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StartseiteRock et ceteraMusik im eleganten Anzug07.02.2016

Septett "fatsO" aus BogotáMusik im eleganten Anzug

FatsO bedeutet 'Fettwanst' oder 'Dickerchen', und danach hat der in den USA aufgewachsene Kolumbianer Daniel Restrepo gleich seine ganze Band benannt. Das Septett spielt in eleganten Anzügen einen Mix aus Soul, Jazz und Rock. Restrepo singt mit Reibeisenstimme und hat ein sicheres Gespür für Komposition und Inszenierung.

Von Marlene Küster

Ein Kontrabass in einem Jazz-Club (imago / Robert Fishman)
Die kolumbianische Band bekam denselben Namen wie der Kontrabass des Bandgründers: fatsO (imago / Robert Fishman)

Zwischen seinem vierten und neunten Lebensjahr lebte Daniel Restrepo in den USA inmitten der Plattensammlung seines Vaters. So wuchs der heute 34-Jährige mit der Musik von Ray Charles, Leonard Cohen, den Rolling Stones und Tom Waits auf. Früh bekam er Klavierunterricht, wechselte zur elektrischen Bassgitarre und schließlich zum Kontrabass. Als Label-Betreiber, Produzent und Leiter einer Band ist er sehr aktiv in der heimischen Musikszene. Seine Liedtexte rütteln wach, greifen sozialkritische Themen seiner Heimat auf: Elend, Kriminalität, Drogen und Landflucht.

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Beim ersten europäischen Auftritt in Bremen ragte Daniel Restrepo mit seinem Kontrabass aus den jungen kolumbianischen Musikern heraus. In eleganten dunklen Anzügen, mit Sonnenbrille, weißem Hemd und schwarzer Krawatte präsentierte sich die Band fatsO aus Bogotá. Die vier Bläser spielten atemberaubende Soli auf Klarinette und Saxophon. Das Spiel der Bläser, des Kontrabasses, der Gitarre und des Schlagzeugs war perfekt aufeinander abgestimmt – eine äußerst beeindruckende Show: ein Mix aus Blues, Jazz und Soul mit ein bisschen Rock. Dazu kam noch die Reibeisenstimme von Daniel Restrepo, die immer wieder mal Erinnerungen an Tom Waits, Joe Cocker oder Leonard Cohen aufleben ließ.

Musik "Hello" - fatsO

Bei der Band fatsO ist Daniel Restrepo als Komponist und Songschreiber die kreative Kraft. Er ist in Kolumbien geboren und aufgewachsen, verbrachte aber seine prägenden Jugendjahre in den USA. Dort kam er mit der Musik in Berührung:

"Ich bin von Pop und Rock beeinflusst. Live improvisiere ich nicht mit dem Kontrabass, aber mit meiner Stimme. Ich mag das Spontane an der Improvisation. Und das war auch ausschlaggebend bei der Wahl meiner Bandmitglieder und der Instrumente. Ich wollte Saxophon und Klarinette. Ursprünglich hatte ich erst an Posaune und Trompete gedacht. Ich merkte aber bald, dass die Improvisation der Trompeter und Posaunisten hier in Kolumbien immer eine Latin-Färbung hatte. Das wollte ich auf keinen Fall! Ich konnte einen Musiker finden, der mir half, die übrigen Saxophonisten und Klarinettisten zu finden. Jetzt ist er der Leiter der Bläsersektion. Wir haben 2013 beim Bogotáer Jazz-In-The-Park-Festival zum ersten Mal auf einer großen Bühne zusammen gespielt. So hat das fatsO-Abenteuer begonnen."

Musik "Out of Control" - fatsO

Vor zwei Jahren gründete Daniel Restrepo die Band fatsO. Sechs Mitstreiter gesellten sich dazu. Sie alle gehören zu den führenden Musikern der kolumbianischen Hauptstadtszene: Klarinettist und Saxophonist Daniel Linero spielte eine Mischung aus Jazz, Funk, Rock, Rap und afrokubanischen Rhythmen in der Band La Mojarra Eléctrica. Sein Instrumentenkollege Cesar Caicedo hat dagegen einen klassischen Hintergrund. Die Bläsersektion besteht aus den Saxophonisten Pablo Beltrán und Elkin Hernández. Gitarrist Santiago Jiménez kennt alle Bühnen zwischen New York und Tokio. Und die stilistische Bandbreite des Schlagzeugers Cesar Morales ist groß. Ein weiteres wichtiges "Bandmitglied" und gleichzeitig Namensgeber des Septetts: der Kontrabass fatsO. So bezeichnet Daniel Restrepo nämlich liebevoll sein Instrument. fatsO ist hier im Sinne von "Fettwanst" oder "Dickerchen" zu verstehen. Um diesen runden Begleiter rankt sich so manche Geschichte:

"Der Kontrabass hat mich schon immer fasziniert. In Kolumbien konnte ich keinen finden. Als ich aber in Kuba viele davon sah, wollte ich unbedingt einen haben. Ich bat eine kubanische Freundin, die regelmäßig zwischen Kolumbien und Kuba hin und her pendelte, mir einen Kontrabass mitzubringen. Das tat sie. Allerdings fand sie keinen Schutzkasten dafür und der Kontrabass kam in Kolumbien kaputt an – in drei Teile zerbrochen. Erst nach eineinhalb Jahren hatte ich ihn so weit repariert, dass ich darauf spielen konnte."

Mit viel Hingabe und Feingefühl flickte Daniel Restrepo den hölzernen Kumpel wieder zusammen. Als er noch keinen Kontrabass besaß, musste er auf einen Elektrobass zurückgreifen – und gewöhnte sich eine besondere Spieltechnik an:

"Ich spielte ihn wie einen Kontrabass. Das Ergebnis war ein akzentuierter, markanter Klang. Ich verfeinerte diese Spielweise immer mehr."

Als Daniel Restrepo dann endlich sein lang ersehntes Instrument hatte, war Umdenken angesagt.

"Ich musste mich erst mal mit dem Kontrabass vertraut machen und die Bassgitarre ganz vergessen. Ich spielte die verschiedenen Tonleitern C, D, E, F, G ... rauf und runter. Und dabei sind viele Kompositionen aus diesen einfachen Tonleiter-Übungen entstanden, wie beispielsweise das Stück Sänke Eyes, ein Song in C-Moll, aus dem sich allmählich mit dem Einsatz der anderen Instrumente ein recht passabler Song entwickelte. Es geht ums Würfelspiel und um die Spielsucht. Darin taucht eine dunkle Gestalt auf. Liedtext, Harmonie und Melodie sind genau aufeinander abgestimmt. Am Anfang heißt es "He walkst in like Hess a big shot".Der Rhythmus gibt die Schritte dieser Person beim Betreten der Bar wieder."

Musik " Snake Eyes" - fatsO

Aus Tonleitern wurden Musikstücke, aus Musikstücken wiederum das Debütalbum "fatsO". Es erscheint in Kürze auch in Deutschland. Dafür kreierte Daniel Restrepo Helden mit besonderen Eigenschaften:

"Ich habe obskure Gestalten aus dem Nachtleben, zwielichtige Typen aus der Unterwelt ins Leben gerufen. Da gibt es zum Beispiel einen Zuhälter im Song Pimp. Als ich das Stück komponierte, hatte ich nur drei Saiten auf meinem Kontrabass. Die vierte war kaputt. Also spielte ich mit diesen drei Saiten einen Riff in E-Moll, mir fielen dann gleich ein paar Worte dazu ein und ich dachte: Das ist doch eigentlich perfekt, um diesen Charakter zu beschreiben."

Musik "Pimp" - fatsO

"Nach und nach habe ich mir noch mehr Protagonisten ausgedacht, die nicht unbedingt namentlich genannt werden, aber doch irgendwie real sind. Es sind stellenweise mysteriöse, obskure Personen. Sie kommen mit ihrem Leben nicht klar und geraten auf die schiefe Bahn. Sie kämpfen mit Problemen und das verbindet sie alle miteinander – ein Thema, das sich durchs gesamte Album zieht."

Music "Brain Candy" - fats

Als Produzent und Leiter einer Band ist Daniel Restrepo sehr aktiv in der heimischen Musikszene. Und mit der Gründung des Labels REEF Records machte er sich einen Namen als Bewahrer der kolumbianischen traditionellen Musik. Vor fatsO agierte er selbst in den Bands Takele, Azubi und Zeis Perathoners. Wenn er sich auf etwas einlässt, sagt er, dann geht er vollkommen darin auf.

"Entweder bin ich ruhig und gelassen oder lebhaft und umtriebig. Für mich gibt es kaum etwas dazwischen. Das wirkt sich auf meine Kompositionen aus. Ich entwickle eingängige Motive, wiederhole sie sehr oft, variiere und steigere deren Intensität. Dann lösen ruhige, reduzierte, lange Passagen diese bewegten Parts ab. Dabei wächst die musikalische Spannung. Strikte, rhythmische Muster verbinden sich mit den Strophen der Liedtexte und langgezogene, harmonische Melodiefolgen mit dem Refrain. Mein Ziel – ein epischer Sound."

Musik "Curling Out" - fatsO

Jedes musikalische Detail ist bei Daniel Restrepo wohldurchdacht. Er tüftelt am Sound, feilt aber auch minutiös an der Komposition. Dafür greift er auf manche historische Quellen, die man nicht unbedingt in seinem Klanguniversum vermuten würde.

"Wichtige Inspirationen kommen von Bach – für mich ist er einer der besten Arrangeure überhaupt. Während meines Studiums habe ich mich eingehend mit seinen Kompositionstechniken beschäftigt. Wenn ich an einem Gesangsstück für Chor arbeite oder es arrangiere, um einen speziellen Effekt zu erzielen, orientiere ich mich oft an seinen Kantaten. Auch für die Bläser-Parts fand ich viele Anregungen bei Bach."

Der Song "I'll be fine" zeigt den kompositorischen Kniff, mit dem der Kolumbianer den ständigen Wechsel von Spannung und Auflösung erzielt.

"Der Rhythmus der Verse ist kurz betont und mit vielen Pausen. Der Refrain ist dagegen voller Harmonien und die Melodiefolge ohne Unterbrechung. Genau diese starken Kontraste möchte ich erzeugen."

Musik "I'll be fine" - fatsO

Ein Leben ohne Musik ist für Daniel Restrepo undenkbar:

"Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Musiker werden. Meine Mutter zeigte mir Fotos, auf denen ich als Kind mit meinem Bruder, umgeben von vielen Spielzeuginstrumenten, zu sehen war. Mein Bruder und ich hatten eine Kinderband gegründet. Wir waren damals schon von Klängen und Rhythmen besessen. Ich spielte den Sänger und tanzte wild herum. Heute ist auch mein Bruder professioneller Musiker. Er ist Schlagzeuger. Unsere Eltern förderten uns musikalisch von klein auf."

Früh bekam Daniel Restrepo Klavier- und Gesangs-Unterricht, bevor er dann mit dem Bass sein Instrument fand. Er wuchs inmitten der riesigen Plattensammlung seines Vaters mit der Musik von Ray Charles, Leonard Cohen, den Rolling Stones, Joe Cocker und Tom Waits auf. Nach der Schule studierte er dann Komposition am Konservatorium Universidad Javeriana in Bogotá.

"Ich hatte Unterricht in klassischer Musik, wollte mich aber eigentlich auf Komposition und Musikproduktion zeitgenössischer Musik konzentrieren. Doch als ich dann mit der Klassik zu tun hatte, war das für mich wie eine Offenbarung. Ich erhielt einen Überblick über die gesamte klassische Musikgeschichte, angefangen vom gregorianischen Gesang über die Renaissance Musik bis zu den heutigen Klängen. Ich verstand langsam die Zusammenhänge, die Entwicklung der Musiksprache und der Harmonien. Ich begriff auch, wie sich die moderne Musik wie Jazz, Rock und Pop, die ich so mag, entwickelt hat."

Musik "It's getting bad" - fatsO

Seine Liedtexte greifen sozialkritische Themen seiner Heimat auf. Seit Jahrzehnten gibt es in Kolumbien einen bewaffneten Konflikt zwischen linksgerichteten Guerillatruppen, rechtsgerichteten Paramilitärs und der regulären kolumbianischen Armee. Alle beteiligten Parteien begehen schwerste Menschenrechtsverletzungen. Meist trifft es die Zivilbevölkerung, vor allem indigene Gemeinschaften, Afro-Kolumbianer und Kleinbauern. Als Daniel Restrepo am Song "Oye Palau" arbeitete, verschärfte sich die politische Situation in Kolumbien.

"Damals vertrieben paramilitärische Gruppen und Guerillaorganisation die Landbevölkerung. Unzählige Menschen flüchteten in die Hauptstadt, suchten Arbeit und eine neue Existenzgrundlage. Doch die unqualifizierte Landbevölkerung fand keine Jobs. Bogotá ist ja seit jeher gefährlich, aber mit einem Mal fühlte man sich wirklich bedroht. So viele Familien mit ihren Kindern hatten Hunger. Um zu überleben blieb ihnen nichts anderes übrig als zu stehlen. Die Lage in der Hauptstadt war außerordentlich prekär und ich nahm direkt daran Anteil. Wenn ich meine Wohnung verließ, traf ich an jeder Straßenecke auf drei oder vier Personen. Sie hielten in der Hand Plakate mit der Aufschrift "Hilf mir bitte, ich wurde vertrieben, man nahm mir mein Land weg, bitte gib mir etwas Geld ..." Jeden Tag konnte man diese hilflosen Menschen überall auf den Straßen der Hauptstadt und der anderen großen Städte Kolumbiens sehen. Ich konnte nicht die Augen verschließen. Ich musste darüber berichten. Deshalb habe ich "Oye Palau" geschrieben."

Musik "Oye Palau" - fatsO

" 'Oye Palau' ist ein trauriger Song, der sich direkt an Kinder wendet. Oye Pelao" bedeutet hör zu Kind, sei vorsichtig. Mit diesen Worten beginnt jede Strophe, dann geht es weiter mit "achte darauf, was dir deine Mutter sagt, pass auf, du bist jetzt in einer großen Stadt ..." Damit wollte ich diese Kinder ermutigen und ihnen Hoffnung geben. Sie sollen nicht auf die schiefe Bahn geraten. "Bald wird es besser für euch, ihr müsst geduldig sein", heißt es da."

Der 34-jährige Bassist kreiert einen unverwechselbaren Klang, der auch heimische Elemente aufnimmt. Oye Pelao ist das bisher einzige Stück von fatsO auf Spanisch, das auf Einflüssen der traditionellen Musikrichtung Bunde basiert:

"Dieser Stil ist an der pazifischen Küste verbreitet und begleitet dort Kinderbegräbnisse. Die Trauernden aus dem Ort folgen dem Zug bis zum Grab. Dabei werfen sie kleine Steine auf den Sarg und schütteln ihn so stark, bis der Leichnam sich geräuschvoll bewegt. Das ist ein Brauch, der dem Kind beim Abschied von seinen Angehörigen helfen soll."

fatsO – eine junge dynamische Band aus Südamerika mit einem neuen Sound und Bandleader Daniel Restrepo – ein Musiker mit beeindruckendem Timbre und sicherem Gespür für eingängige Melodien.
Fürs nächste Album hat er bereits eine Idee:

"Ich habe vor, bald ein ganzes Album in spanischer Sprache auf der Grundlage von traditionellen kolumbianischen Rhythmen zu kreieren, aber natürlich mit dem unverkennbaren fatsO-Sound."

Musik "Movie Star"- fatsO

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