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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenTeilen statt Besitzen27.03.2014

Sharing EconomyTeilen statt Besitzen

Ob Autos, Kleidung oder Werkzeuge: Vor allem in Großstädten liegt Teilen statt Besitzen im Trend. Treiber dieser Entwicklung ist das Internet: Immer neue Plattformen sollen das Tauschen nahtlos in den Alltag integrieren.

Von Adalbert Siniawski

Fahrräder der Deutschen Bahn (DB) stehen am 20.05.2011 in Berlin aneinandergereiht in einer Fahrradstation. (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)
"Mein Auto, mein Haus, meine vielen Fahrräder" (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)
Weiterführende Information

Konsum - Deins ist meins (Deutschlandfunk, Freistil, 23.03.2014)

Glücklich durch Teilen (Deutschlandradio Kultur, Interview, 05.03.2013)

"Mein Haus, mein Auto, mein Boot."
"Meine Häuser, meine Autos, meine Boote. - Meine Fahrräder, meine Bücher, meine Kameras!" 

Ein Dialog aus dem Werbevideo von "Why own it?". "Warum besitzen?", so der programmatische Name einer Verleih-App für das Smartphone. Ob Boote, Bücher oder Bohrmaschinen - jeder Nutzer kann Dinge ins Netz stellen und an seine Freunde oder Nachbarn verleihen. Autos zum Beispiel haben heutzutage bei der jungen, urbanen Bevölkerung als Statussymbole ausgedient. Statt sich einen eigenen Wagen zuzulegen, greifen immer mehr Menschen flexibel und via Handy auf Carsharing-Angebote wie "Tamyca" oder "Autonetzer" zurück. Auch Wohnungen werden geteilt: Kostenlose Schlafplätze bei Privatleuten gibt es beim Online-Netzwerk "Couchsurfing"; auf der Plattform "Airbnb" findet man private Unterkünfte gegen Bezahlung.

Besitzdenken und überbordender Konsum, der hohen Ressourcenverbrauch nach sich zieht und oftmals eine Wegwerfmentalität zur Folge hat, all das verliert in den marktwirtschaftlichen Gesellschaften ein Stück weit an Bedeutung. Teilen, Tauschen und eine nachhaltige Lebensweise - zusammengefasst unter den Schlagwörtern Sharing Economy, Collaborative Consumption oder Ko-Konsum - werden immer wichtiger.

"Die Motive, um sich an Sharing-Optionen zu beteiligen, sind vielfältiger Natur. Sie sind teilweise idealistisch, aus ökologischen Motiven heraus. Teilweise auch ökonomisch, weil nicht genug Geld da ist. Teilweise aber sind sie auch das Ergebnis von kulturellem Wandel: Also beispielsweise Eigentum ist nicht mehr so stark als Statussymbol zu sehen. Und insofern sind die Triebkräfte, die Richtung Sharing-Optionen gehen, ökologischer Natur, ökonomischer Natur und auch kultureller Natur",

so Reinhard Loske, Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten-Herdecke.

Dass Menschen Dinge tauschen und teilen ist zwar kein neues Phänomen. Neu ist allerdings die Dynamik, die von der Vernetzung im Internet und der ständigen, mobilen Erreichbarkeit über Smartphones ausgeht. Teilen und Tauschen ist so einfach, so schnell und so offen für eine Vielzahl von Teilnehmern wie nie.

Soziale Selbstdarstellung

Der Motor der Shared Economy sind die Sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter, wo Informationen und Wissen geteilt werden. Zu den Nutzern gehören hier vor allem die technikversierten Digital Natives, sagt Bastian Dinter, Mitarbeiter der Fachhochschule Düsseldorf im Bereich Kommunikationsforschung:

"Insbesondere Jüngere, die sich mit dem Informationsteilen auseinandersetzen: sehr online-affin, sie haben auch ein begrenztes Zeitbudget, aber sie opfern von ihrem Zeitbudget mehr, um anderen zum Beispiel Informationen zur Verfügung zu stellen. Also sie haben sowohl eine soziale Verantwortung, die sie in Anspruch nehmen, aber auch eine gewisse Selbstdarstellung, die sie damit vermitteln wollen."

"Die jüngere Generation hat die Vorteile einer Ökonomie des Teilens wiederentdeckt, und sie belebt sie dank Internettechnologie neu", so beschreibt es Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Universität Lüneburg. Er hat 2012 im Auftrag von Airbnb eine repräsentative Studie zur Sharing Economy erstellt. Demnach haben bereits 55 Prozent der Befragten Erfahrungen mit alternativen Besitz- und Konsumformen. Darunter sind vor allem Menschen zwischen 14 und 39 Jahren - sie haben im Schnitt eine höhere Bildung und ein höheres Einkommen.

Die US-Publizistin Rachel Botsman hat diesen Trend bereits 2010 beschrieben in ihrem Buch "Was meins ist, ist auch deins: Wie kollaborativer Konsum unseren Lebensstil verändert". Nach einer Kultur des Besitzanhäufens, des Überflusses und Wegwerfens, die in den Wirtschaftswunderzeiten etabliert wurde, steigt heute das Bewusstsein für Ressourcenknappheit, nachhaltigen Konsum und die Möglichkeiten, sich online auszutauschen.

Damit das gemeinschaftliche Teilen auch wirklich funktioniert, müssten allerdings mehrere Bedingungen erfüllt sein, so Botsman: Es brauche ausreichend ungenutzte Kapazitäten, eine kritische Masse an Teilnehmern, genügend Vertrauen gegenüber fremden Menschen und potenzielles Interesse an sozialem Erleben.

Egoistisches Verhalten hält sich bei solchen Angeboten in Grenzen - das hat Michael-Burkhard Piorkowsky festgestellt, ehemaliger Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn. Er hat sogenannte Give Boxes untersucht, die in Wohnvierteln auf der Straße aufgestellt werden:

"Es bietet die Möglichkeit, Dinge hineinzustellen, die man nicht mehr benötigt, von denen man möchte, dass andere die Chance haben sie zu nutzen. Und da hat man festgestellt, dass es eben nicht so ist, dass plötzlich die Menschen wahllos so viel raffen wie es geht, sondern ganz im Gegenteil durchaus selektiv gewählt wird, was tatsächlich gebraucht wird."

Mittlerweile gibt auch in der realen Welt eine Vielzahl von Initiativen für nachhaltigen Konsum. Von gemeinsamem Urban Gardening auf städtischen Flächen über Bookcrossing, also das Auslegen von Büchern im öffentlichen Raum, bis hin zu Repair-Cafés, in denen gemeinsam an defekten Elektrogeräten geschraubt wird. Diese sogenannten sozialen Innovationen zeichnen sich gegenüber herkömmlichen Konsumformen durch vier charakteristische Merkmale aus, erklärt Dr. Jana Rückert-John vom Berliner Institut für Sozialinnovation e.V.:

"Gemeinschaftlichkeit bedeutet, dass es für viele der Initiativen und Projekte wichtig und ein Anspruch ist, gemeinsam Konsum zu gestalten, zu ermöglichen und zu organisieren, wo das Gemeinschaftsgefühl eine wichtige Rolle spielt.

Die Eigeninitiative meint so viel wie, dass man auch wieder eine Selbstwirksamkeit erlebt: Also, wenn ich etwas herstellen und reparieren kann, also ich mich darüber auch in meiner Identität stärke und es mir ein gutes Gefühl gibt.

Die Innovativität bedeutet, dass wir uns anschauen, inwieweit die Konsumpraktik wirklich eine große Veränderung zu dem darstellt, was ich bislang im Alltag mache.

Und die Formalisierung bedeutet, dass jede Initiative und jedes Projekt auch hinsichtlich der Strukturen gestärkt werden muss, also sich eine institutionalisierte Form geben muss, und dass das eine höhere Wahrscheinlichkeit dann hat, dass so eine Initiative - ich sage es mal salopp - überlebt."

Sorge ums Überleben machen sich aber auch die Unternehmen aus der Old Economy. Wenn die Verbraucher mehr miteinander teilen und weniger konsumieren, drohen traditionelle Geschäftsmodelle einzubrechen - möglicherweise mit negativen Folgen für Wachstum und Arbeitsplätze, so die Befürchtung. Klar ist: Die Unternehmen werden sich künftig neu erfinden müssen.

Die Big Players entdecken das Sharing

Manche springen schon auf den Zug der Shared Economy auf und entwickeln neue Geschäftskonzepte: Die Autokonzerne zum Beispiel bieten Carsharing per Smartphone-App an oder bringen Mobilitätsplaner wie "Moovel" auf den Markt, die viele verschiedene Verkehrsmittel, auch die der Konkurrenz, integrieren. Reinhard Loske:

"Grundsätzlich glaube ich müssen sich die Unternehmen darauf einstellen, wenn es Richtung Sharing Economy geht, dass sie weniger Hardware verkaufen und mehr Dienstleistungen um das Produkt herum. Im Bereich der Mobilität glaube ich, dass die Automobilkonzerne weniger Autos verkaufen, wenn geshared wird, wenn mehr geleast wird, wenn es mehr Fahrgemeinschaften und so weiter gibt. Und sie werden mehr Dienstleistungen drumherum ermöglichen müssen: Mobilitätskonzepte und anderes mehr, Wartung und Pflege von Produkten - und werden einen Teil des Umsatzeinbruchs dadurch sicherlich auffangen können."

Volkswirtschaftler sehen diesen Wandel gelassen: Wer Ressourcen an einer Stelle spart, setzt Wachstumskräfte an anderer Stelle frei. Das eingesparte Geld kann dann anderswo eingesetzt werden. Dies ruft wiederum die Umweltschützer auf den Plan: Die neuen Bedürfnisse könnten das Konsumverhalten, so paradox es klingt, entgegen der ursprünglichen Idee des Verzichts wieder ankurbeln. Reinhard Loske:

"Dann wäre der Umweltentlastungseffekt natürlich sehr niedrig."

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