lyrikerin Safiye Can (Can, Safiye)Die Lyrikerin Safiye Can (Can, Safiye)

Studium der Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft an der Goethe Universität in Frankfurt am Main, Kuratorin der Zwischenraum-Bibliothek der Heinrich-Böll-Stiftung und Mitarbeiterin der Horst Bingel-Stiftung für Literatur.

Seit 2002 deutschlandweit zahlreiche Lesungen und Publikationen in Anthologien, Zeitungen und renommierten Literaturzeitschriften wie u.a. „die horen".

Seit 2004 Leitung von Schreibwerkstätten an Schulen

Seit 2013 Schuldichterin der Hohen Landesschule Hanau

2014/2015 Schulkünstlerin der Schillerschule Offenbach am Main und Leiterin vom "Dichter-Club"

Safiye Cans Arbeitsgebiete sind Lyrik (darunter auch visuelle Poesie, konkrete Poesie sowie Langgedichte), Prosa, literarische Übersetzungen und Collagen

Publikationen:

  • Der erste Lyrikband „Rose und Nachtigall" wurde binnen zwei Monaten zum Besteller. Größenwahn Verlag, Frankfurt a. M., 2014. (Derzeit in der 3. Auflage, 2015)
  • „Eine Sensation!" hr2
  • „Das Halbhalbe und das Ganzganze", Erzählung, Verlag Literatur Quickie, Hamburg, 2014
  • „Safiye Can kann auch Prosa und wie!" Lyrikwelt
  • "Mir fiel kein Titel ein", Kurzgeschichte und Prosaminiaturen, limitierte Auflage, Literaturautomat, Düsseldorf, 2015 (vergriffen)
  • „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht", Gedichte, Größenwahn Verlag, Frankfurt a. M., August 2015 (mit einer Posterbeilage)
  • „Safiye Can schreibt originell, rhythmisch und zielsicher. Sie schreibt Gedichte, deren Worte sich im Leser festsetzen." Frankfurter Rundschau

Ihre Gedichte wurden in verschiedenen Sprachen übersetzt. 

www.safiyecan.de

 

 Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

 

Das Goethe-Haus in Frankfurt (David Hall)Das Goethe-Haus in Frankfurt (David Hall)

"Mit dem Glockenschlage zwölf", berichtet Johann Wolfgang von Goethe in "Dichtung und Wahrheit", kam er am 28. August 1749 zur Welt. An der Stelle des Geburtshauses im Großen Hirschgraben stehen heute das Goethe-Haus und das Goethe-Museum. Der Bau aus dem 17. Jahrhundert fiel den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer. Doch wurde das Haus originalgetreu rekonstruiert. Einrichtung und Mobiliar von Küche, Wohn- und Repräsentationsräumen entsprechen der bürgerlichen Wohnkultur des Spätbarocks. Goethes Studierzimmer im zweiten Obergeschoss ist ausgestattet, wie es einst war. Hier schuf er den "Götz von Berlichingen", den "Urfaust" und "Die Leiden des jungen Werther".

Das Goethe-Museum präsentiert eine umfangreiche Sammlung mit Gemälden, Grafiken und Büsten des 18. und 19. Jahrhunderts vom Spätbarock über Klassizismus bis Romantik und Biedermeier. Anschaulich zeigt dies das Verhältnis des Dichters zur Kunst und zu Künstlern wie Johann Heinrich Füssli, Caspar David Friedrich und Frankfurter Malern.

Das gemeinnützige Freie Deutsche Hochstift unterhält die Gedenkstätte mit Goethes Elternhaus, dem Goethe-Museum, dem Dichterarchiv und einer Forschungsbibliothek. In Sonderausstellungen begegnen die Besucher wertvollen, empfindlichen Dokumenten und Drucken aus der Graphischen Sammlung, dem Handschriftenarchiv und der Bibliothek.

www.goethehaus-frankfurt.de

www.frankfurt.de

 

 

Die Unterrichtsmaterialien zum Download findet ihr HIER.

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