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Sexy FEMENismus

Die ukrainische Protestbewegung von Studentinnen weitet sich aus

Von Jutta Schwengsbier

Eine FEMEN-Protestaktion in Kiew. (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)
Eine FEMEN-Protestaktion in Kiew. (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)

Zuletzt hatte die ukrainische Frauenbewegung Femen unter dem Motto "Fuck Euro" auf der Fußball-EM für Furore gesorgt, dann exportierten die Aktivistinnen ihr Markzeichen der Oben-ohne-Demonstration auch nach London zu den Olympischen Spielen. Damit ist die Expansion der Popfeministinnen noch nicht zu Ende.

Mehrere französische Sympathisantinnen der ukrainischen Frauenrechtsgruppe Femen haben in London gegen die Teilnahme islamistischer Regime an den Olympischen Spielen protestiert, - in gewohnt provokanter Aufmachung. Die Frauen hatten auf ihren nackten Oberkörpern die Slogans "olympische Schande" und "Keine Scharia" geschrieben. Die islamistischen Regime behandeln Frauen wie Menschen dritter Klasse, sagte eine der Demonstrantinnen zur Begründung. Den bekannten ukrainischen Aktivistinnen von Femen war das Visum für die Einreise nach Großbritannien verweigert worden. Für Anna Guzol ist das nur ein Grund mehr mit ihren kreativen Aktionen weiter zu machen. Ihr Kampf gegen die großen Sportereignisse, ob Fußball oder Olympia, sei vor allem ein Kampf gegen die Sex-Industrie.

"Alle großen Sportmeisterschaften sind von Spaß, Sex und Alkohol geprägt. Das sind große Männer-Feste, die vom großen Schatten der Sex-Industrie begleitet werden."

Dabei agitiert Femen nicht nur gegen die Fußball-EM oder gegen Olympia. Die Gruppe weiß sich öffentlichkeitswirksam gegen Sexismus und Diktatoren ins Bild zu setzen. Oder gegen die Prostitution auf der Hamburger Reeperbahn. Gegen die Sex-Eskapaden von Dominique Strauss-Kahn. Gegen das autoritäre Regime von Alexander Lukaschenko in Minsk. Auch wenn viele den Zielen von Femen noch zustimmen könnten, ihre Protestformen werden selbst von Gleichgesinnten als zu radikal bezeichnet. Um Ihren Worten Nachdruck zu verleihen, ziehen sich die ukrainischen Studentinnen meist vor laufenden Kameras aus. Anna Guzol erklärt das so.

"Oben-ohne-Protest – das ist keine Laune oder Dummheit von uns. Das ist durchdacht. Wir wollen beweisen, dass eine nackte Frau nicht gleich eine Prostituierte ist. Wir wollen zeigen, das Nackte – das entspricht der Freiheit."

Das Portrait von Inna Schewtschenko hat in diesem Jahr den zweiten Preis beim World Press Award gewonnen. Auf dem Bild zeigt sich die Studentin in typischer Femen-Rüstung - nackte Brust, Blumenkranz auf dem Kopf und gehobene geballte Faust. Inna Schewtschenko ist eine der leidenschaftlichsten Aktivistinnen bei Femen.

"Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, Frauen zu zeigen, was Feminismus bedeutet. Der neue Feminismus, der hier in der Ukraine geboren wurde. Wir haben den Feminismus aus den Konferenzsälen auf die Straße getragen. Es ist ein Feminismus der Pop-Kultur. "

Andere Frauenrechts-Organisationen streiten dagegen geradewegs ab, dass Femen etwas zum feministischen Diskurs beiträgt. Femen nehme weder an Konferenzen noch an direkten Aktionen von anderen teil, kritisiert etwa Nina Potarska von der Feministischen Offensive .

Sie sind keine konsequenten Feministinnen. Sie haben weder ein Programm noch eine Vision, was Frauenfragen in der Ukraine betrifft. Ich denke, das ist auch nicht ihr Ziel. Am Frauenmarsch am 8. März beteiligen sich alle Gruppen, die mit Frauen solidarisch sind, - außer Femen. Wenn sie nicht selbst im Zentrum stehen, ist ein Protest für sie nicht interessant. Unser Marsch gehört aber allen. Die Parolen werden zwischen allen Teilnehmern der Demonstration vereinbart.

Dass sich die Frauen von Femen selbst eher wie Pop-Ikonen sehen, die es gut zu vermarkten gilt, verrät auch eine ihrer Top-Aktivistinnen - Olexandra Schewtschenko.

"Unsere nächste Strategie ist es, den Feminismus in eine sehr schöne Hülle zu verpacken, die allen gefällt. … Deswegen haben wir uns für eine bestimmte Selektion entschieden."

Die Femen Aktivistinnen sind durchaus geschäftstüchtig. In einem Femen-Online-Shop werden T-Shirts, Tassen, oder Kappen mit Gesichtern von Aktivistinnen oder mit dem Logo der Organisation verkauft. Für 20 Euro pro Artikel. Wer den Abdruck eines Busen einer der ausgesucht hübschen Aktivistinnen bestellen will, muss 60 Euro dafür zahlen. So ganz kommt dieser Service allerdings noch nicht an, gibt Galina zu, die sich bei Femen um den Online-Shop kümmert.

"Es gibt noch nicht viele Anfragen. Aber unsere Anhänger aus Deutschland, Frankreich, England, Schweiz, Schweden kaufen öfter T-Shirts mit dem Logo. Viele Menschen aus den USA bestellen sie auch."

Die Frauen von Femen schätzen die Zahl ihrer Anhängerinnen in sozialen Netzwerken auf 100.000 weltweit, auch wenn nur wenige selbst bei den Oben-Ohne-Demonstrationen mitmachen wollen. Die größte Femen Unterstützergruppe mit 15 Aktivistinnen kommt aus Frankreich. Die Französinnen haben dann auch die Proteste in London gegen die Unterdrückung von Frauen in islamischen Ländern getragen, - nachdem den Ukrainerinnen das Visum verweigert worden war. Femen Anhängerinnen etwa in Tunesien beschränken sich bislang darauf, nackte Frauen an Wände zu malen. Oben-Ohne Proteste in islamischen Ländern wagen bislang nicht einmal die Frauen von Femen.



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