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Sex am Schwimmbad

Lisa Zeidner über Spielformen der Depression

Leser sind notorische Verwandtschaftsstifter. Sie fassen Autoren zu Familien zusammen, auch wenn Schriftstellersippen gewöhnlich im Dauerzwist miteinander leben, denn schreibende Brüder und Schwestern sind das Schlimmste, was einem Genie zustoßen kann. Einerlei, der Leser pocht auch dort auf Verbindungen, wo sie nicht durch Gene gestiftet werden. Etwa bei Louis Begley. Fehlte dem amerikanischen Romancier mit der melancholisch-abgeklärten Lebensbilanzprosa nicht immer die kleine Schwester?

Von Florian Felix Weyh

Lisa Zeidner, "Zwischenstop", Coverausschnitt (Suhrkamp)
Lisa Zeidner, "Zwischenstop", Coverausschnitt (Suhrkamp)

Die Suhrkamp-Lektoren müssen ähnliche Empfindungen verspürt haben, als sie Lisa Zeidner entdeckten. Gut eine Generation jünger als Begley ist die amerikanische Literaturprofessorin augenscheinlich vom selben Projekt fasziniert. Brüche im Berufs- und Privatleben gesellschaftlich arrivierter Helden sind ihr Thema, und Claire – die Protagonistin des Romans Zwischenstop – gehört wahrlich zum Establishment. Ihr Mann arbeitet als Herzchirurg, sie selbst zählt als Repräsentantin einer Firma für medizinische Hightechgeräte zur Equipe gut gestellter Handlungsreisender. An Geld ist kein Mangel in diesem Leben, denn neben guten Gehältern existiert auch ein sattes Spesenkonto, und genau diese Abgesichertheit verführt Claire zu einem tollkühnen Experiment: Luxus-Obdachlosigkeit nennt sie ihr Projekt, sich mit auf Reisen unentwegt gesammelten Zimmerschlüssel-Plastikkärtchen in Hotels einzunisten, ohne zu bezahlen. Das verleiht ihr einen ähnlichen psychischen Thrill wie es kleptomanische Attacken bei gelangweilten Millionärsgattinnen tun. Man könnte sich alles kaufen, aber es ist viel spannender, es zu stehlen. Thrill hat Claire nötig, um die Notsignale der eigenen Seele zu übertönen. Drei Jahre zuvor verlor sie ihren Sohn bei einem Unfall, seither ist das Leben nur noch müde Pflichtübung, und tatsächlich: Müdigkeit durchzieht ihren gesamten Alltag. Die meiste Zeit des Tages verschläft sie in Hotelbetten, verpasst geschäftliche Verabredungen und rutscht immer tiefer in eine Verwahrlosung höherer Ordnung hinein – wie man in amerikanischen Businesshotels eben vor die Hunde kommen kann, so lange man minimale Kleidungsvorschriften beachtet.

Bis hierhin ein originaler Begley-Stoff. Die innere Leere der oberen Mittelklasse, gespiegelt von einer präzis beobachtenden, zu Sarkasmen neigenden und sich selbst gegenüber mitleidlosen Heldin, die obendrein den Ausbruch aus der eigenen Ehe versucht, indem sie am Swimmingpool einen Zwanzigjährigen verführt, später dasselbe mit seinem Vater tut. Zwar kann Lisa Zeidner ihrem großen Bruder Louis Begley stilistisch nicht das Wasser reichen, aber die Konstruktion trägt über hundert Seiten hinweg, weil die An- und Einsichten der Heldin interessieren. Dann aber passiert etwas Seltsames. Die offenkundige Depression Claires senkt sich wie ein bleierner Mantel über den Text, und der Text selbst verliert sich in depressiven Schleifen. Als habe die Autorin jeglichen Formwillen aufgegeben, lässt sie sich in die seelischen Turbulenzen ihrer Heldin hineinziehen. Äußerlich passiert im Buch kaum noch etwas, innerlich dreht sich Claire im Kreise. Einerseits will sie von ihrem Mann gerettet – sprich: abgeholt – werden, andererseits fürchtet sie schon seine harmlosen Anrufe. Einerseits lässt sie ihren Therapeuten, der Hunderte Kilometer entfernt wohnt, in totaler Unmündigkeit ihr das Essen aufs Zimmer bestellen, andererseits befolgt sie keinen seiner Ratschläge. Sie will und will doch wieder nicht, rafft sich auf und sackt zusammen, schwankt zwischen Selbstaufgabe und Beendigung des Fluchtprojekts. Richtig: Das ist das Wesen der Depression. Aber gute Literatur geht damit anders um. Sie lässt sich nicht von den gesetzten Vorgaben vereinnahmen und zeigt – wenn schon nicht inhaltlich, so doch stilistisch –, dass es ein Leben jenseits grauer Bedeutungslosigkeit gibt. Diesen Schritt, der Louis Begley in jedem seiner Bücher gelingt, schafft Lisa Zeidner nicht und darum ist sie wohl doch nur eine entfernte Kusine des Altmeisters. Schade, denn ein weibliches Pendant zu ihm wäre eine echte Bereicherung.

Lisa Zeidner
Zwischenstop
Suhrkamp, 303 S., EUR 9,–

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