Sonntag, 19.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheBloß nicht Opfer sein22.10.2017

Sexismus-Debatte #metooBloß nicht Opfer sein

Sexuelle Diskriminierung, Belästigung, Vergewaltigung: Trotz aller Debatten und Gesetzesänderungen gilt es noch immer als Tabu, sich als Betroffene zu outen. Auch, um nicht in die Opferrolle zu rutschen. Christiane Florin kommentiert eine Hashtag-Diskussion und ihre Lücken.

Von Christiane Florin

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Alyssa Milano 2009 (picture alliance / dpa)
Schauspielerin Alyssa Milano machte das Hashtag #metoo populär, unter dem derzeit viele Frauen ihr Schweigen über sexuelle Übergriffe brechen. Die entstandene Debatte weise allerdings signifikante Lücken auf (picture alliance / dpa)
Mehr zum Thema

Sexismus-Debatte "Sprechen organisiert eine soziale Ordnung"

Sexualisierte Gewalt Turnerin bezichtigt Teamarzt des Missbrauchs

Der Tag - Neuanfang für die CDU in Sachsen - Katalonien - #metoo

Der Tag - #HowIWillChange

Sexismus-Debatte "Nur ein Symptom, nicht die Lösung"

Michèle ist ganz oben, ganz ohne Frauenquote, in einer Männerbranche. Die Chefin einer Computerspielfirma schaut täglich dabei zu, wie auf Bildschirmen Fantasiewesen Wände durchdringen, Frauenkörper umzingeln. Eines Tages dringt ein Vermummter in ihr Haus ein, überwältigt sie, vergewaltigt sie, lebt seine Sadomaso-Fantasien aus. Michèle geht nicht zur Polizei, sie will den Täter selbst stellen. Im Freundeskreis erzählt sie davon, bei einem Abendessen, en passant. Ach, übrigens, ich glaube, ich wurde vergewaltigt. Gabeln klappern, Weingläser funkeln, Schlucken und Schweigen am Tisch, dann die Frage: "Echt?"

"Elle" heißt der Film, der diese Geschichte erzählt. Zu Deutsch: Sie, das weibliche Personalpronomen. Elle ist kein Werk aus dem Weinstein-Imperium. Der Hollywood-Produzent soll – ja, da geht es schon los – er soll Frauen am Arbeitsplatz sexuell belästigt haben, so umschreiben es steril die Vorsichtigen. Von Vergewaltigung sprechen zahlreiche Schauspielerinnen. Der Weinstein-Skandal hat den Hashtag #metoo geboren. Unter diesem digitalen Stichwort berichten Frauen, worüber sie bisher geschwiegen haben: über sexistische Sprüche, die Hand am Hintern, den Blick auf den Busen, die versuchte Vergewaltigung, die tatsächliche Vergewaltigung. Michèle aus "Elle" könnte mittwittern.

Die Adabeis von rechts und links

"Me too", ich auch, wer so ruft, lockt die Adabeis jeder Sexismus-Feminismus-Gender-Debatte. Da sind jene von rechts, die die Existenz von Sexismus genauso bezweifeln wie den Anstieg der Meeresspiegel und das Schmelzen der Gletscher. Da heißt es dann: Mädels, habt euch nicht so, was wollt ihr denn noch alles dem weißen, heterosexuellen Mann anhängen? Warum meldet ihr euch erst jetzt, wohl mediengeil, wie? Sexuelle Gewalt ist in diesen Kreisen nur interessant, wenn der Täter irgendwas mit dem Islam zu tun hat.  

Beim "metoo" auch immer zur Stelle sind alle, die das Konzept Frau für überholt halten und in einer gründlichen Dekonstruktion die Lösung aller Probleme zwischen Klimawandel und Kapitalismus sehen. Wenn das Geschlecht erst überwunden ist, gibt es keine Vergewaltigungen mehr, keine Machtverhältnisse, keine Ausbeutung – lautet deren Hauptthese. Rechte wie Linke dieser Sorte weisen darauf hin, dass auch Männer das Opfer einer Vergewaltigung sein können. Die Grenze der politischen Gesäßgeografie ist also schon mal überwunden. Und dazwischen stehen diejenigen, die eine Debatte fordern. Debatte geht immer, egal ob der Hashtag "ich auch" oder "nicht mit mir" lautet.

Unter "Me too" schreiben vor allem Frauen, und darüber schreiben und reden vor allem Frauen. Das heißt nicht, dass jeder Mann das Thema für Gedöns hält. Das heißt schon gar nicht, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Es heißt nur: Es gibt da noch eine Grenze, die sich nicht wegdebattieren und –konstruieren lässt. Sie steht noch fest, die Mauer des Schweigens, auch wenn das wie ein billiger Filmtitel klingt. Klar: Vergewaltigung heißt schon lange nicht mehr Notzucht, sie ist ein Verbrechen und kein Kavaliersdelikt. Seit 2016 gilt zudem im Sexualstrafrecht der Grundsatz "nein heißt nein", darüber wurde lautstark diskutiert. Und doch zeigt #metoo, wie schwer es fällt, sich jemandem anzuvertrauen, wenn "es" wirklich passiert. Dieses Schweigen hat mit alten kulturellen Mustern zu tun – etwa der verlorenen Ehre, der Scham und der Schande. Mit Fragen wie: Was habe ich falsch gemacht?

Neuer weiblicher Ehrbegriff

Aus dem Schweigen spricht jedoch auch ein neuer weiblicher Ehrbegriff: Welche Frau will schon als Opfer dastehen, 2017, fast 70 Jahre nach Simone de Beauvoirs Klassiker "Das andere Geschlecht", fast 50 Jahre nach '68? Michèle aus dem Film will sich wehren, aus eigener Kraft, auch das ist Ehrensache. Schwedens Außenministerin Margot Wallström berichtete – auf #metoo angesprochen – davon, wie unter Konferenztischen protokollarisch bedeutsame Hände ihr Knie tätscheln. Sie wolle nicht zu persönlich davon erzählen, sagte sie in einem Fernsehinterview. Wohl auch deshalb, weil Verletzlichkeit und Ratlosigkeit nicht ins Selbstbild einer taffen Frau passen.

Ja, öffentliches Drübernachdenken ist wichtig, eine neue de Beauvoir wäre schön. Aber die Wirklichkeit ist konkret. Und das heißt: Sexuelle Belästigung ist in vielen Unternehmen ein lästiges Thema. Auf der Arbeitsebene lautet die einfache Frage: Wer hilft? An wen kann ich mich wenden, wenn – nur als gegriffenes Beispiel – der Chef des Controllings die Hände nicht unter Kontrolle hat? An dessen Vorgesetzten, die eigenen, die Gleichstellungbeauftragte, den Betriebsrat?

Bekommen Sie darauf eine Antwort, eine Büronummer, eine leibhaftige Person? Oder gibt es einen Ethik-Code, Gabelklirren in der Kantine und Verschlucken am stillen Wasser? Fragen Sie am Montag mal nach. Wenn das nicht so weinerlich klänge, hieße der Hashtag #helpme.

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk