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StartseiteKultur heuteSpielräume der Architektur 16.04.2017

Serie: Kunst-StoffeSpielräume der Architektur

Bautechnisch scheint im 21. Jahrhundert nichts unmöglich: kilometerhohe Wohntürme, gekrümmte und gezackte Formen, Nullenergiehäuser, das Guggenheim-Museum, die Elbphilharmonie. Hinzu kommt eine Vielzahl neuer Baumaterialien. Dennoch besinnen sich Bauherren und Architekten immer wieder auf die Grundstoffe des Bauens.

Von Beatrix Novy

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Die Elbphilharmonie in Hamburg (Elbphilharmonie/Maxim Schulz)
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Am Anfang waren Holz und Stein, Mörtel oder Lehm. Damit konnte man schon viel erreichen: wehrhafte Burgen, erstaunliche Brücken, gotische Dome.

Dann kamen Stahl und Beton - auch die schon altbekannt. Aber die Architektin Ursula Ringleben weiß: "Beide Materialien sind in sich begrenzt."

Beton: Leider nur auf Druck belastbar, bei Zug bricht er. Stahl wiederum, äußerst belastbar, kann Hitze schlecht vertragen.

"So kam man auf die Idee, die Vorteile beider Materialien zusammenzubringen, hat den Stahl in den Beton gelegt, in dem Moment war der Beton auf Zug beanspruchbar, und der Stahl hatte mit dem Betonmantel die Feuerfestigkeit, also mit einem einfachen Gedankenspiel hat man den Stahlbeton erfunden."

Die unglaublichste Karriere macht das Glas

Mit dem erstmals weittragende Konstruktionen, Wolkenkratzer möglich wurden, kurz: Die moderne Welt in Erscheinung trat. Auch das Holz ist über seine jahrtausendelange Tradition als Fachwerkträger weit hinausgeschossen. Holz verzieht sich, kann rissig werden, kann nur begrenzte Distanzen überbrücken, kurz: Ist als Stütze nicht vollkommen. So fand der Mensch zur Leimbauweise, "dass aus Baumstämmen verschiedene Schichten rausgeschnitten werden, mit speziellem Leim und unter hohem Druck zusammengepresst, das ergibt ein formstabiles Material, das viel tragfähiger ist als die Stütze aus dem Baumstamm. Dafür braucht man die entsprechenden Leime und Maschinen, und das führt in die Jetztzeit."

Die unglaublichste Karriere im wissenschaftlich-technischen Zeitalter macht das Glas. In vergangenen Jahrhunderten so teuer und aufwendig herzustellen, dass die Obrigkeit Steuern darauf erhob. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Glas nur kleinteilig zu haben. Dafür landen zahllose schöne Sprossenfenster im bundesdeutschen Erneuerungsfuror Nachkriegszeit auf dem Müll, als große pflegeleichte Glasscheiben erschwinglich wurden. Durchgehendes Glas in Dimensionen von mehreren Metern kann schlecht mundgeblasen sein. Es entsteht beim Floaten. 

"Auf einer Zinnschicht schwimmt es bei 1.000 Grad, dann erkaltet das Glas, trennt sich von der unteren Metallschicht und fließt aus als Floatglas, kühlt ab und ist dann eine plane Scheibe, die unendlich groß werden kann."

Ohne Computer wäre die Herstellung nicht denkbar

Mittlerweile kann sie noch mehr: Gegen Hitze, Kälte, Feuchtigkeit isolieren, Sicherheits-, Sonnenschutz-, Medien- oder Schallschutzscheibe sein, sogar gebogen, gekrümmt und gebuckelt auftreten, wie an der eklatant kostspieligen Elbphilharmonie mit ihrer Fassade aus über 1.000 konvex und konkav gewölbten, verschieden beschichteten Glaselementen, die den Bau wie einen Kristall erscheinen lassen. Ursula Ringleben kann's erklären.

"Die Glasscheibe wird auf eine Negativform aufgelegt, die Scheibe wird erhitzt, fällt in die Form und wenn sie erkaltet, hat sie die Form, die an der Elbphilharmonie Anwendung fand, ein Spiel, das einem Klangbild gleichkommt."

Da wird es nicht nur für Laien kompliziert. Ohne Computer wäre die Herstellung solcher vielfach leistungsfähigen Elemente nicht denkbar. Und nur sie können die Kurven, Zacken und Schwünge ausrechnen, wie Frank Gehry sie am Fließband entwirft oder die Vertreter der in den 90ern angesagten Richtung mit dem sprechenden Titel Blob-Architektur.

"It's very curvy and it looks strange.” (Blob-Architekt Spuybroek)

Die alten Baustoffe kommen immer wieder zu Ehren

Computer berechnen im Zeichen alles bestimmender Energieersparnis das Zusammenspiel der vielen Faktoren, die beim Bauen eine Rolle spielen. Aus Computern kommen die sterilen Renderings, die einen realistischen Eindruck vom Entwurf geben wollen, aber Realismus und Realität gehen dann doch auseinander. Es soll vorgekommen sein, dass Architekten, die bei einem Wettbewerb zur Abwechslung mal wieder eine Zeichnung vorlegten, Entzücken auslösten.

Am Anfang waren Holz, Stein, Lehm. Sie sind immer noch da. Keiner würde die bahnbrechende Entwicklung vorgefertigter Bauteile, seien sie aus Holz, Glas oder Stahlbeton, in Frage stellen, sie haben den Massenwohnungsbau erst ermöglicht. Und doch kommen die alten Baustoffe immer wieder zu Ehren, wie zurzeit das natürliche Holz. 

"Wir Architekten streben immer danach, das Höchstmögliche aus dem Material herauszuholen, das muss auch so sein, das gehört zur Entwicklung dazu, aber wir kommen auch immer wieder zu den Ursprüngen zurück."

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