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StartseiteSport am WochenendeDiskriminierung im Mädchenfußball20.07.2014

SexismusDiskriminierung im Mädchenfußball

Bei einem Beach-Soccer-Turnier in Ahus wurden Mädchen für Jungs gehalten, weil sie gut Fußball spielen und kurze Haare haben. Das ist nicht zum ersten Mal passiert. Aber das Erwachsene kleine Mädchen beschimpfen, hat Wellen in Schweden geschlagen.

Von Victoria Reith

Eine Fußballerin tritt gegen einen Ball. (Stock.XCHNG / Catalina Villamil)
Eine Fußballerin tritt gegen einen Ball. (Stock.XCHNG / Catalina Villamil)
Weiterführende Information

"Wir haben ein Recht zu spielen“ (Deutschlandfunk, Sport am Wochenende, 08.12.2012)

Homosexualität im Fußballsport  (Deutschlandfunk, Das Wochenendjournal, 14.06.2014)

Kicken gegen das Klischee, (Deutschlandfunk, Sport am Wochenende, 12.06.2011)

Pia Sundhage dachte als Sechsjährige, sie wäre das einzige Mädchen auf der Welt, das Fußball spielt. Sie hat miterlebt, wie sich der Sport den Frauen öffnete. Die Schwedin wurde Nationaltrainerin der US-Frauen, heute trainiert sie die Frauen-Nationalelf ihres Heimatlandes. Eine Erfolgsgeschichte, für sie persönlich und für den Frauenfußball.

Deshalb ärgert sie, was zwei elfjährigen Mädchen bei einem Beach-Fußballturnier in Südschweden passiert ist: "Ich bin erstaunt, dass es Vereine und Erwachsene gibt, die in Frage stellen, ob man Junge oder Mädchen ist. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas 2014 passiert."

Aber genau das passierte vor zwei Wochen in Ahus, bei dem laut Veranstalter größten Beachsoccerturnier der Welt, für Männer, Frauen, Jungen und Mädchen. In der Mädchenmannschaft der Spielvereinigung Lund/Glumslöv spielten die elfjährigen Ida und Agnes besonders gut. Sie sind schnell, stark und - haben kurze Haare.

Mit dem iPhone dokumentiert

Ihr Auftreten schien Grund genug für Betreuer, Eltern und Fans von zwei gegnerischen Mannschaften, die beiden für Jungen zu halten, das Geschlecht der beiden wortreich zu hinterfragen. Sie gaben selbst dann keine Ruhe, als einer der Veranstalter sich bei den Müttern versicherte, dass die beiden Mädchen sind.

Lund/Glumslöv, die Mannschaft von Ida und Agnes, gewann das Turnier. Noch bei der Preisverleihung fotografierten die unterlegenen Gegner die Mädchen mit iPhones. Lars Möller hat für die Zeitung Sydsvenskan über den Vorfall berichtet. "Ich habe direkt bemerkt, dass man etwas dagegen tun muss. Wir können nicht akzeptieren, dass Erwachsene elfjährige Mädchen mobben und attackieren. Egal ob im Fußball oder sonstwo."

Während viele Zuschauer und die Eltern der Mädchen über die Beschuldigungen vom Seitenaus aufgebracht waren, blieben die Mädchen gelassen: "Es klingt furchtbar, aber sie gewöhnen sich daran. Sie werden ständig bei Turnieren oder anderen Spielen beschuldigt."

Aus Frust den Fußball aufgegeben

Möller hat zahlreiche Reaktionen von Eltern bekommen. Die von Töchtern erzählten, die das Spielfeld verlassen mussten, weil der Schiedsrichter nicht entscheiden konnte, ob die Spielerin Junge oder Mädchen war. Oder von Mädchen, die mit dem Fußball aufhörten, weil sie keine Lust mehr hatten, ihren Pass im Umkleideraum immer griffbereit zu haben.

Doch woher kommt diese Skepsis den Spielerinnen gegenüber? Der schwedische Soziologe Aage Radmann beschäftigt sich mit Geschlechterfragen im Sport. "Das große Problem scheint, dass sich Jungen und Männer bedroht fühlen, wenn Mädchen besser spielen als Jungs. Es ist nicht nur eine Frage von Geschlechtern, sondern auch von Fähigkeiten."

Dabei ist die Gleichberechtigung in Schweden im Fußball eigentlich recht weit vorangeschritten. In Vereinen sind 35 Prozent der Vorstände weiblich, im Vergleich zu zehn Prozent im Jahr 1990. Auch Skaneboll, der Fußballverband in Südschweden, der für das Beach-Soccerturnier zuständig war, bezeichnete den Umgang mit den beiden Mädchen als inakzeptabel. Eine Person im Verband beschäftigt sich ausschließlich mit Wertefragen. 

Eine komplette Gleichstellung von Frauen und Männern im Fußball gibt es aber noch nicht, sagt Aage Radmann von der Universität Malmö. "Heute ist es in Schweden akzeptiert, dass beide Geschlechter Fußball spielen. Aber man kann sagen, dass der männliche Körper in der schwedischen internationalen Fußballkultur die Norm ist. Auch für Frauen und Mädchen ist Fußball der größte Sport. Aber sie haben andere Probleme als männliche Spieler."

"Schenk ihr doch ein Fahrrad"

Nur wenige Spielerinnen können in Schweden vom Fußball leben, und während der Rekordnationalspieler Anders Svensson ein Luxusauto vom Verband bekam, bekam die Rekordnationalspielerin Therese Sjögran - nichts. Der Fußballstar Zlatan Ibrahimovic scherzte, der Verband könne Sjögran ja ein Fahrrad schenken.

Auch in Deutschland gibt es Fälle von Sexismus im Fußball. In Berlin wurden bei einem D-Juniorinnenspiel Mädchen für Jungen gehalten. Das ging sogar so weit, dass einige Eltern des Gegners nachschauen wollten, welches Geschlecht die Mädchen wirklich haben.

Die ehemalige Fußball-Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens engagiert sich seit Jahren gegen Sexismus in Fußball. "So ein Alltagssexismus ist Usus und im Fußball vielleicht noch mehr als in anderen Teilen der Gesellschaft. Wer schlecht spielt, spielt halt wie ein Mädchen."

Und anders herum, wer gut spielt, muss ein Junge sein. Die schwedische Nationaltrainerin Pia Sundhage: "Ich glaube, wenn sie nicht so gut gewesen wären, hätte sie nie jemand entdeckt oder sich beschwert. Ich finde das traurig. Es sagt etwas darüber aus, was wir von Mädchen erwarten."

Pia Sundhage wurde 2012 von der FIFA zur Trainerin des Jahres ernannt. Als Kind in den Sechzigern gab sie sich den Jungennamen Pelle, um überhaupt Fußball spielen zu dürfen. "Heute ist es so viel besser. Aber das kam nicht von alleine. Wir haben gekämpft und kämpfen noch immer um Anerkennung."

Die Empörung am Spielfeldrand, Leserzuschriften auf Artikel und das Statement der Nationaltrainerin zeigen: Die Debatte ist noch nicht abgeschlosssen. Aber immerhin wird sie geführt.

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