Freitag, 24.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheEs braucht eine Kultur des Grenzen-Respektierens24.10.2017

Sexuelle Belästigung bei der EU?Es braucht eine Kultur des Grenzen-Respektierens

In EU-Institutionen soll es mehrfach zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Dabei gehört das Persönliche und das Berufliche dort, wo hohe Absätze, Machtgefälle und Hotelübernachtungen aufeinandertreffen, besonders sauber getrennt, kommentiert Bettina Klein. Es brauche eine Kultur, die Grenzen selbstverständlich respektiert.

Von Bettina Klein

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Füße an Pumps (picture alliance / dpa / Grigoriy Sisoev)
Dass das Problem auch im Europaparlament existiert, sei wenig überraschend, meint Bettina Klein im Dlf (picture alliance / dpa / Grigoriy Sisoev)
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Man sieht in den EU-Institutionen viele hohe Absätze, bunte Farben und schwingende Röcke, die zusammen mit den Aktenkoffern herum  getragen werden. Das Ganze scheint eine verspieltere Note zu bekommen, vielleicht auch wegen französischer Mode oder südeuropäischer Gepflogenheiten, die dem Umgang etwas Beschwingtes verleihen.

Das ist allerdings etwas grundsätzlich Anderes, als wenn Macht und Abhängigkeitsverhältnisse benutzt und ausgenutzt werden, eine sexuelle Ebene in die Beziehung hineingebracht wird, die von der jeweils anderen Seite nicht erwünscht ist. Übergriffe, Demütigungen, Vergewaltigungen, sexuelle Dienstleistungen im Austausch gegen Arbeitsverträge. Es ist dieses ständige Durcheinander und Vermischen von Ebenen, die nichts miteinander zu haben, durch die das Problem verstärkt wird.

Am Bewusstsein für Grenzen fehle es offenbar noch

Natürlich gibt es Grauzonen, und genau dafür bedarf es einer Kultur, in der Grenzen selbstverständlich gesetzt, wahrgenommen und respektiert werden. Dafür fehlt es offenbar noch immer an einem Bewusstsein und der Fähigkeit zur Differenzierung. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen unfreiwillig zu erkennen geben, dass sie dies bis heute nicht verstanden haben. Ein kurzer Rock liefert keinen Freifahrtschein für eine Vergewaltigung, das sollte im Jahre 2017 eigentlich klar sein.

Sollten sich die Berichte über sexuelle Belästigung und Übergriffe bestätigen, wäre das eine absolute Peinlichkeit und eine Schande für europäische Institutionen wie das Europaparlament. Die Vorwürfe müssen aufgeklärt, Vergehen geahndet und Konsequenzen gezogen werden. Auch hier ist man inzwischen dabei, aufzuwachen. Dabei existiert das Problem schon lang, das es auch im Europaparlament existiert, ist wenig überraschend.

Selbstversuch: Sich die Rollenverteilung mal umgekehrt vorstellen

Viele schweigen jedoch aus Angst vor dem Vorwurf, sie seien zickig oder hätten das Ganze provoziert. Es ist erste wenige Jahrzehnte her, dass Frauen mit roten Haaren und Strickpullovern im Bundestag für Gleichberechtigung stritten und ihnen entgegengerufen wurde, von ihnen wolle ja sowieso keiner was. Heute kaum noch vorstellbar.

Um zu wissen, wo wir heute stehen, müssen wir die Sätze und die dazu gehörenden Rollen einfach nur mal umdrehen: "Sie können sich doch auf meinen Schoß setzen!" oder "Mit einem so hübschen Mitarbeiter hatte ich gar nicht gerechnet!" wirken aus dem Munde einer Frau in einem Arbeitskontext heute bereits genauso seltsam, wie sich das vielleicht irgendwann auch mal aus dem Mund eines Mannes anhören wird.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

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