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Shakespeare und Sixpack sind kein Widerspruch

Der Leiter des Victoria and Albert Museums fordert ein durchgängiges Kulturprogramm für Olympia

Martin Roth im Gespräch mit Michael Köhler

Sport "ist einfach ein Lebensstil und nicht nur eine Freizeitbeschäftigung", sagt Martin Roth.
Sport "ist einfach ein Lebensstil und nicht nur eine Freizeitbeschäftigung", sagt Martin Roth. (dpa / Hannibal Hanschke)

Eine multikulturelle Gesellschaft sei kennzeichnend für London. Deshalb würden die Olympischen Spiele dort so gut hin passen, sagt Martin Roth. In Zukunft gehöre die Kultur nicht ins Beiprogramm, sondern "mitten rein" in die Spiele. Denn längst würden Sport und Intellekt zusammen gehören, so der Direktor des Victoria and Albert Museums.

Michael Köhler: Wir sahen bei der Londoner Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele "Best of Britain", eine selbstironische Leistungsschau aus dem Land des Liberalismus. Keine Pekinger Massenszenen, sondern eine ländliche Gesellschaft in Arbeit. Manchmal freundlich-provinziell und idyllisch wie auf einem Gemälde von John Constable, dann aber auch die gesellschaftlichen Umbrüche in Industrialisierung und Sozialsystemen. Längst ist Sport aber ein ganz wesentlicher Teil des Alltags und Lebensstils in den Metropolen des Westens geworden: Ganze Innenstädte sind eigentlich ein auf Dauer gestellter Wettkampf um Geschwindigkeit und Platzvorteile. Wie auch umgekehrt die Arena und Rennbahn längst ein Ort für Mode, Design und Lifestyle geworden ist. Martin Roth war lange Jahre Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist seit einem Jahr Direktor des riesigen Londoner Victoria and Albert Museum, und ihn habe ich gefragt: Warum passen die Spiele eigentlich so treffsicher, so gut und genau in die britische Hauptstadt?

Martin Roth: Viele Herkünfte, trotzdem gutes Zusammenleben, auch mit einer relativ hohen Lebensqualität. Das ist das, weshalb ich der Meinung bin, dass die Spiele genau ganz wunderbar hierher passen, weil es halt dieses Mal nicht darum geht, dass man irgendwo Demokratie lehrt oder einem Dritten-Welt-Land hilft, sondern dass man wirklich mal versucht, in einer Art von gemeinsamem Begegnen auf einer Augenhöhe zu zeigen, was diese Weltgesellschaft kann und was sie will und ob sie das auch tatsächlich hinbekommt. Und das ist, glaube ich, so ein Flair, der mit dieser englischen Bescheidenheit und Zurückhaltung verbunden sich wirklich wunderbar über die Stadt gelegt hat.

Köhler: Martin Roth, ich spreche mit Ihnen nicht als Sportkommentator, sondern als Kulturmann. Sie sind Museumschef eines der größten und wohl auch der schönsten Museen der Welt, des Victoria and Albert Museum. Werden Sie auf irgendeine Weise die Spiele direkt oder indirekt reflektieren? Denn an Alltagskultur ist ja da einiges los. Also, Schwimmer werden gefeiert wie Popstars, die treten auf Bühnen auf, die kleiden sich so, die bewegen sich so. Da ist auch schon eine Menge Idolbildung auch dabei. Werden Sie als Kulturmann das irgendwie reflektieren, oder tun Sie das ohnehin schon?

Roth: Also, wir zeigen an Ausstellungen nichts, was sich jetzt unmittelbar auf Sport bezieht. Das hängt einfach auch mit meinem Vorgänger zusammen, der versucht hat, sich hier anders zu positionieren, ich finde das auch korrekt, können wir wunderbar mitgehen. Wir haben sehr viel über englisches Design der letzten 50 Jahre. Das machen wir, und dann haben wir viele kurze Veranstaltungen, Kunst und Mode zusammen bezogen auf die Olympiade, und Künstler und Modedesigner zusammengebracht und vieles andere mehr. Also, das wäre der eine Teil. Der andere Teil ist, dass ich ein gewisses Privileg genieße, und das nämlich, ich bin persönliches Mitglied im DOSB, im Deutschen Olympischen Sportbund, dort ist jetzt immer irgendjemand von der Kultur drin und zurzeit bin ich das und das ist schon passiert, bevor ich nach London ging. Und als ich dann vorgeschlagen habe, zurückzutreten, sagte Thomas Bach nein, bitte genau das Gegenteil, wenn Sie da sind, können wir da einen Kulturbotschafter brauchen. Und das mache ich momentan und mache das mit großer Freude. Also, ich versuche schon, das Kulturprogramm nicht nur wahrzunehmen, sondern auch sozusagen nach Deutschland zu übersetzen. Das Kulturprogramm ist in einer Weise umgesetzt worden, wie es sicherlich vorher noch nie passiert ist. Das ist allein noch keine Qualität, aber die Qualität bedeutet, dass man sehr mutig ist, sehr avantgardistisch, dass man übers ganze Land verteilt auch wirklich in die Regionen geht, in denen man normalerweise nicht unbedingt Kultur antrifft, auch in ländliche Regionen. Das wird mit sehr viel Applaus wahrgenommen und es stellt sich spätestens, glaube ich, nach den Spielen die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn es so was geben würde wie ein durchgängiges Kulturprogramm der Olympiade. Also nicht immer nur schnell ein Kulturprogramm in der Stadt, bevor es eröffnet wird, sondern die Olympiade hätte sicherlich so ein dauerhaftes Kulturprogramm, eine eigene Kultur verdient. Und ich würde sehr dazu beitragen, dass man die Diskussion wieder führt. Und London ist bezeichnend dafür: Gehen Sie in den Regent's Park, gehen Sie in das Globe Theatre, Shakespeare überall, auf provokante und moderne Art … Das ist so die eine Seite, das andere ist, dass sich der Sport, glaube ich, grandios verändert hat. Die Zeiten – ich bin Jahrgang 1955 –, die Zeiten, wo man sich entweder für Sport oder für das intellektuelle Leben entschieden hat, sind, glaube ich, wirklich einfach endlich vorbei. Die Mutter einer Freundin meiner Tochter sagte mir kürzlich, die Tochter hätte einen neuen Freund, der nicht nur extrem klug wäre, sondern auch ein Sixpack hätte. Und ich denke, das ist dieses Thema Livestyle, das sich überall verbreitet hat und das nach London besonders gut passt und halt auch mit Mode und Design sehr gut ins VNA passt. Das ist es, was den Sport der Zukunft ausmacht. Es ist einfach ein Lebensstil und ist nicht nur eine Freizeitbeschäftigung.

Köhler: Geben Sie mir zum Abschluss noch einen Eindruck von einigen Inhalten oder schlaglichterweise, was das Kulturprogramm beinhaltet?

Roth: Also, Ruth McKenzie und Tony Hall, Lord Hall, die Royal-Opera-Leiter hier, haben ein Programm auf die Beine gestellt, das zum einen durchaus klassisch ist, mit Shakespeare haben sie natürlich jemand gefunden, der nicht nur immer wieder neu interpretiert werden kann und halt immer aktuell ist, das ist ein Phänomen wie bei Goethe, dass es einfach immer wieder eine Freude ist zu lesen, zu hören. Dann aber auch Bühnen der ganzen Welt eingeladen, egal ob Pakistan oder Kasachstan oder Marokko oder wie auch immer, die Shakespeare in eigener Interpretation hier nach London gebracht haben, von sehr qualitätvoller Arbeit. Dazu gehörten aber auch Akrobaten, die sich hier in dem London Eye, in den Riesenrad, abseilten.

Köhler: Die Zeiten, in denen Schwimmer oder Sportler auftraten und hatten nur irgendwie eine Frotteehose an und ein T-Shirt, die sind irgendwie vorbei?

Roth: Nein, das ist es doch aber, das ist das, was ich gemeint habe mit dem Sixpack und dem Brain und Sixpack, also dieses Zusammenbringen von Lebensqualität, Lebensstil, Sport, Intellekt und durchaus auch eine politische, klare politische Präsenz. Ich finde, das ist auch dieser neue Stil der Olympiade und deshalb gehört Kultur dort mitten rein und nicht ins Beiprogramm sozusagen. Wie gesagt, ich werde, was in meiner Macht steht, dazu tun, damit das auch in Zukunft vielleicht sich ein bisschen anders darstellt, und ich weiß, dass Thomas Bach auch großes Interesse an diesen Themen hat. Aber das ist, genau das, was Sie gerade sagen, macht eigentlich diese neue Olympiade aus.

Köhler: Sagt Martin Roth, Shakespeare und Sixpack sind kein Widerspruch. Der Chef des Victoria and Albert Museum in London war das.

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