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StartseiteKultur heute"Meine Heimat ist eher ein Gefühl als ein Ort"28.08.2016

Sharon Dodua Otoo"Meine Heimat ist eher ein Gefühl als ein Ort"

Reihe "Heimat - Wiederkehr einer Idee"

Hat ein Mensch nur eine Heimat? Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo ist in London aufgewachsen, lebt in Berlin, ihre Eltern stammen aus Ghana. "Deswegen kann ich mich sehr gut in diese Beschreibung einfinden, dass es mehrere Heimaten gibt", sagte Otoo im DLF. Die Bindung sei an alle drei Orte emotional.

Sharon Dodua Otoo im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Die in Berlin lebende Autorin Sharon Otoo posiert am 05.07.2016 in Berlin. Mit der doppelbödigen Geschichte über ein Ei, das nicht hart werden will, hat die in Berlin lebende Autorin den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Foto: Paul Zinken/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Sharon Dodua Otoo (dpa)
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Doris Schäfer-Noske: Sucht man nach Goethes Heimat, dann stößt man auf Frankfurt am Main, und nicht auf Weimar. Aber wird man in die Heimat überhaupt hineingeboren? Sind die Prägungen der Kindheit wirklich so stark? Oder kann man die Heimat wechseln?  - Neurobiologen haben jedenfalls festgestellt, dass Heimat im Gehirn Spuren hinterlässt, je länger man an einem Ort ist. Demnach könnte man mehrere Heimaten haben. Und auch nicht-ortsgebundene Heimatgefühle wie das Sich-Heimisch-Fühlen in einer Sprache könnten sich so entwickeln.

In unserer Reihe zum Thema "Heimat" sprechen wir heute mit der diesjährigen Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo. Sie wurde 1972 in London geboren, ist dort aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus Ghana. Und heute lebt sie mit ihren vier Söhnen in Berlin.

Sharon Dodua Otoo, Sie beschreiben sich gerne als schwarze britische Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin. Liegt Ihre Heimat also in Großbritannien?

Sharon Dodua Otoo: Ich glaube, meine Heimat ist eher so ein Gefühl als ein Ort. Deswegen kann ich mich sehr gut in diese Beschreibung einfinden, dass es mehrere Heimaten gibt. Ich fühle mich zurzeit sehr, sehr wohl in Berlin. Das hat viel damit zu tun, dass ich so was wie eine Wahlfamilie aufgebaut habe und dass dieses Heimatgefühl auf jeden Fall hier in Berlin besteht. Ich fühle mich aber auch sehr nah an Großbritannien, weil ich dort sozialisiert worden bin, und dann habe ich emotionale Verbindungen zu Ghana auch immer noch.

Schäfer-Noske: Ghana ist ja das Herkunftsland Ihrer Eltern.

Otoo: Genau.

Schäfer-Noske: Wie eng sind Ihre Bande da?

Otoo: Eigentlich wohnen alle Verwandten in Ghana bis auf meine Eltern und vielleicht zwei, drei Cousinen in London und mein Bruder und Schwester. Das heißt, die Großeltern sind nie aus Accra gezogen. Ich habe zahlreiche Cousins, Cousinen, Tanten und Onkel, und ich sehe die leider sehr wenig. Ich glaube, ich bin viermal bisher in Ghana gewesen. Dennoch haben wir noch Kontakt und ich fühle mich mit denen verbunden. Ich habe noch kulturelle Verbindungen nach Ghana. Die Verbindung läuft auf einer anderen Ebene als jetzt hier in Berlin.

Schäfer-Noske: Sie haben von Wahlheimaten gesprochen, von Wahlfamilien quasi, die Sie sich aufgebaut haben. Wie würden Sie den Begriff Heimat da definieren? Nicht nur das Herkunftsland, das, wo man reingeboren ist, sondern das Land, wo einem alle Lebensmöglichkeiten offenstehen, oder?

Otoo: Nein! Ich glaube, Heimat ist für mich - das ist jetzt sehr persönlich gedacht - etwas, wofür ich kämpfe, obwohl das sehr negativ klingt, etwas, worum ich mich bemühe. Ich glaube, viele Leute kennen das Gefühl, einsam zu sein, nicht wirklich verbunden zu sein, und das können auch Menschen sein, die in einem Land geboren sind, aufgewachsen sind, kein anderes Land kennen, nur die Sprache des Landes sprechen, und dennoch gibt es so ein Gefühl von irgendwas stimmt nicht, ich komme nicht in Kontakt mit anderen Menschen. Und ich glaube, meine Verbindung zu dem Wort Heimat hat damit zu tun, dass ich mich bemühe, in Kontakt mit bestimmten Menschen zu kommen, um diese Beziehung aufrecht zu erhalten, obwohl das auch immer mit Herausforderung verbunden ist: Wie halten diese Beziehungen Konflikte aus zum Beispiel.

Schäfer-Noske: Sie haben ja auch gesagt, Sie definieren sich selbst als Aktivistin, und beschreiben sich ja auch zu allererst mit dem Adjektiv Schwarz. Sie engagieren sich gegen Rassismus und setzen sich für die Interessen schwarzer Menschen in Deutschland ein. Wie schwierig ist es denn, in der deutschen Gesellschaft zu leben, wenn man äußerlich fremd erscheint?

Otoo: Das ist eine sehr schöne Frage. Zunächst: Ich glaube, es geht mir in meiner aktivistischen Arbeit nicht darum zu sagen, hier ist eine Norm und ich möchte diese Norm durchbrechen, indem ich da bin oder so. Ich möchte dazu anregen, dass wir alle einander wahrnehmen für das, was wir sind. Es gibt verschiedene Dimensionen von einer Person. Wir haben alle ein bestimmtes Geschlecht, wir haben ein bestimmtes Alter, wir haben bestimmte Erfahrungen, wo es um Behinderung geht, und diese ganzen Fassetten gehen unter, wenn wir einem Durchschnittsmenschen in Deutschland ein bestimmtes Bild überstülpen und sagen, das ist normal und alles andere ist abweichend. Zunächst geht es für mich darum zu sagen, wir haben alle verschiedene Fassetten in uns. Ich bezeichne mich als Schwarz, groß geschrieben, ein großes S, um zu zeigen, in dieser Gesellschaft, wo die meisten Menschen weiß sind, mach ich bestimmte Erfahrungen. Die sind nicht unbedingt immer negativ. Schwarz ist für mich nicht unbedingt einfach nur negativ besetzt, sondern es sagt erst mal, es ist so was wie eine E-Mail-Adresse, sage ich jetzt. Man kann mich da einordnen, man kann mich da erreichen, wenn es um bestimmte Themen geht, wenn ich mich verbinden möchte mit anderen Menschen, die auch rassismuskritisch arbeiten. Das ist eine Zuordnung, mit der ich arbeite, um bestimmte Sachen zu erreichen. Ich bin aber auch Frau, ich bin aber auch heterosexuell, es gibt verschiedene Fassetten meiner Identität, und das hilft einem zuzuordnen, wenn es um bestimmte Themen geht und wie wir in der Gesellschaft vorankommen wollen, um diese zu ändern vielleicht.

Schäfer-Noske: Sie haben gesagt, es geht darum, auch die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Fassetten der Menschen zu legen. Wird dem in Deutschland zu wenig Rechnung getragen im Vergleich zum Beispiel zu Großbritannien?

Otoo: Es ist schwierig, Großbritannien und Deutschland zu vergleichen. Ich glaube, ich würde Deutschland Unrecht tun, wenn ich sagen würde, ach, alles in Großbritannien ist leichter. Ich glaube, das ist nicht so. Das sind andere Diskurse auf einem anderen Niveau. Das hat mit Geschichte zu tun, so nehme ich das wahr. Ich glaube, in Deutschland herrscht immer noch ein allgemeiner Respekt vor dem Thema Differenz und Diversity und wie wir mit Unterschieden umgehen und wie wir sie wahrnehmen und benennen oder nicht benennen. Durch diesen Völkermord in Nazi-Deutschland haben wir jetzt, glaube ich, eine Grundstimmung in Deutschland, die es schwierig macht, Unterschiede zu thematisieren, besonders wenn die vielleicht mit Diskriminierung verknüpft werden. Und ich sage, es ist wichtig, dass wir uns mit Unterschieden auseinandersetzen, weil sonst sind wir in so was wie einem toten Winkel. Wir sehen bestimmte Sachen nicht mehr und verlieren vielleicht dadurch den Zugang zu weiteren Welten, die eigentlich täglich da sind, aber unser Fokus ist woanders hingerichtet.

Schäfer-Noske: Wir haben jetzt gerade über Deutschland gesprochen. Welche Erfahrungen haben Sie denn als Kind in Großbritannien gemacht mit einer Familie, die aus Ghana damals kam?

Otoo: Es gab so was wie eine Familienidentität. Ich wusste, wo ich herkomme, und vielleicht, wieso meine Eltern eine andere Sprache sprechen als Englisch zuhause. Dennoch war ich oft lange Zeit das einzige schwarze Kind in meiner Klasse, in meiner Schule, und ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, lange Zeit dachte ich, irgendwas war an mir falsch als Person, dass ich da nicht reinpasse und dass es irgendein Fehler war, den ich gemacht habe. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich gemerkt, dass es wichtig ist für mich, dass meine Kinder diese Erfahrung nicht machen und dass es nicht darum geht, dass meine Kinder anders sind in dem Sinne, sondern dass sie wie gesagt einen bestimmten Zugang zu bestimmten Erfahrungen und Wissen haben und dass die diese selbstverständlich teilen können, dass sie auch Kontakt haben zu anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, und dann Austausch machen können über Strategien, wie damit umzugehen ist.

Schäfer-Noske: Das konnten Sie mit Ihren Geschwistern dann im Prinzip zuhause, sich darüber austauschen, welche Erfahrungen man macht?

Otoo: Genau.

Schäfer-Noske: Sie haben gerade davon gesprochen, dass Ihre Eltern ja eine andere Sprache auch zuhause gesprochen haben, und Sprache spielt für Sie auch eine sehr wichtige Rolle. Sie haben ja mit einem Text über einen deutschen Raketenforscher und ein Ei, das nicht hart werden will, den Bachmann-Preis gewonnen und Sie mussten diese Geschichte auf Deutsch schreiben, haben Sie gesagt, obwohl Sie eigentlich nicht so gerne auf Deutsch schreiben, weil Sie auf Deutsch nicht so genau wissen, wie es ankommt. Sie fühlen sich natürlich sicherer im Englischen. Wie wichtig ist denn Sprache, um sich an einem Ort daheim zu fühlen?

Otoo: Ich muss über diese Frage auch sehr viel nachdenken in letzter Zeit. Ich habe mehrere Antworten sogar. Zunächst: Deutschland erlebe ich als einen Ort, wo es unheimlich wichtig ist, Deutsch sprechen zu können und so gut wie möglich Deutsch sprechen zu können, um überhaupt die Chance zu haben, irgendwie in bestimmten Kontexten ernst genommen zu werden. Das finde ich sehr schade, ehrlich gesagt, weil ich glaube, ob eine Person intelligent ist oder was Wichtiges zu sagen hat in einer Gesellschaft und zu der Gesellschaft beitragen kann auf positive Art und Weise, meines Erachtens sollte das nicht unbedingt an die deutsche Sprachfähigkeit eng verknüpft werden. Aber Deutschland erlebe ich so. Eine Ausnahme ist tatsächlich Berlin. Da ist meine Erfahrung, dass es sogar in bestimmten Kontexten sehr gut ankommt, wenn eine Person Englisch spricht.

Schäfer-Noske: Weil es ja doch etwas multikultureller zugeht in Berlin als in Hannover, wo Sie als Opairmädchen waren.

Otoo: Genau. Obwohl: In Hannover das war auch okay. Ich glaube, das lag auch daran, das hat mit einem Messestadt-Status zu tun, dass es okay ist, wenn eine Person Englisch spricht. Aber es wird schon sehr darauf geachtet, dass es wichtig ist, dass in Deutschland Deutsch gesprochen wird. Und wie gesagt, ich finde es eigentlich schade, weil ich kenne Kontexte: Zum Beispiel in Ghana, wo meine Eltern aufgewachsen sind, in Accra, da war es üblich, dass Menschen mehrere Sprachen sprechen, und je nach Kontext und je nach Zweck, Frauen auf dem Markt, da war es wichtig, dass die mehrere Sprachen sprechen können, um ins Geschäft zu kommen. Wenn eine Person in der Regierung gearbeitet hat, dann war es wichtig, dass sie auch dort mehrere Sprachen sprechen könnte, um Kontakte zu den verschiedenen Regionen Ghanas, aber auch ins Ausland zu haben. Das war irgendwie selbstverständlich. Ich finde diese Idee, das wie eine E-Mail-Adresse zu betrachten, ganz gut, dass Leute verschiedene E-Mail-Adressen haben, und wenn eine Person mit jemand geschäftlich sprechen möchte, dann benutzt man diese E-Mail-Adresse, und wenn es privat geht, dann eine andere. Die Leute, die mehrere Sprachen sprechen, glaube ich, erfahren das auch. Es ist manchmal einfacher, in einer Sprache einen Gedanken auszudrücken als auf einer anderen Sprache. Manchmal hat eine Person das Gefühl, ich muss dieses Wort so sagen in diesem Satz, obwohl das gar nicht in derselben Sprache ist, und das geht ein bisschen verloren, wenn wir so stark uns darauf beharren, nee, in Deutschland muss ausschließlich Deutsch gesprochen werden oder so.

Schäfer-Noske: Das war die diesjährige Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo in unserer Sendereihe zum Thema "Heimat".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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